Georg-Michael Schulz schreibt die erste Mehring-Biografie

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz hat eine viel zu lang klaffende  Lücke geschlossen: Vor wenigen Tagen ist die erste Biografie Walter Mehrings (1896 – 1981) erschienen; mit dem schlichten Titel „Walter Mehring“. 22 Jahre nach dem Tod des Dichters, Kabarettisten, Journalisten – oder wie er selbst ganz einfach sagte „Schriftstellers“ wird damit ein wichtiger Beitrag zur Erschließung des Werkes und des Lebens des Berliners und Exilanten geschaffen.

Das allein wäre schon verdienstvoll. Dank der präzisen und knappen Form, in der Schulz Leben und Werk zusammenfasst, ermöglicht er aber vor allem all jenen, die Mehring neu für sich entdecken einen perfekten Einstieg. Denn er hat all das weit verstreute Material, das es über Mehring in Nachworten, Rezensionen, Interviews, Briefen, Erinnerungen und vielen anderen Arten gibt, erstmals richtig gebündelt. Dabei schafft er es, sich nicht zu verzetteln, sondern einem stringenten Erzählweg zu folgen.

Der besteht vor allem aus der Analyse aller Werke Mehrings in chronologischer Reihenfolge. Dabei betrachtet er auch die Bücher und Texte, die bislang etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Das gilt vor allem für die Prosa Mehrings, da die Dramen in den vergangenen Jahren – auch von Georg-Michael Schulz – verstärkt interpretiert wurden. Von der Lyrik ganz zu schweigen, die schon immer am stärksten rezensiert und wissenschaftlich analysiert worden war.

Neben der Fülle an Verweisen und Informationen besticht vor allem die offensichtliche Sympathie Schulz‘ für Mehring. Dessen ausgefeilte Sprachakrobatik, dessen nahezu unerschöpfliche Fülle an formaler Varianz und dessen unglaubliche Bildung nötigen Schulz nicht nur Respekt ab – bei begeistern ihn offenbar. Für die Biografie ist das gut, denn der Leser wird so trotz der vielen Fakten immer wieder mitgerissen, um das ganze Buch zu lesen und nicht nur die Passage, für die er sich gerade interessiert. Dabei wird Schulz aber nicht zu einem bedingungslosen Mehring-Jünger. Er wahrt die nötige Distanz, um das Werk und das Leben Mehrings fundiert einordnen zu können. Dazu gehört auch, dass er Mehring in seiner Zeit und und in seiner Zerrissenheit, vor allem im Alter gerecht wird. Ein 70 Jahre alter Mann könne nicht mehr wir ein 30-Jähriger schreiben, meint Schulz einmal – und nimmt Mehring damit ikn jedem Lebensalter sehr ernst.

Das einzige, was dem Buch fehlt, ist eine Einordnung des Ehemanns Walter Mehring. Über die Ehe mit Marie-Paule, geborene Tessier, schreibt Schulz wenig. Dabei wird nicht klar, ob es über diese ziemlich unbekannte Phase wirklich keine Quellen gibt, oder ob es dazu im Nachlass von Marie-Paule Mehring, doch noch einiges zu finden wäre. Aber dies ist wirklich nur ein Nebenaspekt, der den Verdienst der ersten Mehring-Biografie keinesfalls schmälern soll.

P.S. Georg-Michael Schulz hat auch zu diesem Blog schon viele hilfreiche Korrekturen und Anmerkungen beigesteuert.

Die Poesie? Ich pfeif auf sie!

Radio Bremen hat das Feature 2011 produziert, der Deutschlandfunk sendete es am Ostersonntag 2013: „Die Poesie? Ich pfeif aus sie!“. Das Feature von Dorothee Schmitz-Köster und Walter Weber bietet 45 Minuten Walter Mehring aus allen möglichen Perspektiven – vor allem aber mit einer wunderbaren Mischung von O-Tönen Mehrings und vieler anderer, die ihm begegneten oder für die er wichtig war. All das kombiniert mit Einspielungen einiger seiner Lieder, gesungen von Trude Hesterberg, Paul Graetz, Gisela May, Katja Ebstein oder Ernst Busch. Und so entsteht dank der stringenten Regie von Klaus Pilger ein Stück Radio, das tatsächlich Kino im Kopf ermöglicht – und Spaß am Erkennen, Staunen über Unerwartetes und Freude über die schönen Effekte.

Kern des Features sind alte Interview-Passagen Mehrigs, in denen er über sein Leben berichtet. Gisela May, Peter K. Wehrli, Gisela Zoch-Westphal, Volker Kühn und ein einordnender Sprecher kommen ebenfalls zu Wort. Sie erinnern sich an Begegnungen mit Mehring im Zirkus oder bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Zürich. Andere Zitate, etwa von Herrman Kesten und Friedrich Dürrenmatt werden vom Leser eingeführt. Sie alle sind in ein stringentes Textgewebe eingefügt, das vor allem von Walter Mehring selbst getragen wird. Seine Erinnerungen an seine Mutter, die Armeezeit im 1. Weltkrieg oder die Flucht aus Marseille dank der Hilfe von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee erzeugen die Spannung, die notwendig ist, um Hörer 45 Minuten am Radio zu halten – oder am iPod, wo man sich das mp3 des Features anhören kann.

Das Feature besticht durch inhaltliche Genauigkeit und durch formale Vielfalt. Die gespielten Chansons sind ein Genuss, die Klang- und Text-Collagen ein schöner Einfall, um dem Hörer Überraschendes zu bieten. Es lohnt sich also, dem Link unten zu folgen, um sowohl das Manuskript des Features als PDF downloaden zu können als auch das Stück als mp3 hören zu können.

„Die Poesie? Ich pfeif auf sie!“ – Eine Revue für Walter Mehring

Mehrings letzter Besuch des Café Herrenhof in Wien

Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.
Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.

Es ist genau 75 Jahre her, dass der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich Adolf Hitlers erfolgte. Für Walter Mehring und viele andere Exilanten war dies etwas mehr als fünf Jahre nach der Machtübernahme durch Nationalsozialisten ein neuer Schock. Sie mussten an dem 12. März erneut die Verhaftung befürchten – genauso wie die Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten Österreichs. Wien war für Mehring in den Jahren zwischen 1934 und 1938 zu einer Art Heimat geworden. Im Hotel Fürstenhof lebte er inmitten der Bibliothek seines Vaters, die nach Mehrings eigener Erinnerung drei Wände des Zimmers komplett einnahm. Und da Mehring in Wien Hertha Pauli kennen- und lieben lernte, ist im Exil trotz finanzieller Schwierigkeiten und dem Verlust der deutschen Öffentlichkeit sogar von so etwas wie Glück zu Hause.

Hertha Pauli und Walter Mehring haben in ihren autobiografischen Erinnerungsbüchern die dramatische Situation geschildert, die zur Flucht Mehrings mit dem Zug vom Westbahnhof in Richtung Schweiz und Paris führte. Sie stimmen sich nicht in allen Punkten überein. Aber sie zeigen, wie nah Mehring und Pauli den Ereignissen waren. Und das ausgerechnet in einem Caféhaus, dem Café Herrenhof in der Herrengasse fast neben der Hofburg, in der Österreichs Kanzler und Teile des Kabinetts damals ihre Büros hatten und heute haben.

Hertha Pauli und Walter Mehring waren verabredet: „Ein Rendezvous im Café Herrenhof – nicht mit Seyß-Inquart, den ich weder kannte, noch zu kennen wünschte, sondern mit zwei guten Freunden. Ich musste mich beeilen, weil ich mich verspätet hatte.“ (HP) Seit dem 15. Februar war Arthur Seyß-Inquart Innenminister im Kabinett Kurt Schuschniggs. Auch dies erfolgte schon auf Druck Adolf Hitlers, der die Beteiligung der Nationalsozialisten an der Wiener Regierung ultimativ gefordert hatte. An diesem 11. März 1938 saß Seyß-Inquart nun im Café Herrenhof. „Wenn man sich beeilt, kann man das Café Herrenhof vom Bristol aus in weniger als zehn Minuten erreichen, nicht aber an jenem 11. März 1938. (…) An jenem Tag hielten mich Polizeisperren auf, weil junge Nationalsozialisten vor der Oper aufzogen. ‚Heil Hitler!‘ brüllten sie. Fragend wandte ich mich an einen der Polizisten. Der zuckte die Achseln, aber ein zweiter – Polizisten gehen gern paarweise um – sah mich plötzlich scharf an. (…) Als ich im Herrenhof auftauchte, fand ich die Freunde besorgt. Die ‚Heil Hitler‘-Rufe drangen wie ununterbrochenes Hundegekläff zu uns herein. ‚Auch die Polizisten sind Nazis‘, flüsterte ich atemlos und verstummte, weil der Ober zu uns trat.“ (HP)

Das Rendezvous, wie es Hertha Pauli nannte, war mit Walter Mehring und mit Carl Frucht. Der eine war ihr Geliebter, der andere ihr Partner bei der „Österreichischen Korrespondenz“, einer Literaturagentur. „’Was darf’s sein?‘ fragte er (der Ober; A.O.) wie immer. Ich bestellte eine Schale Gold – nur Kaffee, denn mir war der Appetit vergangen.
Im Kreis meiner Freunde erholte ich mich. (…) ‚Du mußt jetzt rasch fort‘, riet ich ihm (Walter Mehring; A.O.) im Herrenhof. Seine Ausbürgerung stand auf der ersten Goebbelsliste, was ihn mit Stolz erfüllte. ‚Und du?‘ fragte er mich. ‚Bei uns ist es -doch etwas anderes‘, erwiderte ich, und  Carli setzte hinzu: ‚Wir müssen am Sonntag wählen.'“ (HP)

Carl Frucht und Hertha Pauli glaubten zu diesem Zeitpunkt noch, dass der Einmarsch der Deutschen und damit der Anschluss Östrerreichs durch den für den zwei Tage später angesetzten Wahltermin verhindert werden könnte. In Walter Mehrings Erinnerung liest sich das so: „Am Freitag morgen, einem anachronistisch strahlenden Vorfrühling, marschierte noch unentwegt weiter das alte Wien. Aber schon nahte der Termitenfraß der Nazifizierung dem Abschluß. Schon waren bis auf eine hauchdünne Zelluloseschicht die Mauern achthundertjähriger Kultur zerfressen. Die VF, die ‚Vaterländische Front‘, schien mit Fahnen, Abzeichen und Enthusiasmus die Stadt zu beherrschen. Doch nicht die Straße ist das Barometer, sondern das Caféhaus, das Wien dem vorletzten Barbarenansturm, der Türkenbelagerung, verdankt. Der größte Cafépalast der Innenstadt, Treffpunkt der Literaten, liegt zur Mittagsstunde wie verödet. Zwei Stammgäste nehmen am Nebentisch Platz. Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau, der gerade aus Deutschland eintrifft. Der Ober, dessen Wohlwollen alle Gäste besonnt, Legitimisten und Illegale, Nazis und Juden, flüstert: ‚Der Seyß hat nur a Suppen bestellt. Jetzt, da wird’s ernst.'“ (WM)  Und an einer anderen Stelle noch die Ergänzung: „Und Göring hat aus Berlin angerufen!“ (WM)

Hertha Pauli hat noch eine weitere Erinnerung an diesen Mittag im Café Herrenhof: „Unser Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. ‚Herr Dr. Seyß-Inquart, bitte‘, rief der Ober. ‚Berlin am Apparat!‘ Am Nebentisch erhob sich ein Herr und ging dicht an uns vorbei zum Telephon in die Garderobe. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich bewußt: diesem Mann untersteht jetzt unsere Polizei! Auf dem Sims hinter unserm Ecktisch standen liebliche Barockengelein aus Bronze. Auf einen davon zeigend, flüsterte ich Mehring ins Ohr: ‚Soll ich ihn damit erschlagen?‘ Walter schüttelte den Kopf. ‚Hilft nichts – es sind zu viele.‘ Der Innenminister kam an seinen Tisch zurück, zahlte und eilte hinaus. Besorgt blickte der Ober ihm nach. ‚Sehr nervös, der Herr Doktor‘, bemerkte er vertraulich zu uns. ‚Dem schmeckt heut‘ net amal sei‘ Apfelstrudel.’“ (HP)

Die Passagen von Hertha Pauli sind in „Ein Riss der Zeit geht durch mein Herz“ von Hertha Pauli erschienen. Die von Walter Mehring in „Wir müssen weiter“.

Mehr zu Walter Mehrings letzten Stunden in Wien:
Mehrings letzter Besuch des Café Herrenhof in Wien 
Nachmittag und Abend des 11. März 1938 in Wien
Mehrings Vermieter hilft heute vor 80 Jahren bei der Flucht aus Wien

 

 

Walter Mehring als literarische Figur bei Eveline Hasler

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Als literarische Figur ist Walter Mehring bislang nicht verarbeitet worden. Natürlich gibt es eine große Reihe von autobiografischen Berichten und Romanen, in denen sich Autoren wie Hertha Pauli, Herrmann Kesten oder Friedrich Dürrenmatt an Begegnungen oder den Freund Walter Mehring erinnern, aber eine Literarisierung seines Lebens durch Dritte fand bislang nicht statt. Eveline Hasler hat das jetzt in ihrem Roman „Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry“ erstmals getan. Ihr schmaler Band über die Fluchthilfe durch Varian Fry und das Emergency Rescue Committee ist Walter Mehring eine wichtige Figur. „Walter Mehring als literarische Figur bei Eveline Hasler“ weiterlesen

Martina Mühlpointner singt „Wie lange noch?“

Martina Mühlpointner: Vocals
Oresta Cybriwsky: Piano

Orte einst und jetzt (2): Café Herrenhof in Wien

Wien-Café-Herrenhof-(1914), Damensalon
Wien-Café-Herrenhof-(1914), Damensalon

Das Café Herrenhof in Wien war einer der wichtigsten Treffpunkte der literarischen Szene in den Jahren, in denen Walter Mehring in Wien lebte. Zwischen 1934 und 1938 verbrachte er die meiste Zeit in der österreichischen Hauptstadt. Auch sein letzter Aufenthalt in einem Wiener Caféhaus war im Herrenhof.

Blick durch die Lobby in die Café-Bar im Hotel Herrenhof.
Blick durch die Lobby in die Café-Bar im Hotel Herrenhof.

Mehr Orte einst und jetzt:
Königliches Wilhelms-Gymnasium – Sony-Center
Derfflingerstraße in Berlin Tiergarten

Die Abendschau vom rbb stellt Walter Mehring vor

France 2 stellt George Grosz‘ Porträt Walter Mehrings vor

Der französische Fernsehsender France 2 widmet sich in einer Serie kurzer Filme der Kunst. Jedesmal wird in eineinhalb bis zwei Minuten ein Bild vorgestellt – und eine Geschichte zum Bild erzählt, die darüber hinaus geht. In dieser Ausgabe wird das Porträt Walter Mehrings von George Grosz aus dem Jahr 1925 vorgestellt.