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„Die Literarische Welt“ / Ein Gesellschaftsspiel für lange Herbstabende

Walter Mehring nimmt in seinem Gesellschaftsspiel den literarischen Betrieb mit den Akteuren Lyriker, Epiker, Dramatiker und Feuilletonist aufs Korn. In der „Literarischen Welt“ veröffentlichte er regelmäßig

Erfunden und gezeichnet von Walter Mehring

Schöne Leserinnen! * Kluge Leser!

Der Winter literarischer Mißvergnügen naht. Schon werden die Premierenabende länger. Aber hin und wieder wird es vorkommen, daß keine neue Revue gespielt wird; oder die Antenne zerspringt; oder man weilt im munteren Familienkreise, und die Kopfhörer langen nicht. ).

Was tun?

Was tun, um auch dann seinen Drang nach Bildung zu stillen?

Ei nun, da greifen wir zu diesem Würfel-Erfolgsspiel, das Euch die Literarische Welt auftischt.

Jeder Deutsche hat schon einmal, sei es: gedichtet, sei es: gedacht; und doch: wie winzig ist der „Kürschner“ selbst im Vergleich mit dem Berliner Telephonbuch.

Allen denen also, die in die Geheimnisse des literarischen Erfolges eindringen möchten — und wer möchte das nicht? — werden die Wege dorthin spielend gewiesen.

So sei denn dieses Spiel der reiferen Jugend, aber auch dem strebsamen Alter gewidmet.

Passt auf!

Die Zahl der Teilnehmer beginnt von vieraufwärts. (Lyriker, Epiker, Dramatiker, Feuilletonist.) Doch kann man andere dazuerfinden und entsprechend kombinieren. Jeder Spieler erhält eine Figur, für die er eine bestimmte Anzahl Marken (im ganzen 100) in die Kasse einzahlt und rückt dann um die geworfenen Würfelaugen vor.

Wer zZuerlt jedhs wirft, wird zum Haupt-mann und Kajjenwart ernannt.

Wer als zuerst sechs wirft, gilt als Sohn eines großen Dichters und beginnt gleich) bei Nr. 3.

Die andern beginnen bei

Nr. 1, nämlidh bei dem Lokalblatt ihres Geburtsortes. Lyriker und Dramatiker werden zweimal beim Wurf übergangen, bis sie ihre ersten Erzeugnisse anbringen und zahlen außerdem drei Spielmarken für Portospesen.

Die conditio Freudiana, sine qua non bzw. das symbolische Steckenpferd oder das unterbewußte Sprungbrett der Poesie bleibt trotzallen technischen Neuerungen:

Nr. 3, die Erotik. Dank ihr rücken alle gleich nach 6 vor den Gerichtshof; der Dramatiker erhält zwanzig Spielmarken und eine lobende Erwähnung der Felix-Dahn-Gesellschaft.

Nr. 4. Der Lyriker darf sich einen Füllfederhalter, der Epiker eine Schreibmaschine anschaffen, der Feuilletonist einige Filmstars über ihre Einstellung zur Schule der Weisheit interviewen, der Dramatiker zwei Szenen jenes Dramas in einem Vortragsabend „Unsere Jüngsten“ lesen. Alle rücken deshalb eins weiter.

Nr. 6, der Gerichshof zitiert jeden wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften. Der Lyriker, der Epiker, der Feuilletonist zahlen je sechzig Spielmarken Buße und werden sechsmal übergangen, weil sie im Gefängnis sitzen. Der Dramatiker wird freigesprochen und rückt infolge der Reklame nach Nr. 9.

Nr. 7. Der Lyriker bringt ein Bändchen „Lustknaben“ bei einem Verleger an, rückt eins vor, muß aber 30 Marken Herstellungskosten zahlen.

Nr. 9. Erdhafte oder Dialekt-Dichtung ist nur für den Dramatiker von Bedeutung, der fünfzig Spielmarken als Kunstpreis erhält und nach Nr. 16 vorrückt.

Nr. 10. Patriotische Dichtung. Der Lyriker schreibt ein Gedicht: Baldurs Belange (eine Spielmarke, eins weiter); der Dramatiker ein Schauspiel für Freilichhttheater: „Der König der Windmühlen“ (drei Marken, eins weiter); der Epiker einen Roman: „Der alte Schweppermann“ (zehn Marken für Abdruck in der „Woche“ und rückt nach Nr. 14). Der Feuilletonist kritisiert den Schrock des Reichspräsidenten und muß nach 6, vor den Gerichtshof, zurück.

Nr. 11. Wer elf trifft, sattelt um und fängt von vorn an.

Nr. 13 und 13. Die kritische Hürde. Wenn der Dramatiker zwölf wirft, rückt er gleich bis Nr. 19 auf, trifft er 13, wird er verrissen und muß nach 3 zurück. Der Feuilletonist wird Kritiker, spielt nicht mehr mit, erhält aber bis zum Schluß bei jedem Wurf eine Spielmarke feste Besoldung und muß von nun ab zu jedem Erfolg eine geistreche Bemerkung machen.

Nr. 14. Der Lyriker geht zur Konfektion über und scheidet aus.

Nr. 15. Übersetzungsliteratur. Der Dramatiker übersetzt ein französisches Lustspiel, erhält vierzig Marken, rückt nach Nr. 21; der Feuilletonist schreibt über: Das moderne Rußland, wird zweimal übergangen, bis er den Artikel anbringt; der Epiker klaut einen englischen Novellenstoff, erhält vierzig Marken und rückt nach 16; der Lyriker veröffentlicht einen Band: Chinesische Lyrik, erhält aber nichts außer hundert lobenden Besprechungen.

Nr. 16. Film-Manuskript. Epiker und Dramatiker erhalten die Hälfte der Kasse und rücken nach Nr. 22. Der Feuilletonist bekommt zwanzig Marken für einen Reklameartikel: „Deutschlands Filme in der Welt voran.“ Der Lyriker bleibt fünf Würfe zurück.

Nr. 17. Sport. Der Epiker schreibt die Biographie Nurmis, rückt nach Nr. 24 auf, der Lyriker ein Chanson: „Gib ihm Saures“ und rückt nach Nr. 20, in die Revue-Dichtung.

Nr. 18. Reisebeschreibung. Der Feuilletonist wird nach dem früheren Deutsch-Togo geschickt, erhält drei Viertel der Kasse, kann aber zehnmal nicht mehr mitwürfeln. Der Lyriker reist nach Paris, gibt alle Marken aus und kann erst weiter, wenn er von einem Mitspielenden ausgelöst wird.

Nr. 19. Literarische Welt. Der Lyriker veröffentlicht dort ein Gedicht rückt bis zum 60. Geburtstag, Nr. 23, auf. Der Feuilletonist interviewt für das Blatt den Dramatiker und Epiker. (Alle drei rücken drei auf, Honorar erhält keiner.)

Nr. 20. Revue. Lyriker und Dramatiker teilen sich in die Hälfte der Kasse und rüden nach Nr. 22. Der Feuilletonist schreibt einen Verriß. Der Dramatiker bleibt bei der Branche und scheidet aus.

Nr. 22. Der Feuilletonist wird für zwanzig Spielmarken von Hugenberg aufgekauft und scheidet aus.

Nr.23. Jeder feiert den 60. Geburtstag, erhält eine Spielmarke, ein Paar Filzpantoffeln, zehn Nekrologe und wird Schriftführer im Pen-Klub.

Nr. 24. Ullsteinhaus. Der Epiker erhält für einen Roman in der Berl. Illustrierten die ganze Kasse und zieht sich zurück. Der Feuilletonist wird Chefredakteur der Ullsteinschnittmuster. Der Dramatiker erhält eine Leibrente. Der Lyriker— Raum für alle hat die Erde — veröffentlicht eine Anleitung: Wege zur Poesie „Wie stelle ich Kreuzworträtsel her?“ und setzt sidh zur Ruhe.

Nr. 25. Wer 25 trifft, wird vom Reichspräsidenten empfangen, in die Dichterakademie gewählt und beim neunzigsten Geburtstag auf Staatskosten mit einer Affendrüse verjüngt.

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