Walter Mehring: Schwarze Therapie

Verein Berliner Presse: Die Anekdote

Seit Averrhoes hat die arabische Medizin einen guten Ruf. In Sidi Okba konsultierte ich deswegen eine eingeborene Kapazität. Der Arzt, geisterhaft
hager, nahte, gestützt auf einen langen Wanderstab, bekleidet mit nichts als einem Hemd, gehüllt in Nimbus, unter gänzlicher Ausschaltung aseptischer
Methoden.
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Canaille du jour singt „Die Sage vom grossen Krebs“

Canaille du jour sind Christov Rolla, Piano, und Max Christian Graeff, Gesang, aus Luzern. Im Frühjahr 2017 erscheint das neue abendfüllende Programm „Mitgefefühl  zum Teufel – Chansons concrètes“.

Walter Mehrlings Gedicht «Die Sage vom grossen Krebs» erschien in der vor dem Verbot zweitletzten Ausgabe der Wochenzeitschrift «Die Weltbühne» vom 28. Februar 1933. In der Nacht zuvor, der des Reichstagsbrandes, hatte Walter Mehring sein Land bereits fluchtartig verlassen müssen.

Aktuell publiziert in Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre. Hrsg. von Martin Dreyfus. © Elster Verlagsbuchhandlung, Zürich 2014.

Vertonung: Christov Rolla, 2016

Elster Verlag gibt Sturm- und Dada-Texte heraus

Walter Mehring: Sturm und Dada Der Elster Verlag macht weiter! Mit „Stum und Dada – Gedichte, Erinnerungen und Essays das Walter Mehring“ bringt der Zürcher Verleger Bernd Zocher den dritten Band von Walter Mehring in nur vier Jahren heraus. Das ist nicht nur löblich. Es ist vor allem für den Leser ein Fest. Immerhin handelt es sich bei Walter Mehring (1896 – 1981) um einen lesenswertesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In diesem Band sind seine frühsten und etliche späte Texte versammelt. „Elster Verlag gibt Sturm- und Dada-Texte heraus“ weiterlesen

Zum 120. Geburtstag Walter Mehrings

 

Walter Mehring unter Freunden und Kindern, rechts: Paul Citroen (Aufnahme: Martin Wasserzug, 1913) | Quelle: www.luise-berlin.de

In der Derfflingerstraße in Tiergarten gibt es einige Gedenktafeln, die an berühmte oder wichtige Menschen erinnern, die einst hier lebten. An Carl Scheibler, einen wichtigen Chemiker, der sich mit Zucker beschäftigte, wird gedacht. An Ernst Unger, den Leiter einer einst berühmten chirurgischen Privatklinik, wird ebenfalls erinnert. An Herrmann Müller, den Sozialdemokraten und Außenminister der Weimarer Republik, der den Versailler Vertrag unterschrieb, wird erinnert. Das Französische Gymnasium hat hier seinen Sitz und gedenkt mit Tafeln an wichtige Lehrer aus seiner langen Geschichte. Aber in der Derfflingerstraße 3, wo bis zu einem Bombentreffer das Haus stand, in dem Walter Mehring heute vor 120 Jahren geboren wurde, gibt es keine Gedenktafel.

Anders als in Zürich, wo die Stadt das Ehrengrab für den Schriftsteller, Dichter, Kabarettautor und Journalisten bezahlt. In Zürich ist Walter Mehring gestorben. Wesentliche Werke hat er hier nicht mehr geschrieben. Aber die Stadt weiß um seine Bedeutung. Berlin aber, die Stadt, in der Mehring bei DADA mitbegündete und in den Kabaretts der 20er-Jahre zu den bedeutendsten Autoren zählte, hat ihn vergessen. Berlin weiß nicht mehr – oder will nicht mehr wissen – dass Mehring einer der ersten Hörspiel-Autoren im neuen Rundfunk überhaupt war. Berlin will auch nicht daran erinnern, dass mit Walter Mehring einer Kind der Stadt (und nicht ein Zugezogener) zu den großen literarischen und kulturellen Impulsgebern der 1920er-Jahre gehörte. Lediglich die Volksbühne hat vor einigen Jahren mit einer Neuinszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ an ihn und den größten Theaterskandal der Weimarer Republik erinnert.

 

Zwar gibt es den Mehringplatz und den Mehringdamm. Aber die erinnern nicht an Walter Mehring, sondern an Franz Mehring, der nicht mit ihm verwandt war. Der marxistische Historiker, Publizist und frühe Karl-Marx-Biograph ist zwar vielen auch nicht mehr bekannt. Und immer wieder denken Berliner und Zugezogene, dass Platz oder Damm Walter Mehring gewidmet sind, aber sie liegen falsch. Angesichts der großen Bautätigkeit der Stadt wäre es aber durchaus denkbar, eine neue Straße nach Walter Mehring zu benennen. Vielleicht ja zum 125. Geburtstag in fünf Jahren. Es kann doch nicht angehen, dass sämtliche Erinnerungsleistung in Zürich liegt, wo nicht nur die Rechte an seinem Werk verwaltet werden, sondern auch im Elster-Verlag seine Texte neu erscheinen. Nach der „Die verlorene Bibliothek“ der Lyrik-Band „Dass diese Zeit und wieder singen lehre“ und ganz aktuell „Sturm und Dada“.

Walter Mehring: Keine „Drugstore -Amerikaner“

Der Monat 52

Keine  „Drugstore -Amerikaner“

Sehr geehrte Redaktion!

Erich Franzen behauptet in seinem Aufsatz „Europa blickt auf Amerika“ (Heft 50):

„Walter Mehring scheint anzunehmen, daß sich in Amerika die Liebe
nur in der Öffentlichkeit abspiele. Er widmet ihr das Gedicht: 
„Der Drugstore“, in dem folgende Verse stehen:

,Der Held -- der Herzensbrecher
 Der Stratosphären-Cherub,
 Der gestern fremde Dächer
 Unter Bomben begrub:
 __Nun hockt er linkisch in der Reih
 __Und lauscht dem kindischen Geschrei
 ____Heim von Doughhoy-Geplänkeln --
 ____Errötend vor zwei Schenkeln
 ____Ein naseweiser Bub ...'

Was Walter Mehring einige Schwierigkeiten bereiten muß - über die
er sich in seinem Gedicht hinwegsetzt - ist der Gedanke, daß diese 
Drugstore-Amerikaner nicht anders als die Europäer im Kriege wie 
Männer gekämpft haben.“

Es mag Herrn Erich Franzen einige Schwierigkeiten bereiten, Lyrik zu interpretieren, darin, um Verlaine zu zitieren, das Ungewisse sich dem Genauen vermählt…

Der Monat 52Um es in diesem Fall genau zu sagen: weder ist mein Gedicht „Der Drugstore“ „der Liebe in Amerika“ gewidmet, noch habe ich in diesem oder in den insgesamt 15 Gedichten der zusammenhängenden Versfolge „Transatlantischer Psalter“ die schwachsinnige Ansicht verfochten, daß sich in Amerika die Liebe nur in der Öffentlichkeit abspiele. Es schien mir ein kleines Sinnbild der Jugend, daß ein junger Soldat, der „des Krieges Höllenpein durchschritt“, so linkisch und errötend bei einem Ice-cream Soda im Kleinstadt-Drugstore seiner Angebeteten den Hof macht. Ich habe mich in Gedanken nicht „darüber hinweggesetzt“, daß „diese Drugstore-Amerikaner“ — der Ausdruck stammt nicht von mir, er ist mir neu — „nicht anders als die Europäer im Krieg wie Männer gekämpft haben“. Daß amerikanische Bürger, jung und alt, die Menschenrechte verteidigt, ja besser verteidigt haben als viele Europäer, darüber setze ich mich nicht hinweg, da ich genau so gut wie Herr Erich Franzen vor den Verfolgungen einer Diktatur, die den zweiten Weltkrieg entfesselte, in den United States of America eine gesicherte Zuflucht fand – und eine Heimat…
New York

 Walter Mehring

(Walter Mehring:  Keine „Drugstore-Amerikaner“; in: Der Monat, Heft 52/5. Jg. vom Januar 1953; S. 459. )

Gedichtfragment aus dem Nachlaß – von Walter Mehring

Alle Verbrechen;
ausnahmslos alle Laster,
__________________ja, sogar die Freien Künste
ließen sich,
________in ein
monotheistisches / monarchistisches / sowjetisches
________Einheitssystem
_______________untergebracht,
mit anderen, umgekehrten Vorzeichen (Paragraphen)
________allgemeinnützlich
_______________auswerten
(wie in der Musik, durch
________ein # oder b
beliebig
________erhöhen oder erniedrigen) . . .
die Lektüre irgend einer Tageszeitung,
________(ganz gleich auf
_______________welche Gesinnung
___________________man abonniert ist)
der Gesellschafts-Skandal- und Kriminalchronik –
__welch sinnlos-unsinnliche
________Vergeudung
_______________animalischer,
___________________vitaler Geschlechtstriebkräfte,
__welch unnötiger
____________Unkosten-Aufwand
da vertan wird,
______um erotoman veranlagte (talentierte)
Lustmörder
__zu isolieren, statt ihr
____Sperma
______zur Daıwinistischen Zuchtwahl
____zur „Reinkultur einer Herrenrasse“
____________(Dr. Joseph Goebbels)
______zur „inneren Züchtigung“ (Gottfried Benn)
________zu konservieren,
__________statt CS
____________an ein
______________sexualnotleidendes
________________Proletariat
__________________(zu verhökern)

(Gedichtfragment aus dem Nachlaß; in: Die Horen, Ausgabe 125, Bd. 1/27. Jg. vom Frühjahr 1982; S. 24)

Thomas Mann setzt sich für Mehring und Kollegen ein

An Louis B. Mayer                                                                               Pacific Palisades, California
740 Amalfi Drive
[Oktober 1941]

Dear Mr. Mayer:
Es ist nicht meine Gewohnheit, mich in Angelegenheiten einzumischen, die mich nicht unmittelbar angehen; dennoch möchte ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen eine Sache, die mir am Herzen liegt, und mir, wie vielen anderen wohlwollenden Leuten Sorge macht, vertrauensvoll vorzutragen.
Es war eines cler schönsten und verdienstlichsten Vorkommnisse während der letzten turbulenten und so viel Leben und Glück zerstörenden Jahre, ein Vorkommnis, das gewiß niemals vergessen werden wircl, wenn man die phantastische Geschichte der Auswanderung cler europäischen Kultur erzählt, daß zwei große Filmgesellschaften in  Hollywood sich entschlossen, einer Reihe von deutschen und österreichischen Schriftstellern Notverträge zu geben, die diese Männer nicht nur in den Stand setzten, in die Vereinigten Staaten einzuwandern, sondern ihnen auch, wenigstens für eine gewisse Frist, die Grundlage ihrer Existenz sicherten. Der Übersichtlichkeit wegen setze ich Ihnen hier die Namen der fünf Autoren auf, deren sich M.G. M. in so generöser Weise angenommen hat, und füge die Anfangs- und Enddaten ihrer Verträge hinzu.

Alfred Döblin 8. Oktober 1940 – 7. Oktober 1941
Alfred Polgar 24. Oktober 1940 – 23. Oktober 1941
Hans Lustig 10. Dezember 1940 ~ 9. Dezember 1941
Wilhelm Speyer 1o. März 1940 – 9. März 1942
Walter Mehring 5. April 1941 ~ 4. April 1942

Vielleicht darf man sagen, daß der Vorteil des Abkommens zwischen M.G.M. und diesen Schriftstellern nicht ganz allein auf Seiten der Letzteren war. Tatsächlich kann man nicht nur von einem gewissen ideologischen Gewinn sprechen, den die Firma dadurch hatte, daß sie diese angesehenen europäischen Namen mit dem ihren verband, sondern auch rein praktisch ist zum Mindesten in mehreren Fällen ein entschiedener Nutzen für die Studios der M. G. M. zu buchen.
Man versichert mir. daß zum Beispiel. Hans Lustig sich als ein wirklich wertvoller Writer erwiesen hat, und ich weiß, daß Gottfried Reinhardt und Sam Berman Alfred Polgar sehr warm empfehlen und zwar auf Grund seiner besonderen dialogischen Begabung, die er speziell bei der Mitarbeit am letzten Garbo-Film bewährte.
Was Döblin betrifft, so hat cr soeben eine story eingereicht, die bei Mr. Keneth McKenna großes Gefallen gefunden hat. Es ist Döblin ein American „Junior“ Writer zur Seite  gegeben worden, um seine story zu entwickeln. Auch in diesem Fall also hat sich bereits der Wert des Engagements für die Firma erwiesen.
Ich erwähne diese Dinge, die Sie wahrscheinlich so gut wissen wie ich, nur, um dem Vorwurf zuvorzukomınen, der der Firma gemacht werden könnte, wenn Sie den Kontrakt mit den Refugee-Schriftstellern erneuerte: daß nämlich fruchtloses Geld nur zu humanitären Zwecken ausgegeben werde. Und damit habe ich den Wunsch und die Bitte ausgesprochen, die mich und nicht nur mich allein bewegen. Die Zukunft dieser Männer, die in Europa sich durch ihre Schriften Ansehen und Lebensunterhalt erworben haben, macht uns Sorge, und meine, unsere Bitte an Sie, dear Mr. Mayer, geht dahin, Sie möchten das ausschlaggebende Gewicht Ihres Einflusses in die Wagschale werfen, um ein Engagement der genannten Schriftsteller für ein weiteres Jahr zu bewirken. In diesem Jahr kann sich viel ändern, und aus dem Wechsel der politischen Lage können sich neue Wirkungs- und Verdienstmöglichkeiten für die Refugees ergeben. Wenn M.G.M. bis dahin die Verbindung mit ihnen aufrecht erhält, so wäre das zweifellos von jedem Gesichtspunkt aus und vor jeder Kritik zu rechtfertigen. Denn erstens ist mit Bestimmtheit zu hoffen, daß auch Schriftsteller wie Speyer und Mehring sich mit der Zeit dem Studio wertvoll zu machen wissen werden, und zweitens scheint mir keine Frage, daß das Gehalt für einen Mitarbeiter wie Hans Lustig, wenn er nicht auf einen Refugee-Vertrag gekommen wäre, sich so viel höher belaufen würde, als es tatsächlich ist, daß er für mehrere Kollegen mitaufkommt.
Ich möchte noch etwas erwähnen. Zeitweise hörte man, daß die Screen Writers Guild dem Engagement der ausländischen Autoren opposed sei. Dies hat sich als ein vollkommener Irrtum erwiesen. Mir liegt ein Schreiben des Mr. Sheridan Gibney vor, in dem er ausspricht, daß »our organization is open to Writers of all nationalities who seek employment in the motion picture industry. We welcome new talent which scrves to enrich the industry and would consider it highly improper if the Guild should discourage the employment of any of its members for other than lawful or contractual reasons.«
Lassen Sie mich zusaniınenfassen: durch Ihr Eintreten für ein Wiederengagement der Refugee Writer würden Sie Männern einen unschätzbaren Dienst leisten, die im Kulturleben unserer Zeit eine ehrenvolle Rolle gespielt haben und mutmaßlich wieder werden spielen können, wenn man ihnen über diese kritische Zeit hinweghilft, und ich würde den Entschluß dazu sowohl für menschlich schön und dankenswert, als auch für klug halten. Denn das Wenigste, was man sagen kann, ist, daß er der Gesellschaft nicht zum Schaden gereichen würde.
Verzeihen Sie mir den Freimut dieser Worte, aber ich hielt es für meine Pflicht, für diese gefährdeten Kollegen mich einzusetzen und sie Ihrem weitbekannten Wohlwollen zu empfehlen.
Ihr sehr ergebener
Thomas Mann

Ich wäre jederzeit bereit Sie zusanımcn mit Mrs. Dieterle, die sich dieser Sache annimmt , aufzusuchen, wenn Ihnen an einer mündlichen Besprechung gelegen ist.

(Thomas Mann: Briefe 1937 – 1947; Frankfurt (Main): S. Fischer 1963, S.211 ff.)

Mehrings Gedichte neu zu haben: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehreGut 35 Jahre nach der Sammlung der Gedichte Walter Mehrings in der Werkausgabe ist jetzt eine neue Zusammenstellung der wohl wichtigsten lyrischen Texte neu erschienen. Martin Dreyfus hat die Auswahl im Zürcher Elster-Verlag übernommen und ein sehr knappes Nachwort zur Einordnung verfasst. „Dass diese Zeit uns wieder singen lehre“ heißt der 208 Seiten starke Band.

Martin Dreyfus hat aus den 684 Seiten der Werkausgabe seine Auswahl auf 200 Seiten reduziert. Auf einen umfangreichen Anhang zur Erklärung von Bezügen aus der Entstehungszeit der Gedichte verzichtet er komplett. In der Werkausgabe waren das zusätzliche gut 150 Seiten inklusive der beiden Nachwörter von Christoph Buchwald. Der Leser bekommt in der neuen Auswahl also ein Lyrik-Konzentrat Mehrings. Und er muss die Texte für sich wirken lassen. Wissen rund um sie vermittelt die Auswahl nicht. Umso erstaunlicher ist die Wirkung. Manche Gedichte sind in ihrer Form nur aus der Zeit zu verstehen. Die meisten wirken aber noch immer erstaunlich modern und zeitgemäß.

Das liegt vor allem an der Sprache Walter Mehrings. Sie ist fast nie antiquiert. Natürlich sind die Themen historisch, wenn es um den Aufstieg der Nationalsozialisten oder die eigene Exil-Erfahrung geht. Aber selbst diese ist angesichts der weltweiten Fluchtbewegungen, die bis nach Europa schwappen mehr als zeitgemäß. Die menschlichen erfahrungen, die Ängste, die Verluste, die enttäuschten Hoffnungen, die etwa in den „12 Briefen aus der Mitternacht“ so eindringlich geschildert werden, sind deutlich mehr als ein historisches Dokument in Versform. Sie berühren noch immer. Und das eben auch, weil wir keine Tagesschau sehen können, ohne mit den Ursachen und dem Erleben von Flucht und Vertreibung konfrontiert zu werden.

Martin Dreyfuß sortiert de Gedichte chronologisch nach ihrem Erscheinen. Aus allen Lyrik-Bänden Mehrings wählt er aus – und aus den späten Texten ebenso. Es fehlen viele frühe Gedichte. Doch das wird damit erklärt, dass es bald einen weiteren Band mit Texten Mehrings im Elster-Verlag geben soll. In ihm werden dann auch expressionistische und DADA-Gedichte erscheinen.  Leider übernimmt er gerade bei den Briefen aus der Mitternacht nur den Titel des Bandes, in dem sie zuerst erschienen. Sie selbst werden weder im Inhaltsverzeichnis noch im band selbst als solche benannt.

Dennoch ist die Auswahl überzeugend. Und sie ist ein großer Verdienst. Schließlich waren die Gedichte Mehrings nur noch im Antiquqriat erhältlich. Dass der Verlag das Wagnis eingeht, Lyrik zu veröffentlichen, ehrt ihn. Lediglich das Nachwort von Martin Dreyfuß hätte gern etwas ausführlicher sein können. Schließlich richtet sich das Band auch an eine Generation, die erst zu Welt kam, als Walter Mehring 1981 mit 85 Jahren starb. Sie kennen ihn kaum und hätten sich bestimmt über die eine oder andere zusätzliche Info sehr gefreut.

Walter Mehring im Elster-Verlag:
Die verlorene Bibliothek
Dass diese Zeit uns wieder singen lehre – Gedichte Lieder und Chansons

Wilde Bühne 1923 – Walter Mehring bei Trude Hesterberg

1923 bei Trude Hesterberg

Mehring im niederländischen Exil-Band „Brandende Woorden“

Brandende Woorden uit Duitschland

Brandende Woorden uit DuitschlandGedichte von Erich Kästner, Walter Mehring, Ernst Toller, Erich Arendt, Max Ophüls, Alfred Kerr, Emil Ginkel, Kurt Tucholsky, Johannes R. Becher, Erich Weinert, Erhard Winzer und Oskar Maria Graf sind in dieser Anthologie deutscher Exildichtung aus den Niederlanden versammelt. Auf 47 Seiten Martien Beversluis eine einigermaßen repräsentative Auswahl nicht nur zusammengestellt, sondern auch übersetzt. „Brandende Woorden uit Duitschland“ heißt der Band – Verbrannte Worte aus Deutschland.

Beversluis (1894 – 1966) stammte aus einer Pfarrersfamilie. Er dichtete und engagierte sich für die sozialistische Sache. In dieser Phase entstand auch dieser Band bei den Buchfreunden Solidarität (Boekenvrienden „Solidariteit“) in Hilversum. Aber sein linkes Engagement blieb temporär. Später mutierte er zum Nationalsozialisten, für deren Partei niederländische Partei er sogar Bürgermeister einer Kleinstadt wurde. Seine eigene Dichtung schreckte in den 1940er Jahren, den Jahren der deutschen Besatzung auch nicht vor antisemitischer Hetze zurück.

Doch im Jahr 1934 war das noch nicht absehbar. Beversluis arbeitete damals beim Arbeiter Rundfunk Verein (VARA). Hier lernte er Heinhz Kohn kennen, dem er bei seinem Verlagsprojekt Boekenvrienden „Solidariteit“ unterstützte. Els Andringa führt in seinem Buch über das Geflecht der deutschen und niederländischen Verflechtungen des Exils allerdings aus, dass Beversluis trotz seines späteren Antisemitismus keinen seiner Bekannten aus seiner sozialistischen Phase verraten haben soll.

Ein gutes dreiviertel Jahr nach der Bücherverbrennung in Berlin war das kleine Buchprojekt durchaus wichtig. Es zeugte tatsächlich von Sildarität. Und es versuchte Interesse für die verbannten Autoren und ihre verbrannten Texte zu wecken.