Brice Couturier rezensiert die Verlorene Bibliothek in Radio France

2014 veröffentlichte der französische Verlag „Les Belles Lettres“ eine französische Übersetzung von „Die verlorene Bibliothek“ Die oben stehende Rezension ist am 7. März von Radio France gesendet worden. Die Textfassung findet sich hier…

George Grosz lobt Walter Mehring als Grafiker

Das Stachelschwein

WALTER MEHRING ALS GRAPHIKER

War Walters Produktion als Schriftsteller kennt, weiß, daß er auch ein sehr guter Zeichner ist. Die meisten seiner dichterischen Werke sind von ihm selbst illustriert, und ich denke, dies ist wohl die ideale Illustration. Walter hat eigentlich immer gezeichnet, von Kindesbeinen an. Eine sogenannte Fachausbildung hat er nicht gehabt. Weder Aktzeichen mit Korrektur, noch Perspektive und Anatomie. Er ist Autodidakt. Mit der  schützenswerten Unbekümmertheit des passionierten Amateurs zeichnet er. Es in ein wenig Sonntagszeichnerei, aber sehr sympathische. Seine Zeichnungen haben den schwerbeschreibbaren Reiz, der oft den Zeichnungen Ungeübter so eine Art kindlichen Charme gibt. Auch das ungehemmt Erzählende, daß sich über Form- und Raum(Kompositions-) problem kühn hinwgesetzt, ist dem naiven Zeichnen des Kindes   verwandt. Auch ein klein wenig von den Zeichnungen Schizophrener ist mit dabei — ohne etwas hineingeheimnissen zu wollen. etwas von der reizvollen Fähigkeit einzelner Blätter Ensors oder des späten Ernest Josephson.

Norwegisches Fischerboot
Norwegisches Fischerboot, wie es schon zu der Nibelungen Zeiten in Gebrauch war. Heute baut man Motoren ein, die Anthrazit-Öfen gleichen.
Melika
Melika, eine der fünf Mozambiten-Siedlungen in der Sahara. Ganz im Vordergrunde: typischer Brunnen mit dem von ihm bewässerten winzigen Grasfleck.
Sogne-Fjord
Landschaft im Sogne-Fjord. Zur Rechten die Stelle, wo Ibsen am ,,Peer Gynt“ dichtete.

Nach der längst erfolgten Heiligsprechung des malenden Kleinbürgers Rousseau hat ja auch heute die offizielle Kritik einen Blick für diese merkwürdigen graphischen Feinheiten, die oft hart an der Grenze des Diletantischen liegen. Walter zeichnet auf, notiert aus der Erinnerung und dem Wissen — manchmal berichterstattet er sozusagen. Ein gewaltiger Felsenkegel, ein norwegisches Tal mit schwarzen Straßen, Beduinen, ein Tisch mit Frohkosten in Schweden, alles wird mit spitzer, ein bißchen verstimmter Börsenfeder  eingeritzt und hingekritzelt. Von links wird begonnen, rechts wird aufgehört. Oder er  zeichnet eine Kette untergehakter Matrosen, die, nach langer Abwesenheit vom  Heimatlandd — voll Freude und ein wenig bezecht nach einem Haus mit übergroßer Nummer Ausschau halten. Mit großer zeichnerischer Begabung ist hier das schwankende Gehen ausgedrückt  — graphisch gut übersetzt. Darauf kommt es an. Mehring zeichnet ja nicht einfach ab, er hebt alle seine Augeneindrücke in eine für ihn sehr charakterisische ironisch-hypochondrische Ebene. Spielt das, was er widergibt, leicht verzaubert ein Tönchen höher oder tiefer, aber niemuals in banalen Klavierschul-Akkorden.

George Grosz

Freudengasse der Oase Biskra
Die Freudengasse der fashionablen Oase Biskra, frequentiert von Soldaten und Cookforschern. (Bei jedem Cooktransport werden die Mädchen zwangskommandiert.)

(Das StachelschweinGrosz, George: Walter Mehring als Graphiker; in: Das Stachelschwein Heft 1, Oktober 1927; S. 12 ff.)

Otto Zarek lobt „Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“

Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring (1929)

Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring

Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring (1929)Wir nehmen jeden der spärlich gebenen Bände Lyrik zögernd und zitternd zur Hand; zögernd, weil wir der Gegenwart nicht zutrauen, daß sie Lyrik zu gestalten erlaube; zitternd, weil wir, nach allzuvielen Enttäuschungen, auf den Klang der Poesie, auf strömenden Melos, auf reiche und reine Gestaltung warten. Uns interessiert nicht „Zeitlyrik“, wenn sie nichts ist, als der krampfhafte Versuch, mit aktuellen Requisiten die überlebten Formen und die vergangene Mentalität und Sentimentalität aufzufrischen. Das Kriterium der „Zeit-Nähe“, allzu sehr mißbraucht für die Beurteilung dramatischer und epischer Dichtung, besagt nichts für den Wert lyrischer Poesie. Etwas anderes aber – wir verwechseln es gern ¬ ist geeignet, schöpferische Dichtung zu indizieren: nicht Organ haben für die Zufälligkeiten aktueller Erscheinungen, sondern: einen Standpunkt haben . ..  der Zeit, der Welt, dem eigenen Ich gegenüber. Der lyrische Dichter ist der isolierteste,  der einsamste Mensch. Er reproduziert nicht die Objektwelt und legitimiert sich nicht durch adäquates Dokumentieren. Er saugt alles, Gefühle und Dinge, nach innen und faßt tausend Wirklichkeiten der Seele und der Sinne in einen Vers …

Dieses filtrierende, Verdichtende Gestalten kann sehr Wohl die aktuellste Gegenwart einbeziehen – ohne daß deshalb der Gestalter verdächtigt werden dürfe, „zeitnah“ zu sein. Das lehrte das Werk Gottfried Benns. Das beweist erneut die Poesie des Walter Mehring. Denn, was er unter dem Warenzeichen „Chansons“ ediert, ist echte reine Lyrik. –

Dieses ,,Einen-Standpunkt-haben“ definiert am klarsten seine Poesie, wenn sie von Gegenständen des Tages ausgeht, das Zeitgeschehen, das Geschichtliche, das Politische erfassend. Mehring scheut sich nicht, in den „Streitliedern“ die unmittelbarste Wirklichkeit anzupacken – aber er prägt sie um, mißt sie an seinen Maßen, entlarvt sie, indem er das bessere, edlere Gesicht, das wahre Menschenantlitz aufweist. Im „Börsenlied“, in „Hoppla, wir leben“ faßt er das anarchisch Grauenhafte des Stoflfs in die gebändigte Melodie seiner bezwingenden Strophe – und schon ist das Gegenständliche geadelt, zur Dichtung erhöht.

Der wahre Gehalt seiner Poesie offenbart sich aber, wenn er über die Wirklichkeitsgrenzen hinaustritt, gleichsam ins All, Wenn er seine persönliche Weltsicht auszudeuten wagt. Dann schwingen die Melancholien dieser zartesten, ernpfindsamsten Seele sich aus; dann wird seine tiefmenschliche Vereinsamung – Welche die Einsamkeit jedes Dichters ist ~ der Seelengrund, auf dem allein das wahrhaft Schöpferische keimt. Wir erleben es in den „Romanzen“ ~ in dieser wundersamen Poesie der „kleinen Stadt“, die zu den schönsten Gedichten gehört, die seit Heine geschrieben wurden.

Otto Zarek

(Zarek, Otto: Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring; in: Die neue Rundschau, Nr. 9, 1929; S. 432)

„Der Christliche Ständestaat“ empfiehlt „Müller, Chronik einer deutschen Sippe“

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)

MÜLLER, Die CHRONIK EINER DEUTSCHEN SIPPE, von Walter Mehring, Verlag Gsur & Co., Wien.

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)Ein Buch, das einer weder auf österreichischem, noch auf katholischem Boden heimischen,  ja vielleicht allzusehr vernachlässigten Spezies angehört: der des satirischen Romans. Diese Vernachlässigung ist kein Zufall, sondern sie beruht auf einer begründeten Skepsis gegen das nur Negative, das Nicht-Aufbauende. Diese Skepsis ist an sich gesund, aber sie kann auch übertrieben Werden, und der Katholizismus deutscher Sprache, zumal in Oesterreich, befindet sich möglicherweise in der Gefahr der Uebertreibung, was sich in einer gewissen sterilen Unlebendigkeit katholischer Publizistik und einer noch gefährlicheren Angst vor der entschiedenen, und sei es negativen Stellungnahme gegen zu negierende Dinge auswirkt, die an dieser Stelle einmal treffend der „Immerhin-Komplex“ genannt wurde. Für diesen Komplex ist ein Buch wie das vorliegende von Walter Mehring, geradezu Medizin. Eine Medizin kann ja auch bitter sein und süß und angenehm ist dieser satirische Roman, der die Geschichte einer deutschen Sippe von Tacitus bis Hitler in kurzen, treffend gezeichneten Bildern bringt, sicher nicht. Wir möchten ihn in der Hand vieler Oesterreicher und Katholiken sehen, – nicht, weil er irgendwie österreichisch oder katholisch wäre (davon ist der Autor trotz vieler gleichlautender Urteile weit entfernt), sondern weil in ihm Dinge stehen, die für Oesterreicher und Katholiken gut und gesund zu hören sind. Und zwar nicht nur, obwohl, sondern weil dieses Buch notwendigerweise bei beiden Anstoß erregen muß. Denn dieser Anstoß zwingt zur Auseinandersetzung, – zur Auseinandersetzung mit dem satirischen Weg, einen Feind anzugreifen, im allgemeinen und mit der These dieses satirischen Romans im besonderen. Diese These ist, kurz gesagt, die logische Entwicklungslinie im deutschen Wesen, die schließlich bis zum Nationalsozialismus geführt hat. Daß Deutschtum und Nationalsozialismus nicht dasselbe sind, wissen wir, – aber dieses Buch meint ja nur das Negative, die Schattenseite und zeigt in ihr eine Linie, die Luther und Hitler, Preußentum und Nationalsozialismus in ihren spezifischen Mängeln, Schwächen und Gefahren miteinander verbindet (wobei bemerkt werden muß, daß die Durchführung dieser These für unser Gefühl für Gegenwart, Nachreformationszeit und für das vorchristliche Germanentum weit besser und überzeugender gelingt, als für das christliche Mittelalter). Das Buch will nicht leugnen, daß dieser Schattenseite auch Lichtseiten gegenüberstehen, aber es abstrahiert von ihnen, wozu der Satiriker das Recht hat, um die Kritik desto schärfer herauszuarbeiten. Man kann der Satire ebensowenig Einseitigkeit, Uebertreibung des Negativen, Ueberbetonung einzelner Momente vorwerfen, wie der Karikatur, denn das ist ihr Wesen. Innerhalb dieses Rahmens und mit allen weltanschaulichen Vorbehalten, – die uns in ihren Konsequenzen manches unter die „Ahnen“ des -Nationalsozialismus zählen läßt, das Mehring nicht dazuzählt, und manches, insbesondere im Mittelalter, nicht, was er dazurechnet, – muß dieser satirische Roman in der Kürze und Treffsicherheit seiner Darstellung, der beißenden Schärfe seiner Ironie und den amüsanten Einfällen, die gerade in ihrer Zufälligkeit so gut herausarbeiten, was gemeint ist, – als ein gelungener Wurf bezeichnet werden, ein Buch, mit dem sich auseinanderzusetzen, jedenfalls lohnt, und dessen Thesen wir gerade in Oesterreich allen Anlaß haben, sehr zu beachten, auch wenn wir zu dem Schluß kommen, daß sie einseitig und übertrieben sind. Sie bieten, als ein Zeugnis von der „anderen Seite“ sozusagen die Probe aufs Exempel, ob unsere oft nur gefühlte und instinktmäßige Abneigung gegen eine gewisse deutschländische Entwicklung berechtigt ist oder nicht. Mit diesem Buch ist kein Verdikt gegen das Deutschtum gefällt, – auch nicht in seiner protestantischen und preußischen Form, etwa, weil beide den Nationalsozialismus vorbereitet hätten, sondern dieser ist entlarvt, weil er allen Gefahren und Schwächen des deutschen Wesens, des Preußentums und der Reformation zum hemmungslosen Durchbruch verholfen hat, ohne sie durch deren Gutes und Positives zu mildern.

(Anonymus: Anonymus: Müller, Chronik einer deutschen Sippe; in: Der Christliche Ständestaat Nr. 5/2. Jg. vom 22. Dezember 1935; S. 1236)

„Die Neue Weltbühne“ lobt „Und Euch zum Trotz“

Chansons zum Trotz

Und Euch zum Trotz
Und Euch zum Trotz

Vergriffen. Bescblagnahmt. Verboten. Verbrannt. Diese vier Worte kennzeichnen das Schicksal der Lieder, Gedichte und Balladen Walter Mehrings. Es ist deshalb zu begrüssen, dass der Verlag des Europäischen Merkur in Paris mit der vorliegenden Auslese aus dem Mehringschen Schaffen den „guten Liedern eines bösen Spotts“ die Möglichkeit gewährt, sich den fascistischen Gewalten zum Trotz zu erhalten.

Mehring verabscheut das Regime, das zum Krieg treibt, auf Exerzierplätzen seinen Volksgenossen das Denken ausdrillt und Millionen Menschen mit dem Rassenquark das gesellschaftliche Empfinden verdirbt. Mehring richtet seine wirkungsvollen Spottgeschütze auf die teutonischen Phänomene, legt aber nicht die klassenmässigen Wurzeln dieser Erscheinungen frei. Mehring ist gewiss Antifascist, aber nur im weiteren Sinn des Wortes, da ihm die festumrissene politische Position fehlt. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von Bert Brecht, der sich als Weggenosse des Proletariats in seiner politischen Lyrik zu einer bemerkenswerten weltanschaulichen Klarheit und gesellschaftlichen Einsicht entwickelt hat und dank dem erreichten ideologischen
Reifegrad mit seinen Versen tiefere politische Wirkungen erzielt. Aber der bessere Musikant ist doch wohl Walter Mehring. Die Sicherheit seines Sprachgefühls, die Originalität seiner Rhythmen und Bilder und eine starke Erlebnisfähigkeit bewahren ihn vor der Gefahr des Nachempfindens, der bewussten oder unbewussten Entlehnung.

Mehring ist ein rebellischer Bohemien, der fast triebhaft und mit einer gelegentlich ins Morbide fiebernden Feinnervigkeit auf die Stimmung des politischen Augenblicks reagiert. Mitunter vernachlässigt er die Pflege der geistigen Substanz und schwelgt stattdessen in den Reizen der Farbe, des Klanges und der Atmosphäre. Um einen Eindruck von der schöpferischen Eigenart des Dichters zu vermitteln, seien die nachfolgenden Strophen zweier politischer Gedichte zitiert, die zu den stärksten des Buches „Und Euch zum Trotz“ gehören. Der Titel des ersten Gedichtes lautet: „Ein Leichenwagen fährt vorüber“ (1931).

Durch die tagelose Früh
Hüpft der Sarg in leisem Spotte
Weise nickt der Gaul im Trotte:
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Schaust Du, Kutscher, ob die Fuhre
Heimlich von der Karre stieg?
Reckt sich eine Hand zum Schwure?
Keine Not!
Tot ist tot
…………….Du Deutsche Republik!

Träne rinne! Regen sprüh!
Ringelreihen tanzt die flotte
Opportune Würmerrotte
Hotte, hotte, hotte, hotte.
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Würmer nur, nicht Barrikaden
Feiern heute ihren Sieg.
Nicht Proleten – fette Maden
Halten Schmaus
Aus ist aus
……………..Du Deutsche Republik!

Dem „Arier-Zoo“ ist die folgende Strophe entnommen, in der Mehring in herzerfrischender Weise die beizende Lauge seines überlegenen Spottes über den Rassenfanatismus und die chauvinistisch aufgepulverte deutsche Spiesserseele im Dritten Reich ausschüttet:

Deutsches Tier – Gewürm – Geziefer
Stosst den Fremdling aus dem Pelz.
Wetzt den Stachel – bleckt den Kiefer,
Dass nicht mehr ein schiecher, schiefer
Jud in deutschem Schlamm sich wälzt!
Hämmert in den erznen Sockel:
Deutsches Rindvieh – deutsche Treu
Rache dem Franzosengockel
Russenbären – Britenleu!
Herr! Von fremder Viecherei:
Säbelbeinig – überseeisch
Krummgeschnäbelt und hebräisch, mach
Das dritte Tierreich frei!

Widerspruch aber wird Mehrings, „Emigrantenchoral“ bei all jenen geflüchteten Deutschen finden, deren geistige Lebensgrundlage in der Fremde die mit gutem Grund bewusst gepflegte Verbundenheit mit der Heimat ist. Die nicht Deutschland verlassen haben, um, wie es ihnen der Mehringsche Zuruf einschärft, jenseits der Grenzen zu Haus zu sein, sich dort ein Nest zu bauen und schliesslich das zu vergessen, was man ihnen aberkannt und gestohlen hat. Sondern die in kämpferischer Absicht das Unrecht in Erinnerung behalten, das man ihnen zugefügt hat, und die die Scheusslichkeiten weder vergessen wollen noch können, die ein barbarisches Regime verübt.

Die politische Entwicklung Mehrings ist gewiss noch nicht abgeschlossen. Der katastrophenumwitterte geschichtliche Prozess und die schon gewonnene nahe Beziehung des Autors zum Proletariat, die in einigen Versen überzeugend zum Ausdruck kommt,
werden ihn zu Erkenntnissen verpflichten, die seiner künftigen politischen Lyrik gewiss nicht zum Schaden gereichen dürften. Im Gegenteil: sie werden seiner politischen Lyrik jenen wirkungsmässigen Tiefgang, jene Reichweite, jene Wesentlichkeit und jene Klarheit ermöglichen, die im Sinne eines Kampfes gegen die fascistischen Mächte notwendig sind.

(Türk, Werner: Chansons zum Trotz; in: Die Neue Weltbühne Nr. 43/30. Jg. vom 25. Oktober 1934; S. 1355ff)

„Müller“ weckt die Hoffnung auf Einheitsfront

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)

Walter Mehring: Müller, Chronik einer deutschen Sippe (Gsur-Verlag,Wien, S 9.–).
Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1935)Walter Mehrings Roman behandelt die Geschichte einer deutschen Sippe von Tacitus bis Hitler. Ein tolles Buch, tollerem Gegenstand gewidmet: beschwingt von Geist und Ironie, reißt es den Leser fort, der die Entstehung des Preußentums amüsant und erbittert miterlebt. Haß des Wissenden schwält in diesem Buch, das einen satirischen Großangriff gegen den Nationalsozialismus darstellt. Wenn ein österreichischer Verlag dieses Buch heraugbrachte, verdient er Dank: es weckt Erkenntnsi, wenn diese auch nur negativ ist. Wir wünschten, der Verfasser (Sohn des großen Marxforschers) schriebe nach dem messerscharfen Chronikbericht ein positives Gegenstück: Oestesrreich, das ihm Heimat gab und gerne gab, würde sich freuen, die großen Gaben Mehrings nach der notwendigen Erledigung des abwehrenden Teiles auf uns näherliegende Gebiete bewährt zu finden. Freunden und Kennern messerscharfer satirischer Auseinandersetzung sei der Ankauf empfohlen: wertvoll aber ist es — dies sei ganz besonders hervorgehoben! — vor allem als Geschenk für Menschen, die mehr links stehen: der ihnen vertraute Dialekt Mehrings  wird hervorragend dazu beitragen, sie in die heute notwendigste Einheitsfront einzureihen, gegen den Nationalsozialismus.

(Bosch, Franz: Walter Mehring: Müller; in: Sturm über Österreich Folge 36/37 3. Jg. vom 22. Dezember 1935, S. 8) 

Ulrich Tietze : Außer Reih und Glied

Lutherische Monatshefte

Ulrich Tietze

Außer Reih und Glied

Walter Mehrings Sprachgewalt als Waffe des Gejagte

Lutherische Monatshefte„Mehring hat Verse, Rhythmen, Assoziationen gefunden, die alles weit übertreffen, was mir je dazu eingefallen wäre.“ So kommentiert Kurt Tucholsky im Jahre 1929 Auszüge aus dem Buch „Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“ und bemerkt dazu, daß dieses Buch mit seinen 252 Seiten „viel zu dünn“ sei.

Kurt Tucholsky, dem sprachliche und inhaltliche Unsauberkeiten bei anderen Schriftstellern selten entgingen, fand für Mehring so lobende Worte, wie sie ihm bei kaum einer anderen Gelegenheit in den Sinn kamen: „Dieser Dichter kann noch den Herzschlag seiner Leser beeinflussen, wenn er will . . .“, er habe „einen völlig neuen Ton in die Literatur eingeführt“, es handle sich um „herrlich gereimte Lieder, von einem in Deutschland fast nie gesehenen Wortreichtum, und diese Worte fliegen dem nur so zu“.

Mehr als fünfzig Jahre nach den Lobeshymnen Kurt Tucholskys kommt der Kabarettchronist Klaus Budzinsky in seinem Buch „Pfeffer ins Getriebe. Ein Streifzug durch 100 Jahre Kabarett“ zu einem ähnlichen Urteil. Bei ihm heißt es: „Mehrings Sprachgewalt und lyrische Potenz hob das Chanson im Kabarett auf ein Niveau, das vor ihm nur Frank Wedekind und nach ihm niemand mehr erreicht hat.“

Sicher ist, daß dieser Autor einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf die satirische und kabarettistische wie auch auf die lyrische Literatur der zwanziger Jahre ausgeübt hat.

Walter Mehring, am 29 April 1896 in Berlin geboren, studierte Kunstgeschichte, veröffentlichte, kaum über zwanzig Jahre alt, expressionistische Gedichte und gehörte zu den Gründern des „Politischen Cabarets“ in Berlin. Für Max Reinhardts Kabarett „Schall und Rauch“ schrieb er ebenso Texte wie für andere Ensembles. Wie Kurt Tucholsky entdeckte auch Walter Mehring früh seine Liebe zu Frankreich: 1921 übersiedelte er in die Pariser Montparnasse-Cafés.

Seine vielfältigen Möglichkeiten in Form, Ausdruck und Inhalten zeigten sich vor allem in seinen Versen. Sein Schriftstellerkollege Eckart Peterich im Jahre 1963: „Rhythmus und Reim, die heute manchem als fragwürdig gelten, sind ihm natürlichste Freunde.“

Im „Ketzerbrevier“ von 1920/21, die Mehring eine „Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister“ nannte, findet sich eine geradezu unglaubliche Vielfalt lyrischer und satirischer Formen. Dabei hat der Autor hier immer wieder auch religiöse Motive benutzt, so etwa in der „Litanei“, in der es heißt: „Kyrie eleison – Alle Stätten/ die dich loben/ die uns ketten/ an das Droben/ mit Gelübden/ und Geboten/ in den Krypten/ der Zeloten/ von der Qual/ und allem Jammer/ in Spital/ und Folterkammer/ Alle, die dich loben, Gott,/ blutverwoben und bigott/ Herr, befreie uns davon -/ Kyrie eleison!

1933 zeichnete Mehring in einem seiner bekanntesten Gedichte, der „Sage vom Großen Krebs“ – die Vorlage dafür ist tatsächlich eine alte Sage -, die Gefahr einer Rückkehr in die mittelalterliche Barbarei der Folterkammern und Scheiterhaufen durch das NS-Regime in kunstvollen Versen. Wenn der am Boden des Mohriner Sees angekettete Krebs loskäme, „dann kreiste zurück die Jahrhundertuhr/ zur ewigen Mitternacht -/ und wenn die berauschte Kreatur/ vom Traum erwacht/ geht alles rückwärts und verquer, rückwärts und verquer/ zu Hexenbränden und Judenpogrom/ Hosiannah! Gott geb’s,/ daß nimmermehr loskom/ der Große Krebs!“ Dieses Gedicht erschien in der letzten Ausgabe der von Carl von Ossietzky herausgegebenen „Weltbühne“ am 27. Februar 1933, dem Vorabend des Reichstagsbrandes.

Walter Mehring entging, anders als andere bedeutende Antifaschisten, im letzten Moment den Nazis und ging ins Exil – zunächst nach Österreich. In einem chiffrierten Brief aus Deutschland wurde ihm die Nachricht übermittelt, daß die Gestapo seine Wohnung zerstört hatte: „… gestern hatten wir noch spät abends Besuch, der sehr ungehalten war, Dich nicht anzutreffen. Es ging recht ausgelassen zu, so daß wir heute früh uns sehr plagen mußten, um die Scherben und die Möbelfetzen und die Bibliothek Deines seligen Vaters wieder zusammenzuräumen.“

Der den Häschern und Folterern knapp Entkommene hatte in unzähligen Gedichten, Aufsätzen, Satiren vor dem Hitler-Faschismus gewarnt. Dies galt auch für andere Autoren, die dem Genre der „Neuen Sachlichkeit“ zugeordnet wurden, wie Tucholsky und Kästner. Aber Walter Mehring zeigte noch stärker als die anderen Schriftsteller anhand der Sprache der Nazi-Größen den fatalen Rückschritt in die längst vergangen geglaubten Zeiten. In einer der ersten Ausgaben der Exilzeitschrift „Das Neue Tage-Buch“ zu Beginn des Jahres 1933 erschien unter dem Titel „Der Hexenhammer“ ein Aufsatz Mehrings, der sprachliche, inhaltliche und ideologische Parallelen zwischen diesem spätmittelalterlichen Buch und den „Haupt-Büchern“ der NS-Bewegung, nämlich Hitlers „Mein Kampf“ und Alfred
Rosenbergs „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“, verdeutlicht.

In seinem zuerst 1952 erschienenen Erinnerungsbuch „Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur“, das eine umfangreiche, weithin bissige und sicher in mancherlei Hinsicht auch ungerechte Auseinandersetzung mit Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt, deren Werke in der Bibliothek seines Vaters standen, die durch die Nationalsozialisten zerstört wurde, hat Mehring dargestellt, wie er den „Hexenhammer“ entdeckte. Dieses Buch habe, so schreibt er, „ein ungeheiltes Jugendtrauma, eine unvergeßliche Schockwirkung“ in ihm hinterlassen. Dabei hat er sich der vollständigen Lektüre dieses Werkes ausgesetzt, „wollüstig angeekelt die erpreßten, flagellantischen Selbstzerfleischungen genossen“, „diese Lektüre verschlungen“.

Mehring hat in seinem Aufsatz die Entsprechungen zwischen dem Geist der Hexenjäger und der Nazi-Ideologie dargelegt: „Den Hexenwahn hat der Rassemythos ersetzt.“ Wurden im „Hexenhammer“ die Hexen als Personifizierung des Bösen gesehen, so geschah Vergleichbares in Hitlers „Mein Kampf“ mit den Juden: Er sei „in seiner Gemeinheit so riesengroß, daß sich niemand zu wundern braucht, wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt des Juden annimmt“.

Bekanntlich war es zu der Zeit, als die Hexenverfolgungen in massiver Weise einsetzten, die schlimmste Ketzerei und ein Zeichen für Besessenheit vom Teufel, wenn jemand nicht an Hexen glaubte. Hier zeigt sich eine Entsprechung im Denken Hitlers, der ohne allen Sinn für die Realität die Auffassung vertrat, der Jude „begründe(t) die marxistische Lehre“. Es sei daran erinnert, daß die vierzehn Jahre der Weimarer Republik von führenden NS-Ideologen als die Zeit des „Marxismus in Deutschland“ bezeichnet wurden. Wurde von den Autoren des „Hexenhammers“ den Hexen jede nur denkbare Gemeinheit, jede nur vorstellbare Bosheit zugetraut und auf sie zurückgeführt, jedes menschliche Leid als Untat der Hexen eingestuft – etwa Krankheiten, unerwartete Todesfälle usw. -, so argumentierte Hitler mit Blick auf die Juden ähnlich: Er diffamierte alles jüdische als „Pestilenz“ und als „giftige Seuche“ und behauptete, daß durch das Judentum „nur der Wahnsinn zur Wirklichkeit zu werden vermag, niemals die Vernunft“.

Ehrsame Burger

Die lange Zeit vernachlässigte Verarbeitung des Themas „Hexenverfolgungen“, die erst im Laufe der achtziger Jahre durch Publizierung einer Vielzahl von Büchern und Aufsätzen zum Thema korrigiert wurde, hat inzwischen zumindest deutlich werden lassen, daß diese Massenverfolgungen und -hinrichtungen System hatten. Was Walter Mehring –  bereits 1933! – über den „Hexenhammer“-Autor Heinrich Institoris schreibt, klingt heute wie eine nachträgliche Analyse des Terrors und staatlich legitimierten Massenmordes unter Hitler: Es sei „das Martern von Menschen in ein geregeltes System gebracht“ worden, und Institoris sei der „Vorgänger des hygienischen Mords. Die Pedanterie wurde bis zum Exzess betrieben. Denn all diese Henkersknechte waren ja nicht verhungerter, rachedurstiger Pöbel. Ehrsame Bürger waren sie; pflichttreue Schinder, gewissenhafte Akademiker der Bestialität“.

Auch in anderen schriftstellerischen Arbeiten schon zu Beginn seines Exils zeigte Mehring eine große Fähigkeit, die nationalsozialistischen Phrasen und den pathetischen Sprachstil zu entlarven. In dem 1989 erschienenen Sammelband „Zu Hitler fällt mir noch ein Satire als Widerstand“ gehören die Beiträge Mehrings sicherlich zu den interessantesten und wichtigsten Texten, so etwa seine im Jahre 1935 im „Neuen Tage-Buch“ erschienene Version vom Rotkäppchen-Märchen, das er in die Hitlerzeit verlegt und das er angesichts der für die Exilierten bedrückenden Erkenntnis der Unterstützung des Hitler-Staates durch viele Regierungen mit dem bitteren Satz enden läßt: „Und soweit sie nicht gefressen sind, kreditieren sie ihm noch heute.“ Einige Jahre später, im April 1939, veröffentlicht Mehring im „Neuen Tage-Buch“ eine Satire auf die Nazis unter dem Titel „Schema der nächsten tausend Reden“ – auch hier eine inhaltlich und stilistisch glänzende Parodie dessen, was etwa Goebbels regelmäßig von sich gab.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Mehring, der den Nazis 1938 in Wien mit knapper Not entkommen war, in französischen Lagern interniert. Er entkam in die USA und kehrte erst 1953 nach Deutschland zurück. Aber die geringe Bereitschaft zur Aufarbeitung des Hitler-Terrors bei vielen Deutschen und das Gefühl, in diesem Land keine Heimat mehr zu haben, ließ ihn bald in die Schweiz übersiedeln.

Seine Odyssee als Exilant hat er – in Prosa und Versen -in dem Band „Topographie einer Hölle – Reportagen der Unterweltstädte“ dargestellt. Das Manuskript ging allerdings 1976 verloren, konnte jedoch anhand der (meist handschriftlichen) Erstfassung zum Teil rekonstruiert werden und erschien 1979 unter dem letztlich die ganze Problematik umfassenden Titel „Wir müssen weiter“. Es ist ein erschütterndes Dokument über das Schicksal eines Menschen, der permanent mit Blick auf das Schicksal von Freunden Nachrichten erhielt, in denen es hieß: „Verschollen! . . .  Verschleppt! . . . Ermordet!“

Am Ende dieses Lebens stand nicht der Haß, wohl aber die Verbitterung und die Einsamkeit. Am 3. Oktober 1981 stirbt der Dichter in einem Züricher Krankenheim. In seinem Zurückgezogensein wurde am Ende noch einmal das Lebensgefühl des Außenseiters deutlich, der zu Beginn seines schriftstellerischen Schaffens in einem Lied geschrieben hatte: „Doch trat ich außer Reih und Glied -/ ja, dann verzeiht!/ Hier steht ein Mann und singt ein Lied/ zum Trotz – am Rand der Zeit . . . “ 

(Tietze, Ulrich: Außer Reih und Glied – Walter Mehrings Sprachgewalt als Waffe des Gejagten; in: Lutherische Monatshefte H. 4/35. Jg. vom April 1996, S. 24f. Dem Autor vielen Dank für die Rechte, den Text hier veröffentlichen zu können.)

Essad Bey feiert Algier oder die 13 Oasenwunder

WALTER MEHRING
ALGIER ODER DIE 13 OASENWUNDER
(Verlag „Die Sclımiede“, Berlin)

Algier oder Die 13 Oasenwunder (1925)Es gibt Bücher, die man in einer Nacht, ohne sie aus der Hand zu legen, ausliest und dann irgendeiner Freundin schenkt. Es gibt auch solche, deren Weisheit man in langen Wochen in sich einsaugt, und die man dann im Bücherschrank versteckt , damit sie kein fremdes Auge sieht. Es gibt aber auch Bücher, die man in einer Nacht auslesen möchte,  und die man doch nicht ausliest, weil man sie auch morgen und übermorgen und noch nach drei Tagen lesen will, und die man nie einer Freundin schenken würde.

Ein solches Buch ist „Algier“ von Walter Mehring.

Heutzutage ist es Sitte, daß jeder Europäer, der an einer Cook-Rundreise nach dem Orient
teilnahm und kein literarischer Analphabet ist, ein Buch (und zwar ein schlechtes Buch) über den Orient schreibt. So steht man jeder Neuerscheinung auf diesem Gebiete etwas skeptisch gegenüber: Denn es gibt keinen Orient mehr, oder es ist sehr wenig von ihm übriggeblieben, oder er hat sich verborgen und wird nur den Augen eines Dichters sichtbar; und ein solcher Dichter ist Walter Mehring. Das, was der Reisende in Algier sieht, sind schmutzige Straßen, verlauste Kinder, zerstörte Moscheen, neuerbaute Hotels und kommunistische Flugblätter, die jemand als „Teppich des erwachenden Asiens“ bezeichnete. Das, was Walter Mehring in Algier sah (oder nur fühlte), war nicht nur der Staub von heute, sondern es war auch der Orient, der letzte Fetzen jenes Orients, der einst die Moscheen von Buchara erbaute, auf den Teppichen der Alhambra Verse rezitierte an Lepra erkrankt, und zuletzt das schöne Wort „Backschisch“ erfand. Dabei bleibt Walter Mehring ein moderner Dichter des 20. Jahrhunderts, der seine romantische Pietät gut unter den Schleier des ironischen Lächelns zu verbergen weiß. Er macht das wie Ehrenburg, sein großer russischer Kollege, dem man auch nie die Gedanken ablesen kann.

Wer nie im Orient war, wer von dem Lande des Halbmonds nur träumen kann, der lese
keine Reisebeschreibungen, der lese nicht die Mitteilungen der zahlreichen königlichen und nichtköniglichen Akademien der Wissenschaften, der lese die 13 Oasenwunder von Walter Mehring, denn das, was darin steht, ist nicht nur Algier, sondern das ganze Araberland, von den Bergen des Atlas bis zu den Schneegipfeln des Libanon.

(Essad Bey: Walter Mehring: Algier oder Die 13 Oasenwunder; in: Die literarische Welt, Nr. 22, 1927.)

Ernst Richter feiert Walter Mehrings Debüt

Berlin 1920

Unheimlich wuchtet dieses steinerne Meer in die rote Zeit. Schwingend in Tönen, flutend in elektrischen Farben, berstend von Geräuschen, ah eine dämonische Kulisse, schräg gegen den fahlen Horizont gestellt, in dem ein blauer Mond besoffen taumelt. Harfend der Dichter, auf Stahlsaiten, aufsteigend, Brennendes in sich fressend, Geräusche verschluckend, fürwahr ein Nachtwandler, ein grimmassierender Liebhaber.

Berlin – O magisches Zauberbecken, aus dem Wälder auftauchen, Banken, Bahnhöfe. Paläste, Flüsse, Hochbahnen, Automobile, Luftschiffe, Cadeten, und Bankdirektoren, Proleten, Pfaffen, Spaziergänger, Schauspieler und lachende Mädclıen. O Buntheit des einzigen Augenaufschlags, der das Blut in einem Rhythmus rinnen läßt, in einem neuen frechen Walzer . . .  hörst Du? Schieber, Blut, Strolche, schüttelnde Feldgraue, Hasardeure in allen Farben . . . O, schon steigt der Päan aus Schmutz und Rhythmus, schon steigt er in die Sterne, die großen, betrunkenen, streikfreien Sterne der Weltmetropole, der geeinigten Kommune Groß-Berlin!

Auf dem Bauschutt zerbrochener, zertrümmerter Luftschlösser verbeugt sich der junge Cutaway mit dem spitzen Kopf, der von innerem Aufruhr geschüttelt Coupletverse herausschmettert, wie ein Hahn trompetet, der Wortfetzen von sich schleudert wie ein fanatischer Schwindsüchtiger den letzten Lungenrest – meine Damen und Herren in diesem stilvoll gewobenen Rahmen erlaube ich mir den jungen Diclıter Walther Mehring zu präsentieren, der eine besondere Gattung des politischen Couplets neu belebt, gelvanisiert, schicklich appretiert. Diese Couplets fassen mit spitzen etwas verdorbenen Fingern den kleinen Schaumrest von dem Weltmeer ab, der Berlin sich benennt, pusten ihn auf, größer, magischer, verwester spiegelnd, ein Embryo, riesenhafter Ballon, eine Nachtvisioıı mit Schatten, Gespenstern, spiegelnden Erlebnissen – und davon lebt das nun, dieser junge Dichter. Eine chemische Reinigung seines Vorbestellungsbestandes würde ergeben, daß er Mietherr im Kaschemmenviertel ist – aber das lassen wir wohl bleiben, das wollen wir wohl nicht: wir wollen die Romantik der allerrealsten Ereignisse, wir wollen den Dreck und das Brecheisen, das Polizeipräsidium und – natürlich – das Gleisdreieck.

Parbleu, dieses Berlin ist eine ganz neue Erfindung, letzte Neuheit nach dem letzten Streik, vornehmster neuzeitlicher Dessin, in einer halbseidenen Schieberdestille verstohlen herumgereicht. Das ist unser Berlin, in dem wir den Bolschewismus bekämpfen, mit roten Fahnen immer an die Wand lang für die Weltrevolution demonstrieren, Kinos besuchen, das schlankste Füßchen und die dickste Taille prämiieren – o Du herrliche Stadt mit der Sicherheitspolizei, Nachtlokalaushebungen, Schönheitstänzen und es lebe das natura Ballett! Das Alles, meine Damen und Herren, finden Sie bei Waltlıer Mehring. Nur, verstehen wir uns recht, nicht den Worten und Begriffen nach – das bringt die erste beste Lokalzeitung besser: 0 nein, keineswegs, vielmehr als Vorstellung ungewissester und doch präzisester Art, als schaukelnder Klangfetzen, zerbrochener Rhythmus, eckiger Schrei, als nachgeschleudertes Wort, als Vokalkette, als Konsonantencascade – lesen Sie sich das laut vor, meine Herrschaften, es ist einfach der gute Ton, über das Berlin von 1910 unterrichtet zu sein.

Wirkliclı: mein ganzes literarisches Milieu stimmt mich zur Seelenmanicure: hüten Sie sich vor der Rückständigkeit. Dadaistische Ausstellungen besuchen, ein bischen in expressionistische Filme gehen, der Consum des Großen Schauspielhauses, die Lektüre der Roten Fahne – gewiß, das ist alles schon sehr schön, aber fördert wirklich nicht
llıren seelischen Stoffwechsel wie es die Hygiene verlangt. Tun Sie etwas für Ihr darbendes Gehirn. Füttern Sie es mit Melıring. Sie werden begeistert sein von einer neuartigen, entscheidenden Reinigung der Gehirnbahnen. Sie werden den Kurfürstendamm und die lnvalidenstraße, Altmoabit und Bahnhof Alexanderplatz mit neueroberten seelischen Kräften erleben, die Sie selbst überraschen. Was ist Kola-Dultz, was ist Yohimbim dagegen! Versuchen Sie es! Vollziehen Sie Ihre innere Revolution! Man weiß ja nicht, was mit Berlin passiert! Man muß fest auf seinen Beinen stehen, muß auf Alles gefaßt sein, was ein sozialistischer Magistrat in die Welt befördert, muß nicht erschreckt sein, wenn der Magistrat morgen mit schwarzweißroten Fähnchen durch die Friedrichstraße zieht. Verschaffen Sie sich unter allen Umständen einen archimedischen Punkt, einen topographisch sicheren Standort in der geistigen Siedlungsfläche Großberlins. Eine
ernste Lektüre der Mehringschen Couplets bewerte ich wie sieben halbtiefe Kniebeugen. Gehen Sie an die Arbeit.

(Richter, Ernst: Berlin 1920; in: Schall und Rauch, 1. Jg/Nr. 2 vom Oktober 1920; S. 1 f.
Diese Rezension ist einer der ersten Texte, der über ein Buch Walter Mehrings erschienen ist. )

Max Herrmann-Neiße rezensiert das Ketzerbrevier

Walter Mehring: Das Ketzerbrevier

Das Ketzerbrevier (1921)
Das Ketzerbrevier (1921)

Walter Mehrings neueste Coupletsamınlung gibt das Muster eines richtigen Kabarettabends mit Conference und vier Hauptabteilungen. Dieses Muster hat Vielfalt, geistigen wie artistischen Gehalt. Form, Gliederung, Originalität und Anarchie des Gedankens. Was Mehring vor allem zu seinem Metier befähigt, ist eine rhythmische Feinfühligkeit, eine Treffsicherheit, den richtigen Vortragsschwung jedem einzelnen Couplet gleich mitzugeben, daß schon im Takt die Situation sich ausdrückt und Melodik und Stimmung sich vollkommen decken. Seine Verse hämmern sich beim bloßen Lesen ein, sind auch fürs Auge allein schon komponierte Texte. Dabei ergibt sich die verschiedenen Gelegenheiten eine dementsprechende Abwechslung: eine Ahnung vom Tonfall Bruantscher Schreckenslieder „Die Kartenhexe“, „Zum Blauen Affen“, „Cabaret Schwalbennest“), die Kehrreimweise („Moralisches Glockengeläute,“ „Kinderlied“), eine Simultaneität, die von der »Fortgeschrittenen Lyrik« manches nutzte „Graduale“), und schließlich das originalste Produkt eines freien Rhythmusses der Couplet-Teclmik, wie es beispiellos leuchtet in „Die Reklame bemächtigt sich des Lebens“. Es muß einmal konstatiert werden, daß der nun so oft dünner nachgemachte Vortragselan, der die rasende Mechanik des Großstadtgetriebes exakt ausdrückt, und so etwas wie einen ››EXpressionismus« der Brettldichtung, eine im Automobiltempo losgelassene, gebremste und Kurven nehmende Momentaufnahme, zuerst und am intensivsten moussierte in solchen Mehringoriginalen wie „Achtung Gleisdreieck“, „Sensation“, „Salto mortale!“ Er erwischt alte und neue Medien gerade im rechten Moment, ladet sie mit seiner Elektrizität, und eine eigene tadellos funktionierende Walze ist perfekt. Er würfelt die ulkigsten Reime erster und zweiter Ordnung durcheinander, macht aus überstürzendem Radebrechen eines liebestollen Fremdlings die Note des „Kaukasierliedes“, mit aus Niggersong, Ragtime und Operettenrefrain einen „Jazzband“, eine mit Sätzen verübte Tanzorgie, und kurbelt die gute alte Populariät des Berliner Gassenhauers in eine ganz gegenwärtige Vehemenz.

Diejenigen, die zu Unrecht den Mehring nur als den poetischen Lokalreporter gelten lassen möchten, werden durch die Vielseitigkeit dieser Sammlung eines Besseren belehrt; aber das eine stimmt, daß Mehring, unter anderem, den Jargon des »Berliner Schlagers«
wie kein zweiter meistert, ihn für modernste Force gebrauchsfertig machte mit all seinem Mutterwitz, seinen pfiffigen Worteinfällen, dem derben Rotwelsch seiner Respektlosigkeit. Sein Bezirk ist nicht bloß ein Rummelplatz, nicht nur der größre Rummelplatz Berlin,
sondern die heutige Erdoberfläche schlechthin. Dies Buch zeigt die Internationalität seiner Sujets und beweist auch, daß Mehring sich nicht einmal auf ein einziges Temperament, auf eine einzige Gefülsnuance festlegen läßt. Mokante Kaltschnäuzigkeit, absolute Gemüstlosigkeit war die Signatur, mit der man ihn abstempelte, und nun beunruhigen hier in diesem Bändchen auf einmal so gar nicht ins Schema passende Sachen wie z. B. „Die Kälte“, wo ein schnoddriger Spötter – poetisch kommt! Ein Grundzug Mehrings ist schon die blutige Skepsis, die sich von keiner Illusion mehr zu Ehrerhietung anführen läßt und auf die Kaffrigkeit der lieben Umwelt spuckt, aber schonungslosen Zynismus und krasse Verachtung bringt erst der auf, der im Tiefsten einer zarteren Besaitung tödlich enttäuscht wurde. Solches Getroffensein wächst zum diabolischen Aufschrei des Puppenspiels „Die schwarze Messe“. Ein so scharfer Revoltedrang in diesem Schlußstück rumort oder in den Geißelliedern „Litanei“ und „Schwarze Ostern“ – es scheint mir eine Gefahr des Menschenmißtrauens, daß es in der Wirkung das Aufrührerische verliert und dem Publikum als eine bequeme Weltanschauung, die jedes Passivbleiben deckt, wohl eingeht. Alles gleichermaßen zum Speien finden, heißt: sichs allzu leicht machen. Mehring sollte, diesem Verdacht zu entgehn, nicht ganz ohne Route sein. Sonst sieht, was als Gegenteil geplant war, wie Kompromiß aus, der Durchschnitt hört sich doch bloß heraus, was ihm paßt, aus dem „Nekrolog“: „Hetzern . . . uns uffzuwiegeln“ und aus dem Berliner Tempo eine lokalpatriotische Bestätigung.

Max Herrmann-Neiße: Walter Mehring: Das Ketzerbrevier; erschienen in: Berliner Börsen-Courier, Nr. 213 vom 7. Mai 1922.