Für Frieder von Ammon ist Walter Mehring der erste deutsche Song-Texter

Ein Song für den Gong

Wie kam der Begriff des Songs in die deutsche Kultur? Der Mann im Mond spielte eine zentrale Rolle dabei – und leider auch ein rassistisches Machwerk, zu dem der Reimvirtuose Walter Mehring 1920 einen gewitzten Gegengesang anstimmte.

Porträt von Helmut HahnAuf die Frage, wer den ersten Songtext in deutscher Sprache geschrieben habe, würden die meisten Menschen wohl ohne zu zögern antworten: Bertolt Brecht. Doch er stammt nicht von ihm, sondern von einem heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Schriftsteller der Weimarer Republik, der für die Literatur dieser Epoche gleichwohl eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat: Die Rede ist von Walter Mehring, einem der faszinierendsten Autoren der zwanziger Jahre. In diesem Jahrzehnt war er, zumal in Berlin, sehr erfolgreich: Einige seiner Gedichte, darunter „Heimat Berlin“ und „Hoppla! Wir leben!“, waren damals in aller Munde, und mit seinem Stück „Der Kaufmann von Berlin“ löste er im Jahr 1929 einen der größten Theaterskandale der Weimarer Republik aus. Kein Wunder, dass aufstrebende jüngere Autoren sich an ihm orientierten: Der junge Brecht etwa ist bei Mehring in die Schule gegangen. „Für Frieder von Ammon ist Walter Mehring der erste deutsche Song-Texter“ weiterlesen

Die wunderbaren Mehring-Interpretationen von Gisela May

Gisela May: Hoppla, wir lebenMehr als die Hälfte des Programms sind Lieder Walter Mehrings. Nicht umsonst hatte Gisela May das Chanson-Programm „Hoppla, wir leben“ genannt. Im Januar 1974 wurden zwei Aufführungen in der Ost-Berliner „Distel“ mitgeschnitten und schließlich auch als Schallplatte veröffentlicht. Diese ist mehr als ein Zeitdokument. Sie ist auch mehr als 40 Jahre später noch frisch. Wer erleben will, dass die Texte Walter Mehrings für die Musik gemacht sind, wird sie immer wieder auflegen. „Die wunderbaren Mehring-Interpretationen von Gisela May“ weiterlesen

PEM: WALTER MEHRING MACHT EIN GEDICHT AUF MICH

Roland von Berlin

WALTER MEHRING MACHT EIN GEDICHT AUF MICH

Roland von BerlinNichts ist schwerer, als einen Artikel über sich selbst zu schreiben; aber in diesem Falle lohnt es sich. Wenn ich es nämlich nicht tue, so geht ein Gedicht verloren, das zu den  literarischen Kuriositäten gehört, denn in noch so „gesammelte Werke“ paßt es nicht hinein. Und es hat den besten Berliner Chansonnier zum Verfasser — Walter Mehring.
Das muß kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein, als wir uns trafen. Ich hatte schon reimlose Verse von Mehring in der „Aktion“ und in Mynonas „Der Einzige“ gelesen, und wie aktuell waren diese Gedichte:

 

____„Schon revoltieren die ersten amerikanischen Lebensmmittel
____im Magen der Kapitalisten.
____Berlin --
____Dein Tänzer ist der Tod.“

Dann gab es da eine illustrierte Zeitschrift „Bühne und Film“, in der Mehring zu schreiben begann. Einmal sandte man ihn zu einem Boxkampf, und er nahm sich, einen Zeichner mit, der seinen Artikel bebildern sollte. Der Chef warf ihn fristlos mit der Begründung hinaus:
„Wir brauchen keine Kinderzeichnungen“, und dieser Künstler war doch George Groß (sic!) gewesen. Ein paar Jahre später hörten wir Mehrings Chansons im „Schall und Rauch“; Gussy Holl und Paule Grätz waren seine Interpreten; und Spolianski, Holländer und Allen Grey seine Musikanten. Schließlich entdeckten ihn Maximilian Harden in der „Zukunft“ und Kurt Tucholsky in der „Weltbühne“ für eine größere Öffentlichkeit. Man stelle sich vor: Tucholsky, der selbst Chansons schrieb, entdeckte sich einen Konkurrenten…

Mehring schrieb viele, viele unvergeßliche Gedichte, die ich heute noch auswendig kann. „In Hamburg an der Elbe, gleich hinter dem Ozean …“ für Lambertz-Paulsen, und „In diesem Hotel der Erde, ist die Kreme der Gesellschaft zu Gast …“ für Kate Kühl.

Und nun also sitzt Walter Mehring in New York, und ich halte ein Gedicht in den Händen, das nirgends erschienen ist, weil es sehr privat ist. Wir sahen uns viel in Wien, wo wir im Exil lebten. Und zu einem meiner vielen Geburtstage brachte er mir ein Gedicht — und zur Erklärung habe ich nur zu sagen, daß ich in dem Ruf stehe, ein gutes Gedächtnis zu haben. Hier ist es, damit es nicht verlorengeht:

Unserem Eckermann Pem

Eviva Heil. Und Juden raus.
Noch ein Protest -- dann ist es aus.
__Dann wird es alles aufnotiert
__in Leder -- mehrfach illustriert.

Adolf. Benito ... Wer war noch?
Ein großes Loch. Ein großes Loch.
__Wer war's, der in dasselbe kroch?
__Wen hat die Garbo einst umgarnt?
__Wer hat die Kohns beim Film getarnt? 

Wer wèiß, wie wirklich Bronnen hieß?
Wo stand der Stammtisch der Genies?
__Wer lebte im Exil? - Wovon?
__Ein Sternlein steht im Lexikon.

Als Quelle: Unter anderem
Besiehe PEM - Besiehe PEM.
Wann rückte Kerr aus - in den Krieg?
Wann war die deutsche Republik?
__Wann lebte Goebbels' Großmama?
__Wer siegte wann bei Adua?

Wer hat Teutschlands Geschick gelenkt?
Von wann bis wo? Geschenkt. Geschenkt.
__Doch wer hat ddauernd umgeschwenkt?
__Olympisch sich mit Ruhm bekleckt
__und ständig über's Ziel geleckt?

Wer hat sich gleichgeschaltet -- und
quatschte heroisch aus'm Mund?
__Wie lebt der Emigrant... wovon?
__Das steht dann nie im Lexikon...

Er lebt aus Dawke und Bestemm
Besiehe Pem - Besiehe Pem.

Mehring hat es 1936 in Wien geschrieben, und was für ein Prophet er war
____________________________________________________PEM (LONDON)

(PEM: Walter Mehring macht ein Gedicht auf mich; in: Roland von Berlin, Heft 39/1948 vom 26. September 1948; S. 22 f.; PEM ist das Pseudonym von Paul Marcus.)

Gedichtfragment aus dem Nachlaß – von Walter Mehring

Alle Verbrechen;
ausnahmslos alle Laster,
__________________ja, sogar die Freien Künste
ließen sich,
________in ein
monotheistisches / monarchistisches / sowjetisches
________Einheitssystem
_______________untergebracht,
mit anderen, umgekehrten Vorzeichen (Paragraphen)
________allgemeinnützlich
_______________auswerten
(wie in der Musik, durch
________ein # oder b
beliebig
________erhöhen oder erniedrigen) . . .
die Lektüre irgend einer Tageszeitung,
________(ganz gleich auf
_______________welche Gesinnung
___________________man abonniert ist)
der Gesellschafts-Skandal- und Kriminalchronik –
__welch sinnlos-unsinnliche
________Vergeudung
_______________animalischer,
___________________vitaler Geschlechtstriebkräfte,
__welch unnötiger
____________Unkosten-Aufwand
da vertan wird,
______um erotoman veranlagte (talentierte)
Lustmörder
__zu isolieren, statt ihr
____Sperma
______zur Daıwinistischen Zuchtwahl
____zur „Reinkultur einer Herrenrasse“
____________(Dr. Joseph Goebbels)
______zur „inneren Züchtigung“ (Gottfried Benn)
________zu konservieren,
__________statt CS
____________an ein
______________sexualnotleidendes
________________Proletariat
__________________(zu verhökern)

(Gedichtfragment aus dem Nachlaß; in: Die Horen, Ausgabe 125, Bd. 1/27. Jg. vom Frühjahr 1982; S. 24)

Walter Mehring ganz neu in der Reihe Poesiealbum

Poesiealbum (2015)

Poesiealbum (2015)Nur fünf Euro für einige Gedichte Walter Mehrings. Das ist das Angebot der Reihe „Poesiealbum“ an Leser, die sich für Lyrik interessieren. Den Umschlag schmückt eine Farblithografie von Conrad Felixmüller mit dem Titel „Kohlenbergarbeiter“ (1920). In der Mitte wird der 36 Seiten dünne Band mit einem Holzschnitt („Holzlesen – Berlin“ von 1948) ergänzt.

Alex Dreppec hat 27 Gedichte Mehrings ausgewählt, die einen guten einstieg in das lyrische Werk Mehrings bieten. Dabei konzentriert er sich glücklicherweise nicht auf die bekannten Kabarett-Chansons, wobei die wichtigsten berücksichtigt sind. Die Auswahl ist vielmehr darauf ausgerichtet die lyrische Vielfalt von Mehrings Ausdruckskraft aufzeigen. Vor allem die beiden kleinen Texte „Die Deutsche Dichterakademie“ und „Die Psychoanalytiker“ macht das deutlich. Die Gesamtauswahl zeigt aber auch ganz klar, wie sich Mehrings Schaffen immer mit der äußeren Welt beschäftigt und nicht wie bei vielen anderen Lyrikern mit dem eigenen Inneren. Das wird allenfalls in der politischen Realität gespiegelt.

Das „Poesiealbum“ ist eine schöne Reihe, die immer Grafik mit dem Lyrik kombiniert. In diesem Fall allerdings ist dies nicht so geglückt. Kohlearbeiter sind keine Bezugsgröße für Mehring. Gerade in den 1920er-Jahren war dies vielmehr die Großstadt mit ihren Bürgern und Fabrikarbeitern. Und die Grafik von den Holzsammlern im zerstörten Nachkriegs-Berlin haben auch keinen direkten Bezug zu Leben und Texten. Aber vielleicht ist dies ein zu strenger Blick. Immerhin stehen die Arbeiten Felixmüllers in einem zeitlichen Verhältnis zu Walter Mehring.

Otto Zarek lobt „Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“

Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring (1929)

Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring

Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring (1929)Wir nehmen jeden der spärlich gebenen Bände Lyrik zögernd und zitternd zur Hand; zögernd, weil wir der Gegenwart nicht zutrauen, daß sie Lyrik zu gestalten erlaube; zitternd, weil wir, nach allzuvielen Enttäuschungen, auf den Klang der Poesie, auf strömenden Melos, auf reiche und reine Gestaltung warten. Uns interessiert nicht „Zeitlyrik“, wenn sie nichts ist, als der krampfhafte Versuch, mit aktuellen Requisiten die überlebten Formen und die vergangene Mentalität und Sentimentalität aufzufrischen. Das Kriterium der „Zeit-Nähe“, allzu sehr mißbraucht für die Beurteilung dramatischer und epischer Dichtung, besagt nichts für den Wert lyrischer Poesie. Etwas anderes aber – wir verwechseln es gern ¬ ist geeignet, schöpferische Dichtung zu indizieren: nicht Organ haben für die Zufälligkeiten aktueller Erscheinungen, sondern: einen Standpunkt haben . ..  der Zeit, der Welt, dem eigenen Ich gegenüber. Der lyrische Dichter ist der isolierteste,  der einsamste Mensch. Er reproduziert nicht die Objektwelt und legitimiert sich nicht durch adäquates Dokumentieren. Er saugt alles, Gefühle und Dinge, nach innen und faßt tausend Wirklichkeiten der Seele und der Sinne in einen Vers …

Dieses filtrierende, Verdichtende Gestalten kann sehr Wohl die aktuellste Gegenwart einbeziehen – ohne daß deshalb der Gestalter verdächtigt werden dürfe, „zeitnah“ zu sein. Das lehrte das Werk Gottfried Benns. Das beweist erneut die Poesie des Walter Mehring. Denn, was er unter dem Warenzeichen „Chansons“ ediert, ist echte reine Lyrik. –

Dieses ,,Einen-Standpunkt-haben“ definiert am klarsten seine Poesie, wenn sie von Gegenständen des Tages ausgeht, das Zeitgeschehen, das Geschichtliche, das Politische erfassend. Mehring scheut sich nicht, in den „Streitliedern“ die unmittelbarste Wirklichkeit anzupacken – aber er prägt sie um, mißt sie an seinen Maßen, entlarvt sie, indem er das bessere, edlere Gesicht, das wahre Menschenantlitz aufweist. Im „Börsenlied“, in „Hoppla, wir leben“ faßt er das anarchisch Grauenhafte des Stoflfs in die gebändigte Melodie seiner bezwingenden Strophe – und schon ist das Gegenständliche geadelt, zur Dichtung erhöht.

Der wahre Gehalt seiner Poesie offenbart sich aber, wenn er über die Wirklichkeitsgrenzen hinaustritt, gleichsam ins All, Wenn er seine persönliche Weltsicht auszudeuten wagt. Dann schwingen die Melancholien dieser zartesten, ernpfindsamsten Seele sich aus; dann wird seine tiefmenschliche Vereinsamung – Welche die Einsamkeit jedes Dichters ist ~ der Seelengrund, auf dem allein das wahrhaft Schöpferische keimt. Wir erleben es in den „Romanzen“ ~ in dieser wundersamen Poesie der „kleinen Stadt“, die zu den schönsten Gedichten gehört, die seit Heine geschrieben wurden.

Otto Zarek

(Zarek, Otto: Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring; in: Die neue Rundschau, Nr. 9, 1929; S. 432)

„Die Neue Weltbühne“ lobt „Und Euch zum Trotz“

Chansons zum Trotz

Und Euch zum Trotz
Und Euch zum Trotz

Vergriffen. Bescblagnahmt. Verboten. Verbrannt. Diese vier Worte kennzeichnen das Schicksal der Lieder, Gedichte und Balladen Walter Mehrings. Es ist deshalb zu begrüssen, dass der Verlag des Europäischen Merkur in Paris mit der vorliegenden Auslese aus dem Mehringschen Schaffen den „guten Liedern eines bösen Spotts“ die Möglichkeit gewährt, sich den fascistischen Gewalten zum Trotz zu erhalten.

Mehring verabscheut das Regime, das zum Krieg treibt, auf Exerzierplätzen seinen Volksgenossen das Denken ausdrillt und Millionen Menschen mit dem Rassenquark das gesellschaftliche Empfinden verdirbt. Mehring richtet seine wirkungsvollen Spottgeschütze auf die teutonischen Phänomene, legt aber nicht die klassenmässigen Wurzeln dieser Erscheinungen frei. Mehring ist gewiss Antifascist, aber nur im weiteren Sinn des Wortes, da ihm die festumrissene politische Position fehlt. Hierin unterscheidet er sich wesentlich von Bert Brecht, der sich als Weggenosse des Proletariats in seiner politischen Lyrik zu einer bemerkenswerten weltanschaulichen Klarheit und gesellschaftlichen Einsicht entwickelt hat und dank dem erreichten ideologischen
Reifegrad mit seinen Versen tiefere politische Wirkungen erzielt. Aber der bessere Musikant ist doch wohl Walter Mehring. Die Sicherheit seines Sprachgefühls, die Originalität seiner Rhythmen und Bilder und eine starke Erlebnisfähigkeit bewahren ihn vor der Gefahr des Nachempfindens, der bewussten oder unbewussten Entlehnung.

Mehring ist ein rebellischer Bohemien, der fast triebhaft und mit einer gelegentlich ins Morbide fiebernden Feinnervigkeit auf die Stimmung des politischen Augenblicks reagiert. Mitunter vernachlässigt er die Pflege der geistigen Substanz und schwelgt stattdessen in den Reizen der Farbe, des Klanges und der Atmosphäre. Um einen Eindruck von der schöpferischen Eigenart des Dichters zu vermitteln, seien die nachfolgenden Strophen zweier politischer Gedichte zitiert, die zu den stärksten des Buches „Und Euch zum Trotz“ gehören. Der Titel des ersten Gedichtes lautet: „Ein Leichenwagen fährt vorüber“ (1931).

Durch die tagelose Früh
Hüpft der Sarg in leisem Spotte
Weise nickt der Gaul im Trotte:
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Schaust Du, Kutscher, ob die Fuhre
Heimlich von der Karre stieg?
Reckt sich eine Hand zum Schwure?
Keine Not!
Tot ist tot
…………….Du Deutsche Republik!

Träne rinne! Regen sprüh!
Ringelreihen tanzt die flotte
Opportune Würmerrotte
Hotte, hotte, hotte, hotte.
Hotte, hotte,
Hotte hüh!
Würmer nur, nicht Barrikaden
Feiern heute ihren Sieg.
Nicht Proleten – fette Maden
Halten Schmaus
Aus ist aus
……………..Du Deutsche Republik!

Dem „Arier-Zoo“ ist die folgende Strophe entnommen, in der Mehring in herzerfrischender Weise die beizende Lauge seines überlegenen Spottes über den Rassenfanatismus und die chauvinistisch aufgepulverte deutsche Spiesserseele im Dritten Reich ausschüttet:

Deutsches Tier – Gewürm – Geziefer
Stosst den Fremdling aus dem Pelz.
Wetzt den Stachel – bleckt den Kiefer,
Dass nicht mehr ein schiecher, schiefer
Jud in deutschem Schlamm sich wälzt!
Hämmert in den erznen Sockel:
Deutsches Rindvieh – deutsche Treu
Rache dem Franzosengockel
Russenbären – Britenleu!
Herr! Von fremder Viecherei:
Säbelbeinig – überseeisch
Krummgeschnäbelt und hebräisch, mach
Das dritte Tierreich frei!

Widerspruch aber wird Mehrings, „Emigrantenchoral“ bei all jenen geflüchteten Deutschen finden, deren geistige Lebensgrundlage in der Fremde die mit gutem Grund bewusst gepflegte Verbundenheit mit der Heimat ist. Die nicht Deutschland verlassen haben, um, wie es ihnen der Mehringsche Zuruf einschärft, jenseits der Grenzen zu Haus zu sein, sich dort ein Nest zu bauen und schliesslich das zu vergessen, was man ihnen aberkannt und gestohlen hat. Sondern die in kämpferischer Absicht das Unrecht in Erinnerung behalten, das man ihnen zugefügt hat, und die die Scheusslichkeiten weder vergessen wollen noch können, die ein barbarisches Regime verübt.

Die politische Entwicklung Mehrings ist gewiss noch nicht abgeschlossen. Der katastrophenumwitterte geschichtliche Prozess und die schon gewonnene nahe Beziehung des Autors zum Proletariat, die in einigen Versen überzeugend zum Ausdruck kommt,
werden ihn zu Erkenntnissen verpflichten, die seiner künftigen politischen Lyrik gewiss nicht zum Schaden gereichen dürften. Im Gegenteil: sie werden seiner politischen Lyrik jenen wirkungsmässigen Tiefgang, jene Reichweite, jene Wesentlichkeit und jene Klarheit ermöglichen, die im Sinne eines Kampfes gegen die fascistischen Mächte notwendig sind.

(Türk, Werner: Chansons zum Trotz; in: Die Neue Weltbühne Nr. 43/30. Jg. vom 25. Oktober 1934; S. 1355ff)

Ernst Richter feiert Walter Mehrings Debüt

Berlin 1920

Unheimlich wuchtet dieses steinerne Meer in die rote Zeit. Schwingend in Tönen, flutend in elektrischen Farben, berstend von Geräuschen, ah eine dämonische Kulisse, schräg gegen den fahlen Horizont gestellt, in dem ein blauer Mond besoffen taumelt. Harfend der Dichter, auf Stahlsaiten, aufsteigend, Brennendes in sich fressend, Geräusche verschluckend, fürwahr ein Nachtwandler, ein grimmassierender Liebhaber.

Berlin – O magisches Zauberbecken, aus dem Wälder auftauchen, Banken, Bahnhöfe. Paläste, Flüsse, Hochbahnen, Automobile, Luftschiffe, Cadeten, und Bankdirektoren, Proleten, Pfaffen, Spaziergänger, Schauspieler und lachende Mädclıen. O Buntheit des einzigen Augenaufschlags, der das Blut in einem Rhythmus rinnen läßt, in einem neuen frechen Walzer . . .  hörst Du? Schieber, Blut, Strolche, schüttelnde Feldgraue, Hasardeure in allen Farben . . . O, schon steigt der Päan aus Schmutz und Rhythmus, schon steigt er in die Sterne, die großen, betrunkenen, streikfreien Sterne der Weltmetropole, der geeinigten Kommune Groß-Berlin!

Auf dem Bauschutt zerbrochener, zertrümmerter Luftschlösser verbeugt sich der junge Cutaway mit dem spitzen Kopf, der von innerem Aufruhr geschüttelt Coupletverse herausschmettert, wie ein Hahn trompetet, der Wortfetzen von sich schleudert wie ein fanatischer Schwindsüchtiger den letzten Lungenrest – meine Damen und Herren in diesem stilvoll gewobenen Rahmen erlaube ich mir den jungen Diclıter Walther Mehring zu präsentieren, der eine besondere Gattung des politischen Couplets neu belebt, gelvanisiert, schicklich appretiert. Diese Couplets fassen mit spitzen etwas verdorbenen Fingern den kleinen Schaumrest von dem Weltmeer ab, der Berlin sich benennt, pusten ihn auf, größer, magischer, verwester spiegelnd, ein Embryo, riesenhafter Ballon, eine Nachtvisioıı mit Schatten, Gespenstern, spiegelnden Erlebnissen – und davon lebt das nun, dieser junge Dichter. Eine chemische Reinigung seines Vorbestellungsbestandes würde ergeben, daß er Mietherr im Kaschemmenviertel ist – aber das lassen wir wohl bleiben, das wollen wir wohl nicht: wir wollen die Romantik der allerrealsten Ereignisse, wir wollen den Dreck und das Brecheisen, das Polizeipräsidium und – natürlich – das Gleisdreieck.

Parbleu, dieses Berlin ist eine ganz neue Erfindung, letzte Neuheit nach dem letzten Streik, vornehmster neuzeitlicher Dessin, in einer halbseidenen Schieberdestille verstohlen herumgereicht. Das ist unser Berlin, in dem wir den Bolschewismus bekämpfen, mit roten Fahnen immer an die Wand lang für die Weltrevolution demonstrieren, Kinos besuchen, das schlankste Füßchen und die dickste Taille prämiieren – o Du herrliche Stadt mit der Sicherheitspolizei, Nachtlokalaushebungen, Schönheitstänzen und es lebe das natura Ballett! Das Alles, meine Damen und Herren, finden Sie bei Waltlıer Mehring. Nur, verstehen wir uns recht, nicht den Worten und Begriffen nach – das bringt die erste beste Lokalzeitung besser: 0 nein, keineswegs, vielmehr als Vorstellung ungewissester und doch präzisester Art, als schaukelnder Klangfetzen, zerbrochener Rhythmus, eckiger Schrei, als nachgeschleudertes Wort, als Vokalkette, als Konsonantencascade – lesen Sie sich das laut vor, meine Herrschaften, es ist einfach der gute Ton, über das Berlin von 1910 unterrichtet zu sein.

Wirkliclı: mein ganzes literarisches Milieu stimmt mich zur Seelenmanicure: hüten Sie sich vor der Rückständigkeit. Dadaistische Ausstellungen besuchen, ein bischen in expressionistische Filme gehen, der Consum des Großen Schauspielhauses, die Lektüre der Roten Fahne – gewiß, das ist alles schon sehr schön, aber fördert wirklich nicht
llıren seelischen Stoffwechsel wie es die Hygiene verlangt. Tun Sie etwas für Ihr darbendes Gehirn. Füttern Sie es mit Melıring. Sie werden begeistert sein von einer neuartigen, entscheidenden Reinigung der Gehirnbahnen. Sie werden den Kurfürstendamm und die lnvalidenstraße, Altmoabit und Bahnhof Alexanderplatz mit neueroberten seelischen Kräften erleben, die Sie selbst überraschen. Was ist Kola-Dultz, was ist Yohimbim dagegen! Versuchen Sie es! Vollziehen Sie Ihre innere Revolution! Man weiß ja nicht, was mit Berlin passiert! Man muß fest auf seinen Beinen stehen, muß auf Alles gefaßt sein, was ein sozialistischer Magistrat in die Welt befördert, muß nicht erschreckt sein, wenn der Magistrat morgen mit schwarzweißroten Fähnchen durch die Friedrichstraße zieht. Verschaffen Sie sich unter allen Umständen einen archimedischen Punkt, einen topographisch sicheren Standort in der geistigen Siedlungsfläche Großberlins. Eine
ernste Lektüre der Mehringschen Couplets bewerte ich wie sieben halbtiefe Kniebeugen. Gehen Sie an die Arbeit.

(Richter, Ernst: Berlin 1920; in: Schall und Rauch, 1. Jg/Nr. 2 vom Oktober 1920; S. 1 f.
Diese Rezension ist einer der ersten Texte, der über ein Buch Walter Mehrings erschienen ist. )

Mehrings Gedichte neu zu haben: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehre

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehreGut 35 Jahre nach der Sammlung der Gedichte Walter Mehrings in der Werkausgabe ist jetzt eine neue Zusammenstellung der wohl wichtigsten lyrischen Texte neu erschienen. Martin Dreyfus hat die Auswahl im Zürcher Elster-Verlag übernommen und ein sehr knappes Nachwort zur Einordnung verfasst. „Dass diese Zeit uns wieder singen lehre“ heißt der 208 Seiten starke Band.

Martin Dreyfus hat aus den 684 Seiten der Werkausgabe seine Auswahl auf 200 Seiten reduziert. Auf einen umfangreichen Anhang zur Erklärung von Bezügen aus der Entstehungszeit der Gedichte verzichtet er komplett. In der Werkausgabe waren das zusätzliche gut 150 Seiten inklusive der beiden Nachwörter von Christoph Buchwald. Der Leser bekommt in der neuen Auswahl also ein Lyrik-Konzentrat Mehrings. Und er muss die Texte für sich wirken lassen. Wissen rund um sie vermittelt die Auswahl nicht. Umso erstaunlicher ist die Wirkung. Manche Gedichte sind in ihrer Form nur aus der Zeit zu verstehen. Die meisten wirken aber noch immer erstaunlich modern und zeitgemäß.

Das liegt vor allem an der Sprache Walter Mehrings. Sie ist fast nie antiquiert. Natürlich sind die Themen historisch, wenn es um den Aufstieg der Nationalsozialisten oder die eigene Exil-Erfahrung geht. Aber selbst diese ist angesichts der weltweiten Fluchtbewegungen, die bis nach Europa schwappen mehr als zeitgemäß. Die menschlichen erfahrungen, die Ängste, die Verluste, die enttäuschten Hoffnungen, die etwa in den „12 Briefen aus der Mitternacht“ so eindringlich geschildert werden, sind deutlich mehr als ein historisches Dokument in Versform. Sie berühren noch immer. Und das eben auch, weil wir keine Tagesschau sehen können, ohne mit den Ursachen und dem Erleben von Flucht und Vertreibung konfrontiert zu werden.

Martin Dreyfuß sortiert de Gedichte chronologisch nach ihrem Erscheinen. Aus allen Lyrik-Bänden Mehrings wählt er aus – und aus den späten Texten ebenso. Es fehlen viele frühe Gedichte. Doch das wird damit erklärt, dass es bald einen weiteren Band mit Texten Mehrings im Elster-Verlag geben soll. In ihm werden dann auch expressionistische und DADA-Gedichte erscheinen.  Leider übernimmt er gerade bei den Briefen aus der Mitternacht nur den Titel des Bandes, in dem sie zuerst erschienen. Sie selbst werden weder im Inhaltsverzeichnis noch im band selbst als solche benannt.

Dennoch ist die Auswahl überzeugend. Und sie ist ein großer Verdienst. Schließlich waren die Gedichte Mehrings nur noch im Antiquqriat erhältlich. Dass der Verlag das Wagnis eingeht, Lyrik zu veröffentlichen, ehrt ihn. Lediglich das Nachwort von Martin Dreyfuß hätte gern etwas ausführlicher sein können. Schließlich richtet sich das Band auch an eine Generation, die erst zu Welt kam, als Walter Mehring 1981 mit 85 Jahren starb. Sie kennen ihn kaum und hätten sich bestimmt über die eine oder andere zusätzliche Info sehr gefreut.

Walter Mehring im Elster-Verlag:
Die verlorene Bibliothek
Dass diese Zeit uns wieder singen lehre – Gedichte Lieder und Chansons

Robert Neumann parodiert den Seemanns-Choral

Choral für Sehleute
Nach
WALTE R M E H RI NG

Robert Neumann: Unter falscher Flagge
Wir haben die ganze Welt bereist
Von Ullstein bis Reichskanzlerplatz.
Wir haben mit Schmeling und Einstein gespeist,
Mit Alsberg und sogar mit Rudolf Stratz.
Uns trieb man nicht aus mit Schwert und Gas,
Vor uns stand man immer noch stramm.
Wir tranken Sekt aus dem Mundwasserglas
Und pumpten das Geld für die Tram.
Wir waren niemals allein,
Wir schlafen mit mindestens drein
Gespenstern aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen.

Wir haben den obersten Richtersitz
Und halten fest zusamm.
Wir fielen von Breslau und Czernowitz
Direkt auf den Kurfürstendamm.
Wir machen die deutsche Literatur,
Schweigen tot, polieren auf Glanz.
Gleich den Kaulquappen bestehen wir nur
Rumpf los aus Kopf und Schwanz.
Ob Jude oder Christ –
Es stäubt derselbe Mist
Gespenstísch aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen!

(Robert Neumann: Unter falscher Flagge – Parodien; Berlin – Wien – Leipzig: Paul Zsolnay Berlag 1932; S. 161.)