Marthe Kauer erinnert an eine Lesung Mehrings in der Katakombe

Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973Walter Mehring

Wir freuten uns, den Dichter Walter Mehring 1956 in der Katakombe begrüssen zu dürfen.

Er verdiente es, ein echter Poet genannt zu werden.

Er sagte uns, dass er «nie mit schiefem Seitenblick auf Glanz und Ruhm der Literaturgeschichte» geschrieben habe, aber «mit um so wacherem Herzen über die Tiefen des menschlichen Leides» und «mit dem Blick in die Gesichter der Verfolgten und Gequälten».

Nicht die bürgerliche Gesellschaft kritisiere er, sondern das üble Geschwisterpaar Tyrannei und ignorante Dummheit bedenke er überall mit den Trauergesängen seines ironisierenden Hasses.
Sein Bänkelsang und seine Lieder, seine angriffsheissen Stücke und Songs wurden vor dem Herabsinken der braunen Nacht von den berühmtesten Chansonetten Deutschlands als eindringliche Warn-Rufe in ein Land hinausgetragen, das gleich darauf seinen Dichtern den Scheiterhaufen zu den Bücherverbrennungen schichtete.

Walter Mehring ass, wie manche seiner Kollegen, das graue Lagerbrot und führte später das harte Leben der Emigration, die das Gradzeichen nicht allein einer tagespolitisch bedingten, sondern seiner poetischen Haltung bis zu dieser Stunde geblieben ist.

Gerade jetzt tat es gut, einen standhaft gebliebenen Soldaten der Freiheit und einen unbestechlichen Wortführer der Menschenwürde begrüssen zu dürfen.

Des Dichters Antwort auf die selbst gestellte Frage, weshalb er sich ins Gebiet der Lyrik begeben habe, lautet: «Zu keinem Zweck und völlig ziellos.»

«Ziellos», «Zwecklos», so lauten die Aufschriften, die uns Walter Mehring auf die Eintrittskarten ins Reich der poetischen Phantasie schrieb, als eine Präzisierung von Wirklichkeiten von der Eindringlichkeit etwa jener, die uns der Dichter in seinem zehnten BRIEF AUS DER MITTERNACHT zu bedenken gibt, wo die erlauchten Namen des «besten Jahrgangs deutscher Reben» eingemeisselt stehen: Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Ernst Toller und noch vieler mehr, die ihr Leben lassen mussten, damit unsere Freiheit nicht zugrundegehe.

Da sassen wir vor einem Mann, wir seine Zeitgenossen, um ihm zuzuhören, wenn er uns mit den Verszeilen anredete:

Hier steht ein Mann und singt ein Lied
Am Rand der Zeit
Die ausser Rand und Band geriet —
Macht Rast! Ihr habt’s noch weit . . .

Wir hörten einem Dichter zu, der uns Mut geben will, Mut, den Mächtigen der Welt zu widerstehen, den sie uns gerne abhandeln möchten.

Walter Mehring starb in Zürich, sein Grabmal steht vis-à-vis von dem Gottfried Kellers auf dem Friedhof Sihlfeld.

(Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973; Zürich: Pendo-Verlag 1991; S. 105 f.)

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Impressionen von den Proben zu „Sahara“

Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum
Zur Abendveranstaltung am Sonnabend, den 12. November

Nachdem zwei der Reisehörspiele in Szene gegangen sind, scheint es angebracht, die Leitidee dieser beiden Versuche kurz zu fixieren. Beiden gemeinsam war das Bestreben, das Ohr „wandern und freisen“ zu lassen, d.h., die Handlung nur durch die Abwandlung der Hör-Plätze zu schaffen, wobei der – in Versen stilisierte – Text gleichsam das Vehikel bildete. Als Material zum ersten Hörspiel wurden Assoziationen einer See- und Landreise ganz allgemein verwendet: Bahnhof, Rhythmus des Zuges, Zollrevision, Speisewagen, Schiffssirene, Bordmusik, Sturm, Morseticken; die typischen Gespräche im Kupee und an der Reeling. Die einzige Lokaltönung erforderte die Station Marseille. Hauptimpression dieser Stadt: Riesenrummelplatz am Mittelmeer, Glockenläuten, Dampfertuten, Orchestrions, Ausrufe der Fischweiber, Bootsverleiher, Schnurrenerzähler. Das zweite Hörspiel hingegen führt in ein fremdes Klangmilieu: arabisches Viertel. Hier musste der Text (Dialog zwischen Fremden und Führer) noch strenger stilisiert zur Erläuterung dienen. Das „Aufblenden“ des arabischen Stadtteils wurde durch die Aufteilung in ein Nacheinander – nicht Durcheinander – von Lautgruppen erstrebt: Rufe des Bettlerderwisches, Gekeife von Weibern, Straßensänger, Koranrezitation, Sprüche des Mediziners. Die Ausführung dieser akustischen Erlebnisse war nur mit Hilfe von echten Arabern möglich, welche, nach diesen Lautgruppen angeordnet, am Mikrophon vorübergführt wurden.

Walter Mehring

(Walter Mehring: Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum; in: Die Funkstunde Nr. 45, 1927, S. 1458.)

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Zum 120. Geburtstag Walter Mehrings

 

Walter Mehring unter Freunden und Kindern, rechts: Paul Citroen (Aufnahme: Martin Wasserzug, 1913) | Quelle: www.luise-berlin.de

In der Derfflingerstraße in Tiergarten gibt es einige Gedenktafeln, die an berühmte oder wichtige Menschen erinnern, die einst hier lebten. An Carl Scheibler, einen wichtigen Chemiker, der sich mit Zucker beschäftigte, wird gedacht. An Ernst Unger, den Leiter einer einst berühmten chirurgischen Privatklinik, wird ebenfalls erinnert. An Herrmann Müller, den Sozialdemokraten und Außenminister der Weimarer Republik, der den Versailler Vertrag unterschrieb, wird erinnert. Das Französische Gymnasium hat hier seinen Sitz und gedenkt mit Tafeln an wichtige Lehrer aus seiner langen Geschichte. Aber in der Derfflingerstraße 3, wo bis zu einem Bombentreffer das Haus stand, in dem Walter Mehring heute vor 120 Jahren geboren wurde, gibt es keine Gedenktafel.

Anders als in Zürich, wo die Stadt das Ehrengrab für den Schriftsteller, Dichter, Kabarettautor und Journalisten bezahlt. In Zürich ist Walter Mehring gestorben. Wesentliche Werke hat er hier nicht mehr geschrieben. Aber die Stadt weiß um seine Bedeutung. Berlin aber, die Stadt, in der Mehring bei DADA mitbegündete und in den Kabaretts der 20er-Jahre zu den bedeutendsten Autoren zählte, hat ihn vergessen. Berlin weiß nicht mehr – oder will nicht mehr wissen – dass Mehring einer der ersten Hörspiel-Autoren im neuen Rundfunk überhaupt war. Berlin will auch nicht daran erinnern, dass mit Walter Mehring einer Kind der Stadt (und nicht ein Zugezogener) zu den großen literarischen und kulturellen Impulsgebern der 1920er-Jahre gehörte. Lediglich die Volksbühne hat vor einigen Jahren mit einer Neuinszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ an ihn und den größten Theaterskandal der Weimarer Republik erinnert.

 

Zwar gibt es den Mehringplatz und den Mehringdamm. Aber die erinnern nicht an Walter Mehring, sondern an Franz Mehring, der nicht mit ihm verwandt war. Der marxistische Historiker, Publizist und frühe Karl-Marx-Biograph ist zwar vielen auch nicht mehr bekannt. Und immer wieder denken Berliner und Zugezogene, dass Platz oder Damm Walter Mehring gewidmet sind, aber sie liegen falsch. Angesichts der großen Bautätigkeit der Stadt wäre es aber durchaus denkbar, eine neue Straße nach Walter Mehring zu benennen. Vielleicht ja zum 125. Geburtstag in fünf Jahren. Es kann doch nicht angehen, dass sämtliche Erinnerungsleistung in Zürich liegt, wo nicht nur die Rechte an seinem Werk verwaltet werden, sondern auch im Elster-Verlag seine Texte neu erscheinen. Nach der „Die verlorene Bibliothek“ der Lyrik-Band „Dass diese Zeit und wieder singen lehre“ und ganz aktuell „Sturm und Dada“.

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George Grosz lobt Walter Mehring als Grafiker

WALTER MEHRING ALS GRAPHIKER

War Walters Produktion als Schriftsteller kennt, weiß, daß er auch ein sehr guter Zeichner ist. Die meisten seiner dichterischen Werke sind von ihm selbst illustriert, und ich denke, dies ist wohl die ideale Illustration. Walter hat eigentlich immer gezeichnet, von Kindesbeinen an. Eine sogenannte Fachausbildung hat er nicht gehabt. Weder Aktzeichen mit Korrektur, noch Perspektive und Anatomie. Er ist Autodidakt. Mit der  schützenswerten Unbekümmertheit des passionierten Amateurs zeichnet er. Es in ein wenig Sonntagszeichnerei, aber sehr sympathische. Seine Zeichnungen haben den schwerbeschreibbaren Reiz, der oft den Zeichnungen Ungeübter so eine Art kindlichen Charme gibt. Auch das ungehemmt Erzählende, daß sich über Form- und Raum(Kompositions-) problem kühn hinwgesetzt, ist dem naiven Zeichnen des Kindes   verwandt. Auch ein klein wenig von den Zeichnungen Schizophrener ist mit dabei — ohne etwas hineingeheimnissen zu wollen. etwas von der reizvollen Fähigkeit einzelner Blätter Ensors oder des späten Ernest Josephson.

Norwegisches Fischerboot

Norwegisches Fischerboot, wie es schon zu der Nibelungen Zeiten in Gebrauch war. Heute baut man Motoren ein, die Anthrazit-Öfen gleichen.

Melika

Melika, eine der fünf Mozambiten-Siedlungen in der Sahara. Ganz im Vordergrunde: typischer Brunnen mit dem von ihm bewässerten winzigen Grasfleck.

Sogne-Fjord

Landschaft im Sogne-Fjord. Zur Rechten die Stelle, wo Ibsen am ,,Peer Gynt“ dichtete.

Nach der längst erfolgten Heiligsprechung des malenden Kleinbürgers Rousseau hat ja auch heute die offizielle Kritik einen Blick für diese merkwürdigen graphischen Feinheiten, die oft hart an der Grenze des Diletantischen liegen. Walter zeichnet auf, notiert aus der Erinnerung und dem Wissen — manchmal berichterstattet er sozusagen. Ein gewaltiger Felsenkegel, ein norwegisches Tal mit schwarzen Straßen, Beduinen, ein Tisch mit Frohkosten in Schweden, alles wird mit spitzer, ein bißchen verstimmter Börsenfeder  eingeritzt und hingekritzelt. Von links wird begonnen, rechts wird aufgehört. Oder er  zeichnet eine Kette untergehakter Matrosen, die, nach langer Abwesenheit vom  Heimatlandd — voll Freude und ein wenig bezecht nach einem Haus mit übergroßer Nummer Ausschau halten. Mit großer zeichnerischer Begabung ist hier das schwankende Gehen ausgedrückt  — graphisch gut übersetzt. Darauf kommt es an. Mehring zeichnet ja nicht einfach ab, er hebt alle seine Augeneindrücke in eine für ihn sehr charakterisische ironisch-hypochondrische Ebene. Spielt das, was er widergibt, leicht verzaubert ein Tönchen höher oder tiefer, aber niemuals in banalen Klavierschul-Akkorden.

George Grosz

Freudengasse der Oase Biskra

Die Freudengasse der fashionablen Oase Biskra, frequentiert von Soldaten und Cookforschern. (Bei jedem Cooktransport werden die Mädchen zwangskommandiert.)

(Das StachelschweinGrosz, George: Walter Mehring als Graphiker; in: Das Stachelschwein Heft 1, Oktober 1927; S. 12 ff.)

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Helen Adkins zur Freundschaft von Erwin Blumenfeld und Walter Mehring

Helen Adkins, Erwin Blumenfeld, I was nothing but a Berliner, Rudolf Arnheim, Around 1905, Walter Mehring and Paul Citroen met on Derfflinger Strasse, on the “asphalt of which we were raised together“ (Walter Mehring: Citroen Dada; in: Die Weltwoche 1980). In an early letter to Paul Citroen, Mehring drafted the plan for a vaudeville show in which Blumenfeld was to be given the tailor—made role of an improviser. His friendship with „Wee-wee-Dada,” as Blumenfeld called Mehring, was more of a personal, than of an artistic nature. Until the fall of 1916, the three friends Erwin, Paul, and Walter often sat together in the evenings in the Café des Westens. When Blumenfeld returned from the war in November 1918, he stayed with his poet friend.“ (Erwin Blumenfeld; A.O.)

In February 1921, on the occasion of Blumenfeld’s honeymoon in Berlin, the friends came together once more as authors of the work Cafe’ Berlin. The etching renders the dense atmosphere of a literary cafe in Berlin: the guests are smoking, drinking, and polemicizing. Citroen was the only one to command the technique of etching; overall, however, his hand is only recognizable in the drawing of the bride and groom.  The various signatures under the image do not coincide with the depicted figures and suggest that the image was made in commemoration of the evening, maybe even with the idea of it hanging on the wall of Cabaret Grossenwahn.“

Like so many artists of his generation, Mehring aspired to move to Paris: “I must say in advance that throughout four years of war. . . I had planned my ascent of Montparnasse and sworn to myself that I would do it as soon as the Hohenzollern monarchy was overthrown“ (Walter Mehring: Verrufene Malerei). In 1922 he implemented his plan and arranged to meet Tristan Tzara in Paris. At the end of the 1920s, Mehring visited the Blumenfelds in Zandvoort, as recorded in Blumenfeld’s contact prints (Fotografie; A.O.).

Not only did Erwin Blumenfeld love to read and write, he also ardently enjoyed reading out loud. In 1913, he founded a clique together with Citroen and Mehring. The group first comprised boys only; the core members consisted of Rudolf (Rudi) Arnheim, Walter Seliger, Martin Wasserzug, Ernst Kirschbaum, and Walter Joseph; all were enthusiasts of literature, theater, and the visual arts (Fotografien; A.O.). Among the girls later also tolerated in the clique, we find Lotte Herzfeld, to whom Blumenfeld devoted short stories,
poems, and letters. It was Blumenfeld who organized the meetings that took place at everyone’s home in turn. On these occasions, he would either read from his newest literary discoveries or from his own repertoire. In this context, however, he emphasized that he was unable to read out Schiller or Goethe, since he could only recite what he lived.

Walter Mehring was the all-important link between Herwarth Walden’s ”Sturm community” and Berlin Dada; he was also enthralled by the work of George Grosz. Mehring found mention in almost every letter by Erwin Blumenfeld to George Grosz and vice versa. But Blumenfeld was sometimes quite depreciative of his friend, who spent all his life as a bohemian poet par excellence and was maybe not cosmopolitan enough for Erwin’s taste: „Everything here stays Wee-wee Holland, as if Mehring had conceived
it.” (Erwin Blumenfeld 1930; A.O.) And in their correspondence of the 1930s, when commenting on Mehring’s hard circumstances, the tone is more mocking than worried.

Blumenfeld met many of his friends and good acquaintances in the Cafe des Westens in Berlin, called “Café Grossenwahn” (Café Megalomania) by the regulars. It is there, for instance, that he got to know Salomo Friedlaender-Mynona in 1913. He considered this philosopher and writer, born in 1871, as his spiritual father: „It was from his lips that I first heard the magic words ‘psychoanalysis’ and ‘relativity’ and the name of Montaigne. He showed me the emergency exit out of my parent’s home through the ‘Café Megalomania’ (Café des Westens)“ (Erwin Blumenfeld 1999; A.O.) Friedlaender-Mynona’s grotesque Rosa, die schöne Schutzmannsfrau was a very special book for Blumenfeld. He read it out to his clique and wrote one of his own poems on the front page of his personal copy.

(Helen Adkins: Erwin Blumenfeld – I was nothing but a Berliner. Dada Montages 1916 – 1933; Ostfildern: Hatje Cantz 2008; S. 33 ff.)

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Walter Mehring: Keine „Drugstore -Amerikaner“

Keine  „Drugstore -Amerikaner“

Sehr geehrte Redaktion!

Erich Franzen behauptet in seinem Aufsatz „Europa blickt auf Amerika“ (Heft 50):

„Walter Mehring scheint anzunehmen, daß sich in Amerika die Liebe
nur in der Öffentlichkeit abspiele. Er widmet ihr das Gedicht: 
„Der Drugstore“, in dem folgende Verse stehen:

,Der Held -- der Herzensbrecher
 Der Stratosphären-Cherub,
 Der gestern fremde Dächer
 Unter Bomben begrub:
 __Nun hockt er linkisch in der Reih
 __Und lauscht dem kindischen Geschrei
 ____Heim von Doughhoy-Geplänkeln --
 ____Errötend vor zwei Schenkeln
 ____Ein naseweiser Bub ...'

Was Walter Mehring einige Schwierigkeiten bereiten muß - über die
er sich in seinem Gedicht hinwegsetzt - ist der Gedanke, daß diese 
Drugstore-Amerikaner nicht anders als die Europäer im Kriege wie 
Männer gekämpft haben.“

Es mag Herrn Erich Franzen einige Schwierigkeiten bereiten, Lyrik zu interpretieren, darin, um Verlaine zu zitieren, das Ungewisse sich dem Genauen vermählt…

Der Monat 52Um es in diesem Fall genau zu sagen: weder ist mein Gedicht „Der Drugstore“ „der Liebe in Amerika“ gewidmet, noch habe ich in diesem oder in den insgesamt 15 Gedichten der zusammenhängenden Versfolge „Transatlantischer Psalter“ die schwachsinnige Ansicht verfochten, daß sich in Amerika die Liebe nur in der Öffentlichkeit abspiele. Es schien mir ein kleines Sinnbild der Jugend, daß ein junger Soldat, der „des Krieges Höllenpein durchschritt“, so linkisch und errötend bei einem Ice-cream Soda im Kleinstadt-Drugstore seiner Angebeteten den Hof macht. Ich habe mich in Gedanken nicht „darüber hinweggesetzt“, daß „diese Drugstore-Amerikaner“ — der Ausdruck stammt nicht von mir, er ist mir neu — „nicht anders als die Europäer im Krieg wie Männer gekämpft haben“. Daß amerikanische Bürger, jung und alt, die Menschenrechte verteidigt, ja besser verteidigt haben als viele Europäer, darüber setze ich mich nicht hinweg, da ich genau so gut wie Herr Erich Franzen vor den Verfolgungen einer Diktatur, die den zweiten Weltkrieg entfesselte, in den United States of America eine gesicherte Zuflucht fand – und eine Heimat…
New York

 Walter Mehring

(Walter Mehring:  Keine „Drugstore-Amerikaner“; in: Der Monat, Heft 52/5. Jg. vom Januar 1953; S. 459. )

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PEM: WALTER MEHRING MACHT EIN GEDICHT AUF MICH

WALTER MEHRING MACHT EIN GEDICHT AUF MICH

Roland von BerlinNichts ist schwerer, als einen Artikel über sich selbst zu schreiben; aber in diesem Falle lohnt es sich. Wenn ich es nämlich nicht tue, so geht ein Gedicht verloren, das zu den  literarischen Kuriositäten gehört, denn in noch so „gesammelte Werke“ paßt es nicht hinein. Und es hat den besten Berliner Chansonnier zum Verfasser — Walter Mehring.
Das muß kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein, als wir uns trafen. Ich hatte schon reimlose Verse von Mehring in der „Aktion“ und in Mynonas „Der Einzige“ gelesen, und wie aktuell waren diese Gedichte:

 

____„Schon revoltieren die ersten amerikanischen Lebensmmittel
____im Magen der Kapitalisten.
____Berlin --
____Dein Tänzer ist der Tod.“

Dann gab es da eine illustrierte Zeitschrift „Bühne und Film“, in der Mehring zu schreiben begann. Einmal sandte man ihn zu einem Boxkampf, und er nahm sich, einen Zeichner mit, der seinen Artikel bebildern sollte. Der Chef warf ihn fristlos mit der Begründung hinaus:
„Wir brauchen keine Kinderzeichnungen“, und dieser Künstler war doch George Groß (sic!) gewesen. Ein paar Jahre später hörten wir Mehrings Chansons im „Schall und Rauch“; Gussy Holl und Paule Grätz waren seine Interpreten; und Spolianski, Holländer und Allen Grey seine Musikanten. Schließlich entdeckten ihn Maximilian Harden in der „Zukunft“ und Kurt Tucholsky in der „Weltbühne“ für eine größere Öffentlichkeit. Man stelle sich vor: Tucholsky, der selbst Chansons schrieb, entdeckte sich einen Konkurrenten…

Mehring schrieb viele, viele unvergeßliche Gedichte, die ich heute noch auswendig kann. „In Hamburg an der Elbe, gleich hinter dem Ozean …“ für Lambertz-Paulsen, und „In diesem Hotel der Erde, ist die Kreme der Gesellschaft zu Gast …“ für Kate Kühl.

Und nun also sitzt Walter Mehring in New York, und ich halte ein Gedicht in den Händen, das nirgends erschienen ist, weil es sehr privat ist. Wir sahen uns viel in Wien, wo wir im Exil lebten. Und zu einem meiner vielen Geburtstage brachte er mir ein Gedicht — und zur Erklärung habe ich nur zu sagen, daß ich in dem Ruf stehe, ein gutes Gedächtnis zu haben. Hier ist es, damit es nicht verlorengeht:

Unserem Eckermann Pem

Eviva Heil. Und Juden raus.
Noch ein Protest -- dann ist es aus.
__Dann wird es alles aufnotiert
__in Leder -- mehrfach illustriert.

Adolf. Benito ... Wer war noch?
Ein großes Loch. Ein großes Loch.
__Wer war's, der in dasselbe kroch?
__Wen hat die Garbo einst umgarnt?
__Wer hat die Kohns beim Film getarnt? 

Wer wèiß, wie wirklich Bronnen hieß?
Wo stand der Stammtisch der Genies?
__Wer lebte im Exil? - Wovon?
__Ein Sternlein steht im Lexikon.

Als Quelle: Unter anderem
Besiehe PEM - Besiehe PEM.
Wann rückte Kerr aus - in den Krieg?
Wann war die deutsche Republik?
__Wann lebte Goebbels' Großmama?
__Wer siegte wann bei Adua?

Wer hat Teutschlands Geschick gelenkt?
Von wann bis wo? Geschenkt. Geschenkt.
__Doch wer hat ddauernd umgeschwenkt?
__Olympisch sich mit Ruhm bekleckt
__und ständig über's Ziel geleckt?

Wer hat sich gleichgeschaltet -- und
quatschte heroisch aus'm Mund?
__Wie lebt der Emigrant... wovon?
__Das steht dann nie im Lexikon...

Er lebt aus Dawke und Bestemm
Besiehe Pem - Besiehe Pem.

Mehring hat es 1936 in Wien geschrieben, und was für ein Prophet er war
____________________________________________________PEM (LONDON)

(PEM: Walter Mehring macht ein Gedicht auf mich; in: Roland von Berlin, Heft 39/1948 vom 26. September 1948; S. 22 f.; PEM ist das Pseudonym von Paul Marcus.)

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Gedichtfragment aus dem Nachlaß – von Walter Mehring

Alle Verbrechen;
ausnahmslos alle Laster,
__________________ja, sogar die Freien Künste
ließen sich,
________in ein
monotheistisches / monarchistisches / sowjetisches
________Einheitssystem
_______________untergebracht,
mit anderen, umgekehrten Vorzeichen (Paragraphen)
________allgemeinnützlich
_______________auswerten
(wie in der Musik, durch
________ein # oder b
beliebig
________erhöhen oder erniedrigen) . . .
die Lektüre irgend einer Tageszeitung,
________(ganz gleich auf
_______________welche Gesinnung
___________________man abonniert ist)
der Gesellschafts-Skandal- und Kriminalchronik –
__welch sinnlos-unsinnliche
________Vergeudung
_______________animalischer,
___________________vitaler Geschlechtstriebkräfte,
__welch unnötiger
____________Unkosten-Aufwand
da vertan wird,
______um erotoman veranlagte (talentierte)
Lustmörder
__zu isolieren, statt ihr
____Sperma
______zur Daıwinistischen Zuchtwahl
____zur „Reinkultur einer Herrenrasse“
____________(Dr. Joseph Goebbels)
______zur „inneren Züchtigung“ (Gottfried Benn)
________zu konservieren,
__________statt CS
____________an ein
______________sexualnotleidendes
________________Proletariat
__________________(zu verhökern)

(Gedichtfragment aus dem Nachlaß; in: Die Horen, Ausgabe 125, Bd. 1/27. Jg. vom Frühjahr 1982; S. 24)

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Torsten Blume stellt das Bühnenbild für „Der Kaufmann von Berlin“ vor

Festakt – 120 Jahre Volksbühnenbewegung – Vortrag von Torsten Blume – Raumapparate. Moholy-Nagy und das Theater der Totalität from Volksbühne Berlin on Vimeo.

 

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Die geplatzte Hochzeit von Walter Mehring und Ilse Winter in Paris

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus„Schon im Sommer 1933 sind alle Berliner Theater unter neuer Leitung und viele jüdische Schauspieler und Regisseure arbeitslos. Ilse hört Schlimmes, fürchtet sich und beschließt, nach Paris zu fahren, wo sich schon viele Freunde aufhalten, auch Walter Mehríng, der seit Jahren zwischen Berlin und Paris hin und her lebt. Die beiden gefallen einander und ziehen zusammen, in kleine Hotels. llse liebt Abenteuer und ist womöglich auch froh, ihre Mutter auf Distanz zu haben.

Sie macht Gelegenheitsjobs und genießt, zweiundzwanzigjahre jung, das freie Leben. Sie verdient kleines Geld in den Synchronstudios von Joinville, Walter schreibt in den Boulevards. llse verkehrt in der Russischen Kolonie, lernt Ilja Ehrenburg kennen und übernimmt Gelegenheitsarbeiten im kommunistischen Verlag von Willi Münzenberg. (Münzenberg, der Medienzar der KPD, produziert im Pariser Exil die rote Agitationspresse; den Gegen-Angrıff und die Braunbücher, in denen die Verbrechen der Nazis denunziert werden.) Münzenberg ist ein bisschen in Ilse verknallt und geht gern mit ihr Russisches Billard spielen. Er füttert sie vormittags mit Croissants und beschwipst sie nachmittags mit Suze und Pastis. Bei guter Laune führt er Ilschen auch gemeinsam mit Walter zum  »Sattessen« aus.

Ilse verbringt aufregende Tage auf dem legendären Schriftstellerkongress in den überfüllten Hallen der Mutualité, lässt sich noch ein Kind  » wegmachen«, diesmal von einer Engelmacherin in der Banlieue Marnes la Coquette, und kümmert sich um den »verbrannten Dichter« Arthur Holitscher in seinem Elendsquartier in der Rue de Rennes. (Holitscher stirbt 1941 einsam in einem Männerheim der Heilsarmee in Genf. Die Totenrede hält Franz Musil.)

Noch ein letztes Mal reist Ilse nach Berlin: im Sommer 1934. (…)

In ihrem zweiten Jahr hausen Ilse und Walter in einem kleinen Zimmer unter dem Dach des Hotels Trianon in der Rue de la Harpe, wo auch Jean Genet zeitweise wohnt. Sie beschließen zu heiraten. Im Frühjahr 1935 erscheinen Ilse Winter und Walter Mehring vor dem Standesbeamten des VI. Arrondissements. Marie (Ilse Winters Mutter; A.O.) wird benachrichtigt und erhält eine Reisegenehmigung aus »besonderem Anlass«, um für drei Tage dabei zu sein, wenn ihr einziges Kind das Ja-Wort sprechen wird. Sie kennt Mehring aus Berlin und hat sich »weiß Gott« einen anderen zum Schwiegersohn gewünscht, einen, der Ilse die Flausen aus dem Kopf treiben kann und ein Ziel im Leben hat. Mehring ist für Marie ein brotloser Literat und Hungerkünstler aus dem »verdammten« Theatermilieu, das ihre Tochter auf dem Gewissen hat. Mehrings Mutter, die Sängerin Hedwig Löwenstein, eine strenge alte Dame wilhelminischer Prägung, die ihren Sohn vergöttert und der jede Frau in seiner Nähe suspekt ist, reist gar nicht erst an. In letzter Minute fürchtet sich Ilse vor einem Leben in den kleinen Hotels und einer prekären Zukunft an der Seite von Mehring. Die Boheme am Rand der Armut macht ihr Angst. So sagt sie denn vor dem Standesbeamten auf die Frage, ob sie Monsieur Walter Mehring zum Gatten nehmen möchte, spitz »Non!«, was Walter und Ilse nicht im Geringsten daran hindert, wieder in ihr kleines Hotel zurückzukehren. Das Leben hat ihr die Männer immer vorgesetzt.

ln solcher Ménage lebt Mademoiselle Winter noch ein halbes Jahr, bis sie sich entschließt, im Spätsommer 1935 nach Wien zu Tante Annie, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, zu reisen, um wieder am Theater zu arbeiten. Sie nimmt den Nachtzug, den zur selben Zeit auch Ilja Ehrenburg auf dem Weg nach Moskau besteigt.“

(zitiert aus: Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 57 – 62)

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