Die Poesie? Ich pfeif auf sie!

Radio Bremen hat das Feature 2011 produziert, der Deutschlandfunk sendete es am Ostersonntag 2013: „Die Poesie? Ich pfeif aus sie!“. Das Feature von Dorothee Schmitz-Köster und Walter Weber bietet 45 Minuten Walter Mehring aus allen möglichen Perspektiven – vor allem aber mit einer wunderbaren Mischung von O-Tönen Mehrings und vieler anderer, die ihm begegneten oder für die er wichtig war. All das kombiniert mit Einspielungen einiger seiner Lieder, gesungen von Trude Hesterberg, Paul Graetz, Gisela May, Katja Ebstein oder Ernst Busch. Und so entsteht dank der stringenten Regie von Klaus Pilger ein Stück Radio, das tatsächlich Kino im Kopf ermöglicht – und Spaß am Erkennen, Staunen über Unerwartetes und Freude über die schönen Effekte.

Kern des Features sind alte Interview-Passagen Mehrigs, in denen er über sein Leben berichtet. Gisela May, Peter K. Wehrli, Gisela Zoch-Westphal, Volker Kühn und ein einordnender Sprecher kommen ebenfalls zu Wort. Sie erinnern sich an Begegnungen mit Mehring im Zirkus oder bei einem Empfang in der deutschen Botschaft in Zürich. Andere Zitate, etwa von Herrman Kesten und Friedrich Dürrenmatt werden vom Leser eingeführt. Sie alle sind in ein stringentes Textgewebe eingefügt, das vor allem von Walter Mehring selbst getragen wird. Seine Erinnerungen an seine Mutter, die Armeezeit im 1. Weltkrieg oder die Flucht aus Marseille dank der Hilfe von Varian Fry und dem Emergency Rescue Committee erzeugen die Spannung, die notwendig ist, um Hörer 45 Minuten am Radio zu halten – oder am iPod, wo man sich das mp3 des Features anhören kann.

Das Feature besticht durch inhaltliche Genauigkeit und durch formale Vielfalt. Die gespielten Chansons sind ein Genuss, die Klang- und Text-Collagen ein schöner Einfall, um dem Hörer Überraschendes zu bieten. Es lohnt sich also, dem Link unten zu folgen, um sowohl das Manuskript des Features als PDF downloaden zu können als auch das Stück als mp3 hören zu können.

„Die Poesie? Ich pfeif auf sie!“ – Eine Revue für Walter Mehring

Gisela Zoch-Westphal erinnert sich an Mascha Kaleko und Walter Mehring

Auf der Frankfurter Buchmesse ist eine neue Gesamtausgabe der Werke Mascha Kalekos erschienen. Water Mehring war mit ihr befreundet. Regelmäßig schrieben sie sich Briefe, waren miteinander in Kontakt. Susanne Burg führte für Deutschlandradio Kultur anläßlich des Erscheinens der Kaleko-Ausgabe ein Interview mit ihrer langjährigen Freundin Gisela Zoch-Westphal. In ihm erinnert sie sich an einen Abend im Jahr 1968, als sie neben Walter Mehring saß und Mascha Kaleko kennenlernte. Zwar unterlaufen ihr zwei Fehler – Mehring erinnert sich an einen Abend 1933 und Mehring war kein Kommunist – dennoch sind die Sätze lesenswert:

Zoch-Westphal: Das war ein Abendessen, das der deutsche Konsul Dr. Christoph Niemöller gab in einem der berühmten Zunfthäuser in Zürich. Es waren nur mit Mascha Kaléko und ihrem Mann zwölf Gäste. Ich war allein dort und mein Tischnachbar war Walter Mehring. Und das darf ich vielleicht doch rasch erzählen: Nach der Suppe griff Walter Mehring sein Glas, klopfte ans Glas und sagte, ich trinke auf Mascha Kaléko, ohne sie wäre ich nicht hier, Mascha Kaléko verdanke ich mein Leben!

Und er erzählte kurz eine Szene von 1934 aus dem Romanischen Café, dort waren Gestapo-Leute in Zivil aufgetaucht, fragten nach Mehring, Mascha hatte das gerade so mitgekriegt, gab Mehring ein Zeichen, der kapierte sofort, stand auf, ohne zu zahlen, verließ das Café, lief zum nächsten Bahnhof, das war Bahnhof Zoo, stieg in den nächsten Zug, der fuhr nach Paris. Er war den Häschern entgangen! Und Mascha Kaléko hat mit denen noch herumgeschäkert. Sie war ja ungeheuer attraktiv und mit einer starken erotischen Ausstrahlung. Sie war gefährdet, sie war Jüdin! Walter Mehring war Kommunist, wurde verfolgt!

Das gesamte Interview auf dradio.de…