Gabriel Heim erinnert sich an Besuche Mehrings in Zürich

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will rausIn den ersten Jahren hat Ilse oft Besuch von Freundinnen und alten Kollegen aus Berlin, die am Schauspielhaus gastieren oder auf der Durchreise sind. (…) Zu ihnen gehört Walter Mehring. Er besucht llse immer am späten Nachmittag und bleibt zum Abendessen. Er kann wunderbar berlinern, und nie habe ich seine Geschichten aus der großen Stadt mit den vielen Lichtern und Theatern satt. Ich frage ihn ein Loch in den Bauch nach Nollendorfplatz und Bahnhof Zoo, nach Molle und Bolle. Ich bettele darum, und er rührt mich. Schon als Kind entwickele ich eine Ahnung davon, dass Walter und llse, dass Onkel Hans und Tante „Putz“ und auch Emil und Gustav mit der Hupe und selbst der Ganove Grundeis ihre aufregende Welt, in der sie so viel erleben und in der sie zu Hause sind, verloren hatten. Es musste ganz wunderbar gewesen sein dort (…). So möblieren alle Besucher in Ilses Wohnung ihre Erinnerungen. Ihre Bilder werden mir zu Räumen, zu Straßen, zu einem rasend rieselnden Kaleidoskop Voller Lärm und Neon. Es wird so mächtig, dass ich als kleiner Junge fast jede Nacht von dieser rauschhaften Stadt träume und am Tag gar nicht verstehen kann, warum Ilse und Walter und die vielen anderen nicht dort leben und noch immer dort sind, statt sich am stillen, eintönigen Waldrand über Zürich gemeinsam danach zu sehnen.

Mehring ist ein raffinierter Spötter und sarkastischer Charmeur. Für ihn ist Ilse immer noch die zwanzigjährige Schauspielerin, mit der er vom Kakadu aus in die Nächte zieht, die bei Tagesanbruch Mampe und Prärieauster schlürft und Stullen mampft und im Lehen wie im Rollenfach gern die Lulu von Wedekind gibt. Ilse mag dieses Spiel, denn es handelt von den guten Erinnerungen. Wenn ich aber frage, warum wir alle nicht mehr dort sind und warum ich nicht dort zur Schule gehen darf, wo es doch so viel zu sehen und immer wieder davon zu erzählen gibt, da bekomme ich kaum eine Antwort, allenfalls knapp: »Du sollst dem lieben Gott danken, dass du damals nicht auf der Welt warst. (…)

Mehring trägt notorisch Bücher in seinen ausgebeulten Jackentaschen herum, und in jeder freien Minute, wenn Ilse kurz zur Küche geht oder das Telefon klingelt, greift er nach einem Bändchen und versinkt in dem grünen Sofa. Ich mag Walter gern, denn er ist nicht viel größer als ich, hat flinke Augen, kleine Händchen mit Spindelfingern und ist schlagfertig. Mit fünf oder sechs Jahren fordere ich ihn ernsthaft zu Boxkämpfen heraus. Er nimmt an, und viele Jahre lang fighten wir bei jedem seiner Besuche im langen Flur der Wohnung verbissen miteinander. Als ich stärker werde und Walter immer mehr schrumpft, ist Schluss damit. Er ruft mich zu seinem Meister aller Klassen aus, und als ich zwölf werde, schenkt er mir ein signiertes Bändchen seines Ketzerbreviers: „Für Gabriel, den jungen – Engel – von dem greisen >Dichter< Walter.“ Ilse freut sich immer auf Mehrings Besuche. Ich spüre, dass die beiden viel Gemeinsames miteinander gehabt haben, so wie ich sie in ihre verlorene Zeit schlüpfen sehe.

Meist, aber besonders wenn Besuch da ist, werde ich früh ins Bett geschickt. Mehrings schnarrende und durchdringende Stimme und llses helles Lachen dringen bis spät in mein Zimmer.

(Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 16ff.

Gabriel Heim ist 1950 als Sohn von Ilse Heim-Winter in Zürich geboren. In seinem Buch verarbeitet er die nie erzählte jüdische Familiengeschichte seiner Mutter, die als junge Schauspielerin schon 1933 Berlin verlassen hatte. Ihre Mutter aber blieb in der Stadt und hoffte sehr lange, dass es ein Leben in Berlin noch möglich wäre. Später hoffte sie auf eine legale Ausreise. All das ist in Briefen festgehalten, die Gabriel Heim hinter Büchern entdeckte. Dabei schildert er sowohl das Leben von Mutter Ilse als auch das seiner Großmutter und weiterer Familienmitglieder, die rechtzeitig nach Palästina oder in die USA auswanderten. Mit Walter Mehring verband Ilse das Zusammenleben in den ersten beiden Exiljahren in Paris. Und eine lebenslange Freundschaft. (A.O.))  

Sven j. Olsson dramatisiert Mehrings Müller

Müller - Chronik einer deutschen Sippe, dramatisiert von Sven j. Olsson (2013)
Müller – Chronik einer deutschen Sippe, dramatisiert von Sven j. Olsson (2013)

Walter Mehrings „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“in einem Kindertheater-Verlag zu publizieren ist schon gewagt. Aber Sven j. Olsson will, dass der Text aus dem Exil nicht vergessen wird. Und so hat er sich vorgenommen, diesen Roman über den deutschen Untertanen in eine neue Form zu bringen, um ihn einer neuen Generation nahe zu bringen.

Dazu nimmt sich Olsson vor, den Text so weit wie möglich in seine Bühnenfassung einzubinden. Mehrings Ritt durch fast zwei Jahrtausende Deutschtum seit Tacitus folgt er. Eine Fülle von historischen Szenen wechseln sich ab, viele Müllers kommen dabei nur sehr kurz vor. Das erschwert auf der einen Seite das Verstehen der einzelnen Müllers. es macht auf der anderen Seite aber die dramatischen Effekt der Herausbildung eines Typus leicht. Denn egal in welchem Deutsch der Müller spricht, egal in welcher Zeit er beheimatet ist, er duldet die Obrigkeit nicht nur. Nein, er verehrt sie geradezu.

Olsson legt das Theaterstück nicht nur in der Abfolge der Müllers in ihrer jeweiligen Zeit wie den Roman an. Er folgt Mehring auch in der Rahmenhandlung. Auch auf der Bühne verortet er den Dr. Armin Müller, den Oberstudienrat des Königlischen Wilhelms-Gymnasium, der als NSDAP-Mitglied um seinen arischen Stammbaum und damit die Anerkennung des von ihm so bewunderten Systems kämpft. Anders als im Roman wird Armin Müller viel stärker als verbindendes Glied im Textgefüge eingesetzt. Er ist in und zwischen den Szenen immer wieder in seinem Kampf um den Ariernachweis zu sehen. Das festigt das Stück sehr, gibt ihm Kontur uns den jugendlichen Zuschauersn, für die die Dramatisierung ja verfasst wurde, den Halt, den sie benötigen dürften, um dem Stück zu folgen.

Olsson arbeitet zudem mit dem „Lied der Straßenkehrer“ und weiteren Versen Mehrings, um dem Stück Halt und Schwung zu geben. Er legt des Text als einen rasanten Wechsel von Zeitebenen, Bühnenebenen und Rollenwechseln der Schauspieler an. Das kann, wenn es gut inszeniert ist und die Schüler Spaß am Spielen haben, bestimmt sehr gut werden. Es birgt aber auch die Gefahr, dass sich in der großen Vielfalt des Geschehens das Stück im Klamauk oder im Bühnenchaos verliert. Auf jeden Fall ist die Dramatisierung von „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“ ein Stück, das es wert ist, auf der Bühne ausprobiert zu werden. Wer die Inszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ in der Berliner Volksbühne gesehen hat, kann sich vorstellen, dass Olssons Müller-Fassung besser beim Publikum ankommt als Castorffs Kaufmann. Denn die Kraft der Satire, die in Mehrings Müller steckt, hat Olsson auf jeden Fall erhalten. (A.O.)

Derfflingerstraße 3 – Hier stand das Geburtshaus Walter Mehrings

Derfflingerstraße 3 in Berlin Tiergarten. Hier befand sich das Geburtshaus Walter Mehrings

Derfflingerstraße 3 in Berlin-Tiergarten lautete die Anschrift der Familie Mehring. Hier verbrachte Walter Mehring seine Kindheit. Und hier lebte seine Mutter bis zur Deportation. Allerdings ist das Haus zerstört worden. Der Eingang zur Derfflingerstraße 3 ist heute einer zu einem Mehrfamilienhaus aus der Nachkriegszeit. Nichts erinnert an Walter Mehring, Vater Sigmar Mehring oder Mutter Hedwig Stein; keine Gedenktafel, kein Stolperstein. Das gilt auch für Walter Mehrings Jugendfreund Paul Citroen, der Maler und Fotografen, der in der Derfflingerstraße 21 aufwuchs.

Hans Baumgartner macht auf „Die verlorene Bibliothek“ aufmerksam

Der Elster Verlag gibt einen Newsletter heraus, in dem Besprechungen zu den von ihm verlgten Bücher an Abonnenten geschickt werden. Die kleine Zeitschrift im PDF-Format heißt „Lesezeichen“. In der Ausgabe III/2013 hat Hans Baumgartner einen Text über Mehring und „Die verlorene Bibliothek“ erschienen:

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek
Aus der Zeit gefallen

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag

Achtzig Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen wird «Die verlorene Bibliothek» von Walter Mehring (1896-1981) neu aufgelegt – es ist die intellektuelle Antwort auf die große Barbarei.

Von Tag zu Tag saß er im Pfauen und bestellte sein Einerli Weißen, so wie Heiri Gretler am  runden Tisch in der Ecke seinen Roten, aber meist allein, und immer mit Notizheft, am  Schreiben. Seit seiner Rückkehr aus den Staaten lebte er wieder in den kleinen Hotels, ab den 70iger-Jahren meist in Zürich, im Florhof, Urban, Opera, manchmal in Ascona, nur  selten in Deutschland, wo ihm in München sein 800 Seiten Manuskript «Die verbrannten Dichter», vielleicht sein Lebenswerk, abhanden kam. In Zürich traf nur ein fremder schwarzer Koffer ein.

Immer hatte er gerade noch flüchten können, nicht ohne List aus drei Lagern, und in Berlin gewarnt nur wenige Tage vor dem Reichtagsbrand (1933), in Wien nach dem Anschluss (1938) mit dem Zug über die Schweiz nach Paris, in Marseille Dank Varian Fry mit dem letzten Schiff, der Wyoming, nach Martinique (1941). Bei Metro Goldwin Mayer hatte er wie andere Emigranten einen einjährigen Scheinvertrag, nur schreiben sollte er nicht. Und er fand dort auch kein Publikum, so wie Heinrich Mann.

Ganz anders war das in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik gewesen. Der Name Walter Mehring war bekannt, war geschätzt von den einen und gehasst von denen, die als dunkle Macht des Grauens Deutschland in den Griff bekommen sollten. Mehring traf mit seiner messerscharfen Lyrik den Rhythmus der Zeit. Er war einer der wichtigsten Exponenten der Dada-Bewegung in Berlin. Kurt Tucholsky nannte ihn «unser aller Meister». Als Texter des Kabaretts «Schall und Rauch» von Max Reinhardt machte er das, was man Furore nennt. Von 1921 bis 1928 lebt er als Korrespondent in Paris. 1929 kam es zum Skandal, als an der Volksbühne sein Stück «Der Kaufmann von Berlin» aufgeführt wurde. Draußen marschierte die SA auf und drinnen sorgten die Nazis gewaltsam für Tumult. In der Berliner Tageszeitung «Der Angriff» forderte Joseph Goebbels 1933 mit großen Lettern «An den Galgen» Mehrings Liquidation. Sein letzter Beitrag für die «Weltbühne» von Carl von Ossietzky, «Die Sage vom bösen Krebs», einen Tag vor dem Reichstagsbrand erschienen, bedeutet auch deren Ende.

«Halte mich, ]unge», starb 1918 der Vater beim Vorlesen, Kants «Kritik der reinen Vernunft» in der Hand. Sigmar Mehring hinterließ seinem Sohn eine umfangreiche Bibliothek «aus Tausenden von Bänden, jeder ein Anathema seiner weißen  Aufklärungsmagie, kraft der er, der fortschrittsgläubige Atheist, sich gegen die Rückfälle ins Werwolftum gefeit geglaubt hatte». Der Sohn konnte sie noch teilweise nach Wien hinüberretten, wo sie aber bei einer Hausdurchsuchung von der SA innert weniger Stunden zerstört wurde. Im Exil in den USA begann Mehring sein großartiges Kopfprojekt, den Wiederaufbau der väterlichen Bibliothek im Geiste und deren Umformung zum Buch. Der amerikanische Verleger setzte 1951 den treffenden Untertitel unter «The Lost Library»; das Buch steht ohne jede Übertreibung für die meisterhafte «Autobiografie einer Kultur».

Zwischen allen Stühlen Die Rückkehr nach Europa 1953 war schwierig. Auf Mehring, den scharfen Formulierer und Neunmalklugen, hatte in der deutschen Aufbruchsstimmung niemand gewartet. Der Gruppe 47 waren die eigenen Kriegserlebnisse genug, weiter  zurückblicken wollte man nicht. Dem Wunsch, vom Nullpunkt auszugehen, stand das erlebte Wissen Mehrings diametral entgegen. Manche griffen auch zu absurden Vorwürfen, unterstellten ihm einen «vulgären Antikommunismus», um ihn auszugrenzen. Mehring hatte eine direkte Linie von Karl Marx zu den Nationalsozialisten und weiter zur RAF gezogen, mit wie immer überzeugendem Scharfsinn. «Egozentrische Eitelkeit» war ihm eigen, war Teil seines künstlerischen Antriebs, aber auch seines Schmerzes als vereinsamter Staatenloser. Auch die «Weltwochen» klagte er in einem Brief an François Bondy, wolle vom Plädoyer seiner lyrischen Weltanschauung, von ihm vorgetragen im Theater am Neumarkt, nichts berichten.

Es gab Ausnahmen. In der kriegsverschonten Schweiz war es ein Geistesverwandter, der sich zweifach angesprochen fühlte: «Er (Mehring) war ein leidenschaftlicher Antiideologe, ein großer Lyriker.» Friedrich Dürrenmatt arbeitete am Zürcher Schauspielhaus, und traf dort im Pfauen öfters auf Mehring, lud ihn auch zu sich nach Hause ein, wo er ihn malte, wie ihn zuvor seine Freunde George Grosz und Robert Delaunay portraitiert hatten, Dürrenmatt wusste gut um die Befindlichkeiten Mehrings: «Sein größter Wunsch war es, wieder gelesen zu werden, nur kein Operettenkomiker aus der Mottenkiste wollte er sein. Man hat ihn aufs Chanson, aufs Kabarett geschoben, das Lyrische nicht ernst genommen».

Dürrenmatt leistete auch für «Die verlorene Bibliothek» Fürsprache: «Sein wichtigstes Buch, ein poetisches grandioses Durcheinander, ein unentwirrbarer Knäuel von Vergangenheit.» Die Wirkung dieser und anderer Fürsprecher war begrenzt. Mehring lebte und lebte, machte es niemandem und nichts einfach, weigerte sich zurück nach Deutschland zu gehen, den deutschen Pass anzunehmen. Dabei war er stets freundlich im Umgang, ja bescheiden im Auftreten, nur – die Kant`sche Schule vielleicht – kategorisch im Urteil. Maja Beutler traf ihn für ein Radioportrait kurz vor seinem Ableben 1981 in Zürich – ein bewegendes Tondokument entstand und ein bitteres Fazit der Schriftstellerin blieb: «Unsere Zeit hat ihn vergessen, bevor er gestorben war.» Aber das Werk lebt. Wer als Leser einraucht in dieses literarische Panoptikum, der kann sich verlieren in der Fülle der Informationen, der Geistesblitze, der bestechenden Formulierungen. Kein leichtverdauliches, aber ein geistig nahrhaftes Gericht. Die Bibliothek als Schutzwall, so verstand der Sohn das Legat seines Vaters, niedergerissen von den Werwölfen, literarisch wieder aufgerichtet.

Hans Baumgartner

Walter Mehring
Die verlorene Bibbliothek – Autobiografie einer Kultur
Mit einem Nachwort von Martin Dreyfus
336 Seiten, gebunden, Fr, 39.80 I Euro (D) 24.80
ISBN: 978-3-906065-02-1
Erscheint April 2013

Orte einst und jetzt (3): Derfflingerstraße in Berlin Tiergarten

Derfflingerstraße, von der Kurfürstenstraße aus gesehen (Aufnahme wahrscheinlich vor 1918) ; Quelle: www.luise-berlin.de
Derfflingerstraße, von der Kurfürstenstraße aus gesehen (Aufnahme wahrscheinlich vor 1918) ; Quelle: www.luise-berlin.de

Hier in Berlin Tiergarten in der Derfflingerstraße ist Walter Mehring aufgewachsen. In der gleichen Straße wie Erwin Blumenfeld und Paul Citroën, mit dem er stets in Kontakt blieb. Allerdings zeigt diese Ansicht die Straße von Süden, also von der Kurfürstenstraße. Die Familie Sigmar, Hedwig und Walter Mehring wohnte aber im nördlichen Teil. In der Derfflingerstraße hatte Bruno Cassierer seinen Verlag, hier war das Französische Gymnasium, eine bekannte Privatklinik und die Häuser zeugten von einer besseren Wohngegend.

Derfflingerstraße in Berlin von der Kurfürstenstraße im Jahr 2013
Derfflingerstraße in Berlin von der Kurfürstenstraße im Jahr 2013

Mehr Orte einst und jetzt:
Königliches Wilhelms-Gymnasium – Sony-Center
Café Herrenhof in Wien

Ein Pecha Kucha von Bernd Zocher über seinen Walter Mehring

Bernd Zocher, der Chef des Elster Verlages, in dem vor wenigen Wochen Walter Mehrings „Die verlorene Bibliothek“ erschienen ist, versucht sich mit diesem Pecha Kucha dem Autor zu nähern. Im Newsletter des Verlages hat er die Texte und Bilder verfügbar gemacht.

Besprechung „Die verlorenen Bibliothek“ aus dem Elster Verlag
Walter Mehring in einer neuen Biografie und seiner Autobiografie

Der Elster Verlag legt „Die verlorene Bibliothek“ neu auf

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag (2013)
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag (2013)

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung.

Auf 311 Seiten ist der Text in der fast gleichen Form und Typographie gedruckt. Wesentlicher Unterschied ist das Nachwort. Für die Neuausgabe hat Martin Dreyfus dem Text einen Abriss über das Leben und die Haltung Mehrings angefügt, was durchaus sinnvoll ist. Denn 35 Jahre nach der Werkausgabe ist die zeitliche und biografische Einordnung ein Muss, um neuen Lesern den Zugang zu erleichtern. Dreyfus hält sich zurück, den Text zu interpretieren. Er liefert neben der biografischen Verortung einen Abriss der Editionsgeschichte dieses Solitärs der deutschen Exil- und Erinnerungsliteratur. Damit erleichtert er dem Leser den Zugang zum Text. Martin Dreyfus: „‚Die verlorene Bibliothek‘ darf – neben dem lyrischen Werk – wohl mit Fug als sein bedeutendes Buch bezeichnet werden.“

Damit liegt er sicherlich richtig. Denn dieses Panorama der Bibliothek seines Vaters, die er erbte, die er bei der Flucht aus Berlin 1933 zurücklassen musste, die ihm nach Wien von Camill Hoffmann nachgeschickt wurde und ihm schließlich nach dem „Anschluss Österreichs“ im März 1938 endgültig geraubt wurde, eröffnet den geistigen Horizont des späten 19. Jahrhunderts. Im Exil schrieb Mehring das Buch aus dem Gedächtnis. Das ist so erstaunlich, dass es der Leser heute kaum glauben kann. Lediglich die Zitate überprüfte Mehring in der Public Library von New York, um Fehler im Wortlaut zu korrigieren. Angesichts der Fülle der zitierten und erinnerten Bücher – vor allem der französischen und der deutschen Literatur – ist das in Zeiten des Internets und der billigen Datenspeicher nötigt das enormen Respekt ab.

Die Wortakrobatik Mehrings, die Verknappung und Verquickung unterschiedlicher kultureller und politischer Aspekte erzeugt oft Sätze, die nicht nur erhellend sind. Sie sind vor allem immer wieder – wie seine Verse – eine tiefere Wahrheit an die Oberfläche zaubernd. Kombiniert mit den vielen autobiografischen Passagen, die manchmal zugunsten der Literatur nicht ganz korrekt sind, oft aber knapp und präzise und genauer erinnert als von anderen Exilanten (etwa was die Flucht aus Wien angeht, bei der Herta Pauli wohl mehr ausschmückt als er selbst), entsteht so tatsächlich eine „Autobiografie einer Kultur“, wie es der Untertitel verspricht. Ein Untertitel übrigens, den sein amerikanischer Verleger auf Rat eines Gutachters anfügte und so das Wesen des Buches auf drei Worte brachte.

„Die verlorene Bibliothek“ war in den USA und in der Bundesrepublik ein Erfolg. Das Buch wurde auch ins Französische und 2010 ins Niederländische übersetzt. Jetzt liegt das Buch endlich wieder in Deutsch vor. Hoffentlich sorgt das Leserinteresse dafür, dass sich das verlegerische Risiko lohnt.

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

Walter Mehring im Elster-Verlag:
Die verlorene Bibliothek
Dass diese Zeit uns wieder singen lehre – Gedichte Lieder und Chansons

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.

Jahre später sagte er: „Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Die verlorene Bibliothek (2013)
Die verlorene Bibliothek (2013)

Walter Mehring 1955: „Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.“

(Andreas Oppermann am 12. Mai 2013 auf Inforadio)

Die Rezension im Inforadio befindet sich im Audio bei Minute 10.00.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

 

Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille

Die Stadt Marseille stellt sich ihrer schwierigen Geschichte in den Jahren 1940 bis 1944. Von hier gelang es vielen Intelektuellen vor den NAtionalsozialisten zu fliehen. Unter anderen Walter Mehring, der wie viele andere Dank des Emergency Rescue Committee den Weg in die USA schaffte. Doch viele tausend andere Flüchtlinge wurden aus Marseille deportiert. Sandra Kegel berichtet in der FAZ vom Parcours „Ici-même“, der an die dramatische Flüchtlingssituation erinnert.

 

Parcours „Ici-même“ in MarseilleNur fort von diesem Stern

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen.

Unfassbar blau steht der Himmel über dem Vieux Port. Alles hier ist neu gestaltet, die Stadt hat sich herausgeputzt. Die neunspurige Autostraße um das Hafenbecken wurde verkleinert, der Platz zur großzügigen Promenade erweitert. Und auch wenn sich der Sinn der auf Glanz polierten Eisenkonstruktion, die Norman Foster kürzlich hier errichten ließ, nicht ganz erschließt, so funkelt sie doch hübsch in der Sonne und bietet reichlich Schatten unter dem segelartigen Dach.

Der gesamte Text der FAZ steht hier auf faz.net…

Zinovia Pouli singt „Wie lange noch?“

Die Griechn Zinovia Pouli singt mit der Begleitung von Andreas Rendoulis am Klavier „Wie lange noch“. Inzwischen scheit es das am häufigsten neu eingespielte Lied Walter Mehrings sein.