Marthe Kauer erinnert an eine Lesung Mehrings in der Katakombe

Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973Walter Mehring

Wir freuten uns, den Dichter Walter Mehring 1956 in der Katakombe begrüssen zu dürfen.

Er verdiente es, ein echter Poet genannt zu werden.

Er sagte uns, dass er «nie mit schiefem Seitenblick auf Glanz und Ruhm der Literaturgeschichte» geschrieben habe, aber «mit um so wacherem Herzen über die Tiefen des menschlichen Leides» und «mit dem Blick in die Gesichter der Verfolgten und Gequälten».

Nicht die bürgerliche Gesellschaft kritisiere er, sondern das üble Geschwisterpaar Tyrannei und ignorante Dummheit bedenke er überall mit den Trauergesängen seines ironisierenden Hasses.
Sein Bänkelsang und seine Lieder, seine angriffsheissen Stücke und Songs wurden vor dem Herabsinken der braunen Nacht von den berühmtesten Chansonetten Deutschlands als eindringliche Warn-Rufe in ein Land hinausgetragen, das gleich darauf seinen Dichtern den Scheiterhaufen zu den Bücherverbrennungen schichtete. „Marthe Kauer erinnert an eine Lesung Mehrings in der Katakombe“ weiterlesen

Zum 120. Geburtstag Walter Mehrings

 

Walter Mehring unter Freunden und Kindern, rechts: Paul Citroen (Aufnahme: Martin Wasserzug, 1913) | Quelle: www.luise-berlin.de

In der Derfflingerstraße in Tiergarten gibt es einige Gedenktafeln, die an berühmte oder wichtige Menschen erinnern, die einst hier lebten. An Carl Scheibler, einen wichtigen Chemiker, der sich mit Zucker beschäftigte, wird gedacht. An Ernst Unger, den Leiter einer einst berühmten chirurgischen Privatklinik, wird ebenfalls erinnert. An Herrmann Müller, den Sozialdemokraten und Außenminister der Weimarer Republik, der den Versailler Vertrag unterschrieb, wird erinnert. Das Französische Gymnasium hat hier seinen Sitz und gedenkt mit Tafeln an wichtige Lehrer aus seiner langen Geschichte. Aber in der Derfflingerstraße 3, wo bis zu einem Bombentreffer das Haus stand, in dem Walter Mehring heute vor 120 Jahren geboren wurde, gibt es keine Gedenktafel.

Anders als in Zürich, wo die Stadt das Ehrengrab für den Schriftsteller, Dichter, Kabarettautor und Journalisten bezahlt. In Zürich ist Walter Mehring gestorben. Wesentliche Werke hat er hier nicht mehr geschrieben. Aber die Stadt weiß um seine Bedeutung. Berlin aber, die Stadt, in der Mehring bei DADA mitbegündete und in den Kabaretts der 20er-Jahre zu den bedeutendsten Autoren zählte, hat ihn vergessen. Berlin weiß nicht mehr – oder will nicht mehr wissen – dass Mehring einer der ersten Hörspiel-Autoren im neuen Rundfunk überhaupt war. Berlin will auch nicht daran erinnern, dass mit Walter Mehring einer Kind der Stadt (und nicht ein Zugezogener) zu den großen literarischen und kulturellen Impulsgebern der 1920er-Jahre gehörte. Lediglich die Volksbühne hat vor einigen Jahren mit einer Neuinszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ an ihn und den größten Theaterskandal der Weimarer Republik erinnert.

 

Zwar gibt es den Mehringplatz und den Mehringdamm. Aber die erinnern nicht an Walter Mehring, sondern an Franz Mehring, der nicht mit ihm verwandt war. Der marxistische Historiker, Publizist und frühe Karl-Marx-Biograph ist zwar vielen auch nicht mehr bekannt. Und immer wieder denken Berliner und Zugezogene, dass Platz oder Damm Walter Mehring gewidmet sind, aber sie liegen falsch. Angesichts der großen Bautätigkeit der Stadt wäre es aber durchaus denkbar, eine neue Straße nach Walter Mehring zu benennen. Vielleicht ja zum 125. Geburtstag in fünf Jahren. Es kann doch nicht angehen, dass sämtliche Erinnerungsleistung in Zürich liegt, wo nicht nur die Rechte an seinem Werk verwaltet werden, sondern auch im Elster-Verlag seine Texte neu erscheinen. Nach der „Die verlorene Bibliothek“ der Lyrik-Band „Dass diese Zeit und wieder singen lehre“ und ganz aktuell „Sturm und Dada“.

Die geplatzte Hochzeit von Walter Mehring und Ilse Winter in Paris

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus„Schon im Sommer 1933 sind alle Berliner Theater unter neuer Leitung und viele jüdische Schauspieler und Regisseure arbeitslos. Ilse hört Schlimmes, fürchtet sich und beschließt, nach Paris zu fahren, wo sich schon viele Freunde aufhalten, auch Walter Mehríng, der seit Jahren zwischen Berlin und Paris hin und her lebt. Die beiden gefallen einander und ziehen zusammen, in kleine Hotels. llse liebt Abenteuer und ist womöglich auch froh, ihre Mutter auf Distanz zu haben.

Sie macht Gelegenheitsjobs und genießt, zweiundzwanzigjahre jung, das freie Leben. Sie verdient kleines Geld in den Synchronstudios von Joinville, Walter schreibt in den Boulevards. llse verkehrt in der Russischen Kolonie, lernt Ilja Ehrenburg kennen und übernimmt Gelegenheitsarbeiten im kommunistischen Verlag von Willi Münzenberg. (Münzenberg, der Medienzar der KPD, produziert im Pariser Exil die rote Agitationspresse; den Gegen-Angrıff und die Braunbücher, in denen die Verbrechen der Nazis denunziert werden.) Münzenberg ist ein bisschen in Ilse verknallt und geht gern mit ihr Russisches Billard spielen. Er füttert sie vormittags mit Croissants und beschwipst sie nachmittags mit Suze und Pastis. Bei guter Laune führt er Ilschen auch gemeinsam mit Walter zum  »Sattessen« aus.

Ilse verbringt aufregende Tage auf dem legendären Schriftstellerkongress in den überfüllten Hallen der Mutualité, lässt sich noch ein Kind  » wegmachen«, diesmal von einer Engelmacherin in der Banlieue Marnes la Coquette, und kümmert sich um den »verbrannten Dichter« Arthur Holitscher in seinem Elendsquartier in der Rue de Rennes. (Holitscher stirbt 1941 einsam in einem Männerheim der Heilsarmee in Genf. Die Totenrede hält Franz Musil.)

Noch ein letztes Mal reist Ilse nach Berlin: im Sommer 1934. (…)

In ihrem zweiten Jahr hausen Ilse und Walter in einem kleinen Zimmer unter dem Dach des Hotels Trianon in der Rue de la Harpe, wo auch Jean Genet zeitweise wohnt. Sie beschließen zu heiraten. Im Frühjahr 1935 erscheinen Ilse Winter und Walter Mehring vor dem Standesbeamten des VI. Arrondissements. Marie (Ilse Winters Mutter; A.O.) wird benachrichtigt und erhält eine Reisegenehmigung aus »besonderem Anlass«, um für drei Tage dabei zu sein, wenn ihr einziges Kind das Ja-Wort sprechen wird. Sie kennt Mehring aus Berlin und hat sich »weiß Gott« einen anderen zum Schwiegersohn gewünscht, einen, der Ilse die Flausen aus dem Kopf treiben kann und ein Ziel im Leben hat. Mehring ist für Marie ein brotloser Literat und Hungerkünstler aus dem »verdammten« Theatermilieu, das ihre Tochter auf dem Gewissen hat. Mehrings Mutter, die Sängerin Hedwig Löwenstein, eine strenge alte Dame wilhelminischer Prägung, die ihren Sohn vergöttert und der jede Frau in seiner Nähe suspekt ist, reist gar nicht erst an. In letzter Minute fürchtet sich Ilse vor einem Leben in den kleinen Hotels und einer prekären Zukunft an der Seite von Mehring. Die Boheme am Rand der Armut macht ihr Angst. So sagt sie denn vor dem Standesbeamten auf die Frage, ob sie Monsieur Walter Mehring zum Gatten nehmen möchte, spitz »Non!«, was Walter und Ilse nicht im Geringsten daran hindert, wieder in ihr kleines Hotel zurückzukehren. Das Leben hat ihr die Männer immer vorgesetzt.

ln solcher Ménage lebt Mademoiselle Winter noch ein halbes Jahr, bis sie sich entschließt, im Spätsommer 1935 nach Wien zu Tante Annie, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, zu reisen, um wieder am Theater zu arbeiten. Sie nimmt den Nachtzug, den zur selben Zeit auch Ilja Ehrenburg auf dem Weg nach Moskau besteigt.“

(zitiert aus: Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 57 – 62)

Walter Mehring stellt Erika Mann eine Rechnung

Erika Mann: Briefe und Antworten

25.8.1934

Teuerste E.M. Ausrufungszeichen

Aus Ihren werten Mustern hab ich mir das tapfere Schneiderlein ausgesucht und sende ich Ihnen selbes gleich zur Anprobe.
Mit dem Schneiderlein ist natürlich ….. gemeint, was ich energisch ableugne, weil es ganz unpolitisch ist.
Ich habs meiner (sehr häßlichen) Nervenverfassung direkt abgeboxt. Würden Sie mir das Eintreffen des tapferen, leicht monomanen Schneiderleins melden?
Und herrlich wärs, Sie dächten mal an mich aus den Geleisen Geratenen. Hier ist nämlich natürlich garnichts mehr zu wollen.
Wissen Sie nicht was in Zürich?
Und schönste Grüße an Ihren ganzen Thespiskarren
von Ihrem WM.

Und nun gehen Sie bitte mal raus und schicken Sie mir die Frau Derektern rein!

 Geehrte Dame,
 erlaube mir anbei eine Figur nach Maß nebst quittierter
 Rechnung zu senden:
 Eine Figur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  0,75 Rappen
 19 Reime à 50 Francs . . . . . . . . . . . . . . . . . 950 Francs
 Stundenlohn (Stunde 1 Franc)                   7 Francs 80 Rappen
 Zugaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Franc 15 Rappen
 _________________________________________________________________
                                              959 Francs 70 Rappen
Selbige Summe (Ausnahmepreis) bitte ich, mir höflichst anläßlich 
meiner baldigen Geschäftsreise nach der Schweiz auf mein Schweizer
Bankkonto überweisen zu wollen!
Hochachtungsvoll                                     Mehring & Co.

So Sie dürfen wieder eintreten! Ich hab bloß Ihrer Prinzipalin die Rechnung präsentiert; ne, ganz bescheiden, weils doch für Sie ist! Sind doch ’ne alte Kundin von mir! Schärfen Sie ihr doch bitte noch mal ein, daß sie mir die paar Pfennige in der Schweiz auszahle, wohinnen ich komme!                Derselbigte

Kleine Gebrauchsanweisung: man kann selbiges Chanson leicht und einfach szenisch gestalten, indem daß man die übliche Schneiderpuppe aufstellt, sich außerdem einer großen Schere und einer Nadel bedient, auch eines Lappens, um nach den Fliegen zu schlagen.
Man trage das Chanson unpathetisch vor und etwas keifend, dergestalt, daß der Diktatorfimmel des Schneiderleins lächerlich wirke.
In der ersten Strophe wird genäht – Refrain Anfang parlando; der Schluß wieder gesungen.
Zweite Strophe wird anprobiert – Spiel mit der Schneiderbüste und dem daran hängenden Rock – bei: Oh es kneift Sie im Schritt wird das Schneiderlein wieder ängstlich und devot…
(Sieben Fliegen) wütend gesummt…
Es waren ihrer sieben – das war nicht übertrieben: zum Publikum als Einwand auf jeglichen Protest…
In der dritten Strophe hantiert das Schneiderlein zuschneidend wild mit der Schere Refrain: erste beide Zeilen ganz parlando, sehr einfach konstatierend gesprochen (bloß nich pathetisch!).
Zu den letzten zwei Zeilen: die Schere mit der Rechten aus der linken Hand ziehen wie ein Schwert aus der Scheide und die Schere dann zum Schluß hochhalten wie ein Schwert!

Erika Mann: Briefe und Antworten(Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 52 ff. 
Das Chanson, um das es in dem Brief geht ist „Die Vogelscheuche“.)

Der Christliche Ständestaat empfiehlt „Die Nacht des Tyrannen“

Die Nacht des Tyrannen (1937)

„DIE NACHT DES TYRANNEN“, Roman von Walter Mehring. Verlag Oprecht, Zürich.

Die Nacht des Tyrannen (1937)Auf knappen 120 Seiten zusammengeballt und in einem eigenartigen, kraftvoll-unmittelbaren und dabei von Ironie geladenen Stil dargestellt, spielt sich hier zwischen Wirklichkeit und Fiebertraum das Leben eines Diktators ab. Zwischen Wirklichkeit und Fiebertraum, wie in unserer „Wirklichkeit“, die Schlimmer und wirklicher ist, als ein Fiebertraum. Das macht dieses kleine Büchlein so gewichtig, daß es wie ein Alptraum lastet, wenn man es weggelegt hat. Der Alptraum gestaltet, der tagtäglich auf uns lastet. Mehring zeigt hier, daß er mehr ist als nur polemischer Publizist und Satiriker. Und
dabei ist diese von Wahnvorstellungen geschüttelte Fiebernacht des großen Diktators Martinez Llalado und sein von ebensolchen Wahnvorstellungen beherrschter „Aufstieg“ eine Satire von dunkler Gewalt – eine Satire am Rande des Abgrundes, den wir alle erlebt haben. -n.

(-n: Die Nacht des Tyrannen; in: Der Christliche Ständestaat Nr. 49/4. Jg. vom 12. Dezember 1937; S. 1180)

Gabriel Heim erinnert sich an Besuche Mehrings in Zürich

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will rausIn den ersten Jahren hat Ilse oft Besuch von Freundinnen und alten Kollegen aus Berlin, die am Schauspielhaus gastieren oder auf der Durchreise sind. (…) Zu ihnen gehört Walter Mehring. Er besucht llse immer am späten Nachmittag und bleibt zum Abendessen. Er kann wunderbar berlinern, und nie habe ich seine Geschichten aus der großen Stadt mit den vielen Lichtern und Theatern satt. Ich frage ihn ein Loch in den Bauch nach Nollendorfplatz und Bahnhof Zoo, nach Molle und Bolle. Ich bettele darum, und er rührt mich. Schon als Kind entwickele ich eine Ahnung davon, dass Walter und llse, dass Onkel Hans und Tante „Putz“ und auch Emil und Gustav mit der Hupe und selbst der Ganove Grundeis ihre aufregende Welt, in der sie so viel erleben und in der sie zu Hause sind, verloren hatten. Es musste ganz wunderbar gewesen sein dort (…). So möblieren alle Besucher in Ilses Wohnung ihre Erinnerungen. Ihre Bilder werden mir zu Räumen, zu Straßen, zu einem rasend rieselnden Kaleidoskop Voller Lärm und Neon. Es wird so mächtig, dass ich als kleiner Junge fast jede Nacht von dieser rauschhaften Stadt träume und am Tag gar nicht verstehen kann, warum Ilse und Walter und die vielen anderen nicht dort leben und noch immer dort sind, statt sich am stillen, eintönigen Waldrand über Zürich gemeinsam danach zu sehnen.

Mehring ist ein raffinierter Spötter und sarkastischer Charmeur. Für ihn ist Ilse immer noch die zwanzigjährige Schauspielerin, mit der er vom Kakadu aus in die Nächte zieht, die bei Tagesanbruch Mampe und Prärieauster schlürft und Stullen mampft und im Lehen wie im Rollenfach gern die Lulu von Wedekind gibt. Ilse mag dieses Spiel, denn es handelt von den guten Erinnerungen. Wenn ich aber frage, warum wir alle nicht mehr dort sind und warum ich nicht dort zur Schule gehen darf, wo es doch so viel zu sehen und immer wieder davon zu erzählen gibt, da bekomme ich kaum eine Antwort, allenfalls knapp: »Du sollst dem lieben Gott danken, dass du damals nicht auf der Welt warst. (…)

Mehring trägt notorisch Bücher in seinen ausgebeulten Jackentaschen herum, und in jeder freien Minute, wenn Ilse kurz zur Küche geht oder das Telefon klingelt, greift er nach einem Bändchen und versinkt in dem grünen Sofa. Ich mag Walter gern, denn er ist nicht viel größer als ich, hat flinke Augen, kleine Händchen mit Spindelfingern und ist schlagfertig. Mit fünf oder sechs Jahren fordere ich ihn ernsthaft zu Boxkämpfen heraus. Er nimmt an, und viele Jahre lang fighten wir bei jedem seiner Besuche im langen Flur der Wohnung verbissen miteinander. Als ich stärker werde und Walter immer mehr schrumpft, ist Schluss damit. Er ruft mich zu seinem Meister aller Klassen aus, und als ich zwölf werde, schenkt er mir ein signiertes Bändchen seines Ketzerbreviers: „Für Gabriel, den jungen – Engel – von dem greisen >Dichter< Walter.“ Ilse freut sich immer auf Mehrings Besuche. Ich spüre, dass die beiden viel Gemeinsames miteinander gehabt haben, so wie ich sie in ihre verlorene Zeit schlüpfen sehe.

Meist, aber besonders wenn Besuch da ist, werde ich früh ins Bett geschickt. Mehrings schnarrende und durchdringende Stimme und llses helles Lachen dringen bis spät in mein Zimmer.

(Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 16ff.

Gabriel Heim ist 1950 als Sohn von Ilse Heim-Winter in Zürich geboren. In seinem Buch verarbeitet er die nie erzählte jüdische Familiengeschichte seiner Mutter, die als junge Schauspielerin schon 1933 Berlin verlassen hatte. Ihre Mutter aber blieb in der Stadt und hoffte sehr lange, dass es ein Leben in Berlin noch möglich wäre. Später hoffte sie auf eine legale Ausreise. All das ist in Briefen festgehalten, die Gabriel Heim hinter Büchern entdeckte. Dabei schildert er sowohl das Leben von Mutter Ilse als auch das seiner Großmutter und weiterer Familienmitglieder, die rechtzeitig nach Palästina oder in die USA auswanderten. Mit Walter Mehring verband Ilse das Zusammenleben in den ersten beiden Exiljahren in Paris. Und eine lebenslange Freundschaft. (A.O.))  

Hans Baumgartner macht auf „Die verlorene Bibliothek“ aufmerksam

Der Elster Verlag gibt einen Newsletter heraus, in dem Besprechungen zu den von ihm verlgten Bücher an Abonnenten geschickt werden. Die kleine Zeitschrift im PDF-Format heißt „Lesezeichen“. In der Ausgabe III/2013 hat Hans Baumgartner einen Text über Mehring und „Die verlorene Bibliothek“ erschienen:

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek
Aus der Zeit gefallen

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag

Achtzig Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen wird «Die verlorene Bibliothek» von Walter Mehring (1896-1981) neu aufgelegt – es ist die intellektuelle Antwort auf die große Barbarei.

Von Tag zu Tag saß er im Pfauen und bestellte sein Einerli Weißen, so wie Heiri Gretler am  runden Tisch in der Ecke seinen Roten, aber meist allein, und immer mit Notizheft, am  Schreiben. Seit seiner Rückkehr aus den Staaten lebte er wieder in den kleinen Hotels, ab den 70iger-Jahren meist in Zürich, im Florhof, Urban, Opera, manchmal in Ascona, nur  selten in Deutschland, wo ihm in München sein 800 Seiten Manuskript «Die verbrannten Dichter», vielleicht sein Lebenswerk, abhanden kam. In Zürich traf nur ein fremder schwarzer Koffer ein.

Immer hatte er gerade noch flüchten können, nicht ohne List aus drei Lagern, und in Berlin gewarnt nur wenige Tage vor dem Reichtagsbrand (1933), in Wien nach dem Anschluss (1938) mit dem Zug über die Schweiz nach Paris, in Marseille Dank Varian Fry mit dem letzten Schiff, der Wyoming, nach Martinique (1941). Bei Metro Goldwin Mayer hatte er wie andere Emigranten einen einjährigen Scheinvertrag, nur schreiben sollte er nicht. Und er fand dort auch kein Publikum, so wie Heinrich Mann.

Ganz anders war das in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik gewesen. Der Name Walter Mehring war bekannt, war geschätzt von den einen und gehasst von denen, die als dunkle Macht des Grauens Deutschland in den Griff bekommen sollten. Mehring traf mit seiner messerscharfen Lyrik den Rhythmus der Zeit. Er war einer der wichtigsten Exponenten der Dada-Bewegung in Berlin. Kurt Tucholsky nannte ihn «unser aller Meister». Als Texter des Kabaretts «Schall und Rauch» von Max Reinhardt machte er das, was man Furore nennt. Von 1921 bis 1928 lebt er als Korrespondent in Paris. 1929 kam es zum Skandal, als an der Volksbühne sein Stück «Der Kaufmann von Berlin» aufgeführt wurde. Draußen marschierte die SA auf und drinnen sorgten die Nazis gewaltsam für Tumult. In der Berliner Tageszeitung «Der Angriff» forderte Joseph Goebbels 1933 mit großen Lettern «An den Galgen» Mehrings Liquidation. Sein letzter Beitrag für die «Weltbühne» von Carl von Ossietzky, «Die Sage vom bösen Krebs», einen Tag vor dem Reichstagsbrand erschienen, bedeutet auch deren Ende.

«Halte mich, ]unge», starb 1918 der Vater beim Vorlesen, Kants «Kritik der reinen Vernunft» in der Hand. Sigmar Mehring hinterließ seinem Sohn eine umfangreiche Bibliothek «aus Tausenden von Bänden, jeder ein Anathema seiner weißen  Aufklärungsmagie, kraft der er, der fortschrittsgläubige Atheist, sich gegen die Rückfälle ins Werwolftum gefeit geglaubt hatte». Der Sohn konnte sie noch teilweise nach Wien hinüberretten, wo sie aber bei einer Hausdurchsuchung von der SA innert weniger Stunden zerstört wurde. Im Exil in den USA begann Mehring sein großartiges Kopfprojekt, den Wiederaufbau der väterlichen Bibliothek im Geiste und deren Umformung zum Buch. Der amerikanische Verleger setzte 1951 den treffenden Untertitel unter «The Lost Library»; das Buch steht ohne jede Übertreibung für die meisterhafte «Autobiografie einer Kultur».

Zwischen allen Stühlen Die Rückkehr nach Europa 1953 war schwierig. Auf Mehring, den scharfen Formulierer und Neunmalklugen, hatte in der deutschen Aufbruchsstimmung niemand gewartet. Der Gruppe 47 waren die eigenen Kriegserlebnisse genug, weiter  zurückblicken wollte man nicht. Dem Wunsch, vom Nullpunkt auszugehen, stand das erlebte Wissen Mehrings diametral entgegen. Manche griffen auch zu absurden Vorwürfen, unterstellten ihm einen «vulgären Antikommunismus», um ihn auszugrenzen. Mehring hatte eine direkte Linie von Karl Marx zu den Nationalsozialisten und weiter zur RAF gezogen, mit wie immer überzeugendem Scharfsinn. «Egozentrische Eitelkeit» war ihm eigen, war Teil seines künstlerischen Antriebs, aber auch seines Schmerzes als vereinsamter Staatenloser. Auch die «Weltwochen» klagte er in einem Brief an François Bondy, wolle vom Plädoyer seiner lyrischen Weltanschauung, von ihm vorgetragen im Theater am Neumarkt, nichts berichten.

Es gab Ausnahmen. In der kriegsverschonten Schweiz war es ein Geistesverwandter, der sich zweifach angesprochen fühlte: «Er (Mehring) war ein leidenschaftlicher Antiideologe, ein großer Lyriker.» Friedrich Dürrenmatt arbeitete am Zürcher Schauspielhaus, und traf dort im Pfauen öfters auf Mehring, lud ihn auch zu sich nach Hause ein, wo er ihn malte, wie ihn zuvor seine Freunde George Grosz und Robert Delaunay portraitiert hatten, Dürrenmatt wusste gut um die Befindlichkeiten Mehrings: «Sein größter Wunsch war es, wieder gelesen zu werden, nur kein Operettenkomiker aus der Mottenkiste wollte er sein. Man hat ihn aufs Chanson, aufs Kabarett geschoben, das Lyrische nicht ernst genommen».

Dürrenmatt leistete auch für «Die verlorene Bibliothek» Fürsprache: «Sein wichtigstes Buch, ein poetisches grandioses Durcheinander, ein unentwirrbarer Knäuel von Vergangenheit.» Die Wirkung dieser und anderer Fürsprecher war begrenzt. Mehring lebte und lebte, machte es niemandem und nichts einfach, weigerte sich zurück nach Deutschland zu gehen, den deutschen Pass anzunehmen. Dabei war er stets freundlich im Umgang, ja bescheiden im Auftreten, nur – die Kant`sche Schule vielleicht – kategorisch im Urteil. Maja Beutler traf ihn für ein Radioportrait kurz vor seinem Ableben 1981 in Zürich – ein bewegendes Tondokument entstand und ein bitteres Fazit der Schriftstellerin blieb: «Unsere Zeit hat ihn vergessen, bevor er gestorben war.» Aber das Werk lebt. Wer als Leser einraucht in dieses literarische Panoptikum, der kann sich verlieren in der Fülle der Informationen, der Geistesblitze, der bestechenden Formulierungen. Kein leichtverdauliches, aber ein geistig nahrhaftes Gericht. Die Bibliothek als Schutzwall, so verstand der Sohn das Legat seines Vaters, niedergerissen von den Werwölfen, literarisch wieder aufgerichtet.

Hans Baumgartner

Walter Mehring
Die verlorene Bibbliothek – Autobiografie einer Kultur
Mit einem Nachwort von Martin Dreyfus
336 Seiten, gebunden, Fr, 39.80 I Euro (D) 24.80
ISBN: 978-3-906065-02-1
Erscheint April 2013

Gisela Zoch-Westphal erinnert sich an Mascha Kaleko und Walter Mehring

Auf der Frankfurter Buchmesse ist eine neue Gesamtausgabe der Werke Mascha Kalekos erschienen. Water Mehring war mit ihr befreundet. Regelmäßig schrieben sie sich Briefe, waren miteinander in Kontakt. Susanne Burg führte für Deutschlandradio Kultur anläßlich des Erscheinens der Kaleko-Ausgabe ein Interview mit ihrer langjährigen Freundin Gisela Zoch-Westphal. In ihm erinnert sie sich an einen Abend im Jahr 1968, als sie neben Walter Mehring saß und Mascha Kaleko kennenlernte. Zwar unterlaufen ihr zwei Fehler – Mehring erinnert sich an einen Abend 1933 und Mehring war kein Kommunist – dennoch sind die Sätze lesenswert:

Zoch-Westphal: Das war ein Abendessen, das der deutsche Konsul Dr. Christoph Niemöller gab in einem der berühmten Zunfthäuser in Zürich. Es waren nur mit Mascha Kaléko und ihrem Mann zwölf Gäste. Ich war allein dort und mein Tischnachbar war Walter Mehring. Und das darf ich vielleicht doch rasch erzählen: Nach der Suppe griff Walter Mehring sein Glas, klopfte ans Glas und sagte, ich trinke auf Mascha Kaléko, ohne sie wäre ich nicht hier, Mascha Kaléko verdanke ich mein Leben!

Und er erzählte kurz eine Szene von 1934 aus dem Romanischen Café, dort waren Gestapo-Leute in Zivil aufgetaucht, fragten nach Mehring, Mascha hatte das gerade so mitgekriegt, gab Mehring ein Zeichen, der kapierte sofort, stand auf, ohne zu zahlen, verließ das Café, lief zum nächsten Bahnhof, das war Bahnhof Zoo, stieg in den nächsten Zug, der fuhr nach Paris. Er war den Häschern entgangen! Und Mascha Kaléko hat mit denen noch herumgeschäkert. Sie war ja ungeheuer attraktiv und mit einer starken erotischen Ausstrahlung. Sie war gefährdet, sie war Jüdin! Walter Mehring war Kommunist, wurde verfolgt!

Das gesamte Interview auf dradio.de…

„Mit der Güte des Menschen warʼs mal wieder nichts“

In der kommenden Woche wird im Zürcher Sogar-Theater eine neue Walter-Mehring-Revue aufgeführt. In der Folge ist der Pressetext zu lesen:

Das Leben Walter Mehrings (1896-1981) wird als exemplarische Biographie des 20. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht: er war Künstler, Faschismuskritiker und Exilant. Seine Werke, inzwischen selten gelesen, sollen wieder ins Licht gerückt werden, den sie haben nichts von ihrer poetischen Virtuosität und intellektueller Schärfe verloren. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Mehring in Zürich, wo er zum Beispiel im Theater Stok auftrat oder im Café Odeon „studierte“, wie er selber notierte.

Seit 1915 gehört Walter Mehring zum Kreis der Expressionisten um Herwarth Walden herum und später zu den Berliner und Pariser Dadaisten. Mit Künstlerkollegen wie Kurt Tucholsky ist er auf den Berliner Bühnen Max Reinhardts, Rosa Valettis und Trude Hesterbergs zu Hause. In den 1920er Jahren feiert er als Autor und Journalist grosse Erfolge. 1929 wird sein Theaterstück „Der Kaufmann von Berlin“ uraufgeführt: Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten wird es für den bekennenden Pazifisten immer schwieriger, in Deutschland zu publizieren.

Er hat die Katastrophe schon lange heraufziehen sehen, ist dennoch nach Jahren in Paris, 1928 nach Berlin zurückgekehrt, wo er 1933 im letzten Moment den nationalsozialistischen Häschern entkommen kann. Danach beginnt seine Odyssee, die ihn über Wien, Internierungslager in Südfrankreich, Marseille, La Martinique und die USA führt. Dem letzten Kapitel seines Lebens, Zürich, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn hier leben noch viele Menschen, die ihn persönlich gekannt haben. Hier wo er nochmals seine ihm teuren kleinen Hotels und Cafés gefunden hat, aber auch hier, wo der durch die Emigration gebrochene Mehring nicht mehr heimisch geworden ist. Bis zu seinem Tod vor 30 Jahren fühlte er sich „staatenlos im Nirgendwo“.

Mit Graziella Rossi und Helmut Vogel stehen zwei ausgezeichnete Schauspieler auf der Bühne, die sich in ihren Produktionen wiederholt um vergessene Autoren bemühen. Der Komponist und Pianist Daniel Fueter wird das Projekt musikalisch begleiten und eigene Kompositionen beisteuern, denn Musik hat in Mehrings Leben eine wichtige Rolle gespielt. Die Mutter, Hedwig Mehring-Stein, war Opernsängerin und das Motto „De la musique avant tout“ zierte Mehrings Manuskripthefte. Friedrich Holländer und Kurt Weill haben mit Mehring zusammengearbeitet.

Walter Mehring war ein Individualist, er schloss sich keiner Partei oder ideologischen
Gruppierung an. Er erkannte die Zeichen der Zeit früher als andere und hat mit seiner
Feder darauf reagiert: Mit Sprachwitz, mit Satire, mit lustvoller Provokation und viel
Einfühlungsvermögen für Aussenseiter und Deklassierte. Seine Biographie und sein
Werk sind nicht nur Zeugnis für die Umbrüche des letzten Jahrhunderts, sondern
auch Wegweiser für unsere Zeit.

Mit der Güte des Menschen warʼs mal wieder nichts
Eine Walte Mehring-Revue
Spiel: Graziella Rossi und Helmut Vogel
Piano: Daniel Fueter
Buch und Konzept: Karen Roth-Krauthammer
Vorstellungen: Donnerstag, 26. April, 20.30 h – Premiere
Freitag, 27. April, 20.30 h
Samstag, 28. April, 20.30 h
Sonntag, 29. April, 17.00 h
Web: http://www.sogar.ch

Walter Mehring 1973 im Zürcher Restaurant „Kronenhalle“

In den 1970er-Jahren wurde Zürich immer mehr zum festen Wohnort Walter Mehrings. Das  Stadtarchiv Schaffhausen zeigt auf seiner Internetseite Kontaktabüge von Fotos von  Bruno und Eric Bührer. Sie haben ihn im Zürcher Restaurant „Kronenhalle“ forografiert. Hier sind einige Ausschnitte aus den Kontaktabzügen zu sehen:

Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

Walter Mehring in der „Kronenhalle“ 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

Walter Mehring in der „Kronenhalle“ 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

 

Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer
Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

 

Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer
Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer

 

Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer
Walter Mehring in der "Kronenhalle" 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer