Der Elster Verlag legt “Die verlorene Bibliothek” neu auf

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag (2013)

“Die verlorene Bibliothek” aus dem Elster Verlag (2013)

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist “Die verlorene Bibliothek” hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung.

Auf 311 Seiten ist der Text in der fast gleichen Form und Typographie gedruckt. Wesentlicher Unterschied ist das Nachwort. Für die Neuausgabe hat Martin Dreyfus dem Text einen Abriss über das Leben und die Haltung Mehrings angefügt, was durchaus sinnvoll ist. Denn 35 Jahre nach der Werkausgabe ist die zeitliche und biografische Einordnung ein Muss, um neuen Lesern den Zugang zu erleichtern. Dreyfus hält sich zurück, den Text zu interpretieren. Er liefert neben der biografischen Verortung einen Abriss der Editionsgeschichte dieses Solitärs der deutschen Exil- und Erinnerungsliteratur. Damit erleichtert er dem Leser den Zugang zum Text. Martin Dreyfus: “‘Die verlorene Bibliothek’ darf – neben dem lyrischen Werk – wohl mit Fug als sein bedeutendes Buch bezeichnet werden.”

Damit liegt er sicherlich richtig. Denn dieses Panorama der Bibliothek seines Vaters, die er erbte, die er bei der Flucht aus Berlin 1933 zurücklassen musste, die ihm nach Wien von Camill Hoffmann nachgeschickt wurde und ihm schließlich nach dem “Anschluss Österreichs” im März 1938 endgültig geraubt wurde, eröffnet den geistigen Horizont des späten 19. Jahrhunderts. Im Exil schrieb Mehring das Buch aus dem Gedächtnis. Das ist so erstaunlich, dass es der Leser heute kaum glauben kann. Lediglich die Zitate überprüfte Mehring in der Public Library von New York, um Fehler im Wortlaut zu korrigieren. Angesichts der Fülle der zitierten und erinnerten Bücher – vor allem der französischen und der deutschen Literatur – ist das in Zeiten des Internets und der billigen Datenspeicher nötigt das enormen Respekt ab.

Die Wortakrobatik Mehrings, die Verknappung und Verquickung unterschiedlicher kultureller und politischer Aspekte erzeugt oft Sätze, die nicht nur erhellend sind. Sie sind vor allem immer wieder – wie seine Verse – eine tiefere Wahrheit an die Oberfläche zaubernd. Kombiniert mit den vielen autobiografischen Passagen, die manchmal zugunsten der Literatur nicht ganz korrekt sind, oft aber knapp und präzise und genauer erinnert als von anderen Exilanten (etwa was die Flucht aus Wien angeht, bei der Herta Pauli wohl mehr ausschmückt als er selbst), entsteht so tatsächlich eine “Autobiografie einer Kultur”, wie es der Untertitel verspricht. Ein Untertitel übrigens, den sein amerikanischer Verleger auf Rat eines Gutachters anfügte und so das Wesen des Buches auf drei Worte brachte.

“Die verlorene Bibliothek” war in den USA und in der Bundesrepublik ein Erfolg. Das Buch wurde auch ins Französische und 2010 ins Niederländische übersetzt. Jetzt liegt das Buch endlich wieder in Deutsch vor. Hoffentlich sorgt das Leserinteresse dafür, dass sich das verlegerische Risiko lohnt.

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

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Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.

Jahre später sagte er: “Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.”

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit “der verlorenen Bibliothek” nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Die verlorene Bibliothek (2013)

Die verlorene Bibliothek (2013)

Walter Mehring 1955: “Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.”

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit “der verlorenen Bibliothek” nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: “Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.”

(Andreas Oppermann am 12. Mai 2013 auf Inforadio)

Die Rezension im Inforadio befindet sich im Audio bei Minute 10.00.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

 

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Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille

Die Stadt Marseille stellt sich ihrer schwierigen Geschichte in den Jahren 1940 bis 1944. Von hier gelang es vielen Intelektuellen vor den NAtionalsozialisten zu fliehen. Unter anderen Walter Mehring, der wie viele andere Dank des Emergency Rescue Committee den Weg in die USA schaffte. Doch viele tausend andere Flüchtlinge wurden aus Marseille deportiert. Sandra Kegel berichtet in der FAZ vom Parcours “Ici-même”, der an die dramatische Flüchtlingssituation erinnert.

 

Parcours „Ici-même“ in MarseilleNur fort von diesem Stern

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen.

Unfassbar blau steht der Himmel über dem Vieux Port. Alles hier ist neu gestaltet, die Stadt hat sich herausgeputzt. Die neunspurige Autostraße um das Hafenbecken wurde verkleinert, der Platz zur großzügigen Promenade erweitert. Und auch wenn sich der Sinn der auf Glanz polierten Eisenkonstruktion, die Norman Foster kürzlich hier errichten ließ, nicht ganz erschließt, so funkelt sie doch hübsch in der Sonne und bietet reichlich Schatten unter dem segelartigen Dach.

Der gesamte Text der FAZ steht hier auf faz.net…

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Radio Bremen schließt einen Vertrag mit Walter Mehring

Vertrag zwischen radio Bremen und Walter Mehring aus dem Jahr 1954

Vertrag zwischen radio Bremen und Walter Mehring aus dem Jahr 1954

Berlin, Hamburg und München waren die Städte, in denen Walter Mehring nach seiner Rückkehr aus den USA in Deutschland versuchte Fuß zu fassen. “Die verlorene Bibliothek” war in den USA ein Erfolg und auch in Deutschland stieß der Text auf Resonsnanz. Aber nicht in dem Umfang, den sich Mehring erhofft hatte. Er war der Heimkehrer, der nicht mit offenen Armen empfangen wurde. So wie ihm erging es vielen.

In den Rundfunkanstalten saßen, wie in Hamburg Axel Eggebrecht, auch viele Exilanten. Sie waren bemüht, ihre Weggefährten ins Programm zu bringen. Und so wurden gerade in den Jahren 1953 bis 1955 relativ viele Interviews mit Mehring in den westdeutschen Rundfunkanstalten produziert. Dieser Vertrag dokumentiert eine dieser Hörfunkproduktionen aus den Tagen, in denen Walter Mehring in Hamburg lebte.

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Zinovia Pouli singt “Wie lange noch?”

Die Griechn Zinovia Pouli singt mit der Begleitung von Andreas Rendoulis am Klavier “Wie lange noch”. Inzwischen scheit es das am häufigsten neu eingespielte Lied Walter Mehrings sein.

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Georg-Michael Schulz schreibt die erste Mehring-Biografie

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz hat eine viel zu lang klaffende  Lücke geschlossen: Vor wenigen Tagen ist die erste Biografie Walter Mehrings (1896 – 1981) erschienen; mit dem schlichten Titel “Walter Mehring”. 22 Jahre nach dem Tod des Dichters, Kabarettisten, Journalisten – oder wie er selbst ganz einfach sagte “Schriftstellers” wird damit ein wichtiger Beitrag zur Erschließung des Werkes und des Lebens des Berliners und Exilanten geschaffen.

Das allein wäre schon verdienstvoll. Dank der präzisen und knappen Form, in der Schulz Leben und Werk zusammenfasst, ermöglicht er aber vor allem all jenen, die Mehring neu für sich entdecken einen perfekten Einstieg. Denn er hat all das weit verstreute Material, das es über Mehring in Nachworten, Rezensionen, Interviews, Briefen, Erinnerungen und vielen anderen Arten gibt, erstmals richtig gebündelt. Dabei schafft er es, sich nicht zu verzetteln, sondern einem stringenten Erzählweg zu folgen.

Der besteht vor allem aus der Analyse aller Werke Mehrings in chronologischer Reihenfolge. Dabei betrachtet er auch die Bücher und Texte, die bislang etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Das gilt vor allem für die Prosa Mehrings, da die Dramen in den vergangenen Jahren – auch von Georg-Michael Schulz – verstärkt interpretiert wurden. Von der Lyrik ganz zu schweigen, die schon immer am stärksten rezensiert und wissenschaftlich analysiert worden war.

Neben der Fülle an Verweisen und Informationen besticht vor allem die offensichtliche Sympathie Schulz’ für Mehring. Dessen ausgefeilte Sprachakrobatik, dessen nahezu unerschöpfliche Fülle an formaler Varianz und dessen unglaubliche Bildung nötigen Schulz nicht nur Respekt ab – bei begeistern ihn offenbar. Für die Biografie ist das gut, denn der Leser wird so trotz der vielen Fakten immer wieder mitgerissen, um das ganze Buch zu lesen und nicht nur die Passage, für die er sich gerade interessiert. Dabei wird Schulz aber nicht zu einem bedingungslosen Mehring-Jünger. Er wahrt die nötige Distanz, um das Werk und das Leben Mehrings fundiert einordnen zu können. Dazu gehört auch, dass er Mehring in seiner Zeit und und in seiner Zerrissenheit, vor allem im Alter gerecht wird. Ein 70 Jahre alter Mann könne nicht mehr wir ein 30-Jähriger schreiben, meint Schulz einmal – und nimmt Mehring damit ikn jedem Lebensalter sehr ernst.

Das einzige, was dem Buch fehlt, ist eine Einordnung des Ehemanns Walter Mehring. Über die Ehe mit Marie-Paule, geborene Tessier, schreibt Schulz wenig. Dabei wird nicht klar, ob es über diese ziemlich unbekannte Phase wirklich keine Quellen gibt, oder ob es dazu im Nachlass von Marie-Paule Mehring, doch noch einiges zu finden wäre. Aber dies ist wirklich nur ein Nebenaspekt, der den Verdienst der ersten Mehring-Biografie keinesfalls schmälern soll.

P.S. Georg-Michael Schulz hat auch zu diesem Blog schon viele hilfreiche Korrekturen und Anmerkungen beigesteuert.

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Die Poesie? Ich pfeif auf sie!

Radio Bremen hat das Feature 2011 produziert, der Deutschlandfunk sendete es am Ostersonntag 2013: “Die Poesie? Ich pfeif aus sie!”. Das Feature von Dorothee Schmitz-Köster und Walter Weber bietet 45 Minuten Walter Mehring aus allen möglichen Perspektiven – vor allem aber mit einer wunderbaren Mischung von O-Tönen Mehrings und vieler anderer, die ihm begegneten oder für die er wichtig war. All das kombiniert mit Einspielungen einiger seiner Lieder, gesungen von Trude Hesterberg, Paul Graetz, Gisela May, Katja Ebstein oder Ernst Busch. Und so entsteht dank der stringenten Regie von Klaus Pilger ein Stück Radio, das tatsächlich Kino im Kopf ermöglicht – und Spaß am Erkennen, Staunen über Unerwartetes und Freude über die schönen Effekte.

Kern des Features sind alte Interview-Passagen Mehrigs, in denen er über sein Leben berichtet. Gisela May, Peter K. Wehrli, Gisela Zoch-Westphal, Volker Kühn und ein einordnender Sprecher kommen ebenfalls zu Wort. Sie erinnern sich an Begegnungen mit Mehring im Zirkus oder bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Zürich. Andere Zitate, etwa von Herrman Kesten und Friedrich Dürrenmatt werden vom Leser eingeführt. Sie alle sind in ein stringentes Textgewebe eingefügt, das vor allem von Walter Mehring selbst getragen wird. Seine Erinnerungen an seine Mutter, die Armeezeit im 1. Weltkrieg oder die Flucht aus Marseille dank der Hilfe von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee erzeugen die Spannung, die notwendig ist, um Hörer 45 Minuten am Radio zu halten – oder am iPod, wo man sich das mp3 des Features anhören kann.

Das Feature besticht durch inhaltliche Genauigkeit und durch formale Vielfalt. Die gespielten Chansons sind ein Genuss, die Klang- und Text-Collagen ein schöner Einfall, um dem Hörer Überraschendes zu bieten. Es lohnt sich also, dem Link unten zu folgen, um sowohl das Manuskript des Features als PDF downloaden zu können als auch das Stück als mp3 hören zu können.

“Die Poesie? Ich pfeif auf sie!” – Eine Revue für Walter Mehring

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Walter Mehring antwortet Erika Mann im Januar 1933

Berlin, 7.1.1933

Liebwerte Künstlerin,

Verzeihen Sie mir, daß ich nicht von mir hören ließ, aber die Arbeit an “Weltbühne” und “Völkischem” – denn so einfach, wie Sie sich das vorstellen, ist es nicht, zweimal pro Woche die Gesinnung zu wechseln – der Satz geht weiter ließ mich nicht zum Schangsonmachen kommen. Weißdergoebbels: es fällt mir in letzter Zeit nichts Chansonartiges ein; was ich anpacke, wird Prosa. Aber vielleicht wissen Sie ein Sujetchen -und dann will ich versuchen, die Reime hinten heranzumachen. Schade, daß Ihre Schenke so weit liegt; wäre sonst schon längst ein mal auf einen Sprung vorbeigekommen. Werden Sie nicht – wie es doch Großunternehmer zu tun pflegen – wieder in der Landeshauptstadt auftauchen, um einigen Zuwachs für Ihr p.p. Etablissement zu erwerben? Es ist schön und edel auf jeden Fall, daß Sie meiner noch gedenken.

Mit pruzzischem: Hie Zollern allewege Ihr W. Mehring

Heute ist ich glaube der siebente Januar 33

Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; Bd. 1, S. 32.
Offensichtlich hatte Erika Mann angefragt, ob Walter Mehring für ihr Kabarett “Pfeffermühle” schreiben könne. Mehring entschuldigt sich humorvoll und voller Sarkasmus wegen der Zeitumsdtände. Selbstverständlich hat er nie für den “Völkischen Beobachter” geschrieben, wohl aber für die “Weltbühne”. Allerdings waren die Umstände kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten so angespannt, dass er selbst mit seinen Mitteln, dem Schreiben, in Berlin wirken wollte und nicht in Zürich.

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Nachmittag und Abend des 11. März 1938 in Wien

Die letzten 24 Stunden in Wien waren für Walter Mehring sehr turbulent. Und wieder einmal sehr außergewöhnlich. Konnte er sich nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 durch seine Selbstverleugnung zum Bahnhof und von dort mit dem Zug nach Paris absetzen, so war er am 11. März 1938 in dirketer Nähe zu einem der wichtigsten Männer der österreichischen Nationalsozialisten, dem Innenminister, Zwei-Tage-Kanzler und dann Statthalter der Ostmark, Arthur Seys-Inquart. Nach der Begegnung im Café Herrenhof machte sich Walter Mehring auf den Weg in sein Zimmer im Hotel Fürstenhof am Westbahnhof. Dort wollte er seine Bibliothek zusammenpacken und sich auf die Flucht vorbereiten. Hertha Pauli und Carl Frucht sortierten in Paulis Wohnung die Manuskripte ihrer Literaturagentur.

Auf den Straßen Wiens sind überall Nazis, die in Österreich von 1933 bis in den Februar 1938 verboten waren. Da der Nationalsozialist Seys-Inquart Innenminister war, war die Polizei verunsichert. Sie sorgte nicht mehr für Sicherheit für jedermann. Wichtigstes Informationsmittel war in diesen Stunden das Radio. Den Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg, der kein deutsches – und damit ist auch österreichisches – Blut vergießen will, erfahren sie über den Hörfunk. Und damit die Notwendigkeit schnell die Flucht vorzubereiten.  Hertha Pauli ruft deshalb sofortaus einer Telefonzelle im Fürstenhof an, um Mehring zu warnen. Und um ihn zu sich zu bitten.

In ihrer Erinnerungen schreibt sie: “Nach neun Uhr kam Mehring, weiß wie die Wand. Die tobenden Horden hatten sein Taxi am Gürtel aufgehalten. Der Chauffeur war durch Seitengassen entkommen, schimpfte auf die ‘Saubagasch’ und vermittelte die neuesten Nachrichten: im ersten Bezirk sei kein Durchkommen mehr, im Bundeskanzleramt säße die SS, Schuschnigg sei verhaftet. Mehring stürzte ans Telephon. ‘Wen willst Du anrufen?’ fragte ich. ‘Paris. Einen Freund am Quai d’Orsay.’ Seine Finger umklammerten schon den Hörer. Die ganze Nacht suchte er von meinem Telephon aus Paris zu erreichen. Daß dies für uns gefährlich sein könnte, war uns nicht klar; wir begriffen bloß, daß die Verbindung nicht zustande kam. Mit fieberhafter Hast taten wir sinnlose Dinge, ohne daß es uns bewußt wurde. Vielleicht einfach deshalb, weil das Leben seinen Sinn verloren hatte. Carli rannte unentwegt mit dem Anti-Nazi-Material hinunter, Mehring telephonierte, ich räumte alte Sachen um. Gegen Mitternacht meldete das Radio: ‘Bundeskanzler Seyß-Inquart hat zur Wiederherstellung der Ordnung in Berlin um den Einmarsch deutscher Truppen ersucht…’ (…) Mehring wagte sich nicht mehr in sein Hotel: im Morgengrauen ging Carli hin, um ihm die nötigsten Sachen zu holen. Er kam mit einem Köfferchen und der Meldung zurück, daß Mehring bereits um zwei Uhr früh von der Gestapo gesucht worden war. Gott sei Dank nicht bei mir…”

Walter Mehrings Erinnerung an diese dramatischen Stunden ist etwas anders. Während Hertha Pauli meint, dass sich Mehring nicht mehr ins Hotel wagte, berichtet er selbst von einem Telefonat mit Julo Formanek, dem Eigentümer des Fürstemhofs, bei dem er gewarnt wurde: “In zwei Telefon-Anfragen entschied sich mein und meiner Bücher Schicksal. Ein Kollege – Arnold Höllriegel -, den ich in der Panik anrief, rief zurück: ‘Wien verloren! Die tschechische Grenze gesperrt! Retten Sie sich!’ Und mein Wirt, den ich anrief, antwortete: ‘Sie kommen besser nicht mehr heim! Sie haben Besuch gehabt und Ihre Bibliothek hat er schon mitgenommen!’ Niemals hatte ich meine Bibliothek so leibhaft Band für Band besessen wie in diesem Augenblick des Verlustes…”

Mehr über die letzten Stunden Mehrings in Wien:
Der letzte Besuch im Café Herrenhof

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Mehrings letzter Besuch des Café Herrenhof in Wien

Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.

Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.

Es ist genau 75 Jahre her, dass der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich Adolf Hitlers erfolgte. Für Walter Mehring und viele andere Exilanten war dies etwas mehr als fünf Jahre nach der Machtübernahme durch Nationalsozialisten ein neuer Schock. Sie mussten an dem 12. März erneut die Verhaftung befürchten – genauso wie die Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten Österreichs. Wien war für Mehring in den Jahren zwischen 1934 und 1938 zu einer Art Heimat geworden. Im Hotel Fürstenhof lebte er inmitten der Bibliothek seines Vaters, die nach Mehrings eigener Erinnerung drei Wände des Zimmers komplett einnahm. Und da Mehring in Wien Hertha Pauli kennen- und lieben lernte, ist im Exil trotz finanzieller Schwierigkeiten und dem Verlust der deutschen Öffentlichkeit sogar von so etwas wie Glück zu Hause.

Hertha Pauli und Walter Mehring haben in ihren autobiografischen Erinnerungsbüchern die dramatische Situation geschildert, die zur Flucht Mehrings mit dem Zug vom Westbahnhof in Richtung Schweiz und Paris führte. Sie stimmen sich nicht in allen Punkten überein. Aber sie zeigen, wie nah Mehring und Pauli den Ereignissen waren. Und das ausgerechnet in einem Caféhaus, dem Café Herrenhof in der Herrengasse fast neben der Hofburg, in der Österreichs Kanzler und Teile des Kabinetts damals ihre Büros hatten und heute haben.

Hertha Pauli und Walter Mehring waren verabredet: “Ein Rendezvous im Café Herrenhof – nicht mit Seyß-Inquart, den ich weder kannte, noch zu kennen wünschte, sondern mit zwei guten Freunden. Ich musste mich beeilen, weil ich mich verspätet hatte.” (HP) Seit dem 15. Februar war Arthur Seyß-Inquart Innenminister im Kabinett Kurt Schuschniggs. Auch dies erfolgte schon auf Druck Adolf Hitlers, der die Beteiligung der Nationalsozialisten an der Wiener Regierung ultimativ gefordert hatte. An diesem 11. März 1938 saß Seyß-Inquart nun im Café Herrenhof. “Wenn man sich beeilt, kann man das Café Herrenhof vom Bristol aus in weniger als zehn Minuten erreichen, nicht aber an jenem 11. März 1938. (…) An jenem Tag hielten mich Polizeisperren auf, weil junge Nationalsozialisten vor der Oper aufzogen. ‘Heil Hitler!’ brüllten sie. Fragend wandte ich mich an einen der Polizisten. Der zuckte die Achseln, aber ein zweiter – Polizisten gehen gern paarweise um – sah mich plötzlich scharf an. (…) Als ich im Herrenhof auftauchte, fand ich die Freunde besorgt. Die ‘Heil Hitler’-Rufe drangen wie ununterbrochenes Hundegekläff zu uns herein. ‘Auch die Polizisten sind Nazis’, flüsterte ich atemlos und verstummte, weil der Ober zu uns trat.” (HP)

Das Rendezvous, wie es Hertha Pauli nannte, war mit Walter Mehring und mit Carl Frucht. Der eine war ihr Geliebter, der andere ihr Partner bei der “Österreichischen Korrespondenz”, einer Literaturagentur. „’Was darf’s sein?’ fragte er (der Ober; A.O.) wie immer. Ich bestellte eine Schale Gold – nur Kaffee, denn mir war der Appetit vergangen.
Im Kreis meiner Freunde erholte ich mich. (…) ‘Du mußt jetzt rasch fort’, riet ich ihm (Walter Mehring; A.O.) im Herrenhof. Seine Ausbürgerung stand auf der ersten Goebbelsliste, was ihn mit Stolz erfüllte. ‘Und du?’ fragte er mich. ‘Bei uns ist es -doch etwas anderes’, erwiderte ich, und  Carli setzte hinzu: ‘Wir müssen am Sonntag wählen.’” (HP)

Carl Frucht und Hertha Pauli glaubten zu diesem Zeitpunkt noch, dass der Einmarsch der Deutschen und damit der Anschluss Östrerreichs durch den für den zwei Tage später angesetzten Wahltermin verhindert werden könnte. In Walter Mehrings Erinnerung liest sich das so: “Am Freitag morgen, einem anachronistisch strahlenden Vorfrühling, marschierte noch unentwegt weiter das alte Wien. Aber schon nahte der Termitenfraß der Nazifizierung dem Abschluß. Schon waren bis auf eine hauchdünne Zelluloseschicht die Mauern achthundertjähriger Kultur zerfressen. Die VF, die ‘Vaterländische Front’, schien mit Fahnen, Abzeichen und Enthusiasmus die Stadt zu beherrschen. Doch nicht die Straße ist das Barometer, sondern das Caféhaus, das Wien dem vorletzten Barbarenansturm, der
Türkenbelagerung, verdankt. Der größte Cafépalast der Innenstadt, Treffpunkt der Literaten, liegt zur Mittagsstunde wie verödet. Zwei Stammgäste nehmen am Nebentisch
Platz. Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau, der gerade aus Deutschland eintrifft. Der Ober, dessen Wohlwollen alle Gäste besonnt, Legitimisten und Illegale, Nazis und Juden, flüstert: ‘Der Seyß hat nur a Suppen bestellt. Jetzt, da wird’s ernst.’” (WM)  Und an einer anderen Stelle noch die Ergänzung: “Und Göring hat aus Berlin angerufen!” (WM)

Hertha Pauli hat noch eine weitere Erinnerung an diesen Mittag im Café Herrenhof: “Unser Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. ‘Herr Dr. Seyß-Inquart, bitte’, rief der Ober. ‘Berlin am Apparat!’ Am Nebentisch erhob sich ein Herr und ging dicht an uns vorbei zum Telephon in die Garderobe. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich bewußt: diesem Mann untersteht jetzt unsere Polizei! Auf dem Sims hinter unserm Ecktisch standen liebliche Barockengelein aus Bronze. Auf einen davon zeigend, flüsterte ich Mehring ins Ohr: ‘Soll ich ihn damit erschlagen?’ Walter schüttelte den Kopf. ‘Hilft nichts – es sind zu viele.’ Der Innenminister kam an seinen Tisch zurück, zahlte und eilte hinaus. Besorgt blickte der Ober ihm nach. ‘Sehr nervös, der Herr Doktor’, bemerkte er vertraulich zu uns. ‘Dem schmeckt heut’ net amal sei’ Apfelstrudel.’“ (HP)

Die Passagen von Hertha Pauli sind in “Ein Riss der Zeit geht durch mein Herz” von Hertha Pauli erschienen. Die von Walter Mehring in “Wir müssen weiter”.

Mehr zu den letzten Stunden in Wien:
Nachmittag und Abend des 11. März 1938

 

 

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