Walter Stapper erinnert 1977 an „Die verbrannten Dichter“

1977 hat sich Walter Stapper an „Die verbrannten Dichter“ erinnert und ein Programm mit Liedern dazu erstellt. Walter Mehring, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Lion Feuchtwanger, Heinrich Heine, Bertolt Brecht, Irmgard Keun, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam, Hirsch Glik und Erich Kästner hatte Stapper für sein Programm ausgewählt. Zur Gitarre sang er zu Kompositionen von Hanns Eisler, Peter Janssens und Bela Reinitz dar. In Rezensionen aus dem Jahr 1977, etwa aus den „Nürnberger Nachrichten“, wird das Programm sehr positiv bewertet: „Langanhaltender Beifall dankte Walter Stapper für diese lebendige und farbige literarische Geschichtsstunde.“

Zwei wunderbare Illustrationen von Günther Stiller

"Mord und Totschlag, Gift und Galle" ausgewählt und vorgestellt von Frederik Hetmann mit gar schauerlichen Bildern versehen von Günther Stiller
„Mord und Totschlag, Gift und Galle“ ausgewählt und vorgestellt von Frederik Hetmann mit gar schauerlichen Bildern versehen von Günther Stiller

Wie Flugblätter sind alle Gedichte, Moritaten und Bänkelgesänge des Buches „Mord und Todschlag, Gift und Galle“ gestaltet. Ob Moritaten über Verbrechen aus dem 19. Jahrhundert oder von Aufständen, ob Lieder über historische Ereignisse wie den Frankfreichfeldzug Napoleons oder über Kasper Hauser, Günther Stiller formt treffliche Bilder zu den Texten.

Die Anthologie der Büchergilde Gutenberg wurde von Frederik Hetmann zusammengestellt und herausgegeben. Im sechsten Kapitel versammelte er unter der Überschrift „Dichter spielen Bänkelsänger“ Texte von Theodor Fontane bis Walter Mehring. Natürlich fehlen auch Frank Wedekind, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky nicht. „Zwei wunderbare Illustrationen von Günther Stiller“ weiterlesen

Für Frieder von Ammon ist Walter Mehring der erste deutsche Song-Texter

Ein Song für den Gong

Wie kam der Begriff des Songs in die deutsche Kultur? Der Mann im Mond spielte eine zentrale Rolle dabei – und leider auch ein rassistisches Machwerk, zu dem der Reimvirtuose Walter Mehring 1920 einen gewitzten Gegengesang anstimmte.

Porträt von Helmut HahnAuf die Frage, wer den ersten Songtext in deutscher Sprache geschrieben habe, würden die meisten Menschen wohl ohne zu zögern antworten: Bertolt Brecht. Doch er stammt nicht von ihm, sondern von einem heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Schriftsteller der Weimarer Republik, der für die Literatur dieser Epoche gleichwohl eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat: Die Rede ist von Walter Mehring, einem der faszinierendsten Autoren der zwanziger Jahre. In diesem Jahrzehnt war er, zumal in Berlin, sehr erfolgreich: Einige seiner Gedichte, darunter „Heimat Berlin“ und „Hoppla! Wir leben!“, waren damals in aller Munde, und mit seinem Stück „Der Kaufmann von Berlin“ löste er im Jahr 1929 einen der größten Theaterskandale der Weimarer Republik aus. Kein Wunder, dass aufstrebende jüngere Autoren sich an ihm orientierten: Der junge Brecht etwa ist bei Mehring in die Schule gegangen. „Für Frieder von Ammon ist Walter Mehring der erste deutsche Song-Texter“ weiterlesen

Canaille du jour singt „Die Sage vom grossen Krebs“

Canaille du jour sind Christov Rolla, Piano, und Max Christian Graeff, Gesang, aus Luzern. Im Frühjahr 2017 erscheint das neue abendfüllende Programm „Mitgefefühl  zum Teufel – Chansons concrètes“.

Walter Mehrlings Gedicht «Die Sage vom grossen Krebs» erschien in der vor dem Verbot zweitletzten Ausgabe der Wochenzeitschrift «Die Weltbühne» vom 28. Februar 1933. In der Nacht zuvor, der des Reichstagsbrandes, hatte Walter Mehring sein Land bereits fluchtartig verlassen müssen.

Aktuell publiziert in Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre. Hrsg. von Martin Dreyfus. © Elster Verlagsbuchhandlung, Zürich 2014.

Vertonung: Christov Rolla, 2016

Die wunderbaren Mehring-Interpretationen von Gisela May

Gisela May: Hoppla, wir lebenMehr als die Hälfte des Programms sind Lieder Walter Mehrings. Nicht umsonst hatte Gisela May das Chanson-Programm „Hoppla, wir leben“ genannt. Im Januar 1974 wurden zwei Aufführungen in der Ost-Berliner „Distel“ mitgeschnitten und schließlich auch als Schallplatte veröffentlicht. Diese ist mehr als ein Zeitdokument. Sie ist auch mehr als 40 Jahre später noch frisch. Wer erleben will, dass die Texte Walter Mehrings für die Musik gemacht sind, wird sie immer wieder auflegen. „Die wunderbaren Mehring-Interpretationen von Gisela May“ weiterlesen

Biografischer Abriss Walter Mehrings von Rudolf Hösch

Kabarett von gestern

Kabarett von gesternIn Berlin, der deutschen Hauptstadt, trafen die Klassengegensätze besonders hart aufeinander. Die Regierung Scheidemann-Noske blieb hier nicht bei der platonischen Verkündung der Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“, sondern ging brutal mit Waffengewalt gegen das revolutionäre Proletariat vor, und von dem „Bluthund“ Noske gedeckt, ermordete die reaktionäre Soldateska die Führer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Diese Ereignisse fanden ihre vielfältige Widerspieglung in der Literatur und im politischen Kabarett.

Walter Mehring, der in späteren Jahren, insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg, von seiner damaligen fortschrittlichen Haltung abrückte, dichtete zornerfüllt den „Deutschen Liebesfrühling 1919“:

Herr Noske übt jetzt Volksversöhnung.
Mit Hülsenfreikorps, 5 Mark Löhnung.
Der letzte Mann, der Freiheit grölt,
Wird janz im stillen abgekehlt
Mit Eichenlaub und blut’ger Wade,
Begeistert brüllt die Wachtparade:
___Ach, Noske jib mir `n Frühlingsschmatz,
___Die deutsche Eiche jrünt.
___In Potsdam uff”n Rummelplatz
___Wird klotzig Geld vadient.

Wie genau Mehring die Bourgeoisie durchschaute, zeigt noch heute sein Pamphlet „Mit Samthandschuhen“:
„Seit mein Kaiser in Amerongen sitzt, kräht kein Bourgeois nach ihm, der ihn nicht täglich absetzte. Der Königsstürzer im Klubsessel und Heil-dir-im-Siegerkranz auf der Grammophonwalze, weil die Platte nu mal jekooft is. – Wir haben schließlich doch auch zugesehen, wie das Blut floß – aber man ist aufgeklärt – laßt sie doch die Kokarden tragen – das ist äußerlich. Und außerdem macht sichis sehr schön. – Und innerlich sind wir gut deutsch – schwarz-weiß-rot. Und gute Christen: Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein, hat (zwar nicht Christus) gesagt (aber) Unser Kaiser. Nur ein guter Christ kann ein Demokrat sein, hat Scheidemann noch nicht gesagt. – Gelten lassen und Frieden! Wenn man uns nur das Geld läßt. Achtung! Die Bolschewisten kommen. Jetzt heißt`s zusammenkriechen. Kriechen! Ohne Rangunterschied: Um Gottes willen, Intellektuelle und Proletarier, vereinigt Euch, sonst geht die Kultur des Geldsackes flöten! Das wird Gott nicht wollen!“

Mehrings dichterisches Schaffen dieser Zeit fand seine Grenzen in der individuellen Sicht, aus der er die politisch-aktuellen Ereignisse betrachtete. Der 1896 geborene Dichter leistete aber trotzdem Entscheidendes zur Weiterentwicklung des literarischen Kabaretts in Deutschland. Dazu gehören vor allem seine Gedichte, die die „Weltbühne“ in der Zeit der Weimarer Republik veröffentlichte. Meisterhaft traf Mehring den Nerv der Zeit:

Oben woll’n se grad beraten –
Schnuppern am sozialen Braten,
Unten auf dem Königsplatze –
20 Mann im Heldensatze
Hat sich ’n Leutnant aufgepflanzt.
___Mitten in der Republike –
___Fesch und schnieke
___Geht’s: Heil dir im Siegerkranz!
___Vorne stehn se Kopp an Kopp,
___Hinten drängelt sich der Mob.
___Und die Claque brüllt sich heiser:
___Gebt uns wieder unsern Kaiser!

Mit 23 Jahren wurde Walter Mehring Hausdichter beim zweiten „Schall und Rauch“, dem ersten literarischen Kabarett der Nachkriegszeit. Hier fand er seinen Chansonstil: „Aus Unkenntnis dieser Kunstgattung, dessen spätere Popularität mich die Aufnahme in fast jede seriöse Literaturgeschichte kostete.“

Als Autor formvollendeter, großartiger Songs, Balladen und Chansons gehört Mehring zu den bedeutendsten Autoren des literarisch-politischen Kabaretts in Deutschland. Ausdruck, Rhythmik und die Suggestivkraft seiner Verse sind unverwechselbar. Eisiger  Hohn und schneidende Schärfe wehen aus diesen Strophengebilden entgegen, „aber wie wenige hören es zwischen den Zeilen Walter Mehrings schluchzen“, bemerkt Tucholsky. Mehrings damalige Haltung, seine kompromißlosen Attacken gegen die Bourgeoisie, machten ihn in jenen Jahren zum Mitkämpfer gegen Krieg, Reaktion und Militarismus, wenn es ihm auch nicht gelang, seine Protesthaltung mit der organisierten Kraft der revolutionären Arbeiterbewegung zu vereinen.

(Rudolf Hösch: Kabarett von gestern – nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken und Erinnerungen, Bd. 1, 1900 – 1933; Berlin (Ost): Henschelverlag 1969; S. 164 ff.
Dieser Beitrag aus den späten 1960er-Jahren ist ein gutes Beispiel für die Bewertung des Werkes von Walter Mehring vor dem Hintergrund der Ideologien. Mehring, der sich selbst nie als Kommunisten begriffen hat und auch nie Mitglied einer Partei wurde, wurde genau dies schon seit den 1920er-Jahren immer wieder zum Vorwurf gemacht. Auch im Exil spielte die Frage, ob man für oder gegen die KP war, eine wichtige Rolle. Und nach dem Ende des Dritten Reiches mit der Gründung der beiden deutschen Teilstaaten ebenso. Umso bemerkenswerter ist es, dass Hösch hier auch und vor allem auf die literarische Qualität der texte Merhings abhebt. A.O.)

Walter Mehring stellt Erika Mann eine Rechnung

Erika Mann: Briefe und Antworten

25.8.1934

Teuerste E.M. Ausrufungszeichen

Aus Ihren werten Mustern hab ich mir das tapfere Schneiderlein ausgesucht und sende ich Ihnen selbes gleich zur Anprobe.
Mit dem Schneiderlein ist natürlich ….. gemeint, was ich energisch ableugne, weil es ganz unpolitisch ist.
Ich habs meiner (sehr häßlichen) Nervenverfassung direkt abgeboxt. Würden Sie mir das Eintreffen des tapferen, leicht monomanen Schneiderleins melden?
Und herrlich wärs, Sie dächten mal an mich aus den Geleisen Geratenen. Hier ist nämlich natürlich garnichts mehr zu wollen.
Wissen Sie nicht was in Zürich?
Und schönste Grüße an Ihren ganzen Thespiskarren
von Ihrem WM.

Und nun gehen Sie bitte mal raus und schicken Sie mir die Frau Derektern rein!

 Geehrte Dame,
 erlaube mir anbei eine Figur nach Maß nebst quittierter
 Rechnung zu senden:
 Eine Figur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  0,75 Rappen
 19 Reime à 50 Francs . . . . . . . . . . . . . . . . . 950 Francs
 Stundenlohn (Stunde 1 Franc)                   7 Francs 80 Rappen
 Zugaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Franc 15 Rappen
 _________________________________________________________________
                                              959 Francs 70 Rappen
Selbige Summe (Ausnahmepreis) bitte ich, mir höflichst anläßlich 
meiner baldigen Geschäftsreise nach der Schweiz auf mein Schweizer
Bankkonto überweisen zu wollen!
Hochachtungsvoll                                     Mehring & Co.

So Sie dürfen wieder eintreten! Ich hab bloß Ihrer Prinzipalin die Rechnung präsentiert; ne, ganz bescheiden, weils doch für Sie ist! Sind doch ’ne alte Kundin von mir! Schärfen Sie ihr doch bitte noch mal ein, daß sie mir die paar Pfennige in der Schweiz auszahle, wohinnen ich komme!                Derselbigte

Kleine Gebrauchsanweisung: man kann selbiges Chanson leicht und einfach szenisch gestalten, indem daß man die übliche Schneiderpuppe aufstellt, sich außerdem einer großen Schere und einer Nadel bedient, auch eines Lappens, um nach den Fliegen zu schlagen.
Man trage das Chanson unpathetisch vor und etwas keifend, dergestalt, daß der Diktatorfimmel des Schneiderleins lächerlich wirke.
In der ersten Strophe wird genäht – Refrain Anfang parlando; der Schluß wieder gesungen.
Zweite Strophe wird anprobiert – Spiel mit der Schneiderbüste und dem daran hängenden Rock – bei: Oh es kneift Sie im Schritt wird das Schneiderlein wieder ängstlich und devot…
(Sieben Fliegen) wütend gesummt…
Es waren ihrer sieben – das war nicht übertrieben: zum Publikum als Einwand auf jeglichen Protest…
In der dritten Strophe hantiert das Schneiderlein zuschneidend wild mit der Schere Refrain: erste beide Zeilen ganz parlando, sehr einfach konstatierend gesprochen (bloß nich pathetisch!).
Zu den letzten zwei Zeilen: die Schere mit der Rechten aus der linken Hand ziehen wie ein Schwert aus der Scheide und die Schere dann zum Schluß hochhalten wie ein Schwert!

Erika Mann: Briefe und Antworten(Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 52 ff. 
Das Chanson, um das es in dem Brief geht ist „Die Vogelscheuche“.)

Ernst Richter feiert Walter Mehrings Debüt

Berlin 1920

Unheimlich wuchtet dieses steinerne Meer in die rote Zeit. Schwingend in Tönen, flutend in elektrischen Farben, berstend von Geräuschen, ah eine dämonische Kulisse, schräg gegen den fahlen Horizont gestellt, in dem ein blauer Mond besoffen taumelt. Harfend der Dichter, auf Stahlsaiten, aufsteigend, Brennendes in sich fressend, Geräusche verschluckend, fürwahr ein Nachtwandler, ein grimmassierender Liebhaber.

Berlin – O magisches Zauberbecken, aus dem Wälder auftauchen, Banken, Bahnhöfe. Paläste, Flüsse, Hochbahnen, Automobile, Luftschiffe, Cadeten, und Bankdirektoren, Proleten, Pfaffen, Spaziergänger, Schauspieler und lachende Mädclıen. O Buntheit des einzigen Augenaufschlags, der das Blut in einem Rhythmus rinnen läßt, in einem neuen frechen Walzer . . .  hörst Du? Schieber, Blut, Strolche, schüttelnde Feldgraue, Hasardeure in allen Farben . . . O, schon steigt der Päan aus Schmutz und Rhythmus, schon steigt er in die Sterne, die großen, betrunkenen, streikfreien Sterne der Weltmetropole, der geeinigten Kommune Groß-Berlin!

Auf dem Bauschutt zerbrochener, zertrümmerter Luftschlösser verbeugt sich der junge Cutaway mit dem spitzen Kopf, der von innerem Aufruhr geschüttelt Coupletverse herausschmettert, wie ein Hahn trompetet, der Wortfetzen von sich schleudert wie ein fanatischer Schwindsüchtiger den letzten Lungenrest – meine Damen und Herren in diesem stilvoll gewobenen Rahmen erlaube ich mir den jungen Diclıter Walther Mehring zu präsentieren, der eine besondere Gattung des politischen Couplets neu belebt, gelvanisiert, schicklich appretiert. Diese Couplets fassen mit spitzen etwas verdorbenen Fingern den kleinen Schaumrest von dem Weltmeer ab, der Berlin sich benennt, pusten ihn auf, größer, magischer, verwester spiegelnd, ein Embryo, riesenhafter Ballon, eine Nachtvisioıı mit Schatten, Gespenstern, spiegelnden Erlebnissen – und davon lebt das nun, dieser junge Dichter. Eine chemische Reinigung seines Vorbestellungsbestandes würde ergeben, daß er Mietherr im Kaschemmenviertel ist – aber das lassen wir wohl bleiben, das wollen wir wohl nicht: wir wollen die Romantik der allerrealsten Ereignisse, wir wollen den Dreck und das Brecheisen, das Polizeipräsidium und – natürlich – das Gleisdreieck.

Parbleu, dieses Berlin ist eine ganz neue Erfindung, letzte Neuheit nach dem letzten Streik, vornehmster neuzeitlicher Dessin, in einer halbseidenen Schieberdestille verstohlen herumgereicht. Das ist unser Berlin, in dem wir den Bolschewismus bekämpfen, mit roten Fahnen immer an die Wand lang für die Weltrevolution demonstrieren, Kinos besuchen, das schlankste Füßchen und die dickste Taille prämiieren – o Du herrliche Stadt mit der Sicherheitspolizei, Nachtlokalaushebungen, Schönheitstänzen und es lebe das natura Ballett! Das Alles, meine Damen und Herren, finden Sie bei Waltlıer Mehring. Nur, verstehen wir uns recht, nicht den Worten und Begriffen nach – das bringt die erste beste Lokalzeitung besser: 0 nein, keineswegs, vielmehr als Vorstellung ungewissester und doch präzisester Art, als schaukelnder Klangfetzen, zerbrochener Rhythmus, eckiger Schrei, als nachgeschleudertes Wort, als Vokalkette, als Konsonantencascade – lesen Sie sich das laut vor, meine Herrschaften, es ist einfach der gute Ton, über das Berlin von 1910 unterrichtet zu sein.

Wirkliclı: mein ganzes literarisches Milieu stimmt mich zur Seelenmanicure: hüten Sie sich vor der Rückständigkeit. Dadaistische Ausstellungen besuchen, ein bischen in expressionistische Filme gehen, der Consum des Großen Schauspielhauses, die Lektüre der Roten Fahne – gewiß, das ist alles schon sehr schön, aber fördert wirklich nicht
llıren seelischen Stoffwechsel wie es die Hygiene verlangt. Tun Sie etwas für Ihr darbendes Gehirn. Füttern Sie es mit Melıring. Sie werden begeistert sein von einer neuartigen, entscheidenden Reinigung der Gehirnbahnen. Sie werden den Kurfürstendamm und die lnvalidenstraße, Altmoabit und Bahnhof Alexanderplatz mit neueroberten seelischen Kräften erleben, die Sie selbst überraschen. Was ist Kola-Dultz, was ist Yohimbim dagegen! Versuchen Sie es! Vollziehen Sie Ihre innere Revolution! Man weiß ja nicht, was mit Berlin passiert! Man muß fest auf seinen Beinen stehen, muß auf Alles gefaßt sein, was ein sozialistischer Magistrat in die Welt befördert, muß nicht erschreckt sein, wenn der Magistrat morgen mit schwarzweißroten Fähnchen durch die Friedrichstraße zieht. Verschaffen Sie sich unter allen Umständen einen archimedischen Punkt, einen topographisch sicheren Standort in der geistigen Siedlungsfläche Großberlins. Eine
ernste Lektüre der Mehringschen Couplets bewerte ich wie sieben halbtiefe Kniebeugen. Gehen Sie an die Arbeit.

(Richter, Ernst: Berlin 1920; in: Schall und Rauch, 1. Jg/Nr. 2 vom Oktober 1920; S. 1 f.
Diese Rezension ist einer der ersten Texte, der über ein Buch Walter Mehrings erschienen ist. )

Wilde Bühne 1923 – Walter Mehring bei Trude Hesterberg

1923 bei Trude Hesterberg

Trude Hesterberg singt „Die kleine Stadt“