Brice Couturier rezensiert die Verlorene Bibliothek in Radio France

2014 veröffentlichte der französische Verlag „Les Belles Lettres“ eine französische Übersetzung von „Die verlorene Bibliothek“ Die oben stehende Rezension ist am 7. März von Radio France gesendet worden. Die Textfassung findet sich hier…

„Die verlorene Bibliothek“ – ein aktuelles Buch?

Aus dem Arbeitsjournal von Sven j. Olsson:

Immer wieder gibt es Sätze in Mehrings „verlorener Bibliothek“, die, wie ein Stein im Bach, den Lesefluß bremsen, einen stocken lassen und bewegen innezuhalten. Sätze, die ob ihrer Formulierung oder ihrer Aussage ein zweites, drittes Lesen erfordern. Sätze, die in ihrer Schärfe weh tun und das Denken herausfordern. Sätze, die über den Zeitpunkt des Schreibens und Erscheinens von bedrückender Aktualität sind.

Zu diesen gehört: „Die Schwurformel, die ich aus dem Schlafe konnte, lautete: Bildung! – das »Sesam, öffne Dich!« zu der Schatzhöhle, wo der Stein der Weisen oder die »Leuchtende Materie«, das kosmische Strahlendiadem der Trinität, das pure Mehrwertsgold des Sozialismus sich befand und Macht über alle Naturkräfte und Gewalt über alle Menschennatur verlieh; und die Aladin-Wunderlampe der Wissenschaft, die ich nur blankzuputzen brauchte, und der Geist eines Buches würde mir mit Rat und Trost zur Seite stehen.
Doch im Todesjahr meines Vaters waren die Geister alle mobilisiert; …
 Zur Bibliothek kehrte ich nicht mehr zurück …“(Die verlorene Bibliothek, S. 194 f.)

 Bildung. Wissen. Die Kraft der Erkenntnis. Der Glaube an die Lernfähigkeit des Menschen, an die Vernunft im Sinne der Aufklärung. Und am Ende: der Autor entsagt der Bibliothek, dem Hort von Wissen und Erkenntnis. Ernüchtert stellt er fest, daß entgegen des Versprechens der humanistischen Bildung das große Schlachten des I._Weltkrieges stattgefunden hat. 

…Und hier geht es zum ganzen Text auf www.merin.de/…

Ulrich Tietze : Außer Reih und Glied

Lutherische Monatshefte

Ulrich Tietze

Außer Reih und Glied

Walter Mehrings Sprachgewalt als Waffe des Gejagte

Lutherische Monatshefte„Mehring hat Verse, Rhythmen, Assoziationen gefunden, die alles weit übertreffen, was mir je dazu eingefallen wäre.“ So kommentiert Kurt Tucholsky im Jahre 1929 Auszüge aus dem Buch „Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“ und bemerkt dazu, daß dieses Buch mit seinen 252 Seiten „viel zu dünn“ sei.

Kurt Tucholsky, dem sprachliche und inhaltliche Unsauberkeiten bei anderen Schriftstellern selten entgingen, fand für Mehring so lobende Worte, wie sie ihm bei kaum einer anderen Gelegenheit in den Sinn kamen: „Dieser Dichter kann noch den Herzschlag seiner Leser beeinflussen, wenn er will . . .“, er habe „einen völlig neuen Ton in die Literatur eingeführt“, es handle sich um „herrlich gereimte Lieder, von einem in Deutschland fast nie gesehenen Wortreichtum, und diese Worte fliegen dem nur so zu“.

Mehr als fünfzig Jahre nach den Lobeshymnen Kurt Tucholskys kommt der Kabarettchronist Klaus Budzinsky in seinem Buch „Pfeffer ins Getriebe. Ein Streifzug durch 100 Jahre Kabarett“ zu einem ähnlichen Urteil. Bei ihm heißt es: „Mehrings Sprachgewalt und lyrische Potenz hob das Chanson im Kabarett auf ein Niveau, das vor ihm nur Frank Wedekind und nach ihm niemand mehr erreicht hat.“

Sicher ist, daß dieser Autor einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf die satirische und kabarettistische wie auch auf die lyrische Literatur der zwanziger Jahre ausgeübt hat.

Walter Mehring, am 29 April 1896 in Berlin geboren, studierte Kunstgeschichte, veröffentlichte, kaum über zwanzig Jahre alt, expressionistische Gedichte und gehörte zu den Gründern des „Politischen Cabarets“ in Berlin. Für Max Reinhardts Kabarett „Schall und Rauch“ schrieb er ebenso Texte wie für andere Ensembles. Wie Kurt Tucholsky entdeckte auch Walter Mehring früh seine Liebe zu Frankreich: 1921 übersiedelte er in die Pariser Montparnasse-Cafés.

Seine vielfältigen Möglichkeiten in Form, Ausdruck und Inhalten zeigten sich vor allem in seinen Versen. Sein Schriftstellerkollege Eckart Peterich im Jahre 1963: „Rhythmus und Reim, die heute manchem als fragwürdig gelten, sind ihm natürlichste Freunde.“

Im „Ketzerbrevier“ von 1920/21, die Mehring eine „Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister“ nannte, findet sich eine geradezu unglaubliche Vielfalt lyrischer und satirischer Formen. Dabei hat der Autor hier immer wieder auch religiöse Motive benutzt, so etwa in der „Litanei“, in der es heißt: „Kyrie eleison – Alle Stätten/ die dich loben/ die uns ketten/ an das Droben/ mit Gelübden/ und Geboten/ in den Krypten/ der Zeloten/ von der Qual/ und allem Jammer/ in Spital/ und Folterkammer/ Alle, die dich loben, Gott,/ blutverwoben und bigott/ Herr, befreie uns davon -/ Kyrie eleison!

1933 zeichnete Mehring in einem seiner bekanntesten Gedichte, der „Sage vom Großen Krebs“ – die Vorlage dafür ist tatsächlich eine alte Sage -, die Gefahr einer Rückkehr in die mittelalterliche Barbarei der Folterkammern und Scheiterhaufen durch das NS-Regime in kunstvollen Versen. Wenn der am Boden des Mohriner Sees angekettete Krebs loskäme, „dann kreiste zurück die Jahrhundertuhr/ zur ewigen Mitternacht -/ und wenn die berauschte Kreatur/ vom Traum erwacht/ geht alles rückwärts und verquer, rückwärts und verquer/ zu Hexenbränden und Judenpogrom/ Hosiannah! Gott geb’s,/ daß nimmermehr loskom/ der Große Krebs!“ Dieses Gedicht erschien in der letzten Ausgabe der von Carl von Ossietzky herausgegebenen „Weltbühne“ am 27. Februar 1933, dem Vorabend des Reichstagsbrandes.

Walter Mehring entging, anders als andere bedeutende Antifaschisten, im letzten Moment den Nazis und ging ins Exil – zunächst nach Österreich. In einem chiffrierten Brief aus Deutschland wurde ihm die Nachricht übermittelt, daß die Gestapo seine Wohnung zerstört hatte: „… gestern hatten wir noch spät abends Besuch, der sehr ungehalten war, Dich nicht anzutreffen. Es ging recht ausgelassen zu, so daß wir heute früh uns sehr plagen mußten, um die Scherben und die Möbelfetzen und die Bibliothek Deines seligen Vaters wieder zusammenzuräumen.“

Der den Häschern und Folterern knapp Entkommene hatte in unzähligen Gedichten, Aufsätzen, Satiren vor dem Hitler-Faschismus gewarnt. Dies galt auch für andere Autoren, die dem Genre der „Neuen Sachlichkeit“ zugeordnet wurden, wie Tucholsky und Kästner. Aber Walter Mehring zeigte noch stärker als die anderen Schriftsteller anhand der Sprache der Nazi-Größen den fatalen Rückschritt in die längst vergangen geglaubten Zeiten. In einer der ersten Ausgaben der Exilzeitschrift „Das Neue Tage-Buch“ zu Beginn des Jahres 1933 erschien unter dem Titel „Der Hexenhammer“ ein Aufsatz Mehrings, der sprachliche, inhaltliche und ideologische Parallelen zwischen diesem spätmittelalterlichen Buch und den „Haupt-Büchern“ der NS-Bewegung, nämlich Hitlers „Mein Kampf“ und Alfred
Rosenbergs „Der Mythos des 20. Jahrhunderts“, verdeutlicht.

In seinem zuerst 1952 erschienenen Erinnerungsbuch „Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur“, das eine umfangreiche, weithin bissige und sicher in mancherlei Hinsicht auch ungerechte Auseinandersetzung mit Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt, deren Werke in der Bibliothek seines Vaters standen, die durch die Nationalsozialisten zerstört wurde, hat Mehring dargestellt, wie er den „Hexenhammer“ entdeckte. Dieses Buch habe, so schreibt er, „ein ungeheiltes Jugendtrauma, eine unvergeßliche Schockwirkung“ in ihm hinterlassen. Dabei hat er sich der vollständigen Lektüre dieses Werkes ausgesetzt, „wollüstig angeekelt die erpreßten, flagellantischen Selbstzerfleischungen genossen“, „diese Lektüre verschlungen“.

Mehring hat in seinem Aufsatz die Entsprechungen zwischen dem Geist der Hexenjäger und der Nazi-Ideologie dargelegt: „Den Hexenwahn hat der Rassemythos ersetzt.“ Wurden im „Hexenhammer“ die Hexen als Personifizierung des Bösen gesehen, so geschah Vergleichbares in Hitlers „Mein Kampf“ mit den Juden: Er sei „in seiner Gemeinheit so riesengroß, daß sich niemand zu wundern braucht, wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt des Juden annimmt“.

Bekanntlich war es zu der Zeit, als die Hexenverfolgungen in massiver Weise einsetzten, die schlimmste Ketzerei und ein Zeichen für Besessenheit vom Teufel, wenn jemand nicht an Hexen glaubte. Hier zeigt sich eine Entsprechung im Denken Hitlers, der ohne allen Sinn für die Realität die Auffassung vertrat, der Jude „begründe(t) die marxistische Lehre“. Es sei daran erinnert, daß die vierzehn Jahre der Weimarer Republik von führenden NS-Ideologen als die Zeit des „Marxismus in Deutschland“ bezeichnet wurden. Wurde von den Autoren des „Hexenhammers“ den Hexen jede nur denkbare Gemeinheit, jede nur vorstellbare Bosheit zugetraut und auf sie zurückgeführt, jedes menschliche Leid als Untat der Hexen eingestuft – etwa Krankheiten, unerwartete Todesfälle usw. -, so argumentierte Hitler mit Blick auf die Juden ähnlich: Er diffamierte alles jüdische als „Pestilenz“ und als „giftige Seuche“ und behauptete, daß durch das Judentum „nur der Wahnsinn zur Wirklichkeit zu werden vermag, niemals die Vernunft“.

Ehrsame Burger

Die lange Zeit vernachlässigte Verarbeitung des Themas „Hexenverfolgungen“, die erst im Laufe der achtziger Jahre durch Publizierung einer Vielzahl von Büchern und Aufsätzen zum Thema korrigiert wurde, hat inzwischen zumindest deutlich werden lassen, daß diese Massenverfolgungen und -hinrichtungen System hatten. Was Walter Mehring –  bereits 1933! – über den „Hexenhammer“-Autor Heinrich Institoris schreibt, klingt heute wie eine nachträgliche Analyse des Terrors und staatlich legitimierten Massenmordes unter Hitler: Es sei „das Martern von Menschen in ein geregeltes System gebracht“ worden, und Institoris sei der „Vorgänger des hygienischen Mords. Die Pedanterie wurde bis zum Exzess betrieben. Denn all diese Henkersknechte waren ja nicht verhungerter, rachedurstiger Pöbel. Ehrsame Bürger waren sie; pflichttreue Schinder, gewissenhafte Akademiker der Bestialität“.

Auch in anderen schriftstellerischen Arbeiten schon zu Beginn seines Exils zeigte Mehring eine große Fähigkeit, die nationalsozialistischen Phrasen und den pathetischen Sprachstil zu entlarven. In dem 1989 erschienenen Sammelband „Zu Hitler fällt mir noch ein Satire als Widerstand“ gehören die Beiträge Mehrings sicherlich zu den interessantesten und wichtigsten Texten, so etwa seine im Jahre 1935 im „Neuen Tage-Buch“ erschienene Version vom Rotkäppchen-Märchen, das er in die Hitlerzeit verlegt und das er angesichts der für die Exilierten bedrückenden Erkenntnis der Unterstützung des Hitler-Staates durch viele Regierungen mit dem bitteren Satz enden läßt: „Und soweit sie nicht gefressen sind, kreditieren sie ihm noch heute.“ Einige Jahre später, im April 1939, veröffentlicht Mehring im „Neuen Tage-Buch“ eine Satire auf die Nazis unter dem Titel „Schema der nächsten tausend Reden“ – auch hier eine inhaltlich und stilistisch glänzende Parodie dessen, was etwa Goebbels regelmäßig von sich gab.

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Mehring, der den Nazis 1938 in Wien mit knapper Not entkommen war, in französischen Lagern interniert. Er entkam in die USA und kehrte erst 1953 nach Deutschland zurück. Aber die geringe Bereitschaft zur Aufarbeitung des Hitler-Terrors bei vielen Deutschen und das Gefühl, in diesem Land keine Heimat mehr zu haben, ließ ihn bald in die Schweiz übersiedeln.

Seine Odyssee als Exilant hat er – in Prosa und Versen -in dem Band „Topographie einer Hölle – Reportagen der Unterweltstädte“ dargestellt. Das Manuskript ging allerdings 1976 verloren, konnte jedoch anhand der (meist handschriftlichen) Erstfassung zum Teil rekonstruiert werden und erschien 1979 unter dem letztlich die ganze Problematik umfassenden Titel „Wir müssen weiter“. Es ist ein erschütterndes Dokument über das Schicksal eines Menschen, der permanent mit Blick auf das Schicksal von Freunden Nachrichten erhielt, in denen es hieß: „Verschollen! . . .  Verschleppt! . . . Ermordet!“

Am Ende dieses Lebens stand nicht der Haß, wohl aber die Verbitterung und die Einsamkeit. Am 3. Oktober 1981 stirbt der Dichter in einem Züricher Krankenheim. In seinem Zurückgezogensein wurde am Ende noch einmal das Lebensgefühl des Außenseiters deutlich, der zu Beginn seines schriftstellerischen Schaffens in einem Lied geschrieben hatte: „Doch trat ich außer Reih und Glied -/ ja, dann verzeiht!/ Hier steht ein Mann und singt ein Lied/ zum Trotz – am Rand der Zeit . . . “ 

(Tietze, Ulrich: Außer Reih und Glied – Walter Mehrings Sprachgewalt als Waffe des Gejagten; in: Lutherische Monatshefte H. 4/35. Jg. vom April 1996, S. 24f. Dem Autor vielen Dank für die Rechte, den Text hier veröffentlichen zu können.)

Sven j. Olsson dokumentiert sein aktuelles Mehring-Projekt

Den Roman „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“ hat Sven j. Olsson schon in eine Bühnenfassung gebracht. Jetzt arbeitet der Hamburger Autor und Dramaturg an einem neuen Walter-Mehring-Projekt. Er will „Die verlorene Bibliothek“ auf die Bühne bringen. Angesichts eines Textes, der sich vor allem mit der Gedankenwelt Mehrings und seinem kulturellen Fundament auseinandersetzt, ist dies ein spannendes Projekt.

Sven j. Olsson will mit seinem Arbeitsjournal sicherlich auch in den Dialog mit den Lesern seines Blogs eintreten. Auch um dies zu befördern, ist ab sofort in der rechten Navigation dieser Seite der rss-Feed des Arbeitsjournals von Olsson eingebunden. Die Leser dieser Seite können dann mit einem Klick auf die von Olsson gelangen. Die URL der Seite lautet: http://www.merin.de

Schon die ersten Beiträge zeigen, dass sich der Autor nicht nur mit Walter Mehring auseinadersetzt. Vielmehr stellt er auch potenzielle Szenen seines entstehenden Stücks online. Ein spannender Blick in die Werkstatt also, der regelmäßig erneuert werden sollte.

Michael Bauer zweifelt an Mehrings Erinnerungen an Oskar Panizza

Michael Bauer: Oskar Panizza

Michael Bauer: Oskar Panizza
Sechs Jahre nach Kriegsende erschien in den USA Walter Mehrings »The Lost Library«. Ein Kapitel darin war dem »Liebeskonzil« und seinem Verfasser gewidmet. Neben einigen lesenswerten Betrachtungen zur »Himmels-Tragödie« wurde Oskar Panizza durch Mehrings 1952 auch in Deutschland erschienene »Verlorene Bibliothek« endgültig zu einer legendären Gestalt erhoben. Wie bereits 1927 der »Völkische Beobachter« ließ Walter Mehring Panizza direkt nach dessen Prozeß in die Schweiz fliehen. Er ergänzte Panizzas Urteil um »Verbreitung unzüchtiger Schriften« und verschärfte dessen Strafe auf »Zuchthaus«. (46) Um den »Fall Panizza« skandalträchtig in die deutschen Nachkriegsjahre zu retten, ließ Mehring auch den von Hanns Heinz Ewers überarbeiteten Erzählungsband »Visionen der Dämmerung« nachträglich konfiszieren. Postum machte er Oskar Panizza mit Heinrich Lautensack bekannt und erschuf Panizza unter Berufung auf dessen Vilshofener »Caféhauskollegen« und Frank Wedekind einen »Jesuitenonkel«. Als »Sadistisch-Hoffmannischer Horrornovellist« und als Verfasser des »Liebeskonzils« konnte Panizza der Sympathie Walter Mehrings gewiß sein. Bis heute gerne zitiert blieb die »story« von Mehrings gescheitertem Besuch in der Bayreuther Irrenanstalt«: »(Niemand durfte ihn [Panizza] besuchen; ich habe es vergeblich auch versucht …)« Angesichts der Vorliebe des alternden Mehring für Anekdoten und phantasievolle Ausschmückungen dürfte die Geschichte vom gescheiterten Besuch in Bayreuth ebenso frei erfunden sein wie der von Mehring genannte Essay Panizzas »Transvestitentum und Effeminismus im Messiaskult«.

Aufgrund der Tatsache, daß in Mehrings ››Verlorener Bibliothek« Titel Panizzas umformuliert bzw. ergänzt wiedergegeben werden und selbst dessen Todesjahr falsch angegeben ist, sollte diese »Quelle« künftig nicht mehr kritiklos zitiert werden. Weniger die Person und das Werk als »Der Fall Panizza« interessierten Walter Mehring angesichts einer sich Anfang der fünfziger Jahre neuerlich abzeichnenden restriktiven deutschen Kulturpolitik. Mit Mehrings Kapitel aus der »Autobiographie einer Kultur«, so der Untertitel seines Buches »Die verlorene Bibliothek«, überdauerte die Legende vom syphilisinfizierten Dichter, der als ehemaliger Psychiater schizophren in einer »Irrenanstalt« endete (48), den zweiten Weltkrieg.

Michael Bauer: Oskar Panizza – Ein literarisches Porträt; München: Hanser Verlag 1984; S. 24 ff.

Pressetext zur Werkausgabe – Müller / Die verlorene Bibliothek

Walter Mehring
MÜLLER – CHRONIK EINER DEUTSCHEN SIPPE
Roman
272 Seiten, geb., claassen Verlag GmbH,
Düsseldorf, DM 28,–

DIE VERLORENE BIBLIOTHEK
Autobiographie einer Kultur
320 Seiten, geb., claassen Verlag GmbH,
Düsseldorf, DM 29,80

Die Bucher Walter Mehrings, nach dem K iege meist in fehlerhaften Ausgaben oder in schlechten Reprints herausgebracht, erscheinen nun zum ersten Mal in einer sorgfältig edierten und vom Autor durchgesehenen Werkausgabe. Der ctaassen-Verlag verbindet mit dieser Ausgabe die Hoffnung, daß Mehring, „einer der wenigen großen Satiriker, die Deutschland in diesem Jahrhundert hervorgebrach hat“ (Jürgen Serke), endlich den ihm gebührenden Platz in der deutschen Literatur findet. Denn der Tucholsky-Freund, den Hermann Kesten mit Heine und Villon verglich, ist bei uns immer noch ein weitgehend Unbekannter, ein zwischeen allen Stühlen sitzender ‚Exilierter‘.

Müller - Chronik einer deutschen Sippe (1978)
Müller – Chronik einer deutschen Sippe (1978)

Walter Mehring hat – und das ist bezeichnend für ihn – den MÜLLER-Roman als Band 1 der Werk-Ausgabe ausgewählt. Die CHRONIK EINER DEUTSCHEN SIPPE, Parodie und Paraphrase auf Gustaf Freytags „Ahnen“, ist eine – wie es scheint: zeitlose Satire auf den ewigen Untertan. Gleichgültig, ob sie Milesius, Mülibert, Mulobrad oder Mühlicher hießen, immer haben sich die Müllers getreu dem preußischen Kasernenhof-Dogma „Nur nicht auffallen!“ durch die Geschichte geschlagen, „haben das Heidentum abgeschworen, als es die Staatsraison von ihnen verlangte, dem Teufel widerstanden, als er auf Erden umging, sie wurden gut lutherisch zugleich mit ihren Fürsten, haben jeder Einberufung zum Heerdienst Folge geleistet, ihrem Herrn und Kaiser gedient unter der Monarchie wie in der Republik.“ (Walter Mehring)

Grundlage des Romans sind die Chroniken, Urkunden und Dokumente, auf die der Pg un Tacitus-§pezialist Dr. Armin Müller, Oberlehrer im Berliner Kgl. Wilhelmsgymnasium, 1933 gestoßen ist, als er im Zuge der allgemeinen Forderung nach Rassenreinheit den Beleg seines Ariertums zu erbringen hatte. Walter Mehring hat die Chronik der Müllers mit großem Einfühlungsvermögen in die literarischen Stile der Epochen und mit dem toternsten Witz des Satirikers aufgezeichnet. Das Buch wird bleiben, solange es MÜLLERS gibt…

Die verlorene Bibliothek, Autobiografie einer Kultur (1978)
Die verlorene Bibliothek, Autobiografie einer Kultur (1978)

Als die 1951 in New York herausgebrachte LOST LIBRARY als DIE VERLORENE BIBLIOTHEK. AUTOBIOGRAPHIE EINER KULTUR erstmals in deutscher Sprache erschien, schrieb Walter Mehring über die Entstehung des Buches: „Der Entschluß, die Lebensgeschichte einer Literatur – genauer gesagt: die Fabel einer mir verwandten Bibliothek – zu erzählen, kam mir auf der anderen Erdhälfte in Amerika, auf einer New England-Farm, deren Entlegenheit… mich wieder lehrte, Schritt für Schritt des Gelesenen mich zu erinnern.“

DIE VERLORENE BIBLIOTHEK zeigt Walter Mehring als den großen Kenner der Weltliteratur. Seine AUTOBIOGRAPHIE EINER KULTUR ist Literatur- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, ist zugleich – und das macht ihren besonderen Reiz und ihre Authentizität aus – e r l e b t e L i t e r a t u r aus der Feder eines Z e i t g e n o s s e n, der mit der Berliner Dada-Bewegung da-da-i-sierte, zu Herwarth Waldens „Sturm“-Kreis gehörte, Mitbegründer des Max Reinhardt-Kabaretts ‚Schall und Rauch‘ war und mit den „Dichtern und Denkern“ seiner Zeit (streitbaren) Umgang pflegte. Erinnerungen und Begegnungen – und doch nicht nur das.

Walter Mehring nimmt die Werke von Dante, Büchner, Balzac, Hegel, Fichte, Freud u.v.a. aus den Regalen der väterlichen Bibliothek und legt vor dem verblüfften Leser literarische Traditionslinien frei, streitet im Geiste des aufgeklärten Europäers, kommentiert als unbeugsamer Humanist. Dabei ist DIE VERLORENE BIBLIOTHEK kein Werk trocken philosophierender Gelehrsamkeit, sondern ein literarisch-kritisches Feuerwerk, das in seiner Anschaulichkeit, Lebendigkeit und Sprachgewalt in der – europäischen Literatur ohnegleichen ist.

MÜLLER. CHRONIK EINER DEUTSCHEN SIPPE und DIE VERLORENE BIBLIOTHEK. AUTOBIOGRAPHIE EINER KULTUR sind die ersten beiden Bände der Walter-Mehring-Werkausgabe im claassen-Verlag. 1979 wird von Walter Mehring als dritter Band der Werkausgabe das noch nicht veröffentlichte Buch, das er jetzt vollendet hat, „WIR MÜSSEN WEITER… Fragmente aus dem Exil” erscheinen. Die Werkausgabe wird herausgegeben von Christoph Buchwald.

Walter Mehring,
Lyriker, Essayist, Erzähler, Dramatiker, Film- und Funkautor und Übersetzer wurde am 29. April 1896 in Berlin geboren. Mehring gehört zu den Gründern des „Politischen Cabarets“ in Berlin und schrieb u.a. Texte für Max Reinhardts Kabarett „Schall und Rauch“. Seine von Tucholsky gerühmten Gedichte, Lieder und Chansons machten ihn früh berühmt und – verhaßt: viele seiner Bücher landeten am 10.Mai 1933 auf dem Scheiterhaufen. Walter Mehring entging seiner Verhaftung durch die SA nur knapp, emigrierte, wurde 1939 in Frankreich interniert und entkam 1941 in die USA. Nach dem Kriege kehrte Walter Mehring nach Europa zurück. Er lebt heute zurückgezogen in Zürich.

Die Pressesstelle des Claassen-Verlags hat diesen Pressetext als “Besprechungsunterlage” mit dem Band für die Rezension verschickt. Zwei Belege der Rezension hat sich der Verlag von den Rezensenten erbeten. (A.O.)

Mehr Pressetexte zur Werkausgabe:
Die Höllische Komödie
Paris in Brand
Algier oder die 13 Oasenwunder – Westnordwestviertelwest
Verrufene Malerei – Berlin DADA
Chronik der Lustbarkeiten / Staatenlos im Nirgendwo
Die Nacht des Tyrannen

Anthony Heilbut ist über „Die verlorene Bibliothek“ erstaunt

Anthony Heilbut, der Sohn emigrierter deutscher Eltern, hat 1983 eine große Monografie über die Emigration in die USA vorgelegt. In ihr bespricht er auch „Die verlorene Bibliothek“. Zwar stimmen nicht alle Fakten. So war Richard Huelsenbeck Herausgeber des Dada-Almanach von 1920. Er ist also nicht Walter Mehrings Buch, auch wenn Mehring Texte beisteuerte. Dennoch ist der Auszug aus dem 480 Seiten starken Taschenbuch lesenswert, weil er den Blick auf Mehring nicht mit der rein deutschen Brille wirft. Un in einem Jahr, in dem „Die verlorene Bibliothek“ neu im Elster-Verlag aufgelegt wurde, sind solche Fundstellen umso lesenswerter. (A.O.)

Den vielleicht wehmütigsten Abgesang auf die Emigrantenkultur stimmte unerwarteterweise Walter Mehring an. Im Unterschied zu den anderen Schriftstellern war er ein echter  Berliner, dort geboren und Sohn des Zeitungsverlegers Franz Mehring, der einst Rosa Luxemburg unterstützt hatte. Sein kulturelles Debüt hatte Walter Mehring im Alter von zweiundzwanzig ]ahren gegeben, als er zusammen mit seinem Freund George Grosz eine Dada-Matinee auf die Bühne brachte. Höhepunkt der Show war ein Wettrennen zwischen einer Nähmaschine und einer Schreibmaschine. Zwei Jahre später erschien, illustriert von George Grosz und verlegt von Wieland Herzfelde, sein Dada-Almanach von 1920. Mehrings Gedichte erinnern an Pop-Lyrik („Berlin, dein Tänzer ist der Tod – Foxtrott und Jazz -„), und das Kabarett war ihr Forum. Als Berlins führender Kabarett-Dichter fand Mehring bald Eingang in die Kreise um Brecht, Grosz und Reinhardt. Lange vor der überschätzten, unausgegorenen Pop-Poesie der sechziger Jahre schuf Mehring etwas wirklich Neues, verflocht Töne und Bilder zu Rhythmen seiner Stadt – ein Foxtrott am Rande des Abgrunds.

Mehrings Talent war nicht nur, wie Grosz vermerkte, beseelt von François Villon und Heine, sondern auch von anderen, überraschend literarischen Vorbildern. Der französische  Vaganten-Dichter und der frankophile deutsche Jude waren in der Tat angemessene geistige Ahnen. Mehring selbst verbrachte die zwanziger Jahre zum großen Teil in Paris. Tucholsky pries ihn als den ersten, der Berlin so sehe, wie die Welt gewöhnt sei, Paris zu sehen. Anfang der dreißiger ]ahre wollten die Nazis ihn verhaften. Sie fanden ihn wie gewöhnlich in einem Café, doch Mehring gab vor, nicht er selbst zu sein, entkam seinen Häschern und kehrte nach Paris zurück. Dort verlebte er die dreißiger jahre inmitten seiner Mitexilanten, und der Galgenhumor, mit dem er sie unterhielt, ließ auch den alten Berliner Kabarett-Geist  überleben. Während dieser Zeit entfremdete er sich zunehmend seinen marxistischen Freunden, die ihre Ideologie je nach Weisung Moskaus änderten. Der loyale Kommunist
Wieland Herzfelde hat Mehring die Abwendung von der Sowjetunion nie verziehen und warf ihm vor, deren Krieg mit Finnland (1939) ganz einfach mißverstanden zu haben. In einem Brief, den er Mehring zum fünfzigsten Geburtstag schrieb, nannte er ihn einen „bastard“.

Aus Frankreich entkam Mehring über Marseille und erreichte 1941 die USA. Er verbrachte die übliche unerfreuliehe Zeit in Hollywood und ging dann nach New York, wo auch seine alte Freundin Hertha Pauli und ehemalige Dadaisten-Kollegen wie Huelsenbeck, Grosz und Herzfelde lebten. 1944 erschien eine Sammlung seiner Gedichte, illustriert von George Grosz und übersetzt von einem linken amerikanischen Freund Erwin Piscators.  Vorübergehend arbeitete Mehring auch für die Propaganda-Abteilung des Office of Strategic Service und brachte sich später als Arbeiter in einer Fabrik auf Long Island durch.

1951 veröffentlichte er The Lost Library: Autobiography of a Culture, das er zum Teil auf der Tabakfarm eines Pazifisten und Jazzmusikers in New England geschrieben hatte. Wer hätte solch ein Buch von ihm erwartet? Mehring gedenkt der Berliner Bibliothek seines Vaters und bekennt sich damit zu der gelehrten humanistischen Tradition, der er  entstammte und die er mit seinem eigenen populären Stil einst schmähte. Aber irgendwie brachte die amerikanische Umgebung eine Annäherung zwischen Vater und Sohn, hoher Kultur und Kabarett. Mehring beschwört die Tradition mit jenem echten Berliner Ton, keck, dicht und sehr smart. Wenn er will, weiß er mit literarischer Mimesis so sorgsam umzugehen wie Erich Auerbach. Doch öfter noch ist er von ganz erdgebundener Respektlosigkeit: Marx ist ein unlesbarer alter Langeweiler, Nietzsche und Schopenhauer hat die Syphilis den Verstand geraubt. Mit Melancholie hat er als typischer Emigrant nichts im Sinn. Gegen den Kummer über die verlorene Bibliothek empfiehlt er gute Laune und guten Sex, nicht ein besseres Buch, sondern einen besseren Orgasmus.

Doch trotz seines smarten Tons ist es kein glückliches Buch, und am traurigsten ist es da, wo Mehring in literarischen Schätzen schwelgt und zugleich erkennt, wie nichtig und ohne Wert sie in der gegenwärtigen Zeit waren. Als Kabarettdichter und -komponist verstand Mehring sich auf sprachliche Rhythmen. Er sah, daß sich eine Veränderung der Wirklichkeit in der Grammatik widerspiegeln kann, noch bevor die Betroffenen sie wahrnehmen. Sprache vermag nicht viel, aber sie kann den Leser auf das vorbereiten, was in der Zukunft auf ihn wartet. Davon war Mehring überzeugt, und darum nahm er auch gegen Gide Partei für Proust. Gide hatte dem Iüngeren „willkürliche Behandlung der Zeiten“ und „verschwenderischen Mißbrauch des Subjunctivs“ vorgeworfen. Gide, so Mehring, sah nicht, daß Proust der Grammatik und der Syntax von Weissagung und prophetischen Träumen folgte und daß sein Subjunctiv der „Subjunctiv des Zweifels“ war. Dieser letzte glänzende Gedanke ist nicht nur gültig für die Ereignisse in Prousts Roman, er trifft auch das Emigrantenleben, denn im Bewußtsein vergangenen Verrats und Betrugs – „der Korruption aller Bindungen“ – weckte jeder erfüllte Wunsch Argwohn. Der Subjunctiv des Zweifels mißbilligte sehnendes Verlangen und gestattete eine schützende Distanz zu der inneren Gewißheit, daß unsere Hoffnungen entweder banal oder zum Scheitern verurteilt sind.

Die Bibliothek ist verloren. Die Weisheit, die sie enthielt, ist verstreut in Zeit und Raum, unendlich weit entfernt von einer New-England-Farm des Jahres 1950. „All diese Dinge existieren nur noch im Plusquamperfekt oder in einem passé defini“: Die Angelegenheit hat ihre grammatische Form gefunden und ist damit erledigt. Kundig zu lesen sei des Emigranten größtes Talent, schreibt Mehring, doch gibt er zu, daß die Besinnung auf Vergangenes ein müßiges Unterfangen sei, obwohl doch sein Buch beweist, daß es gerade jene Besinnung war, die den Emigranten half, durchzuhalten. Was bleibt? Was hat noch Sinn? Politisches  Engagement jedenlalls nicht, wenn es nach Mehring geht. Am besten ist es noch, nach „Korrektur seiner selbst“ zu streben: ein Rückzug oder Ausweg, der nicht weniger in die Enge führt als der Weg von Berlin auf eine Tabakfarm. Das Nächstbeste ist die Fähigkeit, andere zu unterhalten. In einer letzten Berliner Posse verrät man seine ernsthafte Seite und zieht sich auf die Komödie zurück. Einen Galgenhumoristen hängt man nicht: Die Emigration hat ihn gelehrt, daß es sich auszahlt, sein lnnerstes zu verbergen.

(Anthony Heilbut: Kultur ohne Heimat – Deutsche Emigranten in den USA nach 1930; Reinbek: rororo 1991; S. 281-283).

Hans Baumgartner macht auf „Die verlorene Bibliothek“ aufmerksam

Der Elster Verlag gibt einen Newsletter heraus, in dem Besprechungen zu den von ihm verlgten Bücher an Abonnenten geschickt werden. Die kleine Zeitschrift im PDF-Format heißt „Lesezeichen“. In der Ausgabe III/2013 hat Hans Baumgartner einen Text über Mehring und „Die verlorene Bibliothek“ erschienen:

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek
Aus der Zeit gefallen

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag

Achtzig Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen wird «Die verlorene Bibliothek» von Walter Mehring (1896-1981) neu aufgelegt – es ist die intellektuelle Antwort auf die große Barbarei.

Von Tag zu Tag saß er im Pfauen und bestellte sein Einerli Weißen, so wie Heiri Gretler am  runden Tisch in der Ecke seinen Roten, aber meist allein, und immer mit Notizheft, am  Schreiben. Seit seiner Rückkehr aus den Staaten lebte er wieder in den kleinen Hotels, ab den 70iger-Jahren meist in Zürich, im Florhof, Urban, Opera, manchmal in Ascona, nur  selten in Deutschland, wo ihm in München sein 800 Seiten Manuskript «Die verbrannten Dichter», vielleicht sein Lebenswerk, abhanden kam. In Zürich traf nur ein fremder schwarzer Koffer ein.

Immer hatte er gerade noch flüchten können, nicht ohne List aus drei Lagern, und in Berlin gewarnt nur wenige Tage vor dem Reichtagsbrand (1933), in Wien nach dem Anschluss (1938) mit dem Zug über die Schweiz nach Paris, in Marseille Dank Varian Fry mit dem letzten Schiff, der Wyoming, nach Martinique (1941). Bei Metro Goldwin Mayer hatte er wie andere Emigranten einen einjährigen Scheinvertrag, nur schreiben sollte er nicht. Und er fand dort auch kein Publikum, so wie Heinrich Mann.

Ganz anders war das in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik gewesen. Der Name Walter Mehring war bekannt, war geschätzt von den einen und gehasst von denen, die als dunkle Macht des Grauens Deutschland in den Griff bekommen sollten. Mehring traf mit seiner messerscharfen Lyrik den Rhythmus der Zeit. Er war einer der wichtigsten Exponenten der Dada-Bewegung in Berlin. Kurt Tucholsky nannte ihn «unser aller Meister». Als Texter des Kabaretts «Schall und Rauch» von Max Reinhardt machte er das, was man Furore nennt. Von 1921 bis 1928 lebt er als Korrespondent in Paris. 1929 kam es zum Skandal, als an der Volksbühne sein Stück «Der Kaufmann von Berlin» aufgeführt wurde. Draußen marschierte die SA auf und drinnen sorgten die Nazis gewaltsam für Tumult. In der Berliner Tageszeitung «Der Angriff» forderte Joseph Goebbels 1933 mit großen Lettern «An den Galgen» Mehrings Liquidation. Sein letzter Beitrag für die «Weltbühne» von Carl von Ossietzky, «Die Sage vom bösen Krebs», einen Tag vor dem Reichstagsbrand erschienen, bedeutet auch deren Ende.

«Halte mich, ]unge», starb 1918 der Vater beim Vorlesen, Kants «Kritik der reinen Vernunft» in der Hand. Sigmar Mehring hinterließ seinem Sohn eine umfangreiche Bibliothek «aus Tausenden von Bänden, jeder ein Anathema seiner weißen  Aufklärungsmagie, kraft der er, der fortschrittsgläubige Atheist, sich gegen die Rückfälle ins Werwolftum gefeit geglaubt hatte». Der Sohn konnte sie noch teilweise nach Wien hinüberretten, wo sie aber bei einer Hausdurchsuchung von der SA innert weniger Stunden zerstört wurde. Im Exil in den USA begann Mehring sein großartiges Kopfprojekt, den Wiederaufbau der väterlichen Bibliothek im Geiste und deren Umformung zum Buch. Der amerikanische Verleger setzte 1951 den treffenden Untertitel unter «The Lost Library»; das Buch steht ohne jede Übertreibung für die meisterhafte «Autobiografie einer Kultur».

Zwischen allen Stühlen Die Rückkehr nach Europa 1953 war schwierig. Auf Mehring, den scharfen Formulierer und Neunmalklugen, hatte in der deutschen Aufbruchsstimmung niemand gewartet. Der Gruppe 47 waren die eigenen Kriegserlebnisse genug, weiter  zurückblicken wollte man nicht. Dem Wunsch, vom Nullpunkt auszugehen, stand das erlebte Wissen Mehrings diametral entgegen. Manche griffen auch zu absurden Vorwürfen, unterstellten ihm einen «vulgären Antikommunismus», um ihn auszugrenzen. Mehring hatte eine direkte Linie von Karl Marx zu den Nationalsozialisten und weiter zur RAF gezogen, mit wie immer überzeugendem Scharfsinn. «Egozentrische Eitelkeit» war ihm eigen, war Teil seines künstlerischen Antriebs, aber auch seines Schmerzes als vereinsamter Staatenloser. Auch die «Weltwochen» klagte er in einem Brief an François Bondy, wolle vom Plädoyer seiner lyrischen Weltanschauung, von ihm vorgetragen im Theater am Neumarkt, nichts berichten.

Es gab Ausnahmen. In der kriegsverschonten Schweiz war es ein Geistesverwandter, der sich zweifach angesprochen fühlte: «Er (Mehring) war ein leidenschaftlicher Antiideologe, ein großer Lyriker.» Friedrich Dürrenmatt arbeitete am Zürcher Schauspielhaus, und traf dort im Pfauen öfters auf Mehring, lud ihn auch zu sich nach Hause ein, wo er ihn malte, wie ihn zuvor seine Freunde George Grosz und Robert Delaunay portraitiert hatten, Dürrenmatt wusste gut um die Befindlichkeiten Mehrings: «Sein größter Wunsch war es, wieder gelesen zu werden, nur kein Operettenkomiker aus der Mottenkiste wollte er sein. Man hat ihn aufs Chanson, aufs Kabarett geschoben, das Lyrische nicht ernst genommen».

Dürrenmatt leistete auch für «Die verlorene Bibliothek» Fürsprache: «Sein wichtigstes Buch, ein poetisches grandioses Durcheinander, ein unentwirrbarer Knäuel von Vergangenheit.» Die Wirkung dieser und anderer Fürsprecher war begrenzt. Mehring lebte und lebte, machte es niemandem und nichts einfach, weigerte sich zurück nach Deutschland zu gehen, den deutschen Pass anzunehmen. Dabei war er stets freundlich im Umgang, ja bescheiden im Auftreten, nur – die Kant`sche Schule vielleicht – kategorisch im Urteil. Maja Beutler traf ihn für ein Radioportrait kurz vor seinem Ableben 1981 in Zürich – ein bewegendes Tondokument entstand und ein bitteres Fazit der Schriftstellerin blieb: «Unsere Zeit hat ihn vergessen, bevor er gestorben war.» Aber das Werk lebt. Wer als Leser einraucht in dieses literarische Panoptikum, der kann sich verlieren in der Fülle der Informationen, der Geistesblitze, der bestechenden Formulierungen. Kein leichtverdauliches, aber ein geistig nahrhaftes Gericht. Die Bibliothek als Schutzwall, so verstand der Sohn das Legat seines Vaters, niedergerissen von den Werwölfen, literarisch wieder aufgerichtet.

Hans Baumgartner

Walter Mehring
Die verlorene Bibbliothek – Autobiografie einer Kultur
Mit einem Nachwort von Martin Dreyfus
336 Seiten, gebunden, Fr, 39.80 I Euro (D) 24.80
ISBN: 978-3-906065-02-1
Erscheint April 2013

Der Elster Verlag legt „Die verlorene Bibliothek“ neu auf

"Die verlorene Bibliothek" aus dem Elster Verlag (2013)
„Die verlorene Bibliothek“ aus dem Elster Verlag (2013)

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung.

Auf 311 Seiten ist der Text in der fast gleichen Form und Typographie gedruckt. Wesentlicher Unterschied ist das Nachwort. Für die Neuausgabe hat Martin Dreyfus dem Text einen Abriss über das Leben und die Haltung Mehrings angefügt, was durchaus sinnvoll ist. Denn 35 Jahre nach der Werkausgabe ist die zeitliche und biografische Einordnung ein Muss, um neuen Lesern den Zugang zu erleichtern. Dreyfus hält sich zurück, den Text zu interpretieren. Er liefert neben der biografischen Verortung einen Abriss der Editionsgeschichte dieses Solitärs der deutschen Exil- und Erinnerungsliteratur. Damit erleichtert er dem Leser den Zugang zum Text. Martin Dreyfus: „‚Die verlorene Bibliothek‘ darf – neben dem lyrischen Werk – wohl mit Fug als sein bedeutendes Buch bezeichnet werden.“

Damit liegt er sicherlich richtig. Denn dieses Panorama der Bibliothek seines Vaters, die er erbte, die er bei der Flucht aus Berlin 1933 zurücklassen musste, die ihm nach Wien von Camill Hoffmann nachgeschickt wurde und ihm schließlich nach dem „Anschluss Österreichs“ im März 1938 endgültig geraubt wurde, eröffnet den geistigen Horizont des späten 19. Jahrhunderts. Im Exil schrieb Mehring das Buch aus dem Gedächtnis. Das ist so erstaunlich, dass es der Leser heute kaum glauben kann. Lediglich die Zitate überprüfte Mehring in der Public Library von New York, um Fehler im Wortlaut zu korrigieren. Angesichts der Fülle der zitierten und erinnerten Bücher – vor allem der französischen und der deutschen Literatur – ist das in Zeiten des Internets und der billigen Datenspeicher nötigt das enormen Respekt ab.

Die Wortakrobatik Mehrings, die Verknappung und Verquickung unterschiedlicher kultureller und politischer Aspekte erzeugt oft Sätze, die nicht nur erhellend sind. Sie sind vor allem immer wieder – wie seine Verse – eine tiefere Wahrheit an die Oberfläche zaubernd. Kombiniert mit den vielen autobiografischen Passagen, die manchmal zugunsten der Literatur nicht ganz korrekt sind, oft aber knapp und präzise und genauer erinnert als von anderen Exilanten (etwa was die Flucht aus Wien angeht, bei der Herta Pauli wohl mehr ausschmückt als er selbst), entsteht so tatsächlich eine „Autobiografie einer Kultur“, wie es der Untertitel verspricht. Ein Untertitel übrigens, den sein amerikanischer Verleger auf Rat eines Gutachters anfügte und so das Wesen des Buches auf drei Worte brachte.

„Die verlorene Bibliothek“ war in den USA und in der Bundesrepublik ein Erfolg. Das Buch wurde auch ins Französische und 2010 ins Niederländische übersetzt. Jetzt liegt das Buch endlich wieder in Deutsch vor. Hoffentlich sorgt das Leserinteresse dafür, dass sich das verlegerische Risiko lohnt.

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

Walter Mehring im Elster-Verlag:
Die verlorene Bibliothek
Dass diese Zeit uns wieder singen lehre – Gedichte Lieder und Chansons

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.

Jahre später sagte er: „Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Die verlorene Bibliothek (2013)
Die verlorene Bibliothek (2013)

Walter Mehring 1955: „Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.“

(Andreas Oppermann am 12. Mai 2013 auf Inforadio)

Die Rezension im Inforadio befindet sich im Audio bei Minute 10.00.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro