Helen Adkins zur Freundschaft von Erwin Blumenfeld und Walter Mehring

Helen Adkins, Erwin Blumenfeld, I was nothing but a Berliner, Rudolf Arnheim,

Helen Adkins, Erwin Blumenfeld, I was nothing but a Berliner, Rudolf Arnheim, Around 1905, Walter Mehring and Paul Citroen met on Derfflinger Strasse, on the “asphalt of which we were raised together“ (Walter Mehring: Citroen Dada; in: Die Weltwoche 1980). In an early letter to Paul Citroen, Mehring drafted the plan for a vaudeville show in which Blumenfeld was to be given the tailor—made role of an improviser. His friendship with „Wee-wee-Dada,” as Blumenfeld called Mehring, was more of a personal, than of an artistic nature. Until the fall of 1916, the three friends Erwin, Paul, and Walter often sat together in the evenings in the Café des Westens. When Blumenfeld returned from the war in November 1918, he stayed with his poet friend.“ (Erwin Blumenfeld; A.O.)

In February 1921, on the occasion of Blumenfeld’s honeymoon in Berlin, the friends came together once more as authors of the work Cafe’ Berlin. The etching renders the dense atmosphere of a literary cafe in Berlin: the guests are smoking, drinking, and polemicizing. Citroen was the only one to command the technique of etching; overall, however, his hand is only recognizable in the drawing of the bride and groom.  The various signatures under the image do not coincide with the depicted figures and suggest that the image was made in commemoration of the evening, maybe even with the idea of it hanging on the wall of Cabaret Grossenwahn.“

Like so many artists of his generation, Mehring aspired to move to Paris: “I must say in advance that throughout four years of war. . . I had planned my ascent of Montparnasse and sworn to myself that I would do it as soon as the Hohenzollern monarchy was overthrown“ (Walter Mehring: Verrufene Malerei). In 1922 he implemented his plan and arranged to meet Tristan Tzara in Paris. At the end of the 1920s, Mehring visited the Blumenfelds in Zandvoort, as recorded in Blumenfeld’s contact prints (Fotografie; A.O.).

Not only did Erwin Blumenfeld love to read and write, he also ardently enjoyed reading out loud. In 1913, he founded a clique together with Citroen and Mehring. The group first comprised boys only; the core members consisted of Rudolf (Rudi) Arnheim, Walter Seliger, Martin Wasserzug, Ernst Kirschbaum, and Walter Joseph; all were enthusiasts of literature, theater, and the visual arts (Fotografien; A.O.). Among the girls later also tolerated in the clique, we find Lotte Herzfeld, to whom Blumenfeld devoted short stories,
poems, and letters. It was Blumenfeld who organized the meetings that took place at everyone’s home in turn. On these occasions, he would either read from his newest literary discoveries or from his own repertoire. In this context, however, he emphasized that he was unable to read out Schiller or Goethe, since he could only recite what he lived.

Walter Mehring was the all-important link between Herwarth Walden’s ”Sturm community” and Berlin Dada; he was also enthralled by the work of George Grosz. Mehring found mention in almost every letter by Erwin Blumenfeld to George Grosz and vice versa. But Blumenfeld was sometimes quite depreciative of his friend, who spent all his life as a bohemian poet par excellence and was maybe not cosmopolitan enough for Erwin’s taste: „Everything here stays Wee-wee Holland, as if Mehring had conceived
it.” (Erwin Blumenfeld 1930; A.O.) And in their correspondence of the 1930s, when commenting on Mehring’s hard circumstances, the tone is more mocking than worried.

Blumenfeld met many of his friends and good acquaintances in the Cafe des Westens in Berlin, called “Café Grossenwahn” (Café Megalomania) by the regulars. It is there, for instance, that he got to know Salomo Friedlaender-Mynona in 1913. He considered this philosopher and writer, born in 1871, as his spiritual father: „It was from his lips that I first heard the magic words ‘psychoanalysis’ and ‘relativity’ and the name of Montaigne. He showed me the emergency exit out of my parent’s home through the ‘Café Megalomania’ (Café des Westens)“ (Erwin Blumenfeld 1999; A.O.) Friedlaender-Mynona’s grotesque Rosa, die schöne Schutzmannsfrau was a very special book for Blumenfeld. He read it out to his clique and wrote one of his own poems on the front page of his personal copy.

(Helen Adkins: Erwin Blumenfeld – I was nothing but a Berliner. Dada Montages 1916 – 1933; Ostfildern: Hatje Cantz 2008; S. 33 ff.)

Walter Mehring würdigt George Grosz für die Akademie der Künste

Katalog der Ausstellung "George Grosz 1893 - 1959" der Akademie der Künste 1962

Katalog der Ausstellung "George Grosz 1893 - 1959" der Akademie der Künste 1962

Entdeckt hatte ihn Theodor Däubler, der zeusgemähnte »Nordlicht«epiker, der italo-deutsche Künder des Neuen Standpunktes der Braque und Picasso, Modigliani und Klee,  deren kraß blasphemischer Antagonist George Grosz War. Doch Däubler protegierte, verteidigte ihn fast väterlich gegen alle damals »ultramodernen« Ismen; gegen Herwarth Waldens expressionistische STURM-Kunstdogmen; ja im Widerspruch eigentlich zu seiner eignen Ästhetik – zusammen mit der Psalmistin Else Lasker-Schüler, dem »Morgue«lyriker, Dr. med. Gottfried Benn. Und brachte auch mich zu ihm; in sein West-Berliner Vorstadtatelier, vierter Stock. Draußen war alles Feldgrau. Im Türrahmen stand, als er im blutrot beklecksten Kittel uns öffnete, sein Kolossal-Ölgemälde: »Reminiszenz an die Einfahrt in Manhattan« (der Hudson; die Tavernen von Battery; die Hobokenwerften),  wohin er erst, 15 Jahre später einreisen und emigrieren sollte. Nun, damals, wenn der gerade wegen »Unzurechnungsfahigkeit frontdienstuntauglich (d. u.)« erklärte Grosz, George, Kunstmaler (der Marschall Böff der Dadaisten), an seinem Zeichenstehpult werkte, pflegte er jedem zufällig Anwesenden gleich den ganzen Lebenslauf seiner Karikaturmodelle, die er gerade sezierte und anpinselte, zu erzählen. Er schauspielerte sie nach: ihr Gebaren; ihre Gebrechen; ihre Gesinnungen, die er sofort mit ihnen stets wechselte; ihren habitus, so verblüffend steckbriefähnlich, daß man jeden gleich an der nachsten Straßenecke, im engsten Familienkreise identifizieren konnte: den Kommiß – den Pantoffelhelden, den kleinen Mann – – –

– Mensch! Böff! Das ist ja mein seliger Onkel Max . . . wie er leibte und lebte!

– – – Stimmt! lst er auch! War er auch . . . Liebte Kanarienvögel bis man ihn eines Morgens aufgehängt fand – eigenhändig  Käfigkomplex, Walt!

Stimmte! Auf den Haarpinsel genau; derart, daß man sich fragte: was war zuerst da? Seine Sujets, seine Subjekte: die Uniformfratze des ersten Weltkriegsfaschings – die papierene Schweinsrüsselmaske des Inflations-Aschermittwochs, die heimtückisch versächselte  Spitzelbartvisage des Haustyrannen, des Barrikadenagitators? Das suffisante Geschau des Proletkultpoeten? »Das Gesicht der Herrschenden Klasse«? – Oder vorher die (sprichwörtlich gewordene) »George-Grosz-Type«? Das Pandämonium des lausigen Alltagsgewimmels; das Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeiten) der Arroganz und der Eleganz; ihrer Exzellenz- und Prominenz-Welt- und Halbweltelite; ihrer protzigen Feierlich- und Lustbarkeiten; der sturköpfigen »Masse Mensch« ihrer Kasernen-Fabrik und Agraruntertanen; samt und sonders in Strichätzung eingraviert; auf die Spitzfeder aufgespießt – und wegradiert . . . »Der Spießerspiegel« – »Ecce Home!« . . . Seinem unsterblich markantesten Blatt, seinem »Christus mit der Gasmaske« hatte eine Hohe Staatsanwaltschaft, 1928, den Schauprozeß gemacht – wegen Gotteslästerung (§ 166 StGB). Doch Grosz war alles andere als ein Vereins-Atheist; vielmehr ein zeichengläubiger Nachfahr der frühgotischen Altar- und Schildermaler, die die Verhöhnung, Verspottung, Schändung des gekreuzigten Menschensohnes weit brutaler gegeißelt hatten . . . war der streitbarste Kennzeichner der Wilhelminischen Ära und ihrer unausrottbar fortwuchernden Vergangenheit; ihrer teutonisch-hunnischen Fauna. Gar nicht lag ihm der marxistisch verschönte Edelproletarier mancher Cartoons, die er, lieblos, an Parteiwitzblätter ablieferte (»Die wollen doch das so!«).

Auf all seinen Auslandsreisen entdeckte er immer bloß diese ihm heimische Groteske.

Von seiner Rußlandlahrt mit Andersen-Nexö – als propagandagefütterter Ehrengast der Sowjet-Union – brachte er nicht eine Skizze mit; dafür aber ein Konvolut boshafter Tagebuchaufzeichnungen – als geborener Greuelerzähler, und einst auch Satyrpoet . . . Nichts aus ltalien; aus Frankreich einige Straßenszenen (»S0uvenir de Paris – für Walt« . . . Ein (P0lizei)-»flic«; ein »matelot«; ein (Vespasienne) – Pissoir – und dahinter der Eiffelturm; sehr schmissig, doch unpariserisch). Aus seinen letzten Lebens- und Wahlheimatsjahren in den USA – was blieb als Ausbeute? Die »Bowery«-Nachtasyltramps; »Flaneure« (die spezifisch buntscheckig karierte, geschminkte Mischung von 42. street, Ecke 8. Avenue; die Barbershops und Bar-Leuchtreklam); die schillernde Sky-line der W0lkenkratzer-Kastelle . . . Die hätte er sich ebenso gut in Berlin ausmalen können; ja turbulenter, wie in der Chicago-Fata-Morgana seiner Frühwerke. Die obligaten »Cape Cod« – die konventionellen Texaslandschaften (für einen Warenhauskonzern) – charakteristisch höchstens durch die Pinselschrift . . . Die »Stickmen« (die Besenstielmänner; das Fahnenloch hoch!); eigens für eine Kunstsalonschau fabriziert (»Surrealismus ist doch jetzt Mode!« meinte  er).  . . . In seinem Long lsland Cottage-Atelier – es glich ganz seiner Berlin-Lichterfelde-Klause, tapeziert mit Zirkus- und Varietéaffichen; Kitschpostkarten; Michelangelo- und Matthias-Grünewald-Reproduktionen, möbliert mit Kisten voller akademischer Aktstudien (des Lehrers, Prot. Grosz der »ART STUDENT LEAGUE«); auch Pornographik in der Pieter-Breughel-Manier . . . Dazwischen auch handkolorierte Darstellungen der KZ-Schrecken, denen er gerade noch rechtzeitig entwischt, war; kannte sie nur aus Schilderungen ihm befreundeter Refugees; konnte sich aber in ihre und die Geistesverfassung ihrer Folterknechte so lebhaft einfühlen, wie Dante in die Monstren des Höllenpfuhls . . .  Den hatte er übrigens einmal für eine Pocketbook-Edition bebildert; hatte dazu die Botticelli-Entwürfe studiert; hatte mich ersucht: »Walt! Noch einen Whiskey? Unterstreich mir doch alles mir Illustrierbare! Kennst mich ja!« . . .  Heraus kam eine preußische Travestie der Divina Commedia.

Ganz zuletzt, vor seiner Heimkehr (auf einer Postkarte: »Dear Walt! Ich will doch gar nicht zurück! Es muß aber so sein! Auf bald, in Europe!«), hatte er noch einmal, vom Grauen gepackt, in einer Torschlußpanik, den eisigen Albtraum einer Roten Kosackeninvasion
graphologisch fixiert. Zwei Proben dieser Serie erschienen im »LIFE«-Magazin, posthum . . . 14 Tage nach seinem Herzinfarkttode im Hausflur des Berlin-Charlottenburgplatzes; im Geburtshaus seiner EVA, seines Idealmodells, mit der er dort einst Hochzeit gefeiert hatte. Sie folgte ihm, aus Ascona, wo sie mich noch, schwerkrank, besucht hatte, übers Jahr ins Grab an der Potsdamer »Heerstraße«.

George Grosz! Was war er nun wirklich? Ein genialer Karikaturist – monoman, schizophren – des großenwahnwitzigen Über- und Untermenschen, als der er sich jedem Besucher (Beschauer) der Gedächtnisausstellung in der Akademie der Künste offenbaren wird.

(Entschuldige, Böff, wenn ich nicht dabei bin . . .  »Nö, tue ich nicht« . . . Ich kenn Dich doch, Strich für Strich, in- und auswendig, unvergeßlich! Dein Walt.)

WALTER MEHRING

(Dieser Text ist erschienen in: Friedrich Ahlers-Hestermann (Hg.): George Grosz 1893 – 1959, Katalog zur Ausstellung der Akademie der Künste; Berlin: Akademie der Künste 1962; S. 15 ff).