Walter Mehring ganz neu in der Reihe Poesiealbum

Poesiealbum (2015)

Poesiealbum (2015)Nur fünf Euro für einige Gedichte Walter Mehrings. Das ist das Angebot der Reihe „Poesiealbum“ an Leser, die sich für Lyrik interessieren. Den Umschlag schmückt eine Farblithografie von Conrad Felixmüller mit dem Titel „Kohlenbergarbeiter“ (1920). In der Mitte wird der 36 Seiten dünne Band mit einem Holzschnitt („Holzlesen – Berlin“ von 1948) ergänzt.

Alex Dreppec hat 27 Gedichte Mehrings ausgewählt, die einen guten einstieg in das lyrische Werk Mehrings bieten. Dabei konzentriert er sich glücklicherweise nicht auf die bekannten Kabarett-Chansons, wobei die wichtigsten berücksichtigt sind. Die Auswahl ist vielmehr darauf ausgerichtet die lyrische Vielfalt von Mehrings Ausdruckskraft aufzeigen. Vor allem die beiden kleinen Texte „Die Deutsche Dichterakademie“ und „Die Psychoanalytiker“ macht das deutlich. Die Gesamtauswahl zeigt aber auch ganz klar, wie sich Mehrings Schaffen immer mit der äußeren Welt beschäftigt und nicht wie bei vielen anderen Lyrikern mit dem eigenen Inneren. Das wird allenfalls in der politischen Realität gespiegelt.

Das „Poesiealbum“ ist eine schöne Reihe, die immer Grafik mit dem Lyrik kombiniert. In diesem Fall allerdings ist dies nicht so geglückt. Kohlearbeiter sind keine Bezugsgröße für Mehring. Gerade in den 1920er-Jahren war dies vielmehr die Großstadt mit ihren Bürgern und Fabrikarbeitern. Und die Grafik von den Holzsammlern im zerstörten Nachkriegs-Berlin haben auch keinen direkten Bezug zu Leben und Texten. Aber vielleicht ist dies ein zu strenger Blick. Immerhin stehen die Arbeiten Felixmüllers in einem zeitlichen Verhältnis zu Walter Mehring.

Sven j. Olsson dokumentiert sein aktuelles Mehring-Projekt

Den Roman „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“ hat Sven j. Olsson schon in eine Bühnenfassung gebracht. Jetzt arbeitet der Hamburger Autor und Dramaturg an einem neuen Walter-Mehring-Projekt. Er will „Die verlorene Bibliothek“ auf die Bühne bringen. Angesichts eines Textes, der sich vor allem mit der Gedankenwelt Mehrings und seinem kulturellen Fundament auseinandersetzt, ist dies ein spannendes Projekt.

Sven j. Olsson will mit seinem Arbeitsjournal sicherlich auch in den Dialog mit den Lesern seines Blogs eintreten. Auch um dies zu befördern, ist ab sofort in der rechten Navigation dieser Seite der rss-Feed des Arbeitsjournals von Olsson eingebunden. Die Leser dieser Seite können dann mit einem Klick auf die von Olsson gelangen. Die URL der Seite lautet: http://www.merin.de

Schon die ersten Beiträge zeigen, dass sich der Autor nicht nur mit Walter Mehring auseinadersetzt. Vielmehr stellt er auch potenzielle Szenen seines entstehenden Stücks online. Ein spannender Blick in die Werkstatt also, der regelmäßig erneuert werden sollte.

Mehrings Gedichte neu zu haben: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehreGut 35 Jahre nach der Sammlung der Gedichte Walter Mehrings in der Werkausgabe ist jetzt eine neue Zusammenstellung der wohl wichtigsten lyrischen Texte neu erschienen. Martin Dreyfus hat die Auswahl im Zürcher Elster-Verlag übernommen und ein sehr knappes Nachwort zur Einordnung verfasst. „Dass diese Zeit uns wieder singen lehre“ heißt der 208 Seiten starke Band.

Martin Dreyfus hat aus den 684 Seiten der Werkausgabe seine Auswahl auf 200 Seiten reduziert. Auf einen umfangreichen Anhang zur Erklärung von Bezügen aus der Entstehungszeit der Gedichte verzichtet er komplett. In der Werkausgabe waren das zusätzliche gut 150 Seiten inklusive der beiden Nachwörter von Christoph Buchwald. Der Leser bekommt in der neuen Auswahl also ein Lyrik-Konzentrat Mehrings. Und er muss die Texte für sich wirken lassen. Wissen rund um sie vermittelt die Auswahl nicht. Umso erstaunlicher ist die Wirkung. Manche Gedichte sind in ihrer Form nur aus der Zeit zu verstehen. Die meisten wirken aber noch immer erstaunlich modern und zeitgemäß.

Das liegt vor allem an der Sprache Walter Mehrings. Sie ist fast nie antiquiert. Natürlich sind die Themen historisch, wenn es um den Aufstieg der Nationalsozialisten oder die eigene Exil-Erfahrung geht. Aber selbst diese ist angesichts der weltweiten Fluchtbewegungen, die bis nach Europa schwappen mehr als zeitgemäß. Die menschlichen erfahrungen, die Ängste, die Verluste, die enttäuschten Hoffnungen, die etwa in den „12 Briefen aus der Mitternacht“ so eindringlich geschildert werden, sind deutlich mehr als ein historisches Dokument in Versform. Sie berühren noch immer. Und das eben auch, weil wir keine Tagesschau sehen können, ohne mit den Ursachen und dem Erleben von Flucht und Vertreibung konfrontiert zu werden.

Martin Dreyfuß sortiert de Gedichte chronologisch nach ihrem Erscheinen. Aus allen Lyrik-Bänden Mehrings wählt er aus – und aus den späten Texten ebenso. Es fehlen viele frühe Gedichte. Doch das wird damit erklärt, dass es bald einen weiteren Band mit Texten Mehrings im Elster-Verlag geben soll. In ihm werden dann auch expressionistische und DADA-Gedichte erscheinen.  Leider übernimmt er gerade bei den Briefen aus der Mitternacht nur den Titel des Bandes, in dem sie zuerst erschienen. Sie selbst werden weder im Inhaltsverzeichnis noch im band selbst als solche benannt.

Dennoch ist die Auswahl überzeugend. Und sie ist ein großer Verdienst. Schließlich waren die Gedichte Mehrings nur noch im Antiquqriat erhältlich. Dass der Verlag das Wagnis eingeht, Lyrik zu veröffentlichen, ehrt ihn. Lediglich das Nachwort von Martin Dreyfuß hätte gern etwas ausführlicher sein können. Schließlich richtet sich das Band auch an eine Generation, die erst zu Welt kam, als Walter Mehring 1981 mit 85 Jahren starb. Sie kennen ihn kaum und hätten sich bestimmt über die eine oder andere zusätzliche Info sehr gefreut.

Walter Mehring im Elster-Verlag:
Die verlorene Bibliothek
Dass diese Zeit uns wieder singen lehre – Gedichte Lieder und Chansons