Carl von Ossietzky empört die Zensur von „Das Lied vom Leben“

Ufa verbietet die Konkurrenz von Celsus

Bei uns spielt die Filmzensur mit verteilten Rollen. In der ersten Instanz legt irgend ein Fachmann namens der Fachgruppe C III Verwahrung gegen ein belangloses Detail ein. Erst in der zweiten Instanz findet die Zensur ihr historisches Vokabular wieder: „unsittlich“, „die Familie herabwürdigend“, „politisch bedenklich“.

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Mehring liest einen Brief aus der Mitternacht

Der X. Brief aus der Mitternacht ist wohl der beeindruckendste des Gedichtzyklusses. Im Exil an seine Freundin Hertha Pauli geschrieben fassen die zwölf Gedichte die Stimmungslage und die Erlebnisse der Jahre 1940 und 1941 von der Flucht aus Paris bis zum Januar 1941 in Marseille zusammen. Von der Abreise nach Martinique und der Weiterreise in die USA ist in dem Zyklus noch nichts zu ahnen. Der X. Brief ist von einer traurigen, fast schon sprachlosen Erinnerung an zwölf inzwischen verstorbene Freunde und Kollegen geprägt. Wobei die Sprachlosigkeit natürlich in Worte gefasst ist. Sie ist der Eindruck, der beim Lesen, beim Hören entsteht, weil diese sprachmächtigen Freunde von Erich Mühsam über Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Joseph Roth über Ernst Weiss, Ödon von Horvath, Carl Einstein und Rudolf Olden, Walter Hasenclever bis zu Theodor Lessing ihre Sprache, ihr Leben verloren haben. Weil diese Schriftsteller von den Nazis ermordet oder auf der Flucht ihr Leben verloren haben, beziehungsweise sie es sich wie Ernst Toller nahmen, weil sie das Exil und die Aussichtslosigkeit nicht mehr ertrugen.

 

Tucholsky an Walter Mehring aus Hindas im März 1932

1-3-32

Werter Schänder,

schönen Dank für Ihren Brief. Sie haben mir, mit Verlaub zu sagen, aus dem Herzen geschrieben. Vor allem freut es mich ungeheuer mächtig, daß Sie dem Nürnbergisch Ey nicht antworten wollen – das ist famos und klug und richtig. Ich habe den Angriff nicht gelesen, nur von ihm gehört – mich interessiert das nicht. Der einzige Effekt, den dieser Schulmeister ausübt, ist: unsern völkischen Beobachtern Waffen in die Hand zu geben. Griffe er nur unsere Qualität an, so wäre diese Einrede blödsinnig – denn dann wäre ja jede Kritik unmöglich. Dieses Geschrei mit der Tapferkeit … also, lieber Mann, Sie wissen ja, daß unter meinen schlechten Eigenschaften die olympische Geste mal nicht dabei ist. („Wer mich angreift, den zerschmettere ich“) — I wo, ich zerschmettere gar nicht. Was aber meine Haltung angeht, so wird die nicht in Wien bestimmt, sondern nur von einem einzigen: von Ossietzky. Winkt der, bin ich da. Er winkt aber nicht. Und ich gedenke keinesfalls, mich gegen dieses Geschrei zu verteidigen – weil darin nämlich eine Anerkennung seiner Legitimation läge – und die hat Kraus nicht. Es hat ihn keiner eingesetzt, uns zu beaufsichtigen – das mag der Kille seiner Verehrer imponieren, ich finde es nur dumm und hinterhältig. Seit ich mir erlaubte ein Theaterstück von ihm zu kritisieren u. seit Sie sich erlaubt haben Offenbach zu bearbeiten – seitdem erst sind wir Schädlinge. Vorher nicht. Mensch, ist das weit fort – es hallt kaum zu mir herüber. Das ist kein Getue (Ach, sind wir europäisch!), sondern es ist der Ausdruck ehrlichster Gelangweiltheit – mich berührt das überhaupt nicht. Sicher wird es aufgegriffen – sicher insceniert er gegen Sie und gegen mich eine Hetze – und ebenso sicher werden wir länger leben als er, nämlich physisch – und ich habe dauernd das Gefühl, wie wenn ein kleiner Hund mir auf die Stiebel Pipi macht: Spiel doch mit mir! beachte mich doch! Wie sagte Kerr, ah Voulez-vous jouer avec moä aufgeführt wurde! „Offengestanden nein.“

Sie haben tausendmal recht. Ärgern Sie sich nicht – das ist die Sache nicht wert. Außerdem ist Offenbach kein Gott; es ist sehr bezeichnend für Kraus, daß er sich an den Exponenten einer schwer bürgerlichen Epoche hält, der keineswegs ein zeitloses Genie gewesen ist, sondern ein bezauberndes Talent zeitgebundener Heiterkeit. Kurz, dieses Spiel wird er wohl mit sich allein spielen müssen und ohne mich und hoffentlich auch ohne Sie.

Was tut sich bei die Welschen! Das sind keine Fremden, herrlich – ist es jetzt wenigstens alles sehr billig?

Proust im Ritz, zum Portier: „Geben Sie mir mal 50 Francs!“ – Bitte, Herr Proust. „Vous pouvez les garder – c’est pour vous.“

Mit Achtung
Ihr Oberdeserteur
Ober-Landesverräter

(Zitiert aus: Kurt Tucholsky: Gesamtasgabe – Texte und Briefe, Bd. 19, S. 353; Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2005. Tucholsky bezieht sich auf einen nicht erhaltenen Brief Mehrings. Er mokiert sich auf den Text „Karl Kraus und die Offenbach-Renaissance“ von Rolf Nürnberger in: Der Scheinwerfer (Jg. 5, H. 12, März 1932, S. 4f.) und auf Textstellen von Karl Kraus selbst, die sich mit Mehrings Übersetzung der Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach beziehen.)

Walter Mehring bespricht im Spiegel eine Anthologie zur Weltbühne und zum Tagebuch

Ausschnitt des Artikels
Ausschnitt des Artikels (Der gesamte Text als PDF...)

Im Dezember 1966 bespricht Walter Mehring im „Spiegel“ (Nr. 49/1966, S. 163) eine Anthologie über die „Weltbühne“ und das „Tagebuch“ des Dichters Wolfgang Weyrauch. Dabei geht er auch auf den Fall Josef Jakubowski ein, einem der großen Justizskandale der Weimarer Republik. Der Text ist von einer interssierten Distanz zur eigenen Geschichte geprägt. Mehring hält die Anthologie für „kulturell wertvoll“ im Sinne einer guten Ergänzung zum Geschichtsunterricht. Der einzige aktuelle Aspekt für ihn sind Hinweise auf die DDR-Zensur, da die Rechte für die Texte der Weltbühne in Ost-Berlin liegen:  

EMPÖRUNG ALS KONSERVE
Walter Mehring über die Antholgie als „Weltbühne“ und „Tagebuch“: „Ausnahmezustand“

Von Mehring, Walter

Walter Mehring, 70, gebürtiger Berliner, ist in den zwanziger Jahren, neben Tucholsky und Kästner, als Autor politischer Lyrik („Das Ketzerbrevier“), als satirischer Schriftsteller und zeitkritischer Publizist berühmt geworden. Er emigrierte 1933 aus Hitlers Deutschland und entkam 1941 aus Frankreich nach den USA. Im Exil entstand seine „Autobiographie einer Kultur“ „Die verlorene Bibliothek“. Mehring, der Mitarbeiter von „Weltbühne“ und „Tagebuch“ war und mit mehreren Beiträgen, in der hier von ihm besprochenen Anthologie vertreten ist, lebt heute in Ascona. – Wolfgang Weyrauch, 59, schrieb Erzählungen, Gedichte und Hörspiele („Anabasis“) und trat mehrfach als Herausgeber von literarisch-politischen Anthologien („Ich lebe in der Bundesrepublik“) hervor.

Ein greiser (doch noch nicht weiser) Autor erhielt kürzlich ein über 400-Seiten starkes Geschenk- und Belegexemplar, betitelt „Ausnahmezustand“ (was ihm zunächst nach einer staatsrechtlichen Abhandlung klang – Artikel 48 der Weimarer Verfassung), aber untertitelt: „Eine Anthologie aus ‚Weltbühne‘ und ‚Tagebuch'“.

Und das rührte, das berührte ihn wie ein Familienalbum von Geistesverwandten und Gesinnungsfreunden, mit denen er einmal Schulter an Schulter polemisiert hatte. Es tauchten da sogleich Assoziationen in ihm auf, Reminiszenzen an Feldpost- und Brotkarten, Dolchstoßlegende, Feme, Spartakus, Freikorpsputsche, Nackttanz-Dielen, Kokain, Kulturbolschewismus, Schmutz und-Schund-Gesetz, Gotteslästerungen (im Sinne der einschlägigen Paragraphen) und an „Die Hitlerei“. So lautet – ach, so harmlos – eine Kapitelüberschrift. Eine andere dagegen: „Der Krieg ist eine grauenhafte Schlächterei“. Fürwahr: Gelinde gesagt!

Fortsetzung im Archiv von Spiegel Online…

Der gesamte Text als PDF…

Die Sage vom großen Krebs

Sandra Hüller rezitiert Walter Mehrings „Sage vom großen Krebs“.

Der Text ist am 27. Februar 1933 in der Weltbühne erschienen, am Vorabend des Reichtsgasbrands. Diese Nummer 9 des 29. Jahrgangs war die vorletzte. Das Heft wurde noch von Carl von Ossietzky redigiert bevor er verhaftet wurde.

Carl von Ossietzky über Mehrings „Kaufmann von Berlin“

„Der Kaufmann von Berlin“ war einer der größten Theaterskandale der Weimarer Republik. Das lag zum einen an dem Text, den Walter Mehring geschrieben hatte. Aber auch die Inszenierung von Erwin Piscator trug einen erheblichen Teil dazu bei. Carl von Ossietzky, der Herausgeber der „Weltbühne“, hat dies in seiner Rezension des Stückes gut analysiert. Aber er beschäftigt sich nicht nur mit der Inszenierung, sondern auch mit den Mechanismen des Geldverdienens im Theater und bei S. Fischer, dem Verlag des Stückes:

DIE KAUFLEUTE VON BERLIN ,

„In einer Bahnhofshalle, nicht für es gebaut“, nämlich für das Drama, spielt Piscator ein Stück, das gewiß Beschleunigung und Straffung verlangt, aber keine Apparatur, deren Knirschen seine innere Musik übertönt. Der alte Streit zwischen Regisseur und Dichter‘ wird hier jusqu’au bout (A.O.: bis zum Ende) ausgefochten, wobei der Regisseur den Erbfeind des Theaters siegreich schlägt. Piscator benutzt die Gelegenheit zu einer Mustermesse seiner technischen Errungenschaften. Die Bühne rotiert, versinkt, entschwebt. Oberhalb der Szene fliegt Wanderschrift vorüber. Film in doppelter Ausfertigung – auf einem Gazevorhang und einer zweiten Leinewand dahinter. Selige Beruhigung fürs Auge tritt ein, wenn für Minuten nur ein paar Personen auf dem Laufband vorübergleiten. Aber blickst du zufällig nach oben, so kommt schon ein drohendes Eisenskelett herunter, eine kolossale Hängebrücke, eine gespenstische Brooklyn-Brücke, ‚ein Vorortbahnhof von Metropolis. „Carl von Ossietzky über Mehrings „Kaufmann von Berlin““ weiterlesen