
Cook über Algier.
Wunder der Fremde, Abenteuer des Reisens, ach ja! Der Rhein ist sagenumsponnen und burgengekrönt, am Golf von Neapel sollen leidenschaftliche Mädchen zum Gezirpe der Mandolinen, und in Algier lebt und webt die Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht. So haben wir es gelernt; und Reisebüros, die beflissenen Hüter der „blauen Blume“, schildern es noch detaillierter in ihren Prospekten. Cook bewahrt Landeseigenart, Sitten und Gebräuche besser, als Regierungserlässe und Heimatvereine es tun. Cook weiß, wonach den Snobs in Neuyork, Chikago, Paris und Berlin der Sinn sieht, und er beliefert sie prompt. Cook fixt Abenteuer, wie andere Leute Papiere, zu jedem gewünschten Termin: Phantasta unter der Wüstensonne, sterbender Araber im Sandmeer, Sensationen in algerischen Liebesgassen.

Afrika ist dernier cri; in Algier gibt sich amerikanisches und europäisches Reisepublikum Stelldichein. Cook hat mit Allah und den Houris, mit Hotels, Moscheen, Räubern, Derwischen und Fremdenführern feste Verträge. Autocars kreuzen durch die Wüste. Fünfuhrtee und Tanz in jeder Oase. Ein Wunderland stößt mit der Gegenwart zusammen: das gibt Gelegenheit, sich auf neue Art zu wundern. Der Mann, der mit klugen Augen diese merkwürdige Welt von 1927 besieht und witzig und phantasievoll von ihr erzählt, ist Walter Mehring. Sein neues Buch heißt: „Algier oder die dreizehn Oasenwunder“ (Verlag Die Schmiede, Berlin). Er erzählt darin das Märchen vom Märchen, das in die Gegenwart geriet. „Was tut sich in Algier?“ wird hier lebendig und treffend beantwortet. Mehring fabuliert um die Desillusion herum; er spiegelt das Algier unserer Tage, den wirklichen Zauber des Landes, die schlechten, immer etwas vormachenden Zauberer, und die bekannten Vielen, die nicht alle werden. Seine Einfälle und Beobachtungen verflechten sich zu einem entzückenden Gewebe, bunt wie ein orientalischer Teppich. Die Figuren darin sind lebendig und gut getroffen: abenteuerlüsternde Amerikanerinnen, ein hinter den Weibern herschmatzender Holländer, der geschwollen daherredende Literatur-Jüngling, der über jedes Ding seine Meinung hat und auch vorbringt, der französische Maler, der nur eine Oase studieren wollte, und den die schmiegsamen Arme einer Oulad Nail und die Lepra Europa entfremdet haben.
Walter Mehring hat den Geist, die Fülle der Assoziationen und die Selbstverständlichkeit des Tempos im Denken und Erzählen, die unerläßlich sind für ein Buch, das die Geistigen von heute fesseln soll.
Lorenz.
(Hamburger Fremdenblatt vom 25. Februar 1927, Abendausgabe, Seite 22)







