Impressionen von den Proben zu „Sahara“

Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum
Zur Abendveranstaltung am Sonnabend, den 12. November

Nachdem zwei der Reisehörspiele in Szene gegangen sind, scheint es angebracht, die Leitidee dieser beiden Versuche kurz zu fixieren. Beiden gemeinsam war das Bestreben, das Ohr „wandern und freisen“ zu lassen, d.h., die Handlung nur durch die Abwandlung der Hör-Plätze zu schaffen, wobei der – in Versen stilisierte – Text gleichsam das Vehikel bildete. Als Material zum ersten Hörspiel wurden Assoziationen einer See- und Landreise ganz allgemein verwendet: Bahnhof, Rhythmus des Zuges, Zollrevision, Speisewagen, Schiffssirene, Bordmusik, Sturm, Morseticken; die typischen Gespräche im Kupee und an der Reeling. „Impressionen von den Proben zu „Sahara““ weiterlesen

Mehring liest einen Brief aus der Mitternacht

Der X. Brief aus der Mitternacht ist wohl der beeindruckendste des Gedichtzyklusses. Im Exil an seine Freundin Hertha Pauli geschrieben fassen die zwölf Gedichte die Stimmungslage und die Erlebnisse der Jahre 1940 und 1941 von der Flucht aus Paris bis zum Januar 1941 in Marseille zusammen. Von der Abreise nach Martinique und der Weiterreise in die USA ist in dem Zyklus noch nichts zu ahnen. Der X. Brief ist von einer traurigen, fast schon sprachlosen Erinnerung an zwölf inzwischen verstorbene Freunde und Kollegen geprägt. Wobei die Sprachlosigkeit natürlich in Worte gefasst ist. Sie ist der Eindruck, der beim Lesen, beim Hören entsteht, weil diese sprachmächtigen Freunde von Erich Mühsam über Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Joseph Roth über Ernst Weiss, Ödon von Horvath, Carl Einstein und Rudolf Olden, Walter Hasenclever bis zu Theodor Lessing ihre Sprache, ihr Leben verloren haben. Weil diese Schriftsteller von den Nazis ermordet oder auf der Flucht ihr Leben verloren haben, beziehungsweise sie es sich wie Ernst Toller nahmen, weil sie das Exil und die Aussichtslosigkeit nicht mehr ertrugen.

 

Sandra Kegel besucht den Parcours „Ici-même“ in Marseille

Die Stadt Marseille stellt sich ihrer schwierigen Geschichte in den Jahren 1940 bis 1944. Von hier gelang es vielen Intelektuellen vor den NAtionalsozialisten zu fliehen. Unter anderen Walter Mehring, der wie viele andere Dank des Emergency Rescue Committee den Weg in die USA schaffte. Doch viele tausend andere Flüchtlinge wurden aus Marseille deportiert. Sandra Kegel berichtet in der FAZ vom Parcours „Ici-même“, der an die dramatische Flüchtlingssituation erinnert.

 

Parcours „Ici-même“ in MarseilleNur fort von diesem Stern

Der Parcours „Ici-même“ folgt den Spuren all jener, die auf der Flucht vor Hitler in Marseille gestrandet sind. Er führt das hoffnungsvolle Bild der Stadt bei den Flüchtenden eindrucksvoll vor Augen.

Unfassbar blau steht der Himmel über dem Vieux Port. Alles hier ist neu gestaltet, die Stadt hat sich herausgeputzt. Die neunspurige Autostraße um das Hafenbecken wurde verkleinert, der Platz zur großzügigen Promenade erweitert. Und auch wenn sich der Sinn der auf Glanz polierten Eisenkonstruktion, die Norman Foster kürzlich hier errichten ließ, nicht ganz erschließt, so funkelt sie doch hübsch in der Sonne und bietet reichlich Schatten unter dem segelartigen Dach.

Der gesamte Text der FAZ steht hier auf faz.net…

Tom Reiss schildert Mehrings Flucht und Exil

In seiner Biografie „Der Orientatlist – Auf den Spuren von Essad Bey“ schildert der Amerikaner Tom Reiss, wie sich der „Anschluss“ Österreichs auf den in Wien lebenden Walter Mehring auswirkte. Reiss beschreibte zudem, wie Mehring mit Hertha Pauli, der damaligen Agentin Essad Beys, nach Frankreich und weiter in die USA floh:

„In seinem Buch Die verlorene Bibliothek schrieb Levs Freund Walter Mehring, dass Wien und die gesamte Doppeladlermonarchie in der Gefahr schwebten, von einer Lawine verschüttet zu werden. In dem Buch erfindet er eine imaginäre Bibliothek, die seines Vaters, die all die Werke jener Kultur birgt, die von den Nationalsozialisten und ihrer totalitären Revolution zerstört wurden:

Vor dem eiszapfigen Felsenriff des Stephansdomes, aus dem Totenglockengeläut und Johann Sebastian Bachs Orgeltoccata und Fuge das »Sterbende Wien« zur Mitternachtsmesse riefen, auf dem Weihnachts-Tändelmarkt unter Marzipanengeln und Hampelmännchen brüllten jugendlich verwahrloste und verhetzte Buben antikapitalistische, antiklerikale, antisemitische Nachdrucke der Schmutz- und Schandscharteken aus, die ich einst in deinem »Giftschrank« heimlich durchschmökert hatte.
»Morgen«, hörte ich einen Burschen sagen, »morgen hängen wir sie alle auf: die Schwarzen und die Roten und die Herren Juden; und die, wo die vielen Bücher haben, zuerst …!«(->)

Wenn Levs Agentin Hertha Pauli an den »Anschluss« zurückdachte, so geschah das immer auch unter dem Aspekt ihre Gewerbes. In der Woche, in der Hitler nach Österreich einmarschierte, war auch Blanche Knopf nach Wien gekommen, um nach neuen Autoren und neuen Büchern Ausschau zu halten. Man hatte ihr den jüngsten Roman von Kurban Said angeboten, Ali und Nino, doch sie hatte ihn nicht eingekauft, vielleicht ja wegen der plötzlich so verstörenden Umstände. Hertha Pauli erinnerte sich an Freitag, den 11. März 1938, den Tag, bevor der Führer die formale Annexion Österreichs verkündete. »Vom Hotel Bristol aus, das an Wiens großer Prachtstraße, dem Ring, liegt, braucht man  normalerweise zehn Minuten, um zum Café Herrenhof zu gelangen. Nicht so an jenem elften März. >Wenn der Ring blockiert ist, herrscht Revolution<, heißt es seit 1918 in Wien. Diesmal hatte die Polizei ihre Absperrungen errichtet, weil junge [Nazis] rund um die Oper aufmarschiert waren und >Heil Hitler!< brüllten … Es gelang mir, mich in einen Hauseingang zu drücken, ich fand einen zweiten Ausgang und tauchte auf der dem Herrenhof gegenüberliegenden Straßenseite wieder auf.«

Mehring traf Pauli in Paris, wo sie beide so lange blieben, bis sie durch die Invasion der Deutschen in Frankreich auch dort wieder in der Falle saßen. Daraufhin flohen sie nach Süden, und Pauli machte Mehring, mit dem sie inzwischen eine Liebesbeziehung verband, mit Varian Fry bekannt, jenem jungen Mann, der kurze Zeit zuvor erst die renommierte Hotchkiss School absolviert hatte, und der nun für Europas Intellektuelle und Künstler auf der Flucht die einzige Hoffnung darstelle. Fry war im Sommer 1940 in Marseille eingetroffen und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in einem tollkühnen Alleingang Europas Intellektuelle und Künstler, die sich auf der Flucht befanden, mit allen nur erdenklichen Mitteln in Sicherheit zu bringen. Einen offiziellen Auftrag besaß er nicht, lediglich knapp 3000 Dollar und eine Liste mit den Namen von zweihundert der größten europäischen Intellektuellen und Künstler, die er sich mit Klebestreifen ans Bein geheftet hatte. Das Geld und die Liste stammten von einer Gruppe besorgter Bürger aus New Jersey, die sich nach dem Fall Frankreichs zusammengefunden hatten und sich das Emergency Rescue Committee nannten. Später berichtete Pauli, wie sie im Hotel »Splendide« zum ersten Mal jenen Mann aufsuchte, den jeder in Marseille nur »den Amerikaner« nannte: »Gut, Miss Pauli«, hatte Fry gesagt, »Ihre Namen stehen hier auf meiner Liste … Bringen Sie Mehring morgen mit. Au revoir.«

Fragte man Mehring später, wie er den Nazis entkommen sei, pflegte er zu antworten: »Ich ging nach links, wenn alle anderen nach rechts gingen, und lief dann einfach weiter.« Er hat übrigens Fry die größten Schwierigkeiten bereitet. Der hatte für Mehring gefälschte Papiere organisiert, doch Levs alter Freund war beim Umsteigen auf einem Bahnhof nahe der spanischen Grenze verhaftet worden. Daraufhin behauptete Fry, Eleanor Roosevelt persönlich habe ein Interesse an der Sicherheit Mehrings, und schaffte es auf diese Weise tatsächlich, den jüdischen Kabarettisten aus einem Konzentrationslager und aus den Fängen der Vichybehörden zu befreien. Schließlich gelangte Mehring bis nach Hollywood, wo er Levs und Erikas früheren Mitbewohnern aus Wien, Jay und Binks, begegnete, die sich gewiss seiner annahmen. Jay nutzte seine Wiener Beziehungen für eine erfolgreiche Hollywoodkarriere und war gerne bereit, Mitgliedern aus der alten Truppe zu helfen.

Im selben Monat, nur etwas später, schrieb Lev wieder an Baron Umar, der sich in Griechenland aufhielt. »Mimi Piekarski ist in London, wo sie zur großen Verwunderung aller, die sie kannten, ihren Lebensunterhalt selbst verdient«, scherzte er, informierte Umar aber gleichzeitig über ein Programm, von dem ihm eine Dame erzählt habe. Dabei ging es darum, dass irgendein Komitee … für Österreicher [englische Visa] beschaffe und ihnen einen einjährigen Aufenthalt auf englischen Schlössern ermögliche. Leider habe sie ihm nicht helfen können, da er kein Österreicher sei. Aber er riet Baron Umar, sich danach zu erkundigen. Niedergeschlagen verfolgte Lev das Schicksal seiner Freunde, dieser Welt von Literaturagenten, Verlegern und Schriftstellern, die er mit seinen Erzählungen und Abenteuern im Herrenhof unterhalten hatte, und die nun »in alle Winde verstreut waren … Ich weiß nicht, wann und ob ich sie je Wiedersehen werde«. Seine Wiener Verleger waren auch fort. Lucy Tal war gleich einen Tag nach dem Anschluss mit dem Zug nach Westen geflüchtet und so den Gestapoleuten zuvorgekommen (ihren Verlag ließ sie in den Händen von Dr. Ibach zurück). Rolf Passer, der Allah ist groß sowie Levs Schahbiographie herausgebracht hatte, floh über Prag nach London (und überließ seinen Verlag Frau Mögle). »Zweig und Werfel sind in London«, schrieb Lev an Umar, »Mehring, Pauli, Passer … in Paris.« Er fragte Umar, ob er etwas über einen Mann namens Alex Sacher-Masoch wisse, den Sohn jenes Mannes, nach dem der Begriff »Masochismus« geprägt worden war, und ob er etwas von ihm und seiner Frau gehört habe. Ob er wisse, was aus den beiden geworden sei?

Täglich sprangen Juden aus den Fenstern von Hochhäusern wie jenem, in dem Lev und Erika gewohnt hatten. Schlimmer, als er es sich je ausgemalt hätte, wurde Bettauers Roman Wahrheit, und noch viel brutaler. Wien wurde die Stadt ohne Juden.

Ein alter Jude aber blieb dort. Abraham Nussimbaum war es nicht möglich gewesen, aus Wien herauszukommen. Elfriede versprach, bei ihm in der Wohnung zu bleiben, als sie erfuhr, dass die Gestapo Razzien plante. Mit ihrem Status als Arierin und mit ihrem Adelstitel wollte sie versuchen, ihn so gut wie möglich zu beschützen. Lev selber scheint Wien zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen zu haben, unklar bleibt allerdings, warum er seinen Vater zurückließ. Irgendwann im Frühjahr 1938 tauchte er jedenfalls in Italien auf, und zwar unter noch merkwürdigeren Umständen als sonst.“

Tom Reiss: Der Orientalist – Auf den Spuren von Essad Bey; Berlin: Osburg Verlag 2008, S. 390 ff.  

Miriam Davenport erinnert sich an Mehrings Flucht aus Frankreich

Die amerikanische Bildhauerin Miriam Davenport (1915 – 1999) erlebte die 1940 die Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen in Paris. SIe floh wie viele andere Künstler in den Süden. In Toulouse wurde ihr Walter Mehring vorgestellt, den sie schon mehrfach in ihrem Pariser Hotel gesehen hatte:

„One day, when Wolff and I were walking in the Place du Capitole, I recognized a sharp-faced little man coming towards Wolff with a broad smile and outstretched hand. I had known him on a „Bonjour, Monsieur“ basis in my hotel in Paris where he usually carried a bottle of wine in a paper bag under one arm. Wolff greeted him warmly and introduced him to me as Monsieur Mehring. The latter said, „Oh, but we have already met in Paris.“ When Monsieur Mehring had gone on his way, Wolff asked me if I really knew who he was. „No, not really.” I learned, then, that Walter Mehring was one of Germany’s most famous young poets, that he had written popular anti-Nazi songs, and that he was very high on the Nazi’s list of wanted men.“

Später machte sie sich mit dem Zug auf nach Marseille, das überfüllt war von deutschen Flüchtlingen, demobilisierten Soldaten und französischen Flüchtlingen. Dort traf sie wieder auf Walter Mehring:

„After a long night on a crowded train, I finally arrived in Marseilles to face the usual problems. The city was jammed with refugees from the north waiting to return, demobilized soldiers awaiting transport home, and crowds of foreigners who could not go home then or, perhaps, ever. There were few taxis and the trams were packed full. After a frantic, day-long search, I found a modest hotel room that I could ill afford; I was down to my last $125.00. After registering, I went back down into the street where I found Walter Mehring standing on the sidewalk looking like a little tramp. He greeted me with obvious pleasure and asked if I had found a room. When I said that I just now had, he asked if he might share it with me for the night; he had not slept in a bed for days. To this day I feel guilty for having refused him.“

Miriam Davenport engagierte sich in der Folge beim American Rescue Committee und bei anderen Flüchtlings-Hilfsorganisationen. Er war es auch, der ihr Variab Fry vorstellte, der Visa und Geld hatte und besorgte, um im Auftrag des American Resue Committee jüdischen Intellektuellen die Flucht in die USA zu ermöglichen:

„We were again at the Café Pelikan one afternoon when Mehring, very excited and furtive-looking, came to our table to speak to me privately. I excused myself and followed him a few paces. He then told me that the man we had all been dreaming about was real and had arrived in Marseilles. This American savior was in the Hôtel Splendide, had money, access to visas, and a list of people he was supposed to rescue. His name was Varian Fry and Mehring had seen him that very day. However, on leaving Fry’s room he had been picked up by the police and held for three hours for questioning. He had only now been released. Tomorrow he was supposed to return for another appointment but he was afraid to go back. Would I go, now, and ask for a new appointment in some out-of-the-way café? I should explain his fear of a second arrest.“

Die Fortsetzung der Fluchtgeschichte aus Sicht der amerikanischen Bildhauerin findet sich auf www.varianfry.org

Walter Mehring als Teil eines Stückes für amerikanische Schüler

Das „Holocaust Teacher Resource Center“ hat 1998 bei Sean Price das Stück „Rescued from the Holocaust“ in Auftrag gegeben. In ihm spielt Varian Fry vom „American Rescue Committee“ die zentrale Rolle. Genauso wie 1940/41 bei der Rettung Hunderter Intellektueller in Marseille. Die vierte Szene lässt auch Walter Mehring da Wort ergreifen:

Narrator D: Eventually, Meyerhof escapes and reaches the U.S. Meanwhile, Fry explores every means of getting people out of France. On a trip to Spain, he meets a British officer…
Major Torr: We’d love to loan you boats to help with the refugees. But we’re at war with Germany, and the British navy has no boats to spare. We still might be able to help, though.
Fry: How?
Torr: We can give you $10,000—if you will use some of the money to help British soldiers who are trapped in France to escape. The rest you can use to rent boats for your refugees.
Fry: I’ll take it.
Torr: You should realize that by taking this money you have just become a British agent. If the Germans find out, they could shoot you or put you in a concentration camp.
Narrator D: Fry is able to help many British soldiers escape. But his plan to rent boats for smuggling refugees falls apart.
Fry: What are you doing here? You’re supposed to be sailing to British Gibraltar right now.
Walter Mehring: The boat never came.
Fry: What happened?
Mehring: The boat’s captain took the money and told us he’d be right back. Then he disappeared.

Und hier findet sich das ganze kleine Stück „Rescued from the Holocaust“ von Sean Price