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1926 Prosa Zeitleiste Zeitschriften

„Die Literarische Welt“ / Ein Gesellschaftsspiel für lange Herbstabende

Erfunden und gezeichnet von Walter Mehring

Schöne Leserinnen! * Kluge Leser!

Der Winter literarischer Mißvergnügen naht. Schon werden die Premierenabende länger. Aber hin und wieder wird es vorkommen, daß keine neue Revue gespielt wird; oder die Antenne zerspringt; oder man weilt im munteren Familienkreise, und die Kopfhörer langen nicht. ).

Was tun?

Was tun, um auch dann seinen Drang nach Bildung zu stillen?

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1927 Prosa Zeitschriften

Walter Mehring würdigt Rundfunkpionier

* ALFRED BRAUN *
DER FUNKDIRIGENT
VON
WALTER MEHRING
*

Portrait Alfred Braun

An dem langen Gang befanden sich zur Rechten einige mit Klubsesseln ausgestattete Zellen. Zur Linken die abgedichteten Türen des großen Operationssaales, aus dem manchmal ein wirres Geschrei drang. Als ich in die mir zugewiesene Zelle eintrat, lief dort ein langer, blonder Herr auf und ab, der in sichtbarer Erregung Worte wie: Kassiopeja . . . Alpha im Großen Bären . . . und Orionnebel . . . zur Decke schleuderte. Einen Moment unterbrach der Herr seine Suada, sah mich entgeistert an und bemerkte traurig: „Mein Gott! Es ist 7 Uhr 3 Minuten! Um 7 Uhr sollte ich beginnen. Was meinen Sie, ob ich die Sonnenflecke weglasse?“ . . ., um sich gleich danach wieder in die Milchstraße zu verirren.

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1931 1932 Rezensionen Zeitschriften

Karl Kraus ereifert sich über Mehrings Fassung der „Herzogin von Gerolstein“

Offenbach-Schändungen

Gesprochen in Berlin am 15. Dezember

Dem ersten Vortrag von Offenbachs und meinem Vert-Vert, den Sie hier am 8. Januar und am 14. durch den Rundfunk hören können, war das Folgende vorangeschickt:

Kein Zeitstück! Ein toter Papagei wird begraben und erhält seinen Nachfolger. Es geht nichts vor, es geht uns nichts an, aber es ist schön. Schöner als die »Schöne Helena« des Offenbach-Schänders Reinhardt, die Herrn Lunatscharsky entzückt hat, der mich schon gar nichts angeht. Nicht weil er ein Kommunist ist, sondern weil er kein Kommunist ist. Um »Hoffmanns Erzählungen«, die  spannender sind als die seinen, umzubringen, war soeben in Berlin der folgende Apparat aufgeboten:
– – 973 Personen sind in emsiger Tätigkeit, um die Zauberwelt der Offenbachschen Oper lebendig zu machen. Numero 1 (natürlich I), der Regisseur Max Reinhardt persönlich. Dann die beiden Kapellmeister Leo Blech und Manfred Gurlitt. Reinhardts oberster Helfer Dr. Hock, dann Direktor Gerner. Des weiteren arbeiten zwölf Musikassistenten, 75 Orchestermitglieder, 35 Solisten, der Choreograph Dolin, 112 Tänzer und Tänzerinnen, Chorsänger und -Sängerinnen. 56 Komparsen, der technische Leiter Dworsky, acht Bühnenmeister, zehn Inspizienten, 14 Requisiteure, 36 Beleuchter, 48 Bühnenarbeiter, 25 Stukkateure, 93 Mann Garderobepersonal für die Bühne, 84 für den Zuschauerraum, 120 Arbeiterinnen in den Werkstätten. 23 Bureaukräfte und nicht weniger als elf Portiers.
Ein Kollektiv, das Herrn Lunatscharsky begeistern dürfte. So etwas werde ich heute nicht brauchen. Außer mir habe ich meinen ausgezeichneten Begleiter. Wie viel Garderobepersonal mitwirkt, weiß ich nicht. Ein Portier genügt.

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1938 1997 Biografisches Wissenschaft Zeitschriften

Streit über Hilfsaktion für Mehring im Pariser Exil

1938, nach seiner Flucht aus Wien, lebte Walter Mehring wieder in Paris. Offensichtlich war seine finanzielle Situation prekär. Michaela Enderle-Ristori hat in ihrer umfangreichen Arbeit über die Literaturkritik in den Exilzeitungen Pariser Tageblatt und Pariser Tageszeitung auch auf Konflikte innerhalb der Pariser Exilpresse hingewiesen. Exemplarisch beschreibt sie einen Streit zwischen der »Pariser Tageszeitung« (PTZ) und der Zeitschrift »Die Zukunft«:

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1931 Rezensionen Zeitschriften

Rudolf Arnheim sieht „Das Spiel vom Leben“ skeptisch

Granowsky probiert – von Rudolf Arnheim

Unter den guten Filmen verdienen diejenigen besondre Begünstigung und Nachsicht, die nicht nur mit erprobten, sichern Mitteln eine unanfechtbare und befriedigende Leistung bieten sondern dem Filmapparat neue Ausdrucksformen abzuringen suchen, experimentieren, wagen, und sei es auch ohne viel Sorge um Stileinheit und geschlossene künstlerische Wirkung. Ein Film vom erstern Typ ist Liebmann-Siodmaks „Voruntersuchung“: gute Tendenz, geschickte Szenenführung, ausgezeichnete Schauspieler und das geschmackvollste happy end (wenn schon happy end), dessen ich mich erinnere – „Gerda!“ sagt der junge Mann zögernd ins Telephon, wendet sich ab,
verbirgt den Hörer vor den Zuschauern und Mitspielern, man hört nichts weiter, und das Spiel ist aus. Mit einem solchen Film kann man zufrieden sein, aber vor Granowskys „Lied vom Leben“ sitzt man aufgeregt, geschüttelt, wütend, begeistert, höhnisch ablehnend und kindlich staunend. Denn hier ist siebzehnhundert Meter lang alles durcheinandergeschüttet, was ein eifriger, neugieriger, übermütig spielender Filmarbeiter nur irgend erdenken kann, um sein geliebtes Handwerkzeug auszubeuten. Alle Möglichkeiten der Montage sind verwendet, Zerrlinsen, drehbare Multiplikationslinsen, Zeitraffer- und Zeitlupenaufnahmen, nachsynchronisierter Dialog, Geräuschmusik. Illustrierte Songs, Spiegelaufnahmen, rückwärts laufende Tonstreifen, zerschnittene Wortbänder. Dieser Film ist nicht in drei Atelierwochen forsch heruntergedreht sondern in Monaten zusammengebastelt, er ist mit Gehalt gemästet, ist höchst lehrreich. Und wenn es viel gegen ihn einzuıwenden gibt,
so gilt da für die Kunst dasselbe wie für die Wissenschaft: nichts ist förderlicher, aber nichts ist auch seltner als gute Beispiele dafür, wie mans nicht machen soll. Granowsky gibt uns ein Vorbild und viele Gegenbeispiele.

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1931 Film Zeitschriften

Carl von Ossietzky empört die Zensur von „Das Lied vom Leben“

Ufa verbietet die Konkurrenz von Celsus

Bei uns spielt die Filmzensur mit verteilten Rollen. In der ersten Instanz legt irgend ein Fachmann namens der Fachgruppe C III Verwahrung gegen ein belangloses Detail ein. Erst in der zweiten Instanz findet die Zensur ihr historisches Vokabular wieder: „unsittlich“, „die Familie herabwürdigend“, „politisch bedenklich“.

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1957 Biografisches Zeitleiste Zeitschriften

Willy Haas erinnert an einen Scherz Mehrings über Proust

Willy Haas: Die Literarische Welt - Erinnerungen
Ich glaube, man wird mit mir übereinstimmen, daß man dieses Schriftstück ohne weiteres in sein großes Romanwerk ,,A la Recherche du Temps Perdu“ hineinstellen könnte, obgleich es viele Jahre älter ist. Wir haben hier auch schon den charakteristischen Satzbau von Marcel Proust, in dem es dann später immer schwerer und schwerer wird, den Weg vom Anfang zum Ende eines Satzes zu finden. Darüber hat in derselben Nummer der LITERARISCHEN WELT Walter Mehring einen reizenden Witz in Form einer Verlagsanzeige gemacht:

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1933 Brief Zeitschriften

Hans Günther will Mehring für die „Neuen Deutschen Blätter“ gewinnen

HANS GÜNTHER AN JOHANNES R. BECHER

Prag, den 21. August 1933

Lieber Hans,
dass Klaus Mann ebenfalls eine Literaturzeitschrift herausgibt, weisst Du ja schon seit langem. Heute erhielten wir Abonnementsprospekt seiner Zeitung (Die Sammlung; ich nehme an, dass Du dort ebenfalls solch ein Prospekt wirst auftreiben können, sodass ich Dir über dessen Inhalt hier wohl nichts weiter zu schreiben brauche.

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1927 Prosa Zeitschriften

Impressionen von den Proben zu „Sahara“

Das Hörspiel „Sahara“ im Senderaum
Zur Abendveranstaltung am Sonnabend, den 12. November

Nachdem zwei der Reisehörspiele in Szene gegangen sind, scheint es angebracht, die Leitidee dieser beiden Versuche kurz zu fixieren. Beiden gemeinsam war das Bestreben, das Ohr „wandern und freisen“ zu lassen, d.h., die Handlung nur durch die Abwandlung der Hör-Plätze zu schaffen, wobei der – in Versen stilisierte – Text gleichsam das Vehikel bildete. Als Material zum ersten Hörspiel wurden Assoziationen einer See- und Landreise ganz allgemein verwendet: Bahnhof, Rhythmus des Zuges, Zollrevision, Speisewagen, Schiffssirene, Bordmusik, Sturm, Morseticken; die typischen Gespräche im Kupee und an der Reeling.

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1953 Brief Prosa Zeitschriften

Walter Mehring: Keine „Drugstore -Amerikaner“

Keine  „Drugstore -Amerikaner“

Sehr geehrte Redaktion!

Erich Franzen behauptet in seinem Aufsatz „Europa blickt auf Amerika“ (Heft 50):

„Walter Mehring scheint anzunehmen, daß sich in Amerika die Liebe
nur in der Öffentlichkeit abspiele. Er widmet ihr das Gedicht: 
„Der Drugstore“, in dem folgende Verse stehen:

,Der Held -- der Herzensbrecher
 Der Stratosphären-Cherub,
 Der gestern fremde Dächer
 Unter Bomben begrub:
 __Nun hockt er linkisch in der Reih
 __Und lauscht dem kindischen Geschrei
 ____Heim von Doughhoy-Geplänkeln --
 ____Errötend vor zwei Schenkeln
 ____Ein naseweiser Bub ...'

Was Walter Mehring einige Schwierigkeiten bereiten muß - über die
er sich in seinem Gedicht hinwegsetzt - ist der Gedanke, daß diese 
Drugstore-Amerikaner nicht anders als die Europäer im Kriege wie 
Männer gekämpft haben.“

Es mag Herrn Erich Franzen einige Schwierigkeiten bereiten, Lyrik zu interpretieren, darin, um Verlaine zu zitieren, das Ungewisse sich dem Genauen vermählt…

Der Monat 52Um es in diesem Fall genau zu sagen: weder ist mein Gedicht „Der Drugstore“ „der Liebe in Amerika“ gewidmet, noch habe ich in diesem oder in den insgesamt 15 Gedichten der zusammenhängenden Versfolge „Transatlantischer Psalter“ die schwachsinnige Ansicht verfochten, daß sich in Amerika die Liebe nur in der Öffentlichkeit abspiele. Es schien mir ein kleines Sinnbild der Jugend, daß ein junger Soldat, der „des Krieges Höllenpein durchschritt“, so linkisch und errötend bei einem Ice-cream Soda im Kleinstadt-Drugstore seiner Angebeteten den Hof macht. Ich habe mich in Gedanken nicht „darüber hinweggesetzt“, daß „diese Drugstore-Amerikaner“ — der Ausdruck stammt nicht von mir, er ist mir neu — „nicht anders als die Europäer im Krieg wie Männer gekämpft haben“. Daß amerikanische Bürger, jung und alt, die Menschenrechte verteidigt, ja besser verteidigt haben als viele Europäer, darüber setze ich mich nicht hinweg, da ich genau so gut wie Herr Erich Franzen vor den Verfolgungen einer Diktatur, die den zweiten Weltkrieg entfesselte, in den United States of America eine gesicherte Zuflucht fand – und eine Heimat…
New York

 Walter Mehring

(Walter Mehring:  Keine „Drugstore-Amerikaner“; in: Der Monat, Heft 52/5. Jg. vom Januar 1953; S. 459. )