Radio Prag erinnert an einen Fluchthelfer, der auch Walter Mehring helfen konnte

(Am 15. November 2016 hat Till Janzer für Radio Prag einen Beitrag über eine besondere Ehrung für den ehemaligen tschechoslowakischem Diplomaten Vladimír Vochoč veröffentlicht, der hier verlinkt und dessen Anfang hier zitiert wird. Ohne seine Hilfe wäre die Rettungsaktion Varian Frys nicht möglich gewesen. Pässe waren die Veraussetzung, um Visa zu erhalten. Ohne die unkontionelle, ja illegale Fluchthilfe wäre wohl auch Walter Mehrings Flucht von Marseille in die USA unmöglich gewesen. A.O.)

Tschechoslowakische Pässe für die Flucht vor Hitler – Diplomat Vochoč geehrt

Vladimír Vochoč war von 1938 bis 1941 tschechoslowakischer Konsul in Marseille. In der südfranzösischen Hafenstadt half er Verfolgten, vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Dafür ist Vochoč am Montag geehrt worden. Er erhielt von Israel posthum den Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Europa zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wer aus den nationalsozialistisch besetzten Teilen des Kontinents fliehen will, nimmt häufig den Weg über Marseille. 1938 hat Vladimír Vochoč dort die Leitung des tschechoslowakischen Konsulats übernommen. Kaum ein Jahr später sind die Deutschen auch in seiner Heimat einmarschiert. Nun versucht er den Flüchtlingen zu helfen, indem er seine Befugnisse überschreitet. Er gibt Pässe aus, die ihnen die Ausreise in die Freiheit ermöglichen.

Der gesamte Text steht auf der Webseite von Radio Prag (mit Audio)…

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Fritz J. Raddatz schildert Mehrings Warten auf die Flucht in Marseille

„Kaum waren einige gerettet, drängten sich andere. In den Straßen Marseilles sah man immer mehr der unheimlichen Gestalten in langen grauen Mänteln und hohen schwarzen Stiefeln. Nur flüsternd gab der eine dem anderen die Kunde von dem unbekannten Amerikaner und seinem anonymen Komitee. Manchmal trafen die ersehnten Visen ein – für Tote. Für Ernst Weiß, für Walter Hasenclever. „Kann man uns vielleicht an ihre Stelle setzen?“ fragten Walter Mehring und Leonhard Frank. Nein – auch dazu benötigte man eine Genehmigung. Carl Einstein, der Poet und Theoretiker der Negerplastik, erhängte sich in Marseille, als man ihn von der Grenze zurückgeschickt hatte. In der „Bar Mistral“ saßen Mehring und Frank und rätselten über ein Telegramm von Hermann Kesten aus New York: „Das amerikanische Visum? […] Die Antwort? Von Thomas Mann? Nicht direkt. […] Der Satz, über den die Dichter grübelten, lautete: ‚Rescue visa following, by messenger maybe.‘ […] Frank starrte auf das Blatt. Messenger heißt Bote, das weiß ich schon. Was aber heißt maybe?’ Walter sprang ungeduldig auf und begann wie in einem Käfig auf und ab zu gehen. ‚Das habe ich Ihnen doch schon gesagt‘, rief er, ‚maybe heißt: kann sein – vielleicht.’ Frank folgte ihm mit seinem durchbohrenden Blick: ‚Vielleicht, jaja – mehr ja oder mehr nein?’ Mit einem Ruck blieb Mehring vor ihm stehen und erwiderte scharf: .Vielleicht’. Und Frank wiederholte hartnäckig: ‚Mehr ja oder mehr nein? Was heißt maybe?‘“

Der Messenger, der Glücksbote, hieß Varian Fry. Er hatte Listen in der Tasche, darauf standen Namen von Leuten, die er gar nicht kannte – „Hans Natonek, a Czech humorist“ oder „Ernst Weiß, a Czech novelist“ oder der Bildhauer Jacques Lipschitz. Nur scheinbar unberührt sagte er, als er vom Tode Ernst Weiß’ hörte, „nun habe ich auf meiner Liste einen Platz für jemand anders frei“. Das Beschaffen von Visen und Pässen und Bürgschaften und Schiffspassagen war so schwierig, wie das Geld aus New York ins Land zu bekommen, von dem er ja nicht offiziell ausweisen konnte, wo es blieb. Die schwarzen Geldgeschäfte sind so abenteuerlich wie die von einem Wiener Zeichner originalgetreu imitierten Stempel oder die am Hafen gekauften chinesischen Einreise-Visa, die in Übersetzung lauteten: „Der Inhaber dieses Passes darf unter keinen Umständen nach China einreisen.“ Hertha Pauli, der Walter Mehring später seinen Gedichtzyklus „Briefe aus der Mitternacht“ widmete, erzählt von ihrer Erleichterung, wie der junge Mann in Hemdsärmeln mit dem aufgesetzten Pokerface sie in fließendem, akzentfreien Französisch begrüßte: „,Miss Pauli’, sagte er trocken, ‚well – Sie stehen auf meiner Liste.‘ Es schien ihn nicht zu wundern, und sein Gesicht blieb unbewegt. Ein Buster-Keaton-Face nannte ich solche Gesichter. Erst viel später lernte ich, durch solche Masken zu sehen.““ Der gesamte Text steht hier online…

(Fritz J. Raddatz: Der Engel von Marseille; in: Die Zeit vom 5. März 1993)

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Annette Hug findet Walter Mehrings Grabstein

In diesem Quartier, dem Stadtkreis 3 von Zürich, gibt es keine Parke und schon gar keine Promenaden, deshalb spazieren Familien, Rentnerinnen und Unausgeschlafene durch den Friedhof Sihlfeld. Da kann es passieren, dass eine Trauer, die noch keine Worte gefunden hat, einen Namen aus den Gräberreihen herausgreift und sich an einen fremden Stein heftet. Dazu eignen sich besonders die Gräber im Abschnitt A, von der Ämtlerstrasse aus gesehen vorne links. Hier sind die Verstorbenen versammelt, denen eine unbekannte Macht, wahrscheinlich eine Kommission, zugestanden hat, dass ihr Lebenswerk oder die künstlerische Gestaltung ihres Grabsteins einen Verbleib auf dem Friedhof über die 25 Jahre hinaus rechtfertigt, die Normalverstorbenen gewährt werden. Sie eignen sich deshalb, weil sich über die Namen auf diesen Steinen einfach Recherchen anstellen lassen, die der kaum wahrgenommenen Trauer zwar nicht die Worte verschaffen, die sie verständlich machen würden, aber doch eine Anwesenheit. 

So ist es mir mit dem Grabstein des Schriftstellers Walter Mehring ergangen. 1981 ist er in Zürich gestorben, wo er im Zimmer 505 des Zürcher Hotels Opera gewohnt hatte. (Der vollständige Text findet sich hier…)

(Annette Hug: Der gefundene Grabstein von Walter Mehring; in: Neue Wege, Heft 2, 2003; S. 60 ff.)

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George Grosz erinnert sich an Walter Mehring

George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes NeinMit Walter Mehring wurde ich durch Theodor Däubler bekannt; der brachte ihn eines Tages in mein Atelier, das damals in Südende lag und eher einer romantischen Höhle glich. Wir verstanden uns gut, Walter und ich, vom Beginn unserer Freundschaft. Er war der Sohn eines Berliner-Tageblatt-Redakteurs und hatte von seinem Vater Witz, Sarkasmus und Berlinertum geerbt. Als ich ihn kennenlernte, stand er ein wenig unter dem Einflufi futuristischer Dichtung, doch hatte er schon damals seine eigene Linie und sein eigenes Talent für Tempo und dramatische Bewegung. Er war eine gute Mischung: ein Francois Villon von der Spree, mit etwas Heinrich Heine versetzt.  »Weiße mit Schuß«, würde der Berliner sagen.

Nur lebte Walter nicht wie Villon im Schatten von Notre—Dame, sondern im Schatten der Gedächtniskirche und der geschmacklosen, aber protzigen Häuserkulissen des Kurfürstendamms. Dort trug er seine Gedichte und Chansons vor — auf Friedrich Hollaenders Bunter Bühne, in Trude Hesterbergs Kleinkunsttheater, in Max Reinhardts Schall und Rauch. Für ein von Erwin Piscator inszeniertes Ernst-Toller-Drama schrieb er das Chanson »Hoppla, wir leben!«, das überall Sensation machte und von links bis ganz nach rechts Anstoß erregte.

Er wurde viel nachgeahmt, und seine Nachahmer unterboten nicht immer seine Preise, wenn auch meist sein Niveau. Walter Mehring hatte zum Chanson unserer Zeit etwas hinzugefügt, etwas aus moderner Dichtung Stammendes, denn ein richtiger, versteckter Dichter war er auch. Eine dichterische Form, die in Deutschland geschlummert hatte, wurde durch ihn wiedererweckt und auf eine neue literarische Höhe gebracht. Sein größter Schlager aber war und blieb ein Seemannslied, das überall gesungen wurde. Wie manche Nacht saßen wir in der Taverne und grölten:

———-Wir haben die ganze Welt gesehn,
———-Von Boston bis Trapezunt;
———-Wir sahen Walküren, wir sahen Feen —
———-Die Welt ist überall rund —!

Ja, rund ist die Welt — und so durchfuhr Walter sie denn auch bald auf dem kleinen, immer dem Umkippen nahen Boot seiner Lieder. Er fuhr nach Frankreich, das er von allen Ländern am meisten liebte und am Ende doch verlassen mußte, er fuhr über den Ozean, ins sagenhafte Hollywood, aber das war nichts für ihn.

Und dann fuhr er nach Manhattan und lebte jahrelang im Schatten der großn, kalten Häuser am Riverside Drive, die so ganz anders und doch ein bißchen so ähnlich aussahen wie die des Kurfürstendamms im fernen, verschollenen Berlin von 1923 …“

(aus: George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes Nein; Frankfurt (Main) Schöffling & Co.; S. 225 ff.)

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Marthe Kauer erinnert an eine Lesung Mehrings in der Katakombe

Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973Walter Mehring

Wir freuten uns, den Dichter Walter Mehring 1956 in der Katakombe begrüssen zu dürfen.

Er verdiente es, ein echter Poet genannt zu werden.

Er sagte uns, dass er «nie mit schiefem Seitenblick auf Glanz und Ruhm der Literaturgeschichte» geschrieben habe, aber «mit um so wacherem Herzen über die Tiefen des menschlichen Leides» und «mit dem Blick in die Gesichter der Verfolgten und Gequälten».

Nicht die bürgerliche Gesellschaft kritisiere er, sondern das üble Geschwisterpaar Tyrannei und ignorante Dummheit bedenke er überall mit den Trauergesängen seines ironisierenden Hasses.
Sein Bänkelsang und seine Lieder, seine angriffsheissen Stücke und Songs wurden vor dem Herabsinken der braunen Nacht von den berühmtesten Chansonetten Deutschlands als eindringliche Warn-Rufe in ein Land hinausgetragen, das gleich darauf seinen Dichtern den Scheiterhaufen zu den Bücherverbrennungen schichtete.

Walter Mehring ass, wie manche seiner Kollegen, das graue Lagerbrot und führte später das harte Leben der Emigration, die das Gradzeichen nicht allein einer tagespolitisch bedingten, sondern seiner poetischen Haltung bis zu dieser Stunde geblieben ist.

Gerade jetzt tat es gut, einen standhaft gebliebenen Soldaten der Freiheit und einen unbestechlichen Wortführer der Menschenwürde begrüssen zu dürfen.

Des Dichters Antwort auf die selbst gestellte Frage, weshalb er sich ins Gebiet der Lyrik begeben habe, lautet: «Zu keinem Zweck und völlig ziellos.»

«Ziellos», «Zwecklos», so lauten die Aufschriften, die uns Walter Mehring auf die Eintrittskarten ins Reich der poetischen Phantasie schrieb, als eine Präzisierung von Wirklichkeiten von der Eindringlichkeit etwa jener, die uns der Dichter in seinem zehnten BRIEF AUS DER MITTERNACHT zu bedenken gibt, wo die erlauchten Namen des «besten Jahrgangs deutscher Reben» eingemeisselt stehen: Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Ernst Toller und noch vieler mehr, die ihr Leben lassen mussten, damit unsere Freiheit nicht zugrundegehe.

Da sassen wir vor einem Mann, wir seine Zeitgenossen, um ihm zuzuhören, wenn er uns mit den Verszeilen anredete:

Hier steht ein Mann und singt ein Lied
Am Rand der Zeit
Die ausser Rand und Band geriet —
Macht Rast! Ihr habt’s noch weit . . .

Wir hörten einem Dichter zu, der uns Mut geben will, Mut, den Mächtigen der Welt zu widerstehen, den sie uns gerne abhandeln möchten.

Walter Mehring starb in Zürich, sein Grabmal steht vis-à-vis von dem Gottfried Kellers auf dem Friedhof Sihlfeld.

(Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973; Zürich: Pendo-Verlag 1991; S. 105 f.)

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Impressionen von den Proben zu „Sahara“

Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum
Zur Abendveranstaltung am Sonnabend, den 12. November

Nachdem zwei der Reisehörspiele in Szene gegangen sind, scheint es angebracht, die Leitidee dieser beiden Versuche kurz zu fixieren. Beiden gemeinsam war das Bestreben, das Ohr „wandern und freisen“ zu lassen, d.h., die Handlung nur durch die Abwandlung der Hör-Plätze zu schaffen, wobei der – in Versen stilisierte – Text gleichsam das Vehikel bildete. Als Material zum ersten Hörspiel wurden Assoziationen einer See- und Landreise ganz allgemein verwendet: Bahnhof, Rhythmus des Zuges, Zollrevision, Speisewagen, Schiffssirene, Bordmusik, Sturm, Morseticken; die typischen Gespräche im Kupee und an der Reeling. Die einzige Lokaltönung erforderte die Station Marseille. Hauptimpression dieser Stadt: Riesenrummelplatz am Mittelmeer, Glockenläuten, Dampfertuten, Orchestrions, Ausrufe der Fischweiber, Bootsverleiher, Schnurrenerzähler. Das zweite Hörspiel hingegen führt in ein fremdes Klangmilieu: arabisches Viertel. Hier musste der Text (Dialog zwischen Fremden und Führer) noch strenger stilisiert zur Erläuterung dienen. Das „Aufblenden“ des arabischen Stadtteils wurde durch die Aufteilung in ein Nacheinander – nicht Durcheinander – von Lautgruppen erstrebt: Rufe des Bettlerderwisches, Gekeife von Weibern, Straßensänger, Koranrezitation, Sprüche des Mediziners. Die Ausführung dieser akustischen Erlebnisse war nur mit Hilfe von echten Arabern möglich, welche, nach diesen Lautgruppen angeordnet, am Mikrophon vorübergführt wurden.

Walter Mehring

(Walter Mehring: Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum; in: Die Funkstunde Nr. 45, 1927, S. 1458.)

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Zum 120. Geburtstag Walter Mehrings

 

Walter Mehring unter Freunden und Kindern, rechts: Paul Citroen (Aufnahme: Martin Wasserzug, 1913) | Quelle: www.luise-berlin.de

In der Derfflingerstraße in Tiergarten gibt es einige Gedenktafeln, die an berühmte oder wichtige Menschen erinnern, die einst hier lebten. An Carl Scheibler, einen wichtigen Chemiker, der sich mit Zucker beschäftigte, wird gedacht. An Ernst Unger, den Leiter einer einst berühmten chirurgischen Privatklinik, wird ebenfalls erinnert. An Herrmann Müller, den Sozialdemokraten und Außenminister der Weimarer Republik, der den Versailler Vertrag unterschrieb, wird erinnert. Das Französische Gymnasium hat hier seinen Sitz und gedenkt mit Tafeln an wichtige Lehrer aus seiner langen Geschichte. Aber in der Derfflingerstraße 3, wo bis zu einem Bombentreffer das Haus stand, in dem Walter Mehring heute vor 120 Jahren geboren wurde, gibt es keine Gedenktafel.

Anders als in Zürich, wo die Stadt das Ehrengrab für den Schriftsteller, Dichter, Kabarettautor und Journalisten bezahlt. In Zürich ist Walter Mehring gestorben. Wesentliche Werke hat er hier nicht mehr geschrieben. Aber die Stadt weiß um seine Bedeutung. Berlin aber, die Stadt, in der Mehring bei DADA mitbegündete und in den Kabaretts der 20er-Jahre zu den bedeutendsten Autoren zählte, hat ihn vergessen. Berlin weiß nicht mehr – oder will nicht mehr wissen – dass Mehring einer der ersten Hörspiel-Autoren im neuen Rundfunk überhaupt war. Berlin will auch nicht daran erinnern, dass mit Walter Mehring einer Kind der Stadt (und nicht ein Zugezogener) zu den großen literarischen und kulturellen Impulsgebern der 1920er-Jahre gehörte. Lediglich die Volksbühne hat vor einigen Jahren mit einer Neuinszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ an ihn und den größten Theaterskandal der Weimarer Republik erinnert.

 

Zwar gibt es den Mehringplatz und den Mehringdamm. Aber die erinnern nicht an Walter Mehring, sondern an Franz Mehring, der nicht mit ihm verwandt war. Der marxistische Historiker, Publizist und frühe Karl-Marx-Biograph ist zwar vielen auch nicht mehr bekannt. Und immer wieder denken Berliner und Zugezogene, dass Platz oder Damm Walter Mehring gewidmet sind, aber sie liegen falsch. Angesichts der großen Bautätigkeit der Stadt wäre es aber durchaus denkbar, eine neue Straße nach Walter Mehring zu benennen. Vielleicht ja zum 125. Geburtstag in fünf Jahren. Es kann doch nicht angehen, dass sämtliche Erinnerungsleistung in Zürich liegt, wo nicht nur die Rechte an seinem Werk verwaltet werden, sondern auch im Elster-Verlag seine Texte neu erscheinen. Nach der „Die verlorene Bibliothek“ der Lyrik-Band „Dass diese Zeit und wieder singen lehre“ und ganz aktuell „Sturm und Dada“.

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George Grosz lobt Walter Mehring als Grafiker

WALTER MEHRING ALS GRAPHIKER

War Walters Produktion als Schriftsteller kennt, weiß, daß er auch ein sehr guter Zeichner ist. Die meisten seiner dichterischen Werke sind von ihm selbst illustriert, und ich denke, dies ist wohl die ideale Illustration. Walter hat eigentlich immer gezeichnet, von Kindesbeinen an. Eine sogenannte Fachausbildung hat er nicht gehabt. Weder Aktzeichen mit Korrektur, noch Perspektive und Anatomie. Er ist Autodidakt. Mit der  schützenswerten Unbekümmertheit des passionierten Amateurs zeichnet er. Es in ein wenig Sonntagszeichnerei, aber sehr sympathische. Seine Zeichnungen haben den schwerbeschreibbaren Reiz, der oft den Zeichnungen Ungeübter so eine Art kindlichen Charme gibt. Auch das ungehemmt Erzählende, daß sich über Form- und Raum(Kompositions-) problem kühn hinwgesetzt, ist dem naiven Zeichnen des Kindes   verwandt. Auch ein klein wenig von den Zeichnungen Schizophrener ist mit dabei — ohne etwas hineingeheimnissen zu wollen. etwas von der reizvollen Fähigkeit einzelner Blätter Ensors oder des späten Ernest Josephson.

Norwegisches Fischerboot

Norwegisches Fischerboot, wie es schon zu der Nibelungen Zeiten in Gebrauch war. Heute baut man Motoren ein, die Anthrazit-Öfen gleichen.

Melika

Melika, eine der fünf Mozambiten-Siedlungen in der Sahara. Ganz im Vordergrunde: typischer Brunnen mit dem von ihm bewässerten winzigen Grasfleck.

Sogne-Fjord

Landschaft im Sogne-Fjord. Zur Rechten die Stelle, wo Ibsen am ,,Peer Gynt“ dichtete.

Nach der längst erfolgten Heiligsprechung des malenden Kleinbürgers Rousseau hat ja auch heute die offizielle Kritik einen Blick für diese merkwürdigen graphischen Feinheiten, die oft hart an der Grenze des Diletantischen liegen. Walter zeichnet auf, notiert aus der Erinnerung und dem Wissen — manchmal berichterstattet er sozusagen. Ein gewaltiger Felsenkegel, ein norwegisches Tal mit schwarzen Straßen, Beduinen, ein Tisch mit Frohkosten in Schweden, alles wird mit spitzer, ein bißchen verstimmter Börsenfeder  eingeritzt und hingekritzelt. Von links wird begonnen, rechts wird aufgehört. Oder er  zeichnet eine Kette untergehakter Matrosen, die, nach langer Abwesenheit vom  Heimatlandd — voll Freude und ein wenig bezecht nach einem Haus mit übergroßer Nummer Ausschau halten. Mit großer zeichnerischer Begabung ist hier das schwankende Gehen ausgedrückt  — graphisch gut übersetzt. Darauf kommt es an. Mehring zeichnet ja nicht einfach ab, er hebt alle seine Augeneindrücke in eine für ihn sehr charakterisische ironisch-hypochondrische Ebene. Spielt das, was er widergibt, leicht verzaubert ein Tönchen höher oder tiefer, aber niemuals in banalen Klavierschul-Akkorden.

George Grosz

Freudengasse der Oase Biskra

Die Freudengasse der fashionablen Oase Biskra, frequentiert von Soldaten und Cookforschern. (Bei jedem Cooktransport werden die Mädchen zwangskommandiert.)

(Das StachelschweinGrosz, George: Walter Mehring als Graphiker; in: Das Stachelschwein Heft 1, Oktober 1927; S. 12 ff.)

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Helen Adkins zur Freundschaft von Erwin Blumenfeld und Walter Mehring

Helen Adkins, Erwin Blumenfeld, I was nothing but a Berliner, Rudolf Arnheim, Around 1905, Walter Mehring and Paul Citroen met on Derfflinger Strasse, on the “asphalt of which we were raised together“ (Walter Mehring: Citroen Dada; in: Die Weltwoche 1980). In an early letter to Paul Citroen, Mehring drafted the plan for a vaudeville show in which Blumenfeld was to be given the tailor—made role of an improviser. His friendship with „Wee-wee-Dada,” as Blumenfeld called Mehring, was more of a personal, than of an artistic nature. Until the fall of 1916, the three friends Erwin, Paul, and Walter often sat together in the evenings in the Café des Westens. When Blumenfeld returned from the war in November 1918, he stayed with his poet friend.“ (Erwin Blumenfeld; A.O.)

In February 1921, on the occasion of Blumenfeld’s honeymoon in Berlin, the friends came together once more as authors of the work Cafe’ Berlin. The etching renders the dense atmosphere of a literary cafe in Berlin: the guests are smoking, drinking, and polemicizing. Citroen was the only one to command the technique of etching; overall, however, his hand is only recognizable in the drawing of the bride and groom.  The various signatures under the image do not coincide with the depicted figures and suggest that the image was made in commemoration of the evening, maybe even with the idea of it hanging on the wall of Cabaret Grossenwahn.“

Like so many artists of his generation, Mehring aspired to move to Paris: “I must say in advance that throughout four years of war. . . I had planned my ascent of Montparnasse and sworn to myself that I would do it as soon as the Hohenzollern monarchy was overthrown“ (Walter Mehring: Verrufene Malerei). In 1922 he implemented his plan and arranged to meet Tristan Tzara in Paris. At the end of the 1920s, Mehring visited the Blumenfelds in Zandvoort, as recorded in Blumenfeld’s contact prints (Fotografie; A.O.).

Not only did Erwin Blumenfeld love to read and write, he also ardently enjoyed reading out loud. In 1913, he founded a clique together with Citroen and Mehring. The group first comprised boys only; the core members consisted of Rudolf (Rudi) Arnheim, Walter Seliger, Martin Wasserzug, Ernst Kirschbaum, and Walter Joseph; all were enthusiasts of literature, theater, and the visual arts (Fotografien; A.O.). Among the girls later also tolerated in the clique, we find Lotte Herzfeld, to whom Blumenfeld devoted short stories,
poems, and letters. It was Blumenfeld who organized the meetings that took place at everyone’s home in turn. On these occasions, he would either read from his newest literary discoveries or from his own repertoire. In this context, however, he emphasized that he was unable to read out Schiller or Goethe, since he could only recite what he lived.

Walter Mehring was the all-important link between Herwarth Walden’s ”Sturm community” and Berlin Dada; he was also enthralled by the work of George Grosz. Mehring found mention in almost every letter by Erwin Blumenfeld to George Grosz and vice versa. But Blumenfeld was sometimes quite depreciative of his friend, who spent all his life as a bohemian poet par excellence and was maybe not cosmopolitan enough for Erwin’s taste: „Everything here stays Wee-wee Holland, as if Mehring had conceived
it.” (Erwin Blumenfeld 1930; A.O.) And in their correspondence of the 1930s, when commenting on Mehring’s hard circumstances, the tone is more mocking than worried.

Blumenfeld met many of his friends and good acquaintances in the Cafe des Westens in Berlin, called “Café Grossenwahn” (Café Megalomania) by the regulars. It is there, for instance, that he got to know Salomo Friedlaender-Mynona in 1913. He considered this philosopher and writer, born in 1871, as his spiritual father: „It was from his lips that I first heard the magic words ‘psychoanalysis’ and ‘relativity’ and the name of Montaigne. He showed me the emergency exit out of my parent’s home through the ‘Café Megalomania’ (Café des Westens)“ (Erwin Blumenfeld 1999; A.O.) Friedlaender-Mynona’s grotesque Rosa, die schöne Schutzmannsfrau was a very special book for Blumenfeld. He read it out to his clique and wrote one of his own poems on the front page of his personal copy.

(Helen Adkins: Erwin Blumenfeld – I was nothing but a Berliner. Dada Montages 1916 – 1933; Ostfildern: Hatje Cantz 2008; S. 33 ff.)

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Walter Mehring: Keine „Drugstore -Amerikaner“

Keine  „Drugstore -Amerikaner“

Sehr geehrte Redaktion!

Erich Franzen behauptet in seinem Aufsatz „Europa blickt auf Amerika“ (Heft 50):

„Walter Mehring scheint anzunehmen, daß sich in Amerika die Liebe
nur in der Öffentlichkeit abspiele. Er widmet ihr das Gedicht: 
„Der Drugstore“, in dem folgende Verse stehen:

,Der Held -- der Herzensbrecher
 Der Stratosphären-Cherub,
 Der gestern fremde Dächer
 Unter Bomben begrub:
 __Nun hockt er linkisch in der Reih
 __Und lauscht dem kindischen Geschrei
 ____Heim von Doughhoy-Geplänkeln --
 ____Errötend vor zwei Schenkeln
 ____Ein naseweiser Bub ...'

Was Walter Mehring einige Schwierigkeiten bereiten muß - über die
er sich in seinem Gedicht hinwegsetzt - ist der Gedanke, daß diese 
Drugstore-Amerikaner nicht anders als die Europäer im Kriege wie 
Männer gekämpft haben.“

Es mag Herrn Erich Franzen einige Schwierigkeiten bereiten, Lyrik zu interpretieren, darin, um Verlaine zu zitieren, das Ungewisse sich dem Genauen vermählt…

Der Monat 52Um es in diesem Fall genau zu sagen: weder ist mein Gedicht „Der Drugstore“ „der Liebe in Amerika“ gewidmet, noch habe ich in diesem oder in den insgesamt 15 Gedichten der zusammenhängenden Versfolge „Transatlantischer Psalter“ die schwachsinnige Ansicht verfochten, daß sich in Amerika die Liebe nur in der Öffentlichkeit abspiele. Es schien mir ein kleines Sinnbild der Jugend, daß ein junger Soldat, der „des Krieges Höllenpein durchschritt“, so linkisch und errötend bei einem Ice-cream Soda im Kleinstadt-Drugstore seiner Angebeteten den Hof macht. Ich habe mich in Gedanken nicht „darüber hinweggesetzt“, daß „diese Drugstore-Amerikaner“ — der Ausdruck stammt nicht von mir, er ist mir neu — „nicht anders als die Europäer im Krieg wie Männer gekämpft haben“. Daß amerikanische Bürger, jung und alt, die Menschenrechte verteidigt, ja besser verteidigt haben als viele Europäer, darüber setze ich mich nicht hinweg, da ich genau so gut wie Herr Erich Franzen vor den Verfolgungen einer Diktatur, die den zweiten Weltkrieg entfesselte, in den United States of America eine gesicherte Zuflucht fand – und eine Heimat…
New York

 Walter Mehring

(Walter Mehring:  Keine „Drugstore-Amerikaner“; in: Der Monat, Heft 52/5. Jg. vom Januar 1953; S. 459. )

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