Monique Boussart untersucht das Thema Krieg in Walter Mehrings Lyrik

Die zwei Weltkriege in Walter Mehrings Lyrik – Vom avantgardistischen Cabaret zur Elegie von Monique Boussart

Der Name des lange verkannten Satirikers Walter Mehring (1896-1981) ist heute noch vor allem mit der Kabarettszene der zwanziger Jahre verbunden1. « Der Bänkelsänger von Berlin », « der schnoddrige Spötter », wie er häufig genannt wurde, bleibt auf die Evokation des hektischen Großstadttempos, auf die Verhöhnung der Weimarer Republik und des Bourgeois festgelegt. Damit werden die düstereren Aspekte und die stilistische Vielfalt seiner Dichtung völlig übersehen.

Bei der Untersuchung von Mehrings umfangreichem lyrischem Schaffen fällt auf, dass die Kriegsthematik eigentlich das ganze Werk durch­zieht, von den Anfängen im Rahmen des Sturm-Kreises bis zu den traditionelleren, im Exil entstandenen Gedichten. Wie Brecht, mit dem ihn so viel inhaltlich wie formal verbindet, hat der jüdische Schriftsteller zwei Weltkriege durchlebt, den ersten schon als Achtzehnjähriger in Deutschland, den zweiten in der Emigration. Inwieweit der Wandel der politischen Lage und der Lebensverhältnisse seinen Niederschlag findet in der literarischen Vermittlung des Krieges, werden wir im Folgenden aufzuzeigen versuchen.

Der Erste Weltkrieg scheint für Mehring wie für so viele Künstler seiner Generation ein Trauma gewesen zu sein, das auch in späteren Jahren tiefe Spuren hinterlassen hat. Kein Wunder : Mehring wurde als Zwanzigjähriger 1916 zum Heeresdienst einberufen ; noch im selben Jahr trat er der Antikriegs-Liga des Harry Grafen Kessler bei, somit bekundete er eine antimilitaristische Position, die er später, um 1930, bestätigte, als er sich der « Gruppe revolutionärer Pazifisten » anschloss, zu der auch Toller und Tucholsky gehörten. Wegen « Unzuverlässigkeit » wurde er bald in die « Verdächtigenkompanie » Jüterbog und in die Munitionsfabriken Velten und Spandau eingewiesen.

Noch in den dreißiger Jahren werden die politischen Ereignisse immer wieder mit denen von 1914-18 in Zusammenhang gebracht ; die 1932 entstandene Höllische Komödie zum Beispiel gibt ein anschauliches Bild jener Zeit : Sie beschreibt ein Schlachtfeld mit seinen Granatlöchern und den zu Lehmklumpen gewordenen Soldaten, die sich um Gasmasken streiten. Später, im amerikanischen Exil, häufen sich beim Rückblick auf die Kriegsjahre vernichtende Ausdrücke ; Mehring beklagt vor allem die « Mobilmachung » des Geistes, da « alle Lehr-und Lesestätten in Vorschulen der Mordwissenschaft und in Lazarette transformiert, die Professoren zu Instruktionsfeldwebeln avanciert » seien, die die Jugendlichen « als akademisches Kanonenfutter an die Oberste Heeresleitung ablieferten »

(Auszug aus: Monique Boussart: Die zwei Weltkriege in Walter Mehrings Lyrik – Vom avantgardistischen Cabaret zur Elegie; in: Germanica Nr. 28 von 2001; S. 119 ff. )

Der Link zum gesamten Text: https://journals.openedition.org/germanica/2243?lang=de#article-224

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