19 Verlage gratulieren Mehring zum 70. Geburtstag

Walter Mehring zum Gruß

Die Neunzehn '66 Er ist klein und zart und zäh. In ihm personifizieren sich die zwanziger Jahre Berlins, wie in nur wenigen anderen. Er ist ein Satiriker und ein Polemiker. Ein Chanson-Dichter und ein Essayist. Er hat Dramen geschrieben (»Der Kaufmann von Berlin«) und kesse Lieder-Texte; Er War Autor der »Weltbühne« und vorher noch beim »Sturm« und bei Hardens »Zukunft«. Er ist ein Literat, wie ihn nur die vehemente, aufbrechende, revoltierende Zeit des Umbruchs vom Kaiserreich zur Republik hervorbringen konnte. Er war der »Bänkelsänger von Berlin«, nicht minder aggressiv, als seine heutigen Nachfahren, doch von kultivierterem Geschmack. Er rezitierte seine Gedichte dort, wo Berlin am Berlinischsten war, am Wedding und er gehörte in den Kreis der Tucholsky, Brecht, Klabund, Piscator, Kästner und Walden. Berlin war ihm die Heimat, die er liebte und deren Gesellschaft er attackierte: »… Mach Kasse! Mensch! Die Großstadt schreit! Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit…« Und der Wedding war sein Montmartre. Ein »Asphalt-Literat« – welch ein Ehrentitel. Und jetzt wird er 70 Jahre alt, am 29. April 1966. Doch ist dies nur die eine Seite dieses Mannes, dessen Büchern die Ehre widerfuhr, 1933 auf den Scheiterhaufen zu Wandern: Noch 193 3 hatte er mit seiner »Sage vom großen Krebs« warnend seine Stimme erhoben. Mehring ist überdies ein Kunstkenner von Graden. Er hat Kunstgeschichte studiert und in den letzten Jahren hat er seine Aufmerksamkeit mehr und mehr der bildenden Kunst zugewandt. Nach dem Kriege trat er in Deutschland zum ersten Mal wieder mit seiner »Verlorenen Bibliothek« in Erscheinung, die er die  »Autobiographie einer Kultur« nennt – Rekonstruktion der väterlichen, verlorenen Bibliothek, die ihn nach den Werten suchen ließ, welche »weiter für uns gültig sind«. Seine Bücher sind verstreut erschienen, bei Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch und im Diogenes Verlag und anderswo. So hat auch sein Werk kein rechtes, festes Haus gefunden. Zwar sind für ihn die langen Jahre des Exils, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führten, zu Ende. Er lebt jetzt in der Schweiz und fühlt sich dort zu Hause, wie überall, wo er an einem »Schreibtisch sitzen darf – gedankenfrei, träumend und hoffend auf ein Diesseits und Jenseits der alten und neuen Welt; in einer American Democracy; in der Deutschen Bundesrepublik; grenzenlos; außerhalb jeder Diktatur – als ein freier Schriftsteller«. Aber sein Berlin wird er, vermutlich, doch noch gelegentlich vermissen.

S .-F .

( S.-F.: Walter Mehring zum Gruß; in: Die Bücher der Neunzehn (hg.): Die Neunzehn ’66 – Texte und Information, München 1966, S. 22.)

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“Le Merle” stellt Mehring vor

WALTER MEHRING
PARMI les écrivains modernes de langue allemande, combien nous restent inconnus ou à peu près! Et si l’on pense aux jeunes, à la longue liste de ceux nés de la guerre et dela révolution, que représentent les quelques-uns dont le nom est tout juste parvenu jusqu’à nous? Au nombre de ces derniers, figure Walter Mehring, qui eût pourtant mérité de notre part une attention particulière rien que pour son admirable traduction des Contes drôlatiques de Balzac dans le langage allemand du seizième siècle, ou encore pour l’amour qu’il porte aux lettres françaises en général et dont témoignent ses travaux relatifs à notre poésie. A d’autres égards encore, il méritait que nous le connussions mieux: n’était-il pas resté, en août 1914, et ce, pendant toute la durée du carnage, sans défaillir une minute, l’actif antibelliciste de la veille?

Walter Melzring dont le père, Sigmar Mehring, traduisit aussi des ouvrages poétiques français, naquit à Berlin, voici près de trente-cinq ans. C’est en 1915 qu’il débute dans la littérature par des essais remarqués sur l’expressionnisme, alors en pleine vogue en Allemagne, auquel s’étaient ralliés tous les jeunes, et par des poèmes audacieux que
publie la revue littéraire d’avant-garde: Sturm. Puis il collabore à la Pleite (la Faillite), organe satirique, où il se lie avec le fameux caricaturiste George Grosz. C’est là également qu’il rencontre Carl Einstein, l’auteur du Mauvais Message, ouvrage qui valut à Einstein d’etre poursuivi et condamné pour blasphème au lendemain de la révolution allemande et sous un régime socialiste.

Un moment, en 1919, Walter Mehring se mit à composer des poésies surréalistes – le surréalisme commençait à supplanter l’expressionnisme, mais était révolutionnaire, lui aussi. Ces poésies au rythme syncopé eurent un certain succès en Allemagne. Mehring en publia trois recueils : Le cabaret politique, Le Bréviaire hérétique et les Nuits européennes. Il collaborait alors au Cabaret artistique “Schall und Rauch” (Bruit et Fumée), à la Weltbühne et au Tagebuch.

En 1922, il publie Dans la Peau de l’Homme, recueil de nouvelles d’une verve mordante, suivi bientôt de son Abenteuerliches Tierhaus (les animaux dans la mystique, superstitions, psychanalise du moyen âge jusqu’à nos temps; les bestiaires de la littérature française), ouvrage dénotant une grande culture et un esprit profond.

Walter Mehring, malgré sa jeunesse et ses travaux, a dé jà beaucoup voyagé. Il aime la Provence et la côte d’Azur où il a vécu. Paris, où il passe chaque année plusieurs mois, n’a plus de secrets pour ce fouilleur et cet artiste. C’est ce qui lui a permis d’écrire ce beau roman, Paris en feu, dont nous espérons entreprendre la traduction. Précédemment, il avait publié, aux éditions Gottschalk de Berlin, son journal de voyage en Angleterre, dans
lequel nous le vímes déployer des qualités qui ne sont que l’apanage des écrivains de race. Il connaît aussi l’Algérie et en a rapporté le plus beau, le plus délicieux des livres: Algier oder die dreizehn Oasenwunder, recueil de contes que nous ferons également connaître en France, tout au moins partiellement.

Walter Mehring vient d’achever, après de longs efforts, un drame qui s’appellera, croyons-nous, Le Bourgeois de Berlin, et pour lequel, nous a-t-il confié, le Théâtre Piscator de Berlin travaille à une mise en scène prodigieuse.
Alzir HELLA.

(Dieser Text zur Vorstellung Walter Mehrings für ein französisches Publikum ist zur Erläuterung erschienen. Oliver Bournac und Alzir Hella hatten gemeinsam ein Episode aus “Paris in Brand” für die Zeitschrift “Le Merle” übersetzt. Alzir Hella vermittelte den Lesern, wer Walter Mehring ist. La Cote D’Adam; in: Le Merle, Nummer 21 (Nouvelle série) vom 27. September 1929; S. 7.)

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Trude Hesterberg singt “Die kleine Stadt”

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Deutsches Theaters in New York engagiert Mehring als Dramaturg

Das ständige deutsche Theater in New York, in den letzten Jahren oft geplant und nie ausgeführt soll Tatsache werden. Kurt Robitschek wird das Continental Comedy Theater im grossen Theatersaal des Phytion Theater, 133 – 135 West 70 Strasse, Ende Oktober eröffnen. Es will in der Spielzeit 1942 – 1943 eine Serie der grössten amerikanischen und (…) Bühnenerfolge zur Aufführung bringen.

Geplant sind Aufführungen folgender Werke: “Watch on the Rhine” von Lilian Hellman, “Arsenic and Old Lace” von Joseph Kesselring, “Pygmalion” von Shaw, “Angel Street” von Patrick Hamilton, “Claudia” von Rose Franken, “Broadway” von  Philip Dunning und George Abbott, Abie’s Irish Rose” von Anne Nichols, “Ladies in Retirement” von Reginald Denham und Edward Percy, “The Last of Mrs. Cheyney” von Frederick Lonsdale, “Room Service” von John Murray und Allen Boretz.

Am Silvesterabend geht die Neubearbeitung der Operette “Die schöne Galathee” von Franz von Suppé in Scene.

Kurt Robitschek besorgt die geschäftliche Leitung des Unternehmens. John Kolischer ist Assistent-Manager. Das künstlerische Niveau wird durch die Mitarbeit Joseph Schildkraut’s (sic!) garantiert, der zugleich die Oberregie führen wird. Die persönlichkeit dieses genialen Künstlers gibt die Gewissheit, dass der Stil des amerikanischen Theaters auch in den deutschen Bearbeitungen seiner Erfolgsstücke gewahrt bleiben wird.

Dramaturg des Unternehmens ist Walter Mehring, dem die Durchführung der deutschen Bearbeitung obliegt.

Die Vorstellungen werden vorläufig in Serien zu je drei Aufführungen abgehalten und beginnen mit den Galapremieren am Freitag, 30. Oktober, Samstag 31. Oktober und Sonntag 1. November. Drei Abonnementserien werden aufgelegt: Premieren-Abonnement, Samstag-Vorstellungen und Sonntagvorstellungen (sic!).

Als Eröffnungs-Vorstellung ist die Komödie mit Musik “Broadway” Philip Dunning und George Abbott vorgesehen.

(Anonym: Continental Comedy Theater; In: “Aufbau” vom 25. September 1942, S. 11; erschienen in der Rubrik: Wie wir hören.
Auf diesen Text hat dankenswerterweise
Sven j. Olsson hingewiesen, der sich intensiv mit Walter Mehring befasst, dessen “Müller” dramatisch bearbeitet hat und auch Lesungen mit Texten von Walter Mehring durchführt. A.O.)

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Robert Neumann parodiert den Seemanns-Choral

Choral für Sehleute
Nach
WALTE R M E H RI NG

Robert Neumann: Unter falscher Flagge
Wir haben die ganze Welt bereist
Von Ullstein bis Reichskanzlerplatz.
Wir haben mit Schmeling und Einstein gespeist,
Mit Alsberg und sogar mit Rudolf Stratz.
Uns trieb man nicht aus mit Schwert und Gas,
Vor uns stand man immer noch stramm.
Wir tranken Sekt aus dem Mundwasserglas
Und pumpten das Geld für die Tram.
Wir waren niemals allein,
Wir schlafen mit mindestens drein
Gespenstern aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen.

Wir haben den obersten Richtersitz
Und halten fest zusamm.
Wir fielen von Breslau und Czernowitz
Direkt auf den Kurfürstendamm.
Wir machen die deutsche Literatur,
Schweigen tot, polieren auf Glanz.
Gleich den Kaulquappen bestehen wir nur
Rumpf los aus Kopf und Schwanz.
Ob Jude oder Christ –
Es stäubt derselbe Mist
Gespenstísch aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen!

(Robert Neumann: Unter falscher Flagge – Parodien; Berlin – Wien – Leipzig: Paul Zsolnay Berlag 1932; S. 161.)

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Mehring bedankt sich für Geburtstagswünsche bei Willi Schaeffers

Zürich, 4. Mai 1956

Zur Erinnerung an Willi Sschaeffers

Lieber Willi,

heißen Dank für Ihren Händedruck zu meinem 60. Wiegenfest, dem alten Veteran, der sich, wie Sie, dunnemals tapfer geschlagen hat: im Café Größenwahn und bei Schwannecke ~ unter unserm dicken, prächtigen Brigadegeneral, Exz.
Tucho, der längst nun ins Walhalla a. d. Panke versetzt wurde und eine nachlebenslängliche Pension bezieht ~ wie sich das gehört. Und gedenken wir auch ernsthaft der gefallenen Kameraden Paule Grätz und Morgan und Grünbaum . . .
Es grüßt Sie mit Ihrem »Es lebe die (je nach Wunsch auszufüllende) Republik!«

Ihr old man Walter Mehring

(Traute Schaeffers und Peter Schaeffers (Hg.): “Wer darf sagen: ich liebe Dich-?” – Zur Erinnerung an Willi Schaeffers; Berlin: Privatdruck 1964, S. 9.)

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Mehring bedauert gegenüber Hans Bender mangelndes Interesse der Verleger

München, den 11.4. 75

Verehrter, lieber Hans Bender,

Hans Bender (1979), gezeichnet von Dieter Steinmeinen besten Dank für Ihren Antwortbrief –

Meine Ungeduld hängt wohl mit meiner Situation zusammen – Fehlschläge, Enttäuschungen…

Nichts Wesentliches ist – seit meiner Rückkehr aus den U.S.A. über meine Arbeiten berichtet worden  »Ein vergessener Autor« – »oft verblüffender Reimkünste« – [so etwa wie: Paganini konnte den Teufelstriller auf einer Saite spielen …]

Soweit die Druckerschwärze reicht, keine Spur von einem Verleger für meinen  Abschlußband [-LOST LIBRARY – Verrufene Malerei – Ketzerbrevier] …

[für = Arbeitstitel »Nachttagebuch aller Exile] — dessen erste Fassung ich bei meiner Einlieferung in’s Krankenhaus schon einmal aufgeben mußte …

Die »WM-Chronik« würde mein erster authentischer Zeitbericht sein = dokumentarisch; biographisch …

[»gewissenhaft genau – und so muß man auch sein wenn man mit dem Worte umgeht …« And I quote you! =

Mit besten Grüßen und vielen Wünschen
Ihr
Walter Mehring

Volker Neuhaus (Hg.): Briefe an Hans Bender; Köln: Kulturkreis der Deutschen Industrie e.V. 1984; S. 169

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Margarete Hannsmann: Walter Mehring

Walter Mehring

(zu Gast beim letzten Schriftstellertreffen in
Heidelberg bevor wir in die Gewerkschaft
Druck und Papier eintraten)

Da ist nichts wieder gut zu machen
keine Novemberstunde
mittags um vier
holt ein was wir vierzig Jahre versäumten

ungeübt
eine Legende zu empfangen
rissen wir ihr die Flügel heraus
TRAUERMANTEL

niedergelassen
augenblicklang
dunkel wie das Hotelnebenzimmer
gegenüber Heiligen Geist

eine Kerze wenigstens
nahm ich von der Kollegentafel
schob sie
wo seine Papiere raschelten
eine handvoll
Jahrhundertasche

keiner dem die Gegenwart glänzt
wurde erhellt:
Mühsam
Klabund
Hasenclever
als Heinrich Mann . . .

viele hörten nur eine Zikade
durch den Autolärm vor den Fenstern
auch das Mikrofon änderte nichts

. . . Expressionismus
Dada war so . . .

während ich
geblendet vom Blitz
unter anderen Donnern mich duckte
Toller
Ossietzky ach wissen Sie

aber dann war da ein KZ
das Tb-KZ bei Marseille
dort traf ich Ernst Busch er brachte mir
in einer Büchse Nahrung

»dünn« sagte einer
»gebt doch dem alten
Mann eine Suppe und laßt ihn gehn«
ein anderer

fragen Sie ruhig ich bin Fragen gewohnt
von der Gestapo
und so

Memoiren?
Rousseau
der heilige Augustin

wirkliche Memoiren das sind
Don Quichote
Cervantes sagte
Sancho Pansa bin eigentlich ich
oder Proust
das sind Memoiren

Memoiren schreibe ich nicht
wenn ich Memoiren schreibe
komme ich jedenfalls nicht darin vor

zwischen Schall und Rauch
im Sturm
auf der Weltbühne

kommt einer noch einmal so weit her
ein bißchen bös
spitzfindig
zart
doch hielt er sogar gegen den Wind
durchtränkt vom verbrauchten Adjektiv
bitter
wollte lächeln

die Kerze flackerte
ich hatte nicht den Mut zu schrein
hier steht ein Mann
der bringt noch einmal
alle mit die wir geschlachtet haben

mit seinen Augen hat er sie gesehn
mit seinen Ohren gehört
seine Hand hat einmal ihre Hand gehalten

denn ich wußte
was er mit uns treibt
setzt voraus wir wären bereit
freiwillig in einen Spiegel zu blicken
der uns als Gorgo zurückwirft

spät
erst nachdem er gegangen war
nachts
als die Kinder von Heidelberg
je nach dem Stoff ihrer Wahl aggressiv
oder apathisch
trunken herumliefen
in der Allerheiligenkälte

kam mir die Erinnerung:
er hatte an den Türen gerüttelt
als ich jung genug war
ihn hereinzulassen:
Hier steht ein Mann und singt sein Lied
zum Trotz – am Rand der Zeit . . .

Margarete Hannsmann: FernsehabsageMargarete Hannsmann: Fersehabsage – Gedichte; Düssendorf: Claassen 1974; S. 54 ff.

Dieses Gedicht über eine Begegnung Walter Mehrings mit deutschen Schriftstellern in den 1970er Jahren ist eine beeindruckende literarische Selbstbezichtigung von Margarete Hannsmann. Es zeigt zum einen die von Walter Mehring immer wieder beschriebene Haltung, dass er als Überlebender keine Beachtung im Nachkriegs-Deutschland finden konnte. Es bringt zum Ausdruck, wie er buchstäblich mit einer Suppe abgespeist werden soll, weil man die Erinnerung nicht will. Zum anderen ist der Text aber auch Ausdruck dafür, dass gerade in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre die Aufarbeitung der Vergangenheit mit der Selbsterkenntnis des eigenen Versagens einhergehen musste. Margarete Hannsmann schreibt ja, dass auch sie – obwohl erst 1921 geboren –  hätte den Verfolgten des Nationalsozialismus die Türen öffnen können. (A.O.)

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Mehring im niederländischen Exil-Band “Brandende Woorden”

Brandende Woorden uit DuitschlandGedichte von Erich Kästner, Walter Mehring, Ernst Toller, Erich Arendt, Max Ophüls, Alfred Kerr, Emil Ginkel, Kurt Tucholsky, Johannes R. Becher, Erich Weinert, Erhard Winzer und Oskar Maria Graf sind in dieser Anthologie deutscher Exildichtung aus den Niederlanden versammelt. Auf 47 Seiten Martien Beversluis eine einigermaßen repräsentative Auswahl nicht nur zusammengestellt, sondern auch übersetzt. “Brandende Woorden uit Duitschland” heißt der Band – Verbrannte Worte aus Deutschland.

Beversluis (1894 – 1966) stammte aus einer Pfarrersfamilie. Er dichtete und engagierte sich für die sozialistische Sache. In dieser Phase entstand auch dieser Band bei den Buchfreunden Solidarität (Boekenvrienden “Solidariteit”) in Hilversum. Aber sein linkes Engagement blieb temporär. Später mutierte er zum Nationalsozialisten, für deren Partei niederländische Partei er sogar Bürgermeister einer Kleinstadt wurde. Seine eigene Dichtung schreckte in den 1940er Jahren, den Jahren der deutschen Besatzung auch nicht vor antisemitischer Hetze zurück.

Doch im Jahr 1934 war das noch nicht absehbar. Beversluis arbeitete damals beim Arbeiter Rundfunk Verein (VARA). Hier lernte er Heinhz Kohn kennen, dem er bei seinem Verlagsprojekt Boekenvrienden “Solidariteit” unterstützte. Els Andringa führt in seinem Buch über das Geflecht der deutschen und niederländischen Verflechtungen des Exils allerdings aus, dass Beversluis trotz seines späteren Antisemitismus keinen seiner Bekannten aus seiner sozialistischen Phase verraten haben soll.

Ein gutes dreiviertel Jahr nach der Bücherverbrennung in Berlin war das kleine Buchprojekt durchaus wichtig. Es zeugte tatsächlich von Sildarität. Und es versuchte Interesse für die verbannten Autoren und ihre verbrannten Texte zu wecken.

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Hans Bauer erinnert sich nur vage an seinen Autor Mehring in “Der Drache”

Damals in den zwanziger JahrenAuch andere renommierte Schriftsteller der zwanziger Jahre bekundeten gelegentlich, auch wenn sie nicht gleichzeitig Mitarbeiter des Drachen waren, ihr lnteresse an der Existenz der Zeitschrift. So erkundigte sich Tucholsky einmal bei Reimann, „ob er in Leipzig wohl sehr beliebt sei”, und Roda Rocla wollte wissen, ob er verrückt wöre: „So viel Verstand und Witz in der Provinz zu verpuffen! Sie vergeuden lhre Jahre! Nehmen Sie sofort auf meine Kosten ein Billett nach
Berlin uncl geben Sie dort den Drachen heraus!”

Zweimal tauchte auch der Name Wieland Herzfelde im Drachen auf, des sozialistischen Publizisten und Schriftstellers, der damals den von ihm gegründeten hochverdienstvollen Malik-Verlag leitete. ln einer Zuschrift geht Herzfelde auf einen Artikel Kurt Hillers ein, in dem Klage darüber geführt worden war, daß sich der Buchautor keine Gewißheit
darüber verschaffen könne, wie viele Bücher sein Verlag nun wirklich verkauft habe. Und Walter Mehring berichtet über einen Prozeß, der gegen die Verantwortlichen einer Dada-Ausstellung geführt worclen war, zu denen neben dem Maler George Grosz auch Herzfelde gehört hatte.

Dann müssen ja wohl auch einige Zeitgenossen den Drachen gelesen haben, die gewiß nicht zur geistigen Repräsentanz ihrer Tage zählten, aber auf  ihre Weise einige Tupfen für das Zeitkolorit lieferten. Die Romantante Courths-Mahler, die mehrfach von der Zeitschrift schlecht behandelt worden war, schrieb einen Brief an Reimann, der dartun sollte, daß sie auch überlegene lronie auf ihrer Klaviatur habe. Dem „großen Meister” und „edlen Mann” wurde in „gebührender Demut und Verehrung” nahegebracht, daß sie noch gar nicht so zerschmettert sei, wie er es sich wohl einbilde, und daß sie fortzufahren gedenke, „ihrem Publikum mit harmlosen Märchen einige sorglose Stunden zu schaffen”.

Kräftiger ging es bei Louis Häußer zu, dem „Propheten“ der zwanzigerlahre. “Du bist Scheiße”, schrieb er dem Herausgeber, „ich aber bin das Perpetuum mobile. Ich bin der Untergang des Abendlandes. lch bin Christus, ja. ich bin Gott! Falle auf die Knie vor mir und bete mich an – du Langohr!” Bestand mit der Mehrzahl der Drachenmitarbeiter reger Umgang und enger persönlicher Kontakt, so gab es auch andere, die ich nur selten oder gar nicht zu Gesicht bekam. So habe ich nur verschwommene Erinnerungen an den satirischen Chansondichter Walter Mehring, den Essayisten Ossip Kalenter und an Heinrich Wiegand. Der Name des letzten ist wohl kaum noch jemandem aus derjüngeren Generation bekannt. Aber er genoß damals großes Ansehen als Musikkritiker, Kunstbetrachter, Feuilletonist. Hauptsächlich schrieb er für die „Leipziger Volkszeitung” und den „Kulturwillen”, das Mitteilungsblatt des sehr aktiven Leipziger Arbeiterbildungsinstituts. 1933 flüchtete er nach der Schweiz, starb aber dort bald. Nach der einen Version endete er durch Selbstmord, nach der anderen wurde er von einer Katze gebissen und erlag einer Blutvergiftung. Niemals hat sich Wabo vorgestellt, der Woche für Woche aus Berlin vortreffliche politische Zeitgedichte sandte. Er scheint übrigens nirgendwo anders als im Drachen geschrieben zu haben.

(Hans Bauer: Damals in den zwanziger Jahren; in: Wolfgang U. Schütte (Hg.): Damals in den zwanziger Jahren – Ein Streifzug durch die satirische Wochenschrift “Der Drache”, mit Erinnerungen von Hans Bauer, dem ehemaligen Herausgeber des “Drachen”, einer Textauswahl und biographischen Notizen von Wolfgang U. Schütte, original für den “Drachen” geschaffenen Zeichnungen von Max Schwimmer und zahlreichen Autorenporträts; (Ost-) Berlin: Buchverlag der Morgen 1968, S. 39 f.)

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