Mehring reagiert auf Eduard Arnhold allergisch

Michael Grüning: Der Wachsmann-ReportIm Buch „Der Wachsmann-Report“ zitiert Michael Grüning den Architekten Konrad Wachsmann. In der unten stehenden Szene geht es um den Besuch einer Kunstausstellung von Konrad Wachsmann und Walter Mehring, bei der sie dem Berliner Unternehmer und Kunstsammler Eduard Arnhold (1849 – 1925) begegneten. Die Begegnung wird vor 1924 oder früher stattgefunden haben, da Mehring im Jahr 1924 nach Paris zog. Wachsmanns Erinnerung öffnet einen schönen Blick auf Mehrings politische Haltung, die auch die Kunst mit einschloss.

Walter Mehring und ich besuchten eine Vernissage, auf der auch einige Kokoschkas gezeigt wurden, die für eine hitzige Diskussion sorgten. Plötzlich gesellte sich in unsere recht kontroverse Gesprächsrunde ein älterer, sehr sorgfältig gekleideter Herr, der sich ganz überraschend in das Pro-Kokoschka-Lager stellte. Dazu muß gesagt werden, daß Kokoschka damals ähnliche Reaktionen provozierte wie heute zum Beispiel Joseph Beuys.

Der alte Herr gefiel mir sofort. Er sprach unkonventionell, sachkundig und bediente sich einer geradezu atypischen Form der Bilddeutung. Zu meiner großen Überraschung kapitulierten vor seinen Argumenten selbst die hartnäckigsten und lautstärksten Kokoschka-Kritiker und zogen sich kleinlaut zurück. So blieben vor den heißdiskutierten Bildern nur Mehring, dieser mir unbekannte Mann und ich zurück. Er lächelte und kommentierte die  Auflösung der streitbaren Runde mit witzigen, geistvollen Bemerkungen. Schließlich unterhielten wir uns über die Berliner Kunstszenerie. Nur Mehring schwieg, ein böses Schweigen. Dazu hatte er wie ein Bajonett sein eigenartiges Lächeln aufgepflanzt, das ich als Ouvertüre zu Bissigkeiten kannte, die von unglaublicher Schärfe und meist auch  verletzendem Zynismus waren. Gerade überlegte ich noch, an welchen Pfeilen Mehring wohl spitzt, als der alte Herr uns ahnungslos zur Besichtigung seiner eigenen Sammlung aufforderte. Aber Mehring schüttelte den Kopf. Wir bedauern außerordentlich, Herr Kommerzienrat, aber Sie wissen ja: Zeit ist Geld! Sprach’s, faßte meinen Arm und zog mich fort.

Was hast du gegen diesen Menschen? fragte ich ziemlich wütend. Viel, zischte Mehring und steuerte dem Ausgang zu. Er ist Eduard Arnhold, ein Freund des Kaisers. Hinter Kunstgesäusel und Mäzenatentum versteckt der Herr Kommerzienrat seine zutiefst konservative, kaisertreue und republikfeindliche Gesinnung. Mich jedenfalls fängt er mit seinen Bildern nicht!

Natürlich wußte ich, wer Eduard Arnhold war, nur gesehen hatte ich ihn noch nicht. Schon vor dem Krieg wurde er im Jahrbuch der Millionäre an herausragender Stelle erwähnt. Aber seinen Reichtum hatte er nicht ererbt, sondern im Boom der Gründerjahre mit unglaublicher Energie und Kraft erarbeitet. Dabei war Arnhold keineswegs nur ein schnöder Profitjäger. Die in seinen Unternehmen alltäglichen Sozialmaßnahmen galten vor und nach der Einführung entsprechender Gesetze in ganz Europa als beispielhaft.

Ausgesprochen unrühmlich waren jedoch seine politischen Ambitionen. Arnhold engagierte sich für die Großmacht- und Kanonenbootpolitik Wilhelms II. und gehörte sogar zu den engen Ratgebern des Kaisers, ohne jedoch ein Opportunist zu sein. Im Gegenteil. Mehring berichtete mit zornigem Vergnügen, daß es zwischen Arnhold und seinem Kaiserfreund sogar erhebliche Kontroversen gab, die oft Stoff für den „Ulk“ geliefert hatten.

Der Grund für die Reibereien zwischen dem blasierten Chef des Hohenzollernhauses und dem klugen, feinsinnigen Millionär war das desolate Kunstverständnis des Monarchen. Arnhold, den der Kaiser wegen seines außergewöhnlichen Kunstverstandes in die Ankaufskommission der Nationalgalerie berufen hatte, pflegte stets außer Fassung zu geraten, wenn sich Seine allergnädigste Majestät über Kunst und Künstler äußerten.

Eine der lustigen und zugleich demaskierenden Geschichten über das Kunstverständnis Wilhehns II. erzählte mir Hans Poelzig: Der alte Arnhold hatte sich für den Ankauf von vier französischen Impressionisten engagiert, die zu günstigen Bedingungen angeboten worden waren. Allerdings fehlten für den Kauf noch zweihunderttausend Mark, die er aus der Privatschatulle des Kaisers zu bekommen hoffte. Aber Wilhelm II. zeigte sich gleichermaßen empört wie knauserig, als er Arnholds Bittgesuch zu sehen bekam. Wo kommen wir da hin, schrieb er an den Rand des Arnholdschen Briefes, mit gleichem Recht wird Herr von Tschudi künftig Geld zum Kauf eines französischen Rennpferdes verlangen! Europa lachte, nur Arnhold nicht. Der trieb stillschweigend das Geld für die Bilder auf, die dann zur Ehrenrettung der Deutschen doch noch in den Bestand der Nationalgalerie kamen.

Für Mehring – und damals auch für mich – hatten die Kunstambitionen Eduard Arnholds lediglich eine Alibifunktion. Vielleicht irrten wir uns. Nur hatte sich Arnhold sehr fragwürdig benommen: Noch am Vorabend der Abdankung des Kaisers versicherte er dem sich schon mit Fluchtgedanken tragenden Wilhelm, daß er ihm jederzeit zur Seite stehe,
persönlich und mit seinem Vermögen. Wie eine Ironie des Schicksals muß es Arnhold getroffen haben, als ihn Brockdorff-Rantzau nach der Demissionierung des Kaisers in die
Gruppe der Versailler Friedensemissäre verpflichtete. Bei diesen Verhandlungen verlor der Berliner Millionär nämlich einige in den Ostprovinzen angelegte Millionen. Aber vielleicht hatte der Mann auch Charakter und konnte die Zeichen der neuen Zeit nicht verstehen. Sicher hätte man ihn näher kennen müssen, um seine Haltung zu begreifen. Leider habe ich jede Einladung Poelzigs abgelehnt, ihn in Arnholds Haus zu begleiten. Später, als ich Max Liebermann wiederholt in Verzückung geraten sah, wenn über Arnholds private Sammlung gesprochen wurde, kam meine Neugier auf diesen Mann zu spät. Was aus seiner berühmten Sammlung geworden ist, zu der neben Werken von Renoir, Cézanne, Degas, Manet und einigen Liebermann-Bildern auch Gemälde von Leibl, Böcklin, Lenbach, Menzel und Feuerbach gehörten, weiß ich leider nicht.

(Grüning, Michael: Der Wachsmann-Report – Auskünfte eines Architekten; Berlin (Ost): Verlag der Nation 1985, S. 236 ff.)

Walter Mehring würdigt George Grosz für die Akademie der Künste

Katalog der Ausstellung "George Grosz 1893 - 1959" der Akademie der Künste 1962

Katalog der Ausstellung "George Grosz 1893 - 1959" der Akademie der Künste 1962

Entdeckt hatte ihn Theodor Däubler, der zeusgemähnte »Nordlicht«epiker, der italo-deutsche Künder des Neuen Standpunktes der Braque und Picasso, Modigliani und Klee,  deren kraß blasphemischer Antagonist George Grosz War. Doch Däubler protegierte, verteidigte ihn fast väterlich gegen alle damals »ultramodernen« Ismen; gegen Herwarth Waldens expressionistische STURM-Kunstdogmen; ja im Widerspruch eigentlich zu seiner eignen Ästhetik – zusammen mit der Psalmistin Else Lasker-Schüler, dem »Morgue«lyriker, Dr. med. Gottfried Benn. Und brachte auch mich zu ihm; in sein West-Berliner Vorstadtatelier, vierter Stock. Draußen war alles Feldgrau. Im Türrahmen stand, als er im blutrot beklecksten Kittel uns öffnete, sein Kolossal-Ölgemälde: »Reminiszenz an die Einfahrt in Manhattan« (der Hudson; die Tavernen von Battery; die Hobokenwerften),  wohin er erst, 15 Jahre später einreisen und emigrieren sollte. Nun, damals, wenn der gerade wegen »Unzurechnungsfahigkeit frontdienstuntauglich (d. u.)« erklärte Grosz, George, Kunstmaler (der Marschall Böff der Dadaisten), an seinem Zeichenstehpult werkte, pflegte er jedem zufällig Anwesenden gleich den ganzen Lebenslauf seiner Karikaturmodelle, die er gerade sezierte und anpinselte, zu erzählen. Er schauspielerte sie nach: ihr Gebaren; ihre Gebrechen; ihre Gesinnungen, die er sofort mit ihnen stets wechselte; ihren habitus, so verblüffend steckbriefähnlich, daß man jeden gleich an der nachsten Straßenecke, im engsten Familienkreise identifizieren konnte: den Kommiß – den Pantoffelhelden, den kleinen Mann – – –

– Mensch! Böff! Das ist ja mein seliger Onkel Max . . . wie er leibte und lebte!

– – – Stimmt! lst er auch! War er auch . . . Liebte Kanarienvögel bis man ihn eines Morgens aufgehängt fand – eigenhändig  Käfigkomplex, Walt!

Stimmte! Auf den Haarpinsel genau; derart, daß man sich fragte: was war zuerst da? Seine Sujets, seine Subjekte: die Uniformfratze des ersten Weltkriegsfaschings – die papierene Schweinsrüsselmaske des Inflations-Aschermittwochs, die heimtückisch versächselte  Spitzelbartvisage des Haustyrannen, des Barrikadenagitators? Das suffisante Geschau des Proletkultpoeten? »Das Gesicht der Herrschenden Klasse«? – Oder vorher die (sprichwörtlich gewordene) »George-Grosz-Type«? Das Pandämonium des lausigen Alltagsgewimmels; das Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeiten) der Arroganz und der Eleganz; ihrer Exzellenz- und Prominenz-Welt- und Halbweltelite; ihrer protzigen Feierlich- und Lustbarkeiten; der sturköpfigen »Masse Mensch« ihrer Kasernen-Fabrik und Agraruntertanen; samt und sonders in Strichätzung eingraviert; auf die Spitzfeder aufgespießt – und wegradiert . . . »Der Spießerspiegel« – »Ecce Home!« . . . Seinem unsterblich markantesten Blatt, seinem »Christus mit der Gasmaske« hatte eine Hohe Staatsanwaltschaft, 1928, den Schauprozeß gemacht – wegen Gotteslästerung (§ 166 StGB). Doch Grosz war alles andere als ein Vereins-Atheist; vielmehr ein zeichengläubiger Nachfahr der frühgotischen Altar- und Schildermaler, die die Verhöhnung, Verspottung, Schändung des gekreuzigten Menschensohnes weit brutaler gegeißelt hatten . . . war der streitbarste Kennzeichner der Wilhelminischen Ära und ihrer unausrottbar fortwuchernden Vergangenheit; ihrer teutonisch-hunnischen Fauna. Gar nicht lag ihm der marxistisch verschönte Edelproletarier mancher Cartoons, die er, lieblos, an Parteiwitzblätter ablieferte (»Die wollen doch das so!«).

Auf all seinen Auslandsreisen entdeckte er immer bloß diese ihm heimische Groteske.

Von seiner Rußlandlahrt mit Andersen-Nexö – als propagandagefütterter Ehrengast der Sowjet-Union – brachte er nicht eine Skizze mit; dafür aber ein Konvolut boshafter Tagebuchaufzeichnungen – als geborener Greuelerzähler, und einst auch Satyrpoet . . . Nichts aus ltalien; aus Frankreich einige Straßenszenen (»S0uvenir de Paris – für Walt« . . . Ein (P0lizei)-»flic«; ein »matelot«; ein (Vespasienne) – Pissoir – und dahinter der Eiffelturm; sehr schmissig, doch unpariserisch). Aus seinen letzten Lebens- und Wahlheimatsjahren in den USA – was blieb als Ausbeute? Die »Bowery«-Nachtasyltramps; »Flaneure« (die spezifisch buntscheckig karierte, geschminkte Mischung von 42. street, Ecke 8. Avenue; die Barbershops und Bar-Leuchtreklam); die schillernde Sky-line der W0lkenkratzer-Kastelle . . . Die hätte er sich ebenso gut in Berlin ausmalen können; ja turbulenter, wie in der Chicago-Fata-Morgana seiner Frühwerke. Die obligaten »Cape Cod« – die konventionellen Texaslandschaften (für einen Warenhauskonzern) – charakteristisch höchstens durch die Pinselschrift . . . Die »Stickmen« (die Besenstielmänner; das Fahnenloch hoch!); eigens für eine Kunstsalonschau fabriziert (»Surrealismus ist doch jetzt Mode!« meinte  er).  . . . In seinem Long lsland Cottage-Atelier – es glich ganz seiner Berlin-Lichterfelde-Klause, tapeziert mit Zirkus- und Varietéaffichen; Kitschpostkarten; Michelangelo- und Matthias-Grünewald-Reproduktionen, möbliert mit Kisten voller akademischer Aktstudien (des Lehrers, Prot. Grosz der »ART STUDENT LEAGUE«); auch Pornographik in der Pieter-Breughel-Manier . . . Dazwischen auch handkolorierte Darstellungen der KZ-Schrecken, denen er gerade noch rechtzeitig entwischt, war; kannte sie nur aus Schilderungen ihm befreundeter Refugees; konnte sich aber in ihre und die Geistesverfassung ihrer Folterknechte so lebhaft einfühlen, wie Dante in die Monstren des Höllenpfuhls . . .  Den hatte er übrigens einmal für eine Pocketbook-Edition bebildert; hatte dazu die Botticelli-Entwürfe studiert; hatte mich ersucht: »Walt! Noch einen Whiskey? Unterstreich mir doch alles mir Illustrierbare! Kennst mich ja!« . . .  Heraus kam eine preußische Travestie der Divina Commedia.

Ganz zuletzt, vor seiner Heimkehr (auf einer Postkarte: »Dear Walt! Ich will doch gar nicht zurück! Es muß aber so sein! Auf bald, in Europe!«), hatte er noch einmal, vom Grauen gepackt, in einer Torschlußpanik, den eisigen Albtraum einer Roten Kosackeninvasion
graphologisch fixiert. Zwei Proben dieser Serie erschienen im »LIFE«-Magazin, posthum . . . 14 Tage nach seinem Herzinfarkttode im Hausflur des Berlin-Charlottenburgplatzes; im Geburtshaus seiner EVA, seines Idealmodells, mit der er dort einst Hochzeit gefeiert hatte. Sie folgte ihm, aus Ascona, wo sie mich noch, schwerkrank, besucht hatte, übers Jahr ins Grab an der Potsdamer »Heerstraße«.

George Grosz! Was war er nun wirklich? Ein genialer Karikaturist – monoman, schizophren – des großenwahnwitzigen Über- und Untermenschen, als der er sich jedem Besucher (Beschauer) der Gedächtnisausstellung in der Akademie der Künste offenbaren wird.

(Entschuldige, Böff, wenn ich nicht dabei bin . . .  »Nö, tue ich nicht« . . . Ich kenn Dich doch, Strich für Strich, in- und auswendig, unvergeßlich! Dein Walt.)

WALTER MEHRING

(Dieser Text ist erschienen in: Friedrich Ahlers-Hestermann (Hg.): George Grosz 1893 – 1959, Katalog zur Ausstellung der Akademie der Künste; Berlin: Akademie der Künste 1962; S. 15 ff).

France 2 stellt George Grosz‘ Porträt Walter Mehrings vor

Der französische Fernsehsender France 2 widmet sich in einer Serie kurzer Filme der Kunst. Jedesmal wird in eineinhalb bis zwei Minuten ein Bild vorgestellt – und eine Geschichte zum Bild erzählt, die darüber hinaus geht. In dieser Ausgabe wird das Porträt Walter Mehrings von George Grosz aus dem Jahr 1925 vorgestellt.

Gisa Hausmann zeichnet Walter Mehring

Gisa Hausmann: Walter Mehring (Radierung)
Gisa Hausmann: Walter Mehring (Radierung)

Gisa Hausmann (* 1942) hat sich als Künstlerin mit Literatur mehrfach auseinandergesetzt. In mehreren Zyklen hat sie Radierungen von Schriftstellern geschaffen. Der hier abgebildete ist aus dem Zyklus „Ihre Bilder wurden verbrannt“.

Dr. Lucie Schauer schreibt darüber: „Hellsichtigkeit und Transparenz des Geschehens werden auf den graphischen Arbeiten durch die Kunst des Radierens erreicht. Ein Gesicht scheint sich aufzulösen im weichen Schatten der Wangen und zu härten im wissenden Blick der Augen. Gisa Hausmann betont das Malerische vor der Linie, die Vielseitigkeit und Hintergründigkeit vor der eindeutigen Aussage. Haardünner Strich und schartige Kerbe kreuz und quer, hier sanft, dort wild zerhackend, geätzte Flächen in feinsten Nuancierungen dringen wissend in das Wesen des Vorgangs ein. Es vollzieht sich eine Art von Transsubstantiation, eine Verdinglichung der geistigen Aura, bevor die physische Existenz dem Untergang anheim fällt. Was bleibt und überlebt ist der Geist.“(Der gesamte Text steht hier…

(Auf ihrer Homepage bietet Gisa Hausmann ihre Radierungen auch als Drucke an.)

Walter Mehring in der ersten Ausstellung seines Freundes Paul Citroen

Walter Mehring, sitzend mit Hut, betrachtet die Werke seine Freundes Paul Citroen in dessen elterlicher Wohnung in der Berliner Derfflinger Straße. Foto: Erwin Blumenfeld
Walter Mehring, sitzend mit Hut, betrachtet die Werke seine Freundes Paul Citroen in dessen elterlicher Wohnung in der Berliner Derfflinger Straße. Foto: Erwin Blumenfeld

Im Oktober 1915 stellte Paul Citroen (r.) das erste Mal seine Bilder aus. Seine Eltern ermöglichten ihm dies in der eigenen Wohnung in der Derfflinger Straße in Berlin-Tiergarten. Erwin Blumenfeld, der in den 40er- und 50er-Jahren einer der wichtigsten Modefotografen wurde und für Haparts’s Bazar und Vanity Fair arbeitete, hat die Aufnahme gemacht. Drei noch nicht einmal 20 Jahre alte Berliner, die sich alle auf ihrem Feld einen großen Namen erarbeiteten, sind an diesem Bild beteiligt.

Fundstelle des Bildes ist die Webseite www.luise-berlin.de 

Laszlo Glozer sortiert Mehrings Texte über Paul Klee neu

Walter Mehring: Paul Klee - Frühe Begegnung
Walter Mehring: Paul Klee - Frühe Begegnung

Vor einigen Tagen ist ein neues Buch von Walter Mehring erschienen. Der Piet Meyer Verlag aus Bern hat zwei Texte Mehrings über Paul Klee mit vielen Abbildungen und einem sehr überzeugenden Nachwort des Kunstkritikers Laszlo Glozer kombiniert. Dabei ist ein kleines, faszinierendes Buch entstanden, das vor allem zeigt, wie hellsichtig Mehring Paul Klee verstand und wie weit er seiner Zeit auch dabei voraus war.

In den 1950er-Jahren lebte Walter Mehring nach seinem Exil in Frankreich, Österreich, Frankreich und den USA in der Schweiz. Hier hatte er, der ehemalige Kunststudent, Bücher über Kunst und Kunstgeschichte zu veröffentlichen. Dabei ging es vor allem um DADA und um Paul Klee. Über letzteren konnte er einen Band in einer Kunstreihe des Scherz-Verlages veröffentlichen. Dieser Text ist im neuen Buch der tragende.

Walter Mehring hat seine eigenen Erlebnisse mit Paul Klee als Ausgangspunkt für eine kulturgeschichtliche Einordnung des Malers genommen. Dieses Prinzip zieht sich durch den ganzen Text. Dabei stellt sich Mehring nicht in den Mittelpunkt. Er konzentriert sich auf Klee. Aber Mehrings besondere Nähe zu seinem Thema macht den besonderen Reiz aus. Denn Mehring hat die ersten Bilder Klees schon 1916 in der Galerie „Der Sturm“ von Herwarth Walden betrachtet. Für ihn war das eine Erschütterung, wie sie nach Kindheit und Pubertät kaum noch zu erleben ist. Mehring hat Klee in der Galerie auch persönlich kennengelernt. Beide in Uniform während des 1. Weltkrieges. Und Mehring ganz schüchtern.

Mehring verdichtet diese autobiografischen Aspekte mit dem großen Respekt vor Paul Klee und dem historischen Kulturkampf zwischen der Moderne und der reaktionären Kunst, die bei den Nationalsozialisten dankbar aufgenommen wurde, fast zu einem Gedicht über Kunst.

Besonderes Augenmerk verdient der Essay von Laszlo Glozer. Er würdigt Mehring als einen hellsichtigen Zeitgenossen, der mit seiner Interpretation Klees ein Solitär in den 1950er-Jahren war. Er stellt aber auch heraus, dass Mehring mit seiner Sicht einen Blick eröffnete, die 30 Jahre später ihren Durchbruch schaffte. Denn Mehring würdigte Klee schon als politischen Menschen und Künstler, wobei politisch nicht einer Partei zugehörig meint. Nein, es geht um eine autonome Haltung, die immer den Menschen, die Menschlichkeit über alle Ismen stellt. In dieser Haltung ähneln sich der abstrakte Künstler, der Bauhaus-Professor auf der einen Seite und der radikale, autonome und individualistische Schriftsteller. Es findet sich nur ein kleiner Wehmutstropfen. Glozer schreibt immer von der neunbändigen Werkausgabe Mehrings. Es wäre interessant, welchen Band der tatsächlich zehn Bände er nicht kennt.

Es wäre schön, wenn dieser Band den Blick auf Mehring öffnen würde. Und wenn damit der Lyriker, Journalist, Dramatiker, Kabarettist, Kunstkritiker und Romancier wieder mehr Aufmerksamkeit bekäme.

Walter Mehring: Paul Klee – Frühe Begegnung. Piet Meyer Verlag, 120 Seiten
44 Abbildungen, davon 25 in Farbe. 12,80 Euro.