Herbert Lackner schildert Mehrings Flucht aus Frankreich

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und DenkerDie Fluchthilfe des American Rescue Committee rettete Walter Mehring das Leben. Varian Fry engagierte sich als Fluchthelfer. Dabei scheute er sich nicht, auch illegale Methoden zu wählen, wenn nur das Leben von Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern gerettet werden konnte. Die Vertreibung der deutschen, der österreichischen, der tschechischen, französischen, belgischen, polnischen usw. Intelligenz aus Europa ist das Thema des aktuellen Buchs des  langjährigen Chefredakteurs des österreichischen Politik-Magazins „Profil“, Herbert Lackner. „Die Flucht der Dichter und Denker“ enthält alles, was auch heute wieder im Zusammenhang mit Asyl und Flucht diskutiert wird. „Herbert Lackner schildert Mehrings Flucht aus Frankreich“ weiterlesen

Anthony Heilbut ist über „Die verlorene Bibliothek“ erstaunt

Anthony Heilbut, der Sohn emigrierter deutscher Eltern, hat 1983 eine große Monografie über die Emigration in die USA vorgelegt. In ihr bespricht er auch „Die verlorene Bibliothek“. Zwar stimmen nicht alle Fakten. So war Richard Huelsenbeck Herausgeber des Dada-Almanach von 1920. Er ist also nicht Walter Mehrings Buch, auch wenn Mehring Texte beisteuerte. Dennoch ist der Auszug aus dem 480 Seiten starken Taschenbuch lesenswert, weil er den Blick auf Mehring nicht mit der rein deutschen Brille wirft. Un in einem Jahr, in dem „Die verlorene Bibliothek“ neu im Elster-Verlag aufgelegt wurde, sind solche Fundstellen umso lesenswerter. (A.O.)

Den vielleicht wehmütigsten Abgesang auf die Emigrantenkultur stimmte unerwarteterweise Walter Mehring an. Im Unterschied zu den anderen Schriftstellern war er ein echter  Berliner, dort geboren und Sohn des Zeitungsverlegers Franz Mehring, der einst Rosa Luxemburg unterstützt hatte. Sein kulturelles Debüt hatte Walter Mehring im Alter von zweiundzwanzig ]ahren gegeben, als er zusammen mit seinem Freund George Grosz eine Dada-Matinee auf die Bühne brachte. Höhepunkt der Show war ein Wettrennen zwischen einer Nähmaschine und einer Schreibmaschine. Zwei Jahre später erschien, illustriert von George Grosz und verlegt von Wieland Herzfelde, sein Dada-Almanach von 1920. Mehrings Gedichte erinnern an Pop-Lyrik („Berlin, dein Tänzer ist der Tod – Foxtrott und Jazz -„), und das Kabarett war ihr Forum. Als Berlins führender Kabarett-Dichter fand Mehring bald Eingang in die Kreise um Brecht, Grosz und Reinhardt. Lange vor der überschätzten, unausgegorenen Pop-Poesie der sechziger Jahre schuf Mehring etwas wirklich Neues, verflocht Töne und Bilder zu Rhythmen seiner Stadt – ein Foxtrott am Rande des Abgrunds.

Mehrings Talent war nicht nur, wie Grosz vermerkte, beseelt von François Villon und Heine, sondern auch von anderen, überraschend literarischen Vorbildern. Der französische  Vaganten-Dichter und der frankophile deutsche Jude waren in der Tat angemessene geistige Ahnen. Mehring selbst verbrachte die zwanziger Jahre zum großen Teil in Paris. Tucholsky pries ihn als den ersten, der Berlin so sehe, wie die Welt gewöhnt sei, Paris zu sehen. Anfang der dreißiger ]ahre wollten die Nazis ihn verhaften. Sie fanden ihn wie gewöhnlich in einem Café, doch Mehring gab vor, nicht er selbst zu sein, entkam seinen Häschern und kehrte nach Paris zurück. Dort verlebte er die dreißiger jahre inmitten seiner Mitexilanten, und der Galgenhumor, mit dem er sie unterhielt, ließ auch den alten Berliner Kabarett-Geist  überleben. Während dieser Zeit entfremdete er sich zunehmend seinen marxistischen Freunden, die ihre Ideologie je nach Weisung Moskaus änderten. Der loyale Kommunist
Wieland Herzfelde hat Mehring die Abwendung von der Sowjetunion nie verziehen und warf ihm vor, deren Krieg mit Finnland (1939) ganz einfach mißverstanden zu haben. In einem Brief, den er Mehring zum fünfzigsten Geburtstag schrieb, nannte er ihn einen „bastard“.

Aus Frankreich entkam Mehring über Marseille und erreichte 1941 die USA. Er verbrachte die übliche unerfreuliehe Zeit in Hollywood und ging dann nach New York, wo auch seine alte Freundin Hertha Pauli und ehemalige Dadaisten-Kollegen wie Huelsenbeck, Grosz und Herzfelde lebten. 1944 erschien eine Sammlung seiner Gedichte, illustriert von George Grosz und übersetzt von einem linken amerikanischen Freund Erwin Piscators.  Vorübergehend arbeitete Mehring auch für die Propaganda-Abteilung des Office of Strategic Service und brachte sich später als Arbeiter in einer Fabrik auf Long Island durch.

1951 veröffentlichte er The Lost Library: Autobiography of a Culture, das er zum Teil auf der Tabakfarm eines Pazifisten und Jazzmusikers in New England geschrieben hatte. Wer hätte solch ein Buch von ihm erwartet? Mehring gedenkt der Berliner Bibliothek seines Vaters und bekennt sich damit zu der gelehrten humanistischen Tradition, der er  entstammte und die er mit seinem eigenen populären Stil einst schmähte. Aber irgendwie brachte die amerikanische Umgebung eine Annäherung zwischen Vater und Sohn, hoher Kultur und Kabarett. Mehring beschwört die Tradition mit jenem echten Berliner Ton, keck, dicht und sehr smart. Wenn er will, weiß er mit literarischer Mimesis so sorgsam umzugehen wie Erich Auerbach. Doch öfter noch ist er von ganz erdgebundener Respektlosigkeit: Marx ist ein unlesbarer alter Langeweiler, Nietzsche und Schopenhauer hat die Syphilis den Verstand geraubt. Mit Melancholie hat er als typischer Emigrant nichts im Sinn. Gegen den Kummer über die verlorene Bibliothek empfiehlt er gute Laune und guten Sex, nicht ein besseres Buch, sondern einen besseren Orgasmus.

Doch trotz seines smarten Tons ist es kein glückliches Buch, und am traurigsten ist es da, wo Mehring in literarischen Schätzen schwelgt und zugleich erkennt, wie nichtig und ohne Wert sie in der gegenwärtigen Zeit waren. Als Kabarettdichter und -komponist verstand Mehring sich auf sprachliche Rhythmen. Er sah, daß sich eine Veränderung der Wirklichkeit in der Grammatik widerspiegeln kann, noch bevor die Betroffenen sie wahrnehmen. Sprache vermag nicht viel, aber sie kann den Leser auf das vorbereiten, was in der Zukunft auf ihn wartet. Davon war Mehring überzeugt, und darum nahm er auch gegen Gide Partei für Proust. Gide hatte dem Iüngeren „willkürliche Behandlung der Zeiten“ und „verschwenderischen Mißbrauch des Subjunctivs“ vorgeworfen. Gide, so Mehring, sah nicht, daß Proust der Grammatik und der Syntax von Weissagung und prophetischen Träumen folgte und daß sein Subjunctiv der „Subjunctiv des Zweifels“ war. Dieser letzte glänzende Gedanke ist nicht nur gültig für die Ereignisse in Prousts Roman, er trifft auch das Emigrantenleben, denn im Bewußtsein vergangenen Verrats und Betrugs – „der Korruption aller Bindungen“ – weckte jeder erfüllte Wunsch Argwohn. Der Subjunctiv des Zweifels mißbilligte sehnendes Verlangen und gestattete eine schützende Distanz zu der inneren Gewißheit, daß unsere Hoffnungen entweder banal oder zum Scheitern verurteilt sind.

Die Bibliothek ist verloren. Die Weisheit, die sie enthielt, ist verstreut in Zeit und Raum, unendlich weit entfernt von einer New-England-Farm des Jahres 1950. „All diese Dinge existieren nur noch im Plusquamperfekt oder in einem passé defini“: Die Angelegenheit hat ihre grammatische Form gefunden und ist damit erledigt. Kundig zu lesen sei des Emigranten größtes Talent, schreibt Mehring, doch gibt er zu, daß die Besinnung auf Vergangenes ein müßiges Unterfangen sei, obwohl doch sein Buch beweist, daß es gerade jene Besinnung war, die den Emigranten half, durchzuhalten. Was bleibt? Was hat noch Sinn? Politisches  Engagement jedenlalls nicht, wenn es nach Mehring geht. Am besten ist es noch, nach „Korrektur seiner selbst“ zu streben: ein Rückzug oder Ausweg, der nicht weniger in die Enge führt als der Weg von Berlin auf eine Tabakfarm. Das Nächstbeste ist die Fähigkeit, andere zu unterhalten. In einer letzten Berliner Posse verrät man seine ernsthafte Seite und zieht sich auf die Komödie zurück. Einen Galgenhumoristen hängt man nicht: Die Emigration hat ihn gelehrt, daß es sich auszahlt, sein lnnerstes zu verbergen.

(Anthony Heilbut: Kultur ohne Heimat – Deutsche Emigranten in den USA nach 1930; Reinbek: rororo 1991; S. 281-283).

Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille

Die Stadt Marseille stellt sich ihrer schwierigen Geschichte in den Jahren 1940 bis 1944. Von hier gelang es vielen Intelektuellen vor den NAtionalsozialisten zu fliehen. Unter anderen Walter Mehring, der wie viele andere Dank des Emergency Rescue Committee den Weg in die USA schaffte. Doch viele tausend andere Flüchtlinge wurden aus Marseille deportiert. Sandra Kegel berichtet in der FAZ vom Parcours „Ici-même“, der an die dramatische Flüchtlingssituation erinnert.

Parcours „Ici-même“ in MarseilleNur fort von diesem Stern

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen. „Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille“ weiterlesen

Walter Mehring als literarische Figur bei Eveline Hasler

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Als literarische Figur ist Walter Mehring bislang nicht verarbeitet worden. Natürlich gibt es eine große Reihe von autobiografischen Berichten und Romanen, in denen sich Autoren wie Hertha Pauli, Herrmann Kesten oder Friedrich Dürrenmatt an Begegnungen oder den Freund Walter Mehring erinnern, aber eine Literarisierung seines Lebens durch Dritte fand bislang nicht statt. Eveline Hasler hat das jetzt in ihrem Roman „Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry“ erstmals getan. Ihr schmaler Band über die Fluchthilfe durch Varian Fry und das Emergency Rescue Committee ist Walter Mehring eine wichtige Figur. „Walter Mehring als literarische Figur bei Eveline Hasler“ weiterlesen

Tom Reiss schildert Mehrings Flucht und Exil

In seiner Biografie „Der Orientatlist – Auf den Spuren von Essad Bey“ schildert der Amerikaner Tom Reiss, wie sich der „Anschluss“ Österreichs auf den in Wien lebenden Walter Mehring auswirkte. Reiss beschreibte zudem, wie Mehring mit Hertha Pauli, der damaligen Agentin Essad Beys, nach Frankreich und weiter in die USA floh:

„In seinem Buch Die verlorene Bibliothek schrieb Levs Freund Walter Mehring, dass Wien und die gesamte Doppeladlermonarchie in der Gefahr schwebten, von einer Lawine verschüttet zu werden. In dem Buch erfindet er eine imaginäre Bibliothek, die seines Vaters, die all die Werke jener Kultur birgt, die von den Nationalsozialisten und ihrer totalitären Revolution zerstört wurden: „Tom Reiss schildert Mehrings Flucht und Exil“ weiterlesen

Gisela Zoch-Westphal erinnert sich an Mascha Kaleko und Walter Mehring

Auf der Frankfurter Buchmesse ist eine neue Gesamtausgabe der Werke Mascha Kalekos erschienen. Water Mehring war mit ihr befreundet. Regelmäßig schrieben sie sich Briefe, waren miteinander in Kontakt. Susanne Burg führte für Deutschlandradio Kultur anläßlich des Erscheinens der Kaleko-Ausgabe ein Interview mit ihrer langjährigen Freundin Gisela Zoch-Westphal. In ihm erinnert sie sich an einen Abend im Jahr 1968, als sie neben Walter Mehring saß und Mascha Kaleko kennenlernte. Zwar unterlaufen ihr zwei Fehler – Mehring erinnert sich an einen Abend 1933 und Mehring war kein Kommunist – dennoch sind die Sätze lesenswert:

Zoch-Westphal: Das war ein Abendessen, das der deutsche Konsul Dr. Christoph Niemöller gab in einem der berühmten Zunfthäuser in Zürich. Es waren nur mit Mascha Kaléko und ihrem Mann zwölf Gäste. Ich war allein dort und mein Tischnachbar war Walter Mehring. Und das darf ich vielleicht doch rasch erzählen: Nach der Suppe griff Walter Mehring sein Glas, klopfte ans Glas und sagte, ich trinke auf Mascha Kaléko, ohne sie wäre ich nicht hier, Mascha Kaléko verdanke ich mein Leben!

Und er erzählte kurz eine Szene von 1934 aus dem Romanischen Café, dort waren Gestapo-Leute in Zivil aufgetaucht, fragten nach Mehring, Mascha hatte das gerade so mitgekriegt, gab Mehring ein Zeichen, der kapierte sofort, stand auf, ohne zu zahlen, verließ das Café, lief zum nächsten Bahnhof, das war Bahnhof Zoo, stieg in den nächsten Zug, der fuhr nach Paris. Er war den Häschern entgangen! Und Mascha Kaléko hat mit denen noch herumgeschäkert. Sie war ja ungeheuer attraktiv und mit einer starken erotischen Ausstrahlung. Sie war gefährdet, sie war Jüdin! Walter Mehring war Kommunist, wurde verfolgt!

Das gesamte Interview auf dradio.de…

Norbert Flörken beschreibt das Lager Saint-Cyprien

Norbert Flörken hat 2006 auf seinem Blog ausführlich über die französischen Internierungslager im Roussillon, auch über Saint Cyprien, wo Walter Mehring von September bis November 1940 interniert war, geschrieben. Auf der Seite sind auch eine Reihe von Links – und Fotos. Walter Mehring kommt auch zu Wort.

„Die Strände des Roussillon: heute ist die französische Mittelmeerküste, kurz vor der spanischen Grenze, touristisch erschlossen und Urlaubsziel sonnenhungriger Einheimischer und Ausländer – vor 70 und mehr Jahren waren die breiten Sandstrände von Argelès, Saint-Cyprien und Barcarès für zehntausende Menschen ein Alptraum, und viele haben die Wochen oder Monate ihres Aufenthaltes nicht überlebt.

Erwin Brünell aus der Hippolytusstrasse 4 in Troisdorf und Alfred Meier aus Sieglar sind für ein halbes Jahr dort gewesen; Erwin Brünell wurde über Gurs und Drancy nach Auschwitz deportiert und dort am 10. August 1942 ermordet; Alfred Meier konnte fliehen und hat später sogar den Holocaust überlebt.

In den ersten Februartagen des Jahres 1939 strömen über 500.000 Männer und auch Frauen aus Spanien über die Pyrenäen nach Frankreich. Sie fliehen vor den Franco-Faschisten, die den spanischen Bürgerkrieg für sich entschieden haben – unterstützt unter anderem von Hitler-Deutschland. Diese Massenflucht benennt man nach dem spanischen Wort „Retirada“.

Die grosse Zahl der Flüchtlinge stellt die französische Regierung unter Präsident Albert Lebrun vor erhebliche Probleme. Erstens ist das Grenzland auf den Ansturm keineswegs vorbereitet und zunächst auch organisatorisch überfordert; zweitens sind die Spanienkämpfer, die im Winter über die Pässe, z.B. bei Le Perthus, marschieren, nicht erwünscht – handelt es sich doch zum grossen Teil um Männer, die – wie Ernest Hemingway, Ernst Busch oder Erich Weinert – Seite an Seite mit Kommunisten und Anarchisten für die Republik und gegen die Faschisten gekämpft haben.

Also leiten die französischen Behörden den Strom von 250.000 Menschen auf die leeren Strände von Argelès, Saint-Cyprien und Barcarès um (Recatala 1999), kleine und ärmliche Ortschaften südlich von Perpignan, in denen die Einheimischen von Landwirtschaft und Fischfang leben.“

Zitiert vom Blog www.floerken.de Hier finden sich auch die Fortsetzung und die weiterführenden Links.

Lisa Fittko schildert, wie Mehring Hilferdings Martinique-Passage bekam

Lisa Fittko war in Marseille eine wichtige Fluchthleferin, da sie mit ihrem Mann etliche Verfolgte über die Pyrenän führte. Sie arbeitete mit Varian Fry zusammen – genauso wie Walter Mehring.

Sommer 1940

Rudolf Breitscheid, Mitglied des Reichstags und SPD-Fraktionsvorsitzender bis zur Machtübernahme Hitlers, und Rudolf Hilferding, Mitglied des Reichstags und Reichsfinanzminister, halten sich in Marseille auf. Beide haben „Visitor-Visen“ für die USA. Man beschafft ihnen tschechische Pässe auf falsche Namen sowie spanische und portugiesische Transitvisen. Da sie keine französischen Ausreisevisen haben, müssten sie die französisch-spanische Grenze illegal überqueren. Sie weigern sich. „Lisa Fittko schildert, wie Mehring Hilferdings Martinique-Passage bekam“ weiterlesen

Miriam Davenport erinnert sich an Mehrings Flucht aus Frankreich

Die amerikanische Bildhauerin Miriam Davenport (1915 – 1999) erlebte die 1940 die Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen in Paris. SIe floh wie viele andere Künstler in den Süden. In Toulouse wurde ihr Walter Mehring vorgestellt, den sie schon mehrfach in ihrem Pariser Hotel gesehen hatte:

„One day, when Wolff and I were walking in the Place du Capitole, I recognized a sharp-faced little man coming towards Wolff with a broad smile and outstretched hand. I had known him on a „Bonjour, Monsieur“ basis in my hotel in Paris where he usually carried a bottle of wine in a paper bag under one arm. Wolff greeted him warmly and introduced him to me as Monsieur Mehring. The latter said, „Oh, but we have already met in Paris.“ When Monsieur Mehring had gone on his way, Wolff asked me if I really knew who he was. „No, not really.” I learned, then, that Walter Mehring was one of Germany’s most famous young poets, that he had written popular anti-Nazi songs, and that he was very high on the Nazi’s list of wanted men.“ „Miriam Davenport erinnert sich an Mehrings Flucht aus Frankreich“ weiterlesen

Hertha Pauli beschreibt Mehrings Flucht aus Wien

Als Wien noch die Weltstadt war, in der das Haus Habsburg und der Walzerkönig regierten, spielte auch das Wiener Kaffeehaus eine ganz andere Rolle. Hier traf sich die große Welt, hier wurden Ideen geboren, Entscheidungen gefällt und Hoffnungen begraben. Im Kaffeehaus spiegelte sich wie auf einem kleinen Welttheater der Wandel der Zeiten. Die Figuren an den Stammtischen, Politiker, Dichter oder Schachmeister, traten entsprechend auf und ab. Die beiden berühmtesten Cafés aus der guten alten Zeit lagen nahe der Hofburg: das Café Herrenhof und das Café Central. Im Herrenhof traf sich Kronprinz Rudolf einst inkognito mit liberalen Journalisten, und im Central spielte vor dem Ersten Weltkrieg ein Herr Bronstein täglich seine Schachpartie, bis er in einem versiegelten deutschen Militärwaggon als Leo Trotzki in die Weltgeschichte einfuhr. Vor dem Zweiten Weltkrieg frühstückte ein neues Regierungsmitglied gern im Herrenhof. Jeder gute Ober kennt die Lesegewohnheiten seiner Stammgäste, und so legte er Dr. Seyß-Inquart stets geflissentlich die Zeitungen aus Deutschland auf den Tisch. War doch der Herr Minister 5sterreichs offizieller Verbindungsmann mit dem Dritten Reich.

Am Freitag, dem 11. März 1938, hatte ich gegen Mittag ein Rendezvous im Café Herrenhof — nicht mit Seyß-Inquart, den ich weder kannte, noch zu kennen wünschte, sondern mit zwei guten Freunden. Ich mußte mich beeilen, weil ich mich verspätet hatte. Ich war im Hotel Bristol von der amerikanischen Verlegerin Blanche Knopf empfangen worden, di sich zu meiner Freude für meine kürzlich erschienene Biographie von Bertha von Suttner interessierte.
Dieses Buch war in Deutschland ebenso schnell verboten worden wie das Buch der Friedensnobelpreisträgerin selbst, „Die Waffen nieder“. Aber auch in Wien hatte die Suttner-Biographie einen kleinen Wirbel verursacht: als ich im Rundfunk daraus vorlas, warfen Nazi Stinkbomben in das Studio. Blanche Knopf aber wollte die Biographie nach Amerika mitnehmen, obwohl es zur Zeit kaum erfolgversprechend schien.

Wenn man sich beeilt, kann man das Caf6 Herrenhof vom Bristol aus in weniger als zehn Minuten erreichen, nicht aber an jenem 11. März 1938. „Wenn man am Ring nimmer durchkommt, haben wir Revolution“, sagen die Wiener seit 1918. An jenem Tag hielten mich Polizeisperren auf, weil junge Nationalsozialisten vor der Oper aufzogen. „Heil Hitler!“ brüllten sie.

Fragend wandte ich mich an einen der Polizisten. Der zuckte die Achseln, aber ein zweiter — Polizisten gehen gern paarweise um — sah mich plötzlich scharf an. Was soll denn das heißen, dachte ich, während ich mich aus dem Staub machte. Die Polizisten folgten mir, und in meiner Angst geriet ich fast unter die Nazi-Demonstranten. Doch die ließen mich laufen, weil die Polizei hinter mir her war. Ich schlüpfte in den Eingang eines Durchhauses und konnte durch den Ausgang auf der anderen Seite unbemerkt entkommen.

Als ich im Herrenhof auftauchte, fand ich die Freunde besorgt. Die „Heil Hitler“-Rufe drangen wie ununterbrochenes Hundegekläff zu uns herein. „Auch die Polizisten sind Nazis“, flüsterte ich atemlos und verstummte, weil der Ober zu uns trat.

„Was darf‘s sein?“ fragte er wie immer. Ich bestellte eine Schale Gold — nur Kaffee, denn mir war der Appetit vergangen.

Im Kreis meiner Freunde erholte ich mich. Der eine war Dr. Carl Frucht, heute Informationschef der UNO-Weltgesundheitsorganisation in New Delhi, damals noch Student. „Carli“, wie wir ihn einfach nannten, war Mitbegründer der „Österreichischen Korrespondenz“, meiner literarischen Agentur, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, vor allem österreichische Autoren zu verbreiten.

Der zweite war Walter Mehring. Der in Paris lebende deutsche Dichter war 1934 für ein paar Tage nach Wien gekommen und ein paar Jahre geblieben. Unsere höfliche Anfragen nach seinen Werken hatte er zunächst unbeantwortet gelassen. Schließlich wurden wir auf einer Gesellschaft einander vorgestellt, und er schaute mich lachend an: „5 i e sind die Österreichische Korrespondenz?“ Er hatte offiziellen Herren ausweichen wollen, nicht einer höchst unoffiziellen jungen Dame. Noch heute spricht er manchmal von dem großen Bänderhut, den ich damals trug.
„Du mußt jetzt rasch fort“, riet ich ihm im Herrenhof. Seine Ausbürgerung stand auf der ersten Goebbelsliste, was ihn mit Stolz erfüllte. „Und du?“ fragte er mich. „Bei uns ist es doch etwas anderes“, erwiderte ich, und Carli setzte hinzu: „Wir müssen am Sonntag wählen.“ Für diesen Sonntag, den 13. März — das Datum machte mich abergläubisch —‚ hatte Schuschnigg die allgemeine Volksbefragung angesetzt: Ja oder Nein, für oder gegen ein freies, unabhängiges Osterreich. Das zu erwartende Ja schien uns über jeden Zweifel erhaben. Bekannte aus politischen Kreisen bekräftigten uns darin; nicht nur Guido Zernatto, Generalsekretär der Vaterländischen Front, Staatssekretär und einer unserer Autoren, prophezeite einen überwältigenden Sieg; auch Vizebürgermeister Ernst Karl Winter, Mehrings Verleger, der als Sozialist nach einer Anti-Nazi- Einheitsfront rief. Und der deutsche Botschafter von Papen hatte Alma Mahler-Werfel anvertraut, daß nicht einmal mehr die österreichischen Nazis öffentlich für den Anschluß eintreten konnten, da ja die Unterschrift des Führers seit der Zusammenkunft mit Schuschnigg in Berchtesgaden unsere Unabhängigkeit garantierte.

Der volle Preis dieser sogenannten „weiteren Normalisierung der österreichisch-deutschen Beziehungen“ war uns nur gerüchtweise bekannt. Die veröffentlichten Punkte schienen schlimm genug. Seyß-Inquart wurde Innenminister, andere Nationalsozialisten erhielten Schlüsselstellungen, und für Naziverbrecher, wie die Dollfußmörder, gab es eine Generalamnestie.

Als die Nachricht von Schuschniggs Canossagang bekannt wurde, hatte ich Zernatto in der Vaterländischen Front angerufen. „Der Bundeskanzler in Berchtesgaden?“ rief ich entsetzt. „Wie konnte er nur?“ „Das hab ich ihn auch gefragt“, antwortete der Staatssekretär.

„Bis hierher und nicht weiter“, erklärte Kurt von Schuschnigg nach seiner Rückkehr. Er sprach im Parlament, neben der Büste seines Vorgängers Engelbert Dollfuß, der 1934 ein Opfer der Nazis geworden war. Die große Kampfansage war erst vorgestern erfolgt, als Schuschnigg in Innsbruck, seiner Tiroler Heimat, verkündet hatte: „Man‘der, s‘isch Zeit! Am Sonntag wird abgestimmt“ — und mit dem Ruf schloß: „Rotweiß-rot bis in den Tod!“

Brausender Jubel war ihm gefolgt. „Rot-weiß-rot bis in den Tod!“ Wenn wir auch den Feind schon in den eigenen Reihen wußten, wir wollten kämpfen. Wir wollten die Mörder überrumpeln, ihnen keine Zeit zum Gegenschlag geben. Die Wahl sollte ihnen den Wind aus den Segeln nehmen.

Selbst Mehring, der Schwarzseher, mochte keine Warnungen hören und blieb. Hatte man ihm nicht schon 1934 in Paris von der Fahrt zu den „Austrofaschisten“ abgeraten? Im Zug nach Wien erzählte ihm dann ein Mitreisender, daß sein neuer Gedichtband „Und Euch zum Trotz“ in Österreich verboten worden sei. Der Herr trug das Buch bei sich und bat voll höflicher Bewunderung um ein Autogramm. „Wer sind Sie denn?“ wollte Mehring wissen.
„Ich bin der Zensor“, kam es zurück.

Später, beim Heurigen, bezeichnete Walter sich manchmal als „Wahl-Wiener“. Jetzt schien ihm, nach dem alten Witz aus dem Ersten Weltkrieg, unsere Lage „hoffnungslos, aber nicht ernst.“

„Ich lasse euch nicht allein“, erklärte er an jenem März- morgen im Herrenhof. Wenn alle Stricke reißen sollten, glaubte er nämlich, uns nach Frankreich retten zu können. Er hatte gute Beziehungen zum Quai d‘Orsay.

Unser Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. „Herr Dr. Seyß-Inquart, bitte“, rief der Ober. „Berlin am Apparat!“

Am Nebentisch erhob sich ein Herr und ging dicht an uns vorbei zum Telephon in die Garderobe. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich bewußt: diesem Mann untersteht jetzt unsere Polizei!

Auf dem Sims hinter unserm Ecktisch standen liebliche Barockengelein aus Bronze. Auf einen davon zeigend, flüsterte ich Mehring ins Ohr: „Soll ich ihn damit erschlagen?“

Walter schüttelte den Kopf. „Hilft nichts — es sind zu viele.“

Der Innenminister kam an seinen Tisch zurück, zahlte und eilte hinaus. Besorgt blickte der Ober ihm nach. „Sehr nervös, der Herr Doktor“, bemerkte er vertraulich zu uns. „Dem schmeckt heut‘ net amal sei‘ Apfelstrudel.“

Was hinter den Kulissen vorging, erfuhr ich erst viel später von Guido Zernatto im Exil. Seyß-Inquart begab sich nach diesem Anruf aus Berlin ins Bundeskanzleramt, wo man ihn schon überall gesucht hatte. Weder in seinem Büro noch in seiner Advokatenkanzlei war er zu finden gewesen; auch in der früher illegalen Landesparteileitung in der Seitzergasse konnte man ihn nicht erreichen. Nur sein Wagen parkte davor.

Indessen liefen im Bundeskanzleramt immer bedrohlichere Meldungen ein. An der bayrischen Grenze und in München sammelten sich deutsche Truppen; in der Grenzstadt Passau wurden im Laufe des Tages Militärtransporte mit 40.000 Mann erwartet, und in Niederösterreich und Wien rotteten sich SA- und SS-Verbände zusammen.

Man hoffte, Seyß-Inquart werde beruhigend eingreifen. Noch tags zuvor, am Donnerstag, dem 10. März, hatte er sich bereit erklärt, für Schuschniggs Volksabstimmung im Rundfunk zu sprechen. Daß er unterdessen im Herrenhof — einem gut gewählten, neutralen Ort — mit Berlin telephonierte, kam erst heraus, als er mit seinem Kabinettskollegen, dem Minister ohne Portefeuille Glaise von Horstenau, nun endlich im Bundeskanzleramt erschien.
Die beiden Herren überbrachten ein Ultimatum. Der Führer wünschte eine Verschiebung der Wahl um vier Wochen; dann sollte sie unter der Leitung von Seyß-Inquart vor sich gehen. Wurde das Ultimatum abgelehnt, würden die beiden Minister demissionieren und jede weitere Verantwortung ablehnen. Sie gaben dem Bundeskanzler für seine Entscheidung bis ein Uhr mittag Zeit. Eine knappe Stunde also.

Eine Absage der Wahl schien Schuschnigg unmöglich. Er könne die technischen Vorgänge ändern, nicht aber den Termin verschieben, erklärte er und gab Zernatto den Auftrag, mit den beiden Herren wegen einer Fristverlängerung zu verhandeln. Indessen wollte er die Lage mit Bundespräsident Miklas besprechen.

Dr. Seyß versicherte, er habe bezüglich der Frist bereits sein möglichstes getan, doch ließ er sich schließlich herbei, Berlin zurückzurufen, und kam mit einer Verlängerung um eine weitere Stunde zurück.

Im Vorzimmer des Bundeskanzleramtes wartete eine schweigende Menschenmenge, während unausgesetzt die Telephone klingelten. So verging die Zeit, die letzte Frist, die Seyß-Inquart gewährt hatte. Zernatto redete auf ihn ein, diese Taktik, diese Politik könne unmöglich von ihm ausgehen — sie stehe in völligem Widerspruch zu seiner bisherigen Haltung . . . Der Innenminister nickte. Es liege nicht mehr bei ihm, meinte er. Die Entscheidung falle jetzt anderswo.
„Wo?“
„In Berlin.“
„Oder auf den Barrikaden“, erwiderte Zernatto.

Nach kurzem Überlegen entschloß Seyß-Inquart sich zu einem weiteren Gespräch mit Göring, der drüben die Zügel führte. Dieser Anruf wurde in der Bundes- zentrale abgehört. Wie sich später herausstellte, entsprach es den Tatsachen, was Seyß-Inquart darüber berichtete: erst habe Göring ihn warten lassen, um mit dem Führer zu reden; dann habe der Marschall das Ultimatum für verfallen erklärt und hinzugefügt:
„Teilen Sie das Schuschnigg mit.“
Seyß-Inquart wandte sich an Zernatto. „Wollen wir dem Bundeskanzler die Nachricht überbringen?“
Der österreichische Staatssekretär antwortete: „Das ist Ihre persönliche Aufgabe.“
Der Innenminister zuckte die Achseln. „Ich habe nur die Nachricht zu überbringen, aber keinen Einfluß. Ich bin nichts als ein historisches Telephonfräulein.“

Österreichische Propagandaflugzeuge flogen über den Himmel, und Millionen von Wahl-Flugzetteln flatterten auf die Straßen von Wien herab, in wilde Tumulte hinein. Als wir aus dem Herrenhof kamen, gerieten wir zwischen schreiende Fronten.

„Rot-weiß-rot bis in den Tod!“ schallte es aus unseren Sendern. „Heil Hitler!“ gellte es dazwischen. Ich pfiff die Marseillaise vor mich hin, aber es hörte mich keiner. Meine Kampflust übertraf meine Furcht. Noch immer siegesgewiß, zogen Carli und ich durch das Gewühl, während Mehring sein Hotel am Westbahnhof aufsuchte, um wenigstens seine Bibliothek zusammenzupacken. Was gleichzeitig im Bundeskanzleramt vor sich ging, ahnten wir nicht.

Wir gelangten heil in unser „Büro“, das nur aus einem Zimmer meiner Mansardenwohnung in einer CottageVilla bestand. Hier war es noch ruhig, als sei nichts geschehen. Friedlich lagen die Manuskripte unserer Autoren in den Fächern eines hohen Regals. Sämtliche politische Richtungen von links nach rechts waren vertreten; nur die nationalsozialistische fehlte.
Wir waren stolz auf unsere Liste. Sie reichte vom Dichter Franz Theodor Csokor, der als Vertreter Österreichs am P.E.N.-Kongreß in Dubrovnik für den Ausschluß der Nazis gestimmt hatte, über Alfred Polgar und Egon Friedell bis zu den Auslandsrechten von Schuschniggs „Dreimal Osterreich“.

An jenem Freitagnachmittag arbeiteten wir wie immer, weil es uns am wichtigsten schien, Ruhe zu bewahren. Abends wollte ich meinen Vater besuchen, der mit seiner jungen Frau im 9. Bezirk wohnte, in der Nähe des Biochemischen Instituts, seiner Arbeitsstätte. Meine Mutter, einst Mitarbeiterin der Neuen Freien Presse, Frauenrechtlerin und Pazifistin, lebte schon lange nicht mehr.

Von der Straßenbahn aus schien alles ruhiger, denn wir berührten die inneren Bezirke nicht. Mein Vater empfing mich bedrückt, die Stiefmutter kampflustig. Wir drehten das Radio an. Nach sieben Uhr sprach unser Bundeskanzler:
„Der heutige Tag hat uns vor eine schwere und entscheidende Situation gestellt. Ich bin beauftragt, dem österreichischen Volk die Ereignisse des Tages zu berichten. Die deutsche Reichsregierung hat dem Herrn Bundespräsidenten ein befristetes Ultimatum gestellt, nach welchem der Herr Bundespräsident die Regierung nach den Vorschlägen der deutschen Reichsregierung zu bestellen hätte, widrigenfalls der Einmarsch deutscher Truppen für diese Stunde in Aussicht genommen wurde. Ich stelle fest, vor der Welt, daß die Nachrichten, die in t3sterreich verbreitet wurden, daß Ströme von Blut geflossen seien, daß die Regierung nicht Herr der Lage wäre und aus eigenem nicht hätte Ordnung machen können, von A bis Z erfunden sind . . .“
Ich atmete auf.
„Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, daß wir der Gewalt weichen. Wir haben, weil wir um keinen Preis, auch in dieser ernsten Stunde nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind, unserer Wehrmacht den Auftrag gegeben, sich ohne Widerstand zurückzuziehen …“
In meinen Ohren brauste mein nicht-deutsches Blut, so daß ich nur mehr den Schluß hörte.
„So verabschiede ich mich in dieser Stunde von dem österreichischen Volk mit einem deutschen Wort und einem Herzenswunsch: Gott schütze 3sterreich!“
„Gott“, sagte meine Stiefmutter.
Aus dem Radio klang Musik, vertraute Klänge von Joseph Haydn. Mein Vater schien plötzlich erleichtert. „Es kann doch nicht so schlimm sein“, meinte er. „Die spielen ja unsere Kaiserhymne.“
Ich schaute ihn nur an. Seit dem Zusammenbruch der Monarchie war das „Gott erhalte“ nicht mehr gespielt worden. Wohl aber sang man dieselbe Melodie mit anderem Text: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt . . .“

Wäre es nicht zum Weinen gewesen, ich hätte gelacht. Doch mir kamen auch keine Tränen. Ich starrte ins Leere. Ein neues Lied kam durchs offene Fenster: „Brüder, wir marschieren, bis alles in Scherben fällt“, sang und klang es da draußen, „heute gehört uns Deutschland, morgen die ganze Welt!“
Ich wollte fort — wohin? „Wiedersehen jenseits der Grenze“, formten meine Lippen.
Papa schloß das Fenster. „Um Gottes willen, wenn dich einer hört“, flüsterte er. Und dann: „Ich bleibe.“ Nur meine junge Stiefmutter rief mir nach: „Denk an uns, wenn du an der Grenze bist!“
Später ging dann mein Vater über die Grenze — sie blieb.
Auf der Straße rings um mich brüllende Stimmen. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ Es gibt keine Barrikaden.
Ich drücke mich in eine Telephonzelle. Die Verbindung klappt. „Komm gleich zu mir“, sage ich zu Mehring. „Ja“, antwortet er und hängt ein. Oder sind wir unterbrochen? Ich bin plötzlich allein. Nur Walters Stimme klingt mir noch im Ohr: „Gott geb‘s, daß nimmermehr loskomm‘ der große Krebs . .
Seine „Sage vom großen Krebs“ hatte er schon vor dem Reichstagsbrand geschrieben — jetzt kam der Krebs auf mich zu: „Wenn die berauschte Kreatur vom Traum erwacht“ — Schritt für Schritt — „geht alles rückwärts und verquer, rückwärts und verquer zu Hexenbränden und Judenpogrom . . . ! !“
Der Krebs hat plötzlich viele Gesichter. „Nieder mit euch“, schreit er. „Hör mich, Volk, welch‘ du hier lebst .. .“ Die Volksgenossen umringen mich, tanzen, singen: „Wenn‘s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht‘s noch mal so gut“ — das Horst-Wessel-Lied. Ich laufe, laufe schneller als heute mittag — „dann kreiste zurück die Jahrhundertuhr zur ewigen Mitternacht“ — er kommt hinterher, hinterher. .. „Es geht um, es geht um, der große Krebs“ … Gott schütze Österreich. Hinter mir fällt die Tür ins Schloß. Ich bin zu Hause. Auf dem Boden türmen sich verstreute Manuskripte. Es ist still. Dann nimmt mich jemand in die Arme, als sei ich aus der Hölle wiedergekommen.
„Daß du nur da bist“, sagte Carli dann, und wir schauten uns an.
„Was machst du denn hier?“ fragte ich. „Die Manuskripte einpacken.“
„Die können wir doch nicht mitnehmen — ?“
„Wollen wir auch nicht“, erklärte er mir. „Sie müssen aus dem Haus, wenigstens die gefährlichsten.“
„Und wohin?“
„Ins Gebüsch, über die Gartenmauer. Da sieht sie lange keiner.“
Die Idee schien gut, denn verbrennen konnten wir nichts; wir hatten eine Gasheizung, keinen Ofen. „Nur laß mich jetzt nicht allein“, bat ich. Und Carli blieb. Nach neun Uhr kam Mehring, weiß wie die Wand. Die tobenden Horden hatten sein Taxi am Gürtel aufgehalten. Der Chauffeur war durch Seitengassen entkommen, schimpfte auf die „Saubagasch“ und vermittelte die neuesten Nachrichten; im ersten Bezirk sei kein Durchkommen mehr, im Bundeskanzleramt säße die SS, Schuschnigg sei verhaftet … Mehring stürzte ans Telephon. „Wen willst du anrufen?“ fragte ich.
„Paris. Einen Freund am Quai d‘Orsay.“ Seine Finger umklammerten schon den Hörer.
Die ganze Nacht suchte er von meinem Telephon aus Paris zu erreichen. Daß dies für uns gefährlich sein könnte, war uns nicht klar; wir begriffen bloß, daß die Verbindung nicht zustande kam.

Mit fieberhafter Hast taten wir sinnlose Dinge, ohne daß es uns bewußt wurde. Vielleicht einfach deshalb, weil das Leben seinen Sinn verloren hatte. Carli rannte unentwegt mit ‘dem Anti-Nazi-Material hinunter, Mehring telephonierte, ich räumte alte Sachen um.
Gegen Mitternacht meldete das Radio: „Bundeskanzler Seyß-Inquart hat zur Wiederherstellung der Ordnung in Berlin um den Einmarsch deutscher Truppen ersucht . . .“ Wir wollten es nicht glauben und fingen an herumzutelephonieren. Bei Zernatto hob niemand ab; wahrscheinlich war auch er schon verhaftet. Wir versuchten noch andere Leute anzurufen. Csokor meldete sich: „Packt ein“, sagte er. „Wir sprechen uns morgen.“ Wir saßen mitten unter den restlichen Manuskripten und rührten uns nicht. Mehring wagte sich nicht mehr in sein Hotel: im Morgengrauen ging Carli hin, um ihm die nötigsten Sachen zu holen. Er kam mit einem Köfferchen und der Meldung zurück, daß Mehring bereits um zwei Uhr früh von ‘der Gestapo gesucht worden war. Gott sei Dank nicht bei mir
Als Morgengruß schmetterte uns der Rundfunk entgegen: „Die erbetenen deutschen Truppen haben die Grenze überschritten. Reichsführer Himmler ist im Hotel Imperial eingetroffen, der Führer nach Wien unterwegs.“

Wann würde die Gestapo bei mir auftauchen?

Wir schlichen uns auf die Straße. Deutsche Bomberbrausten mit Donnerhall und aufgemalten Hakenkreuzen über den Himmel, so dicht, daß für uns die Sonne nicht aufging. Wir drückten uns in eine dunkle Ecke in einem Döblinger Caf6. Der Ober brachte uns zwei Zeitungen, von denen eine schon längst als Naziorgan bekannt war. „Die anderen sind beschlagnahmt“, sagte er. „Die Deutschen kommen.“
Mehring bestellte Cognac statt Kaffee. Den Ober wunderte nichts mehr. „Walter“, sagte ich, „wir müssen dich dann gleich zur Bahn bringen“, worauf er noch einen Cognac bestellte. Carli und ich tranken schwarzen Kaffee.
Wir zahlten und gingen. „Fahren muß jeder von uns allein“, meinte Carli auf dem Weg. „Erst Sie, Mehring, dann die Hertha — dann ich.“ Es war die Reihenfolge unserer Gefährdung. Keiner widersprach. Allein war man wohl sicherer.
Am Westbahnhof sahen wir schon von weitem die schwarzen Uniformen um den Haupteingang. Mehring kehrte um: „Ich kann nicht . . .“
Wir gingen ziellos umher; unversehens gerieten wir fast zu nahe an Walters Hotel. „Du mußt fahren“, flüsterte ich ihm zu. Ein hoffnungsloses Achselzucken war die Antwort.

Ich redete weiter auf ihn ein. „Wir werden bei mir auf Nachricht von dir warten — wenn bis Abend kein Telegramm aus Zürich kommt, suchen wir dich — wenn es eintrifft, kommen wir nach . ..
„Was soll ich denn telegraphieren?“ fragte Walter tonlos.
Wir einigten uns auf „Grüße, Onkel Emil“ — der Name fiel uns aus Kästners „Emil und die Detektive“ ein. Durch einen unbewachten Seiteneingang kamen
wir in den Bahnhof. Carli ging zum Schalter; ich plauderte mit Mehring auf französisch, weil er statt eines Passes nur ein französisches Reisepapier bei sich trug. Auf dem Perron wartete schon der Zug.

Mit dem kleinen Koffer reichte Carli Mehring seine Fahrkarte. „Schnellzug Wien—Zürich-—Paris, einsteigen!“ rief der Schaffner. Mehring ging auf den Perron hinaus, da trat ein SS-Mann auf uns zu, und im Schatten der schwarzen Uniform schien die Filigranfigur des Dichters vollends einzuschrumpfen.
„Wer sind Sie?“ fragte der SS-Mann und wies auf Mehring.
Carli trat dazwischen. „Das ist unser Französischlehrer“, sagte er rasch und hielt dem Nazi wie zum Beweis seine Studentenkarte hin.
„Unser Französischlehrer“, wiederholte ich beflissen. Der Uniformierte wandte seine Aufmerksamkeit uns zu. Bösartig musterte er den Ausweis. Ich hörte
schwaches Geräusch, und ein Blick aus dem Augenwinkel bestätigte mir: Mehring war verschwunden. Der Zug stieß einen schrillen Pfiff aus. Eine schmale Gestalt sprang in den letzten Wagen. „Aufhalten!“ schrie irgendwer.
Wir erstarrten. Aber die SS-Leute stürzten sich auf eine kleine Gruppe, die noch einsteigen wollte. Carli hatte recht: Gruppen sind gefährdeter — sie waren umstellt und wurden abgeführt, während der Zug sich langsam aus der Bahnhofshalle ins Freie bewegte und das Rattern der Räder mit dem Donner der über uns kreisenden deutschen Flugzeuge verschmolz.

Dieser Auszug stammt aus dem Buch „Der Riss geht durch mein Herz“ von Hertha Pauli. In ihm beschreibt sie ihre Flucht aus Österreich und Frankreich, die sie zusammen mit Walter Mehring unternahm. Der ganze Band ist ein Muss für alle, die mehr über Walter Mehring erfahren wollen.