Erich Grisar hält Walter Mehring 1946 für tot

Erich Grisar (Hg.): Denk ich an Deutschland in der Nacht - Eine Anthologie deutscher Emigrantenlyrik Aber auch jene Dichter, die die Tiefe ihrer Gefühle hinter der strengen Sachlichkeit ihres Stils zu verbergen trachten, haben schwer an der Verlassenheit getragen, in die das Schicksal sie gestoßen. So bekennt Walter Mehring – der doch vor 1933 schon lange Jahre in Paris lebte und mit dieser Stadt so verwachsen war, daß er ihr einen Roman widmete -, daß er manchmal im Schlaf berlinert, und als man Alfred Kerr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, dichtete er:

Deutschland, kein winselndes Abschiedsweh!
Liebe dich doch wie eh und jeh.
Bin aus dir (nicht von dir) verbannt,
Wende den Fuß nun anderwärts,
Bist du dereinst nicht Hitlerland,
Drück ich dich wieder ans Herz.

Es mußten viele Jahre voll schmerzlichen Geschehens vergehen, ehe diese Hoffnung sich erfüllen durfte. Mancher hat die Spannung der langen Trennung nicht ausgehalten und seinem Leben ein vorzeitiges Ende bereitet, wie Kurt Tucholski (sic!), Ernst Toller, Walter Mehring, Stefan Zweig und Ernst Weiß. Andere wie Max Hermann Neiße, Joseph Roth und Robert Musil sind gestorben, ohne die Heimat wiederzusehen, ein Schicksal, das ebenso Georg Kaiser und Franz Werfel widerfahren ist, wenn sie auch das Ende des Regimes, das sie aus dem Lande trieb, noch erleben konnten.

Wenn zu der hier getroffenen Auswahl noch einige Worte gesagt werden dürfen, so ist zu betonen, daß alle vorgelegten Gedichte aus der ersten Zeit des Hitlerreiches stammen. Das bedingt, daß manches von ihnen stofflich überholt ist. Doch eben das war der Grund, die
Gedichte, die bisher nur in Abschriften in Umlauf waren, neu vorzulegen; denn sie sind unverwischbare Zeugen einer Zeit, die uns damals unerträgliche Barbarei zu sein dünkte und die, wie wir zu unserem Leid erfahren mußten, doch nur das uns heute fast harmlos scheinende Vorspiel einer Epoche war, die Schuld und Verbrechen ins Maßlose häufte.

Die Art des Entstehens dieser Sammlung führte dazu, daß mancher bekannte Name fehlt, aber neben den Lücken wird der Leser auch auf manches Wertvolle Gedicht stoßen, das heute an keiner anderen Stelle mehr auffindbar sein dürfte; denn obwohl mehr als ein Jahr vergangen ist, seit der furchtbare Alp von uns gewichen ist, der länger als ein Dutzend Jahre auf uns allen lastete, ist doch (von Glaesers Roman „Der letzte Zivilist“ und Langhoffs Moorsoldaten“ abgesehen) noch so gut wie keins der Bücher, die in der Emigration geschrieben Wurden, in Deutschland neu herausgegeben worden. Dieser Tatsache entnehmen Verlag und Herausgeber die Berechtigung, diese kleine Sammlung vorzulegen, um dem deutschen Leser einen Hauch von jenem Geiste zu vermitteln, der jenseits der deutschen Grenzen lebendige Wirklichkeit gewesen ist und den die Menschen innerhalb der Grenzen so lange nicht mehr haben spüren können.
Dortmund, im Juli 1946.
ERICH GRISAR.

(Dieser Text von Erich Grisar ist ein Auszug aus dem Vorwort für die Anthologie “Denk ich an Deutschland in der Nacht, in der Lyrik aus dem Exil 1946 in Deutschland vorgestellt wurde. Erich Grisar zählt Mehring in dem Text zu denen, die sch im Exil das Leben nahmen. Dass ihm die Flucht über Frankreich in die USA geglückt war, war dem dem Dortmunder Autor, der während des Dritten Reichs ebenfalls mit Publikationsverbot belegt war, nicht bekannt. Etwas mehr als ein Jahr nach der Kapitulation ist der schmale Band erschienen und war einer der ersten, der sich mit dem Schaffen der Eimgranten beschäftigte.

Erich Grisar (Hg.): Denk ich an Deutschland in der Nacht – Eine Anthologie deutscher Emigrantenlyrik; Karlsruhe: Verlag Volk und Zeit 1946; hier: Nazi-Zoo, S.44 f; Das Tränenfass, S. 46 f., Ode an Berlin, S. 48 f., Erich Mühsam, S. 50.)

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Elisabeth Pablé über Mehrings Rolle als Chansondichter

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer HumorNach dem Krieg setzte eine Kabarett-Renaissance sondergleichen ein. Die Aufhebung der Zensur ermöglichte Walter Mehring im erneuerten „Schall und Rauch“ Zeitsatire großen Stils. „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“ hieß sein Auftakt zu cler „goldbesch … Zeit der Zwanziger Jahre“. Klabund, Seemann Kuttel Daddeldu-Ringelnatz, Theobald Tiger alias Tucholsky und Marschall Böff alias „Ecce Homo“-Zeichner George Grosz assistierten. Mit seinem expressionistischen Sprachen-Ragtime schuf Mehring, Jahre vor Brecht, den Song. 1921 setzte Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“ die Tradition des zugrundegegangenen „Schall und Rauch“ fort.

Im März 1918 War Wedekind gestorben. In einer Augsburger Kneipe sang ein junger Mann die halbe Nacht zur Guitarre die Lieder des großen Ahnherrn. Der junge Unbekannte hieß Bertolt Brecht. In der „Wilden Bühne“ schockierte er dann erstmals die Berliner mit seinem Elternmörder „Jakob Apfelböck“; der Durchbruch gelang ihm 1928 gemeinsam mit Kurt Weill in der „Dreigroschenoper“; beider überragende Interpretin war Lotte Lenya.

In dieser Zeit und im intimen Rahmen der „Wilden Bühne“ wurde geprägt, was Deutschlands Chansontradition genannt werden darf. Trude Hesterberg, Rosa Valetti, die später ihr eigenes „Größenwahn“ eröffnete, Kate Kühl hießen die neuen Chansonetten, die auch vor politischen Texten nicht zurückschraken. Man gab sich revolutionär, politisch-pamphletisch, links.

Die eigentliche Entdeckung der zwanziger Jahre war die emanzipierte Frau. Sie zog als Herrscherin ins Kabarett, wie der Chronist Berlins Walter Kiaulehn feststellt: „Die neuen Lieder waren (den Frauen) von den Dichtern auf den Leib geschrieben worden, und darum ließen sie auch die Kniekehlen mitsingen. Es klang sehr gut.“ Hatte man zuvor nur Sinn für die Beine der Tillergirls, so interessierte man sich nun für Persönlichkeiten, die außer ihren Beinen auch noch Witz zu verkaufen hatten. Die Troubadoure der neuen Berlinerin waren die Chansondichter. Mehring, Tucholsky schrieben für die Valetti in den Dissonanzen von Rot und Schwarz, Klabund hatte der kindhaften Blandine Ebinger „Ich baumle mit de Beene“ geschrieben, Friedrich Hollaender widmete ihr die „Lieder eines armen Mädchens“. Ein neues Gespann hieß Marcellus Schiffer-Margo Lion. Schiffer schuf das weibliche parodistische Typenchanson.

Nach 1925 war der politische Elan der Anfangsjahre im Rückzug. Die große Zeit der kleinen Revue brach an. Intim, elegant, voller Pikanterie, verdankt sie ihre Qualität weitgehend dem Geist ihrer Autoren und Komponisten. Über Nacht schlug Schiffers Revue mit der Musik von Mischa Spoliansky „Es liegt in der Luft“ ein, über Nacht hatte Berlin seinen neuen Schlager; Margo Lion und Marlene Dietrich – bis zu diesem Zeitpunkt 1928 eine kleine Kabarettstatistin – ersangen ihn mit ihrem Duett von der „Besten Freundin“.

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer Humor – Chansons des Jahrhunderts; München: Residenz Verlag 1964, S. 10 f.

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Walter Mehring: Tucholsky, der Vamp und die Canaille

René Droz (Hg.): Marlene Dietrich»Das Wort Vamp wurde erst Mode, als es die Frauen, die es bezeichnen
sollte, schon nicht mehr gab …«
Walter Mehring

Als ich Walter Mehring fragte,wie er den Vamp definierenwürde, lächelte er milde und sagte, daß selbiger nicht zu definieren sei. »Der Vamp, den Ihr Jungen von der Leinwand kennt, ist ja ohnehin nur ein Abklatsch. Damals in Berlin … da stand er vor uns, auch wenn wir dieses Schlagwort nicht dafür brauchten. Diese Künstlerinnen waren so einmalig, daß sich jeder Versuch, sie unter einen Sammelbegriff einzuordnen, von selbst verbot … Damals gab es auch noch Schriftsteller, welche diese Individualität zu schildern vermochten. Wenn ich nur an Valeska Gert denke und an die großartige Charakterisierung, welche Tucholsky von ihr gegeben hat …« Vielleicht besitze er das Heft der »Weltbühne« noch. Dann würde er es mitbringen. Tucholsky habe in wenigen Worten das Wesen des Vamps für immer festgehalten, und dies zu einer Zeit, wo der Vamp, ohne daß er diesen Namen trug, eine lebendige, künstlerische Realität war…

Die erwähnte Kritik hat Kurt Tucholsky 1921 geschrieben, und dort liest man folgende Sätze:

»In den Lichtbogen schlurft eine Schlampe in Schwarz, der rote Halsbesatz deckt den Kopf ab – einen verluderten, unfrisierten Kopf. Wer ist das? Was ist das für ein Gesicht? Die ,Vorstadtdirne’ von Toulouse-Lautrec ist eine Gräfin dagegen – gegen diese Nutte. Gleichgültig schieben sich die Schulterblätter hoch – gleichgültig schiebt sich das gemietete Stück Fleisch aus der Auslage durch die Straße. Und wird von einem Kerl ergrifien – und produziert das Frechste, was wohl je auf einer Bühne gemacht worden ist. Die Beine öfinen und schließen sich. Und Gleichgültigkeit, Krampf – dennoch Krampf! – und Geldgier schütteln den ausgeschaukelten Körper: eine Lues und die Heilsarmee kämpfen mit gleicher Inbrunst um diese arme Seele. Wer sich je bei den ,berüchtigten Berliner Nackttänzen’ nach dem Laster gesehnt hat: hier ist es. Und noch nie habe ich so verstanden, wie Lust und Qual auf demselben Loch gepfiffen werden. Und dann haucht sie die letzte Lust aus, spuckt aus, ohne es zu tun – und versinkt.

Diese ,Canaille’ ist eine wahrhaft geniale Leistung …« [1921]

Aus: René Droz (Hg.): Marlene Dietrich; Zürich: Sanssouci Verlag 1961, S. 17 f. Das Zitat findet sich in: Kurt Tucholsky: Valeska Gert; in: Die Weltbühne, 17. Jahrgang, Nr. 7, S. 204.

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Walter Mehring: Zu Haus bin ich überall

Hermann Kesten (Hg.): Ich lebe nicht in der Bundesrepublik„Unsere Leser”, schreiben Sie mir, „sollten erfahren, warum Sie, geehrter Herr, nicht in der Bundesrepublik leben . . .” Hm! Ich muß mal rasch überlegen, wie ich’s begründen, wie ich mich rechtfertigen soll . . . Einst nannte ich mein eigen: eine ererbte Bibliothek; mir unersetzlich in ihrer einmaligen, nie wieder herstellbaren Auswahl – eine Kunstsammlung von Bildern, Graphiken, Collages damals verrufener, heut weltgerühmter Maler – ein Archiv, Schränke voll, von Privatbriefen nun schon klassisch gesprochener Zeitgenossen – an meinen Vater und mich. Auch gelegentlich ein Daheim. All das fiel, in einer Stunde, einer SA-Haussuchungsplünderung zu Beginn des zirka tausendjährigen Dritten Reiches anheim. Seitdem mochte ich nichts mehr besitzen. Wenn einer ein Bein verloren hat, kann es ihm nicht mehr nachlaufen. Wenn einer sein Herz verloren hat, bleibt ihm nichts übrig, als sich einen Vers draus zu machen – auf die Geliebte: seine Sprachheimat, seine ihm allein teure Vergangenheit . . .
Item: Ich lebe nicht in der Bundesrepublik, weil ich, seit meiner Geburt (1896 in Berlin), „auf Reisen” lebe – via Exil bis zu meinem exitus letalis – weil Heimweh die einzig  eingebildete Krankheit ist, an der ich bisher noch nie gelitten habe – weil die, zur Zeit, zeitgemäße, neudeutsche Literatur kein Resonanz-(Blut und)-Boden für mich ist . . .

In einem schmalen Buch hat Hermann Kesten 1963 all jenen Exilierten Platz geboten, die nach dem Krieg nicht in die Bundesrepublik kamen. Die Liste derer, die in dem band zu Wort kamen, liest sich wie ein Who is Who des Exils. Verdienstvoll ist auch der kurze Anhang, der auf acht eng beschriebenen Seiten eine Liste der bedeutenden Vertriebenen aus dem Dritten Reich enthält. Das Buch macht deutlich, wie schwer für viele die Rückkehr war. Vor allem, wenn sie auch nicht in die DDR wollten, wie die meisten derer, die zu dem Buch einen Text beisteuerten. Das erschien im Jahr des Auschwitz-Prozesses. Hermann Kesten (Hg.): Ich lebe nicht in der Bundesrepublik; München: List Taschenbücher, 1964; S. 113. (A.O.)

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Walter Mehring macht beim literarischen Gesellschaftsspiel “baemu suti”mit

_______________________________________ baemu súti falla kúr
_______________________________________ móstin arasíban taégna.
_______________________________________ kiu ténde vossagúr:
_______________________________________ flágedárad ássa.

____________________ Baemu leert auf einen Satz
____________________ sein falla Kúr – sein Súti-glas.
____________________ Heil den taégnal
____________________ Kiu, mein Schatz!

Walter Mehring ist mit seiner Übersetzung ein kühner Wurf gelungen und höchstwahrscheinlich hat er den sogenannten ibolithischen Janussatiriker im Verfasser unseres Vierzeilers identifiziert. Der Janussatiriker gehörte der inneren Emigration der Parteiepoche an und führte als erster Satiriker der Weltliteratur überhaupt einen Simultankrieg gegen die widerliche Heldenkürung der Partei und gegen die Vergötzung des Fußballsports. So spiegelt das Wortnetz seines Vierzeilers die damalige Form der Mannschaftsaufstellung beim Fußball.

__________________ __      __      __       __
____________________ __      __        __  __ } männliche Spieler
____________________ __      __        __
______________________ __        __   ____ } Weibliche Spieler

Man spielte das VVV-W-System, wobei die Stürmer- und die vordere Läuferreihe das dreimalige ,V’ bildeten, die zweite Läuferreihe und die beiden Torhüterinnen (Verteidiger kannte dieses angriffslustige Volk aus ideologischen Gründen nicht) zusammen das ,W’. Dieses VVV-W-Gerüst füllt nun der Verfasser in genialer Form derart mit Schriftgut, daß die Zeileninhalte einerseits die Tätigkeitsweise zum Beispiel der Stürmerreihe oder der Torhüterreihe transzendieren und persifiieren (gewagt allerdings die Unterstellung lesbischen Treibens zwischen den herumflackenden (fiágedárad) Torhüterinnen), andrerseits aber den fragwürdigen Impuls des parteiamtlichen Staatsheldentums ohne direkte Angriffe und allein schon durch den beziehungsvollen Unterbau des ibolithischen Fußballsystems aufs Korn nehmen.

Baemu ist der ge-managte Volksheld, eine Art Parsifal der Ibolithen (wie Mehring ermittelt hat), der immer in der vordersten Linie steht, der sein Glas (gefüllt mit Tequila-Wodka, einem Cocktail der Eingeborenen) pflichtschuldigst auf die Parteigötzen (taégna) erhebt und sich dann, nach Ableistung des staatsbürgerlichen, dem biologischen Soll zuwendet. Mehring erläutert ,kiu’ wie folgt: unübersetzbares Wortspiel- soviel wie
,Prost! – Ins Bett, mein Schatz! (ássa)’.

baemu sutiDas oben stehende Gedicht in der ibolithischen Phantasiesprache ist von Heinz Grüning. Gut 100 deutschsprachige Dichter und Persönlichkeiten hatte er um eine Übersetzung gebeten. 46 beteiligten sich an dem literarischen Spiel – unter ihnen Walter Mehring, Hans Arp, Werner Bergengruen, Günter Eich, Hans Mgnus Enzensberger, Arthur Koestler Carlo  Schmid. Heinz Grüning sammelte diese in einem amüsanten Buch und kommentierte die übersetzten Gedichte. Dabei gelang es ihm sehr gut, die Eigenheiten der einzelnen Autoren herauszuarbeiten. A.O.

Heinz Gültig (Hg.): baemu suti oder das ibolithische Vermächtnis – Ein literarisches Gesellschaftsspiel; Zürich: Diogenes Verlag 1959; S. 77 f.

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Mehring reagiert auf Eduard Arnhold allergisch

Michael Grüning: Der Wachsmann-ReportIm Buch “Der Wachsmann-Report” zitiert Michael Grüning den Architekten Konrad Wachsmann. In der unten stehenden Szene geht es um den Besuch einer Kunstausstellung von Konrad Wachsmann und Walter Mehring, bei der sie dem Berliner Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold (1849 – 1925) begegneten. Die Begegnung wird vor 1924 oder früher stattgefunden haben, da Mehring im Jahr 1924 nach Paris zog. Wachsmanns Erinnerung öffnet einen schönen Blick auf Mehrings politische Haltung, die auch die Kunst mit einschloss.

Walter Mehring und ich besuchten eine Vernissage, auf der auch einige Kokoschkas gezeigt wurden, die für eine hitzige Diskussion sorgten. Plötzlich gesellte sich in unsere recht kontroverse Gesprächsrunde ein älterer, sehr sorgfältig gekleideter Herr, der sich ganz überraschend in das Pro-Kokoschka-Lager stellte. Dazu muß gesagt werden, daß Kokoschka damals ähnliche Reaktionen provozierte wie heute zum Beispiel Joseph Beuys.

Der alte Herr gefiel mir sofort. Er sprach unkonventionell, sachkundig und bediente sich einer geradezu atypischen Form der Bilddeutung. Zu meiner großen Überraschung kapitulierten vor seinen Argumenten selbst die hartnäckigsten und lautstärksten Kokoschka-Kritiker und zogen sich kleinlaut zurück. So blieben vor den heißdiskutierten Bildern nur Mehring, dieser mir unbekannte Mann und ich zurück. Er lächelte und kommentierte die  Auflösung der streitbaren Runde mit witzigen, geistvollen Bemerkungen. Schließlich unterhielten wir uns über die Berliner Kunstszenerie. Nur Mehring schwieg, ein böses Schweigen. Dazu hatte er wie ein Bajonett sein eigenartiges Lächeln aufgepflanzt, das ich als Ouvertüre zu Bissigkeiten kannte, die von unglaublicher Schärfe und meist auch  verletzendem Zynismus waren. Gerade überlegte ich noch, an welchen Pfeilen Mehring wohl spitzt, als der alte Herr uns ahnungslos zur Besichtigung seiner eigenen Sammlung aufforderte. Aber Mehring schüttelte den Kopf. Wir bedauern außerordentlich, Herr Kommerzienrat, aber Sie wissen ja: Zeit ist Geld! Sprach’s, faßte meinen Arm und zog mich fort.

Was hast du gegen diesen Menschen? fragte ich ziemlich wütend. Viel, zischte Mehring und steuerte dem Ausgang zu. Er ist Eduard Arnhold, ein Freund des Kaisers. Hinter Kunstgesäusel und Mäzenatentum versteckt der Herr Kommerzienrat seine zutiefst konservative, kaisertreue und republikfeindliche Gesinnung. Mich jedenfalls fängt er mit seinen Bildern nicht!

Natürlich wußte ich, wer Eduard Arnhold war, nur gesehen hatte ich ihn noch nicht. Schon vor dem Krieg wurde er im Jahrbuch der Millionäre an herausragender Stelle erwähnt. Aber seinen Reichtum hatte er nicht ererbt, sondern im Boom der Gründerjahre mit unglaublicher Energie und Kraft erarbeitet. Dabei war Arnhold keineswegs nur ein schnöder Profitjäger. Die in seinen Unternehmen alltäglichen Sozialmaßnahmen galten vor und nach der Einführung entsprechender Gesetze in ganz Europa als beispielhaft.

Ausgesprochen unrühmlich waren jedoch seine politischen Ambitionen. Arnhold engagierte sich für die Großmacht- und Kanonenbootpolitik Wilhelms II. und gehörte sogar zu den engen Ratgebern des Kaisers, ohne jedoch ein Opportunist zu sein. Im Gegenteil. Mehring berichtete mit zornigem Vergnügen, daß es zwischen Arnhold und seinem Kaiserfreund sogar erhebliche Kontroversen gab, die oft Stoff für den “Ulk” geliefert hatten.

Der Grund für die Reibereien zwischen dem blasierten Chef des Hohenzollernhauses und dem klugen, feinsinnigen Millionär war das desolate Kunstverständnis des Monarchen. Arnhold, den der Kaiser wegen seines außergewöhnlichen Kunstverstandes in die Ankaufskommission der Nationalgalerie berufen hatte, pflegte stets außer Fassung zu geraten, wenn sich Seine allergnädigste Majestät über Kunst und Künstler äußerten.

Eine der lustigen und zugleich demaskierenden Geschichten über das Kunstverständnis Wilhehns II. erzählte mir Hans Poelzig: Der alte Arnhold hatte sich für den Ankauf von vier französischen Impressionisten engagiert, die zu günstigen Bedingungen angeboten worden waren. Allerdings fehlten für den Kauf noch zweihunderttausend Mark, die er aus der Privatschatulle des Kaisers zu bekommen hoffte. Aber Wilhelm II. zeigte sich gleichermaßen empört wie knauserig, als er Arnholds Bittgesuch zu sehen bekam. Wo kommen wir da hin, schrieb er an den Rand des Arnholdschen Briefes, mit gleichem Recht wird Herr von Tschudi künftig Geld zum Kauf eines französischen Rennpferdes verlangen! Europa lachte, nur Arnhold nicht. Der trieb stillschweigend das Geld für die Bilder auf, die dann zur Ehrenrettung der Deutschen doch noch in den Bestand der Nationalgalerie kamen.

Für Mehring – und damals auch für mich – hatten die Kunstambitionen Eduard Arnholds lediglich eine Alibifunktion. Vielleicht irrten wir uns. Nur hatte sich Arnhold sehr fragwürdig benommen: Noch am Vorabend der Abdankung des Kaisers versicherte er dem sich schon mit Fluchtgedanken tragenden Wilhelm, daß er ihm jederzeit zur Seite stehe,
persönlich und mit seinem Vermögen. Wie eine Ironie des Schicksals muß es Arnhold getroffen haben, als ihn Brockdorff-Rantzau nach der Demissionierung des Kaisers in die
Gruppe der Versailler Friedensemissäre verpflichtete. Bei diesen Verhandlungen verlor der Berliner Millionär nämlich einige in den Ostprovinzen angelegte Millionen. Aber vielleicht hatte der Mann auch Charakter und konnte die Zeichen der neuen Zeit nicht verstehen. Sicher hätte man ihn näher kennen müssen, um seine Haltung zu begreifen. Leider habe ich jede Einladung Poelzigs abgelehnt, ihn in Arnholds Haus zu begleiten. Später, als ich Max Liebermann wiederholt in Verzückung geraten sah, wenn über Arnholds private Sammlung gesprochen wurde, kam meine Neugier auf diesen Mann zu spät. Was aus seiner berühmten Sammlung geworden ist, zu der neben Werken von Renoir, Cézanne, Degas, Manet und einigen Liebermann-Bildern auch Gemälde von Leibl, Böcklin, Lenbach, Menzel und Feuerbach gehörten, weiß ich leider nicht.

(Grüning, Michael: Der Wachsmann-Report – Auskünfte eines Architekten; Berlin (Ost): Verlag der Nation 1985, S. 236 ff.)

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Walter Mehring würdigt George Grosz für die Akademie der Künste

Katalog der Ausstellung "George Grosz 1893 - 1959" der Akademie der Künste 1962

Entdeckt hatte ihn Theodor Däubler, der zeusgemähnte »Nordlicht«epiker, der italo-deutsche Künder des Neuen Standpunktes der Braque und Picasso, Modigliani und Klee,  deren kraß blasphemischer Antagonist George Grosz War. Doch Däubler protegierte, verteidigte ihn fast väterlich gegen alle damals »ultramodernen« Ismen; gegen Herwarth Waldens expressionistische STURM-Kunstdogmen; ja im Widerspruch eigentlich zu seiner eignen Ästhetik – zusammen mit der Psalmistin Else Lasker-Schüler, dem »Morgue«lyriker, Dr. med. Gottfried Benn. Und brachte auch mich zu ihm; in sein West-Berliner Vorstadtatelier, vierter Stock. Draußen war alles Feldgrau. Im Türrahmen stand, als er im blutrot beklecksten Kittel uns öffnete, sein Kolossal-Ölgemälde: »Reminiszenz an die Einfahrt in Manhattan« (der Hudson; die Tavernen von Battery; die Hobokenwerften),  wohin er erst, 15 Jahre später einreisen und emigrieren sollte. Nun, damals, wenn der gerade wegen »Unzurechnungsfahigkeit frontdienstuntauglich (d. u.)« erklärte Grosz, George, Kunstmaler (der Marschall Böff der Dadaisten), an seinem Zeichenstehpult werkte, pflegte er jedem zufällig Anwesenden gleich den ganzen Lebenslauf seiner Karikaturmodelle, die er gerade sezierte und anpinselte, zu erzählen. Er schauspielerte sie nach: ihr Gebaren; ihre Gebrechen; ihre Gesinnungen, die er sofort mit ihnen stets wechselte; ihren habitus, so verblüffend steckbriefähnlich, daß man jeden gleich an der nachsten Straßenecke, im engsten Familienkreise identifizieren konnte: den Kommiß – den Pantoffelhelden, den kleinen Mann – – –

– Mensch! Böff! Das ist ja mein seliger Onkel Max . . . wie er leibte und lebte!

– – – Stimmt! lst er auch! War er auch . . . Liebte Kanarienvögel bis man ihn eines Morgens aufgehängt fand – eigenhändig  Käfigkomplex, Walt!

Stimmte! Auf den Haarpinsel genau; derart, daß man sich fragte: was war zuerst da? Seine Sujets, seine Subjekte: die Uniformfratze des ersten Weltkriegsfaschings – die papierene Schweinsrüsselmaske des Inflations-Aschermittwochs, die heimtückisch versächselte  Spitzelbartvisage des Haustyrannen, des Barrikadenagitators? Das suffisante Geschau des Proletkultpoeten? »Das Gesicht der Herrschenden Klasse«? – Oder vorher die (sprichwörtlich gewordene) »George-Grosz-Type«? Das Pandämonium des lausigen Alltagsgewimmels; das Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeiten) der Arroganz und der Eleganz; ihrer Exzellenz- und Prominenz-Welt- und Halbweltelite; ihrer protzigen Feierlich- und Lustbarkeiten; der sturköpfigen »Masse Mensch« ihrer Kasernen-Fabrik und Agraruntertanen; samt und sonders in Strichätzung eingraviert; auf die Spitzfeder aufgespießt – und wegradiert . . . »Der Spießerspiegel« – »Ecce Home!« . . . Seinem unsterblich markantesten Blatt, seinem »Christus mit der Gasmaske« hatte eine Hohe Staatsanwaltschaft, 1928, den Schauprozeß gemacht – wegen Gotteslästerung (§ 166 StGB). Doch Grosz war alles andere als ein Vereins-Atheist; vielmehr ein zeichengläubiger Nachfahr der frühgotischen Altar- und Schildermaler, die die Verhöhnung, Verspottung, Schändung des gekreuzigten Menschensohnes weit brutaler gegeißelt hatten . . . war der streitbarste Kennzeichner der Wilhelminischen Ära und ihrer unausrottbar fortwuchernden Vergangenheit; ihrer teutonisch-hunnischen Fauna. Gar nicht lag ihm der marxistisch verschönte Edelproletarier mancher Cartoons, die er, lieblos, an Parteiwitzblätter ablieferte (»Die wollen doch das so!«).

Auf all seinen Auslandsreisen entdeckte er immer bloß diese ihm heimische Groteske.

Von seiner Rußlandlahrt mit Andersen-Nexö – als propagandagefütterter Ehrengast der Sowjet-Union – brachte er nicht eine Skizze mit; dafür aber ein Konvolut boshafter Tagebuchaufzeichnungen – als geborener Greuelerzähler, und einst auch Satyrpoet . . . Nichts aus ltalien; aus Frankreich einige Straßenszenen (»S0uvenir de Paris – für Walt« . . . Ein (P0lizei)-»flic«; ein »matelot«; ein (Vespasienne) – Pissoir – und dahinter der Eiffelturm; sehr schmissig, doch unpariserisch). Aus seinen letzten Lebens- und Wahlheimatsjahren in den USA – was blieb als Ausbeute? Die »Bowery«-Nachtasyltramps; »Flaneure« (die spezifisch buntscheckig karierte, geschminkte Mischung von 42. street, Ecke 8. Avenue; die Barbershops und Bar-Leuchtreklam); die schillernde Sky-line der W0lkenkratzer-Kastelle . . . Die hätte er sich ebenso gut in Berlin ausmalen können; ja turbulenter, wie in der Chicago-Fata-Morgana seiner Frühwerke. Die obligaten »Cape Cod« – die konventionellen Texaslandschaften (für einen Warenhauskonzern) – charakteristisch höchstens durch die Pinselschrift . . . Die »Stickmen« (die Besenstielmänner; das Fahnenloch hoch!); eigens für eine Kunstsalonschau fabriziert (»Surrealismus ist doch jetzt Mode!« meinte  er).  . . . In seinem Long lsland Cottage-Atelier – es glich ganz seiner Berlin-Lichterfelde-Klause, tapeziert mit Zirkus- und Varietéaffichen; Kitschpostkarten; Michelangelo- und Matthias-Grünewald-Reproduktionen, möbliert mit Kisten voller akademischer Aktstudien (des Lehrers, Prot. Grosz der »ART STUDENT LEAGUE«); auch Pornographik in der Pieter-Breughel-Manier . . . Dazwischen auch handkolorierte Darstellungen der KZ-Schrecken, denen er gerade noch rechtzeitig entwischt, war; kannte sie nur aus Schilderungen ihm befreundeter Refugees; konnte sich aber in ihre und die Geistesverfassung ihrer Folterknechte so lebhaft einfühlen, wie Dante in die Monstren des Höllenpfuhls . . .  Den hatte er übrigens einmal für eine Pocketbook-Edition bebildert; hatte dazu die Botticelli-Entwürfe studiert; hatte mich ersucht: »Walt! Noch einen Whiskey? Unterstreich mir doch alles mir Illustrierbare! Kennst mich ja!« . . .  Heraus kam eine preußische Travestie der Divina Commedia.

Ganz zuletzt, vor seiner Heimkehr (auf einer Postkarte: »Dear Walt! Ich will doch gar nicht zurück! Es muß aber so sein! Auf bald, in Europe!«), hatte er noch einmal, vom Grauen gepackt, in einer Torschlußpanik, den eisigen Albtraum einer Roten Kosackeninvasion
graphologisch fixiert. Zwei Proben dieser Serie erschienen im »LIFE«-Magazin, posthum . . . 14 Tage nach seinem Herzinfarkttode im Hausflur des Berlin-Charlottenburgplatzes; im Geburtshaus seiner EVA, seines Idealmodells, mit der er dort einst Hochzeit gefeiert hatte. Sie folgte ihm, aus Ascona, wo sie mich noch, schwerkrank, besucht hatte, übers Jahr ins Grab an der Potsdamer »Heerstraße«.

George Grosz! Was war er nun wirklich? Ein genialer Karikaturist – monoman, schizophren – des großenwahnwitzigen Über- und Untermenschen, als der er sich jedem Besucher (Beschauer) der Gedächtnisausstellung in der Akademie der Künste offenbaren wird.

(Entschuldige, Böff, wenn ich nicht dabei bin . . .  »Nö, tue ich nicht« . . . Ich kenn Dich doch, Strich für Strich, in- und auswendig, unvergeßlich! Dein Walt.)

WALTER MEHRING

(Dieser Text ist erschienen in: Friedrich Ahlers-Hestermann (Hg.): George Grosz 1893 – 1959, Katalog zur Ausstellung der Akademie der Künste; Berlin: Akademie der Künste 1962; S. 15 ff).

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Dieter Sander erinnert an Mehrings Freund Fritz Picard

Dieter Sander: Fritz Picard - ein Leben zwischen Hesse und Lenin

Dieter Sander: Fritz Picard – ein Leben zwischen Hesse und Lenin

Fritz Picard ist einer der Menschen, mit denen Walter Mehring fast ein ganzes Leben lang in Kontakt war. Schon in den Jahren direkt nach dem 1. Weltkrieg lernten sie sich in den – heute würde man sagen – Szene-Cafés kennen. Mehring, eine rder jungen “Stars” am Berliner Literatur- und Kabaretthimmel, und Picard, der Buchagent und Kulturliebhaber konnten gut miteinander. Vielleicht auch, weil sie beide deinen großen Faible für Paris und Frankreich hatten.

Dieter Sander hat jetzt ein kleines Buch geschrieben, in dem er an Fritz Picard erinnert. Sander hatte ihn in den späten 1960er-Jahren kennengelernt. Es wuchs eine Freundschaft zwischen beiden, obwohl sie so viele Lebensjahre trennten. 1968 führten beide ein langes Gespräch, das Sander aufzeichnete. Dies ist der Grundstock für den Band, in dem das aufregende Leben Fritz Picards in Erinnerung gerufen wird. 1888 am Bodensee geboren, lernte er früh schon Literaten wie Herrmann Hesse kennen. In seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg war er zur Bewachung des Zuges eingeteilt, mit dem Lenin von Zürich durch das Deutsche Reich gefahren wurde, um den Zaren durch die Revolution zu schwächen. Später ist er der Verbindungsmann des Ossietky-Kommittees in Berlin, als dieser von den Nazis im KZ festgehalten wird. Nach dem Exil in der Schweiz eröffnet Picars 1950 in Paris das Antiquariat “Calligrammes”, in dem sich vpr allem viel Exilautoren treffen, aber auch damals junge Autoren wie Peter Handke.

Mit diesem Fritz Picard pflegte Walter Mehring eine lange Freundschaft, von der auch etliche Briefe erhalten sind. Dieter Sander schildert in seinem Buch sowohl die erinnerung Picards an Mehring als auch einige Auszüge aus Briefen – inklusive einer Zeichnung der Calligrammes, die bislang noch nicht veröffentlicht wurde. Insofern ist der Band sehr interessant und lesenswert.

Dieter Sander: Fritz Picard – Ein Leben zwischen Hesse und Lenin; Klipphausen: Mirabilis Verlag 2014. 16,80 Euro.

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Kleiner Leitsatz für alle Exile

Kleiner Leitsatz für alle Exile

“…Wir wollen uns lieber mit Hyänen duzen
als drüben mit den Volksgenossen heuln…”

Kleiner Leitsatz für alle Exile
aus
dem Emigrantenchoral
[Arche Noah SOS - zweiter Teil]

Walter Mehring
Wien 1. Juni 1966

Dieses Autograph Walter Mehrings ist in einem kleinen Band erschienen. Erich Fitzbauer hat in ihm Faksimiles von Dichterwidmungen und Aphorismen veröffentlicht, die seine Frau und er gesammelt haben. Erich Fitzbauer (Hg.): Einkehr in ein älteres Haus – Aphorismen und Zitate in Vers und Prosa; Wien: Edition Graphischer Zirkel 2000.

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Erich Kästner empfiehlt Mehring als Übersetzer

München, den 29. 11. 52

Lieber Paul Kohner,
möglicherweise werden Sie durch die Agentur Stapller, Wien und durch Stefanie Jovanovic, München, gehört haben, dass ich zur Zeit ausserstande bin, nach Hollywood zu kommen und die deutsche Version des Drehbuchs »The Moon is blue« zu schreiben. Ihre Anregung nun, andere geeignete Kollegen für diese Aufgabe zu nennen, hat mir einiges Kopfzerbrechen bereitet. Wenn es sich nur darum handeln sollte, die englische Fassung des fertigen Drehbuchs in deutsch zu adaptieren, wüsste ich Ihnen keinen besseren vorzuschlagen als den in New York lebenden Walter Mehring (50 West 76, New York 23). Andererseits glaube ich, dass die Firma die deutsche Fassung in H. nur herstellen will, um in Deutschland eingefrorene Gelder an den Mann zu bringen und mit D Mark wäre wahrscheinlich nicht gedient.

So möchte ich Ihnen als anderen Vorschlag den folgenden machen: setzen Sie sich mit Günther Goerke, Berg am Starnberger See/Obb. in Verbindung. Unter dem Pseudonym Martin Morlock ist er der einzige echte Nachwuchs seit 1945 für Kabarett-Texte, Filmkritik usw.

Ich habe mit ihm telefoniert, und er wäre keineswegs abgeneigt, die Arbeit zu übernehmen. Es tut mir leid, dass wir uns infolge meiner Terminarbeiten diesmal
nicht in Hollywood sehen werden, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Vielleicht gibt es auch mal eine Arbeit, die mich mehr reizen würde als dieses Stöffchen.

Grüssen Sie bitte auch Herrn Preminger von mir. Ich sah ihn, es ist noch gar nicht so lange her, in den Münchener “Vier Jahreszeiten”, mit Max Ophuels am Tische. O. war gestern zum Kaffeeklatsch bei mir, und ich hoffe, ihn über Weihnachten in Paris zu sehen, wo wir mit Hermann Kesten gemeinsam Weihnachten und Sylvester zu feiern gedenken.

Sollte Robert Thoeren wieder in Ihrer Filminetropole gelandet sein, so grüssen Sie bitte auch ihn herzlich. Es tut mir sehr leid, dass ich so wenig Zeit hatte, mit ihm  zusammenzusein. Denn ich habe die netten Erinnerungen an ihn in unserer gemeinsamen Leipziger und Berliner Zeit keineswegs vergessen.

Mit den besten Grüssen
Ihr Erich Kästner

Der Produzent Paul Kohner ist auf den Vorschlag von Erich Kästner nicht zurückgekommen. Als “Jungfrau auf dem Dach” ist der Film “The Moon Is Blue” 1953 in die deutschen Kinos gekommen. Die deutschen Dialoge stammen von Carl Zuckermeyer. Insofern liefen sämtliche Empfehlungen Kästners in die Leere. (aus: Erich Kästner: Dieses Na ja!, wenn man das nicht hätte! – Ausgewähle Briefe von 1909 bis 1972 (Hg. v. Sven Hanuschek) Zürich: Atrium Verlag 2003) A.O. 

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