Gabriel Heim erinnert sich an Besuche Mehrings in Zürich

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will rausIn den ersten Jahren hat Ilse oft Besuch von Freundinnen und alten Kollegen aus Berlin, die am Schauspielhaus gastieren oder auf der Durchreise sind. (…) Zu ihnen gehört Walter Mehring. Er besucht llse immer am späten Nachmittag und bleibt zum Abendessen. Er kann wunderbar berlinern, und nie habe ich seine Geschichten aus der großen Stadt mit den vielen Lichtern und Theatern satt. Ich frage ihn ein Loch in den Bauch nach Nollendorfplatz und Bahnhof Zoo, nach Molle und Bolle. Ich bettele darum, und er rührt mich. Schon als Kind entwickele ich eine Ahnung davon, dass Walter und llse, dass Onkel Hans und Tante „Putz“ und auch Emil und Gustav mit der Hupe und selbst der Ganove Grundeis ihre aufregende Welt, in der sie so viel erleben und in der sie zu Hause sind, verloren hatten. Es musste ganz wunderbar gewesen sein dort (…). So möblieren alle Besucher in Ilses Wohnung ihre Erinnerungen. Ihre Bilder werden mir zu Räumen, zu Straßen, zu einem rasend rieselnden Kaleidoskop Voller Lärm und Neon. Es wird so mächtig, dass ich als kleiner Junge fast jede Nacht von dieser rauschhaften Stadt träume und am Tag gar nicht verstehen kann, warum Ilse und Walter und die vielen anderen nicht dort leben und noch immer dort sind, statt sich am stillen, eintönigen Waldrand über Zürich gemeinsam danach zu sehnen.

Mehring ist ein raffinierter Spötter und sarkastischer Charmeur. Für ihn ist Ilse immer noch die zwanzigjährige Schauspielerin, mit der er vom Kakadu aus in die Nächte zieht, die bei Tagesanbruch Mampe und Prärieauster schlürft und Stullen mampft und im Lehen wie im Rollenfach gern die Lulu von Wedekind gibt. Ilse mag dieses Spiel, denn es handelt von den guten Erinnerungen. Wenn ich aber frage, warum wir alle nicht mehr dort sind und warum ich nicht dort zur Schule gehen darf, wo es doch so viel zu sehen und immer wieder davon zu erzählen gibt, da bekomme ich kaum eine Antwort, allenfalls knapp: »Du sollst dem lieben Gott danken, dass du damals nicht auf der Welt warst. (…)

Mehring trägt notorisch Bücher in seinen ausgebeulten Jackentaschen herum, und in jeder freien Minute, wenn Ilse kurz zur Küche geht oder das Telefon klingelt, greift er nach einem Bändchen und versinkt in dem grünen Sofa. Ich mag Walter gern, denn er ist nicht viel größer als ich, hat flinke Augen, kleine Händchen mit Spindelfingern und ist schlagfertig. Mit fünf oder sechs Jahren fordere ich ihn ernsthaft zu Boxkämpfen heraus. Er nimmt an, und viele Jahre lang fighten wir bei jedem seiner Besuche im langen Flur der Wohnung verbissen miteinander. Als ich stärker werde und Walter immer mehr schrumpft, ist Schluss damit. Er ruft mich zu seinem Meister aller Klassen aus, und als ich zwölf werde, schenkt er mir ein signiertes Bändchen seines Ketzerbreviers: „Für Gabriel, den jungen – Engel – von dem greisen >Dichter< Walter.“ Ilse freut sich immer auf Mehrings Besuche. Ich spüre, dass die beiden viel Gemeinsames miteinander gehabt haben, so wie ich sie in ihre verlorene Zeit schlüpfen sehe.

Meist, aber besonders wenn Besuch da ist, werde ich früh ins Bett geschickt. Mehrings schnarrende und durchdringende Stimme und llses helles Lachen dringen bis spät in mein Zimmer.

(Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 16ff.

Gabriel Heim ist 1950 als Sohn von Ilse Heim-Winter in Zürich geboren. In seinem Buch verarbeitet er die nie erzählte jüdische Familiengeschichte seiner Mutter, die als junge Schauspielerin schon 1933 Berlin verlassen hatte. Ihre Mutter aber blieb in der Stadt und hoffte sehr lange, dass es ein Leben in Berlin noch möglich wäre. Später hoffte sie auf eine legale Ausreise. All das ist in Briefen festgehalten, die Gabriel Heim hinter Büchern entdeckte. Dabei schildert er sowohl das Leben von Mutter Ilse als auch das seiner Großmutter und weiterer Familienmitglieder, die rechtzeitig nach Palästina oder in die USA auswanderten. Mit Walter Mehring verband Ilse das Zusammenleben in den ersten beiden Exiljahren in Paris. Und eine lebenslange Freundschaft. (A.O.))  

Sven j. Olsson dramatisiert Mehrings Müller

Müller - Chronik einer deutschen Sippe, dramatisiert von Sven j. Olsson (2013)
Müller – Chronik einer deutschen Sippe, dramatisiert von Sven j. Olsson (2013)

Walter Mehrings „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“in einem Kindertheater-Verlag zu publizieren ist schon gewagt. Aber Sven j. Olsson will, dass der Text aus dem Exil nicht vergessen wird. Und so hat er sich vorgenommen, diesen Roman über den deutschen Untertanen in eine neue Form zu bringen, um ihn einer neuen Generation nahe zu bringen.

Dazu nimmt sich Olsson vor, den Text so weit wie möglich in seine Bühnenfassung einzubinden. Mehrings Ritt durch fast zwei Jahrtausende Deutschtum seit Tacitus folgt er. Eine Fülle von historischen Szenen wechseln sich ab, viele Müllers kommen dabei nur sehr kurz vor. Das erschwert auf der einen Seite das Verstehen der einzelnen Müllers. es macht auf der anderen Seite aber die dramatischen Effekt der Herausbildung eines Typus leicht. Denn egal in welchem Deutsch der Müller spricht, egal in welcher Zeit er beheimatet ist, er duldet die Obrigkeit nicht nur. Nein, er verehrt sie geradezu.

Olsson legt das Theaterstück nicht nur in der Abfolge der Müllers in ihrer jeweiligen Zeit wie den Roman an. Er folgt Mehring auch in der Rahmenhandlung. Auch auf der Bühne verortet er den Dr. Armin Müller, den Oberstudienrat des Königlischen Wilhelms-Gymnasium, der als NSDAP-Mitglied um seinen arischen Stammbaum und damit die Anerkennung des von ihm so bewunderten Systems kämpft. Anders als im Roman wird Armin Müller viel stärker als verbindendes Glied im Textgefüge eingesetzt. Er ist in und zwischen den Szenen immer wieder in seinem Kampf um den Ariernachweis zu sehen. Das festigt das Stück sehr, gibt ihm Kontur uns den jugendlichen Zuschauersn, für die die Dramatisierung ja verfasst wurde, den Halt, den sie benötigen dürften, um dem Stück zu folgen.

Olsson arbeitet zudem mit dem „Lied der Straßenkehrer“ und weiteren Versen Mehrings, um dem Stück Halt und Schwung zu geben. Er legt des Text als einen rasanten Wechsel von Zeitebenen, Bühnenebenen und Rollenwechseln der Schauspieler an. Das kann, wenn es gut inszeniert ist und die Schüler Spaß am Spielen haben, bestimmt sehr gut werden. Es birgt aber auch die Gefahr, dass sich in der großen Vielfalt des Geschehens das Stück im Klamauk oder im Bühnenchaos verliert. Auf jeden Fall ist die Dramatisierung von „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“ ein Stück, das es wert ist, auf der Bühne ausprobiert zu werden. Wer die Inszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ in der Berliner Volksbühne gesehen hat, kann sich vorstellen, dass Olssons Müller-Fassung besser beim Publikum ankommt als Castorffs Kaufmann. Denn die Kraft der Satire, die in Mehrings Müller steckt, hat Olsson auf jeden Fall erhalten. (A.O.)

Derfflingerstraße 3 – Hier stand das Geburtshaus Walter Mehrings

Derfflingerstraße 3 in Berlin Tiergarten. Hier befand sich das Geburtshaus Walter Mehrings

Derfflingerstraße 3 in Berlin-Tiergarten lautete die Anschrift der Familie Mehring. Hier verbrachte Walter Mehring seine Kindheit. Und hier lebte seine Mutter bis zur Deportation. Allerdings ist das Haus zerstört worden. Der Eingang zur Derfflingerstraße 3 ist heute einer zu einem Mehrfamilienhaus aus der Nachkriegszeit. Nichts erinnert an Walter Mehring, Vater Sigmar Mehring oder Mutter Hedwig Stein; keine Gedenktafel, kein Stolperstein. Das gilt auch für Walter Mehrings Jugendfreund Paul Citroen, der Maler und Fotografen, der in der Derfflingerstraße 21 aufwuchs.

Hans Baumgartner macht auf „Die verlorene Bibliothek“ aufmerksam

Der Elster Verlag gibt einen Newsletter heraus, in dem Besprechungen zu den von ihm verlgten Bücher an Abonnenten geschickt werden. Die kleine Zeitschrift im PDF-Format heißt „Lesezeichen“. In der Ausgabe III/2013 hat Hans Baumgartner einen Text über Mehring und „Die verlorene Bibliothek“ erschienen:

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek
Aus der Zeit gefallen

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag

Achtzig Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen wird «Die verlorene Bibliothek» von Walter Mehring (1896-1981) neu aufgelegt – es ist die intellektuelle Antwort auf die große Barbarei.

Von Tag zu Tag saß er im Pfauen und bestellte sein Einerli Weißen, so wie Heiri Gretler am  runden Tisch in der Ecke seinen Roten, aber meist allein, und immer mit Notizheft, am  Schreiben. Seit seiner Rückkehr aus den Staaten lebte er wieder in den kleinen Hotels, ab den 70iger-Jahren meist in Zürich, im Florhof, Urban, Opera, manchmal in Ascona, nur  selten in Deutschland, wo ihm in München sein 800 Seiten Manuskript «Die verbrannten Dichter», vielleicht sein Lebenswerk, abhanden kam. In Zürich traf nur ein fremder schwarzer Koffer ein. „Hans Baumgartner macht auf „Die verlorene Bibliothek“ aufmerksam“ weiterlesen

Orte einst und jetzt (3): Derfflingerstraße in Berlin Tiergarten

Derfflingerstraße, von der Kurfürstenstraße aus gesehen (Aufnahme wahrscheinlich vor 1918) ; Quelle: www.luise-berlin.de
Derfflingerstraße, von der Kurfürstenstraße aus gesehen (Aufnahme wahrscheinlich vor 1918) ; Quelle: www.luise-berlin.de

Hier in Berlin Tiergarten in der Derfflingerstraße ist Walter Mehring aufgewachsen. In der gleichen Straße wie Erwin Blumenfeld und Paul Citroën, mit dem er stets in Kontakt blieb. Allerdings zeigt diese Ansicht die Straße von Süden, also von der Kurfürstenstraße. Die Familie Sigmar, Hedwig und Walter Mehring wohnte aber im nördlichen Teil. In der Derfflingerstraße hatte Bruno Cassierer seinen Verlag, hier war das Französische Gymnasium, eine bekannte Privatklinik und die Häuser zeugten von einer besseren Wohngegend.

Derfflingerstraße in Berlin von der Kurfürstenstraße im Jahr 2013
Derfflingerstraße in Berlin von der Kurfürstenstraße im Jahr 2013

Mehr Orte einst und jetzt:
Königliches Wilhelms-Gymnasium – Sony-Center
Café Herrenhof in Wien

Ein Pecha Kucha von Bernd Zocher über seinen Walter Mehring

Bernd Zocher, der Chef des Elster Verlages, in dem vor wenigen Wochen Walter Mehrings „Die verlorene Bibliothek“ erschienen ist, versucht sich mit diesem Pecha Kucha dem Autor zu nähern. Im Newsletter des Verlages hat er die Texte und Bilder verfügbar gemacht.

Besprechung „Die verlorenen Bibliothek“ aus dem Elster Verlag
Walter Mehring in einer neuen Biografie und seiner Autobiografie

Der Elster Verlag legt „Die verlorene Bibliothek“ neu auf

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag (2013)
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag (2013)

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung. „Der Elster Verlag legt „Die verlorene Bibliothek“ neu auf“ weiterlesen

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

  1. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA. „Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie“ weiterlesen

Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille

Die Stadt Marseille stellt sich ihrer schwierigen Geschichte in den Jahren 1940 bis 1944. Von hier gelang es vielen Intelektuellen vor den NAtionalsozialisten zu fliehen. Unter anderen Walter Mehring, der wie viele andere Dank des Emergency Rescue Committee den Weg in die USA schaffte. Doch viele tausend andere Flüchtlinge wurden aus Marseille deportiert. Sandra Kegel berichtet in der FAZ vom Parcours „Ici-même“, der an die dramatische Flüchtlingssituation erinnert.

Parcours „Ici-même“ in MarseilleNur fort von diesem Stern

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen. „Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille“ weiterlesen

Zinovia Pouli singt „Wie lange noch?“

Die Griechn Zinovia Pouli singt mit der Begleitung von Andreas Rendoulis am Klavier „Wie lange noch“. Inzwischen scheit es das am häufigsten neu eingespielte Lied Walter Mehrings sein.