Nachmittag und Abend des 11. März 1938 in Wien

Die letzten 24 Stunden in Wien waren für Walter Mehring sehr turbulent. Und wieder einmal sehr außergewöhnlich. Konnte er sich nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 durch seine Selbstverleugnung zum Bahnhof und von dort mit dem Zug nach Paris absetzen, so war er am 11. März 1938 in dirketer Nähe zu einem der wichtigsten Männer der österreichischen Nationalsozialisten, dem Innenminister, Zwei-Tage-Kanzler und dann Statthalter der Ostmark, Arthur Seys-Inquart. Nach der Begegnung im Café Herrenhof machte sich Walter Mehring auf den Weg in sein Zimmer im Hotel Fürstenhof am Westbahnhof. Dort wollte er seine Bibliothek zusammenpacken und sich auf die Flucht vorbereiten. Hertha Pauli und Carl Frucht sortierten in Paulis Wohnung die Manuskripte ihrer Literaturagentur.

Auf den Straßen Wiens sind überall Nazis, die in Österreich von 1933 bis in den Februar 1938 verboten waren. Da der Nationalsozialist Seys-Inquart Innenminister war, war die Polizei verunsichert. Sie sorgte nicht mehr für Sicherheit für jedermann. Wichtigstes Informationsmittel war in diesen Stunden das Radio. Den Rücktritt von Bundeskanzler Schuschnigg, der kein deutsches – und damit ist auch österreichisches – Blut vergießen will, erfahren sie über den Hörfunk. Und damit die Notwendigkeit schnell die Flucht vorzubereiten.  Hertha Pauli ruft deshalb sofortaus einer Telefonzelle im Fürstenhof an, um Mehring zu warnen. Und um ihn zu sich zu bitten.

In ihrer Erinnerungen schreibt sie: „Nach neun Uhr kam Mehring, weiß wie die Wand. Die tobenden Horden hatten sein Taxi am Gürtel aufgehalten. Der Chauffeur war durch Seitengassen entkommen, schimpfte auf die ‚Saubagasch‘ und vermittelte die neuesten Nachrichten: im ersten Bezirk sei kein Durchkommen mehr, im Bundeskanzleramt säße die SS, Schuschnigg sei verhaftet. Mehring stürzte ans Telephon. ‚Wen willst Du anrufen?‘ fragte ich. ‚Paris. Einen Freund am Quai d’Orsay.‘ Seine Finger umklammerten schon den Hörer. Die ganze Nacht suchte er von meinem Telephon aus Paris zu erreichen. Daß dies für uns gefährlich sein könnte, war uns nicht klar; wir begriffen bloß, daß die Verbindung nicht zustande kam. Mit fieberhafter Hast taten wir sinnlose Dinge, ohne daß es uns bewußt wurde. Vielleicht einfach deshalb, weil das Leben seinen Sinn verloren hatte. Carli rannte unentwegt mit dem Anti-Nazi-Material hinunter, Mehring telephonierte, ich räumte alte Sachen um. Gegen Mitternacht meldete das Radio: ‚Bundeskanzler Seyß-Inquart hat zur Wiederherstellung der Ordnung in Berlin um den Einmarsch deutscher Truppen ersucht…‘ (…) Mehring wagte sich nicht mehr in sein Hotel: im Morgengrauen ging Carli hin, um ihm die nötigsten Sachen zu holen. Er kam mit einem Köfferchen und der Meldung zurück, daß Mehring bereits um zwei Uhr früh von der Gestapo gesucht worden war. Gott sei Dank nicht bei mir…“

Walter Mehrings Erinnerung an diese dramatischen Stunden ist etwas anders. Während Hertha Pauli meint, dass sich Mehring nicht mehr ins Hotel wagte, berichtet er selbst von einem Telefonat mit Julo Formanek, dem Eigentümer des Fürstemhofs, bei dem er gewarnt wurde: „In zwei Telefon-Anfragen entschied sich mein und meiner Bücher Schicksal. Ein Kollege – Arnold Höllriegel -, den ich in der Panik anrief, rief zurück: ‚Wien verloren! Die tschechische Grenze gesperrt! Retten Sie sich!‘ Und mein Wirt, den ich anrief, antwortete: ‚Sie kommen besser nicht mehr heim! Sie haben Besuch gehabt und Ihre Bibliothek hat er schon mitgenommen!‘ Niemals hatte ich meine Bibliothek so leibhaft Band für Band besessen wie in diesem Augenblick des Verlustes…“

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Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.
Hotel Herrenhof an der Stelle, wo einst das Café Herrenhof stand.

Es ist genau 75 Jahre her, dass der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich Adolf Hitlers erfolgte. Für Walter Mehring und viele andere Exilanten war dies etwas mehr als fünf Jahre nach der Machtübernahme durch Nationalsozialisten ein neuer Schock. Sie mussten an dem 12. März erneut die Verhaftung befürchten – genauso wie die Sozialdemokraten, Kommunisten, Demokraten Österreichs. Wien war für Mehring in den Jahren zwischen 1934 und 1938 zu einer Art Heimat geworden. Im Hotel Fürstenhof lebte er inmitten der Bibliothek seines Vaters, die nach Mehrings eigener Erinnerung drei Wände des Zimmers komplett einnahm. Und da Mehring in Wien Hertha Pauli kennen- und lieben lernte, ist im Exil trotz finanzieller Schwierigkeiten und dem Verlust der deutschen Öffentlichkeit sogar von so etwas wie Glück zu Hause.

Hertha Pauli und Walter Mehring haben in ihren autobiografischen Erinnerungsbüchern die dramatische Situation geschildert, die zur Flucht Mehrings mit dem Zug vom Westbahnhof in Richtung Schweiz und Paris führte. Sie stimmen sich nicht in allen Punkten überein. Aber sie zeigen, wie nah Mehring und Pauli den Ereignissen waren. Und das ausgerechnet in einem Caféhaus, dem Café Herrenhof in der Herrengasse fast neben der Hofburg, in der Österreichs Kanzler und Teile des Kabinetts damals ihre Büros hatten und heute haben.

Hertha Pauli und Walter Mehring waren verabredet: „Ein Rendezvous im Café Herrenhof – nicht mit Seyß-Inquart, den ich weder kannte, noch zu kennen wünschte, sondern mit zwei guten Freunden. Ich musste mich beeilen, weil ich mich verspätet hatte.“ (HP) Seit dem 15. Februar war Arthur Seyß-Inquart Innenminister im Kabinett Kurt Schuschniggs. Auch dies erfolgte schon auf Druck Adolf Hitlers, der die Beteiligung der Nationalsozialisten an der Wiener Regierung ultimativ gefordert hatte. An diesem 11. März 1938 saß Seyß-Inquart nun im Café Herrenhof. „Wenn man sich beeilt, kann man das Café Herrenhof vom Bristol aus in weniger als zehn Minuten erreichen, nicht aber an jenem 11. März 1938. (…) An jenem Tag hielten mich Polizeisperren auf, weil junge Nationalsozialisten vor der Oper aufzogen. ‚Heil Hitler!‘ brüllten sie. Fragend wandte ich mich an einen der Polizisten. Der zuckte die Achseln, aber ein zweiter – Polizisten gehen gern paarweise um – sah mich plötzlich scharf an. (…) Als ich im Herrenhof auftauchte, fand ich die Freunde besorgt. Die ‚Heil Hitler‘-Rufe drangen wie ununterbrochenes Hundegekläff zu uns herein. ‚Auch die Polizisten sind Nazis‘, flüsterte ich atemlos und verstummte, weil der Ober zu uns trat.“ (HP)

Das Rendezvous, wie es Hertha Pauli nannte, war mit Walter Mehring und mit Carl Frucht. Der eine war ihr Geliebter, der andere ihr Partner bei der „Österreichischen Korrespondenz“, einer Literaturagentur. „’Was darf’s sein?‘ fragte er (der Ober; A.O.) wie immer. Ich bestellte eine Schale Gold – nur Kaffee, denn mir war der Appetit vergangen.
Im Kreis meiner Freunde erholte ich mich. (…) ‚Du mußt jetzt rasch fort‘, riet ich ihm (Walter Mehring; A.O.) im Herrenhof. Seine Ausbürgerung stand auf der ersten Goebbelsliste, was ihn mit Stolz erfüllte. ‚Und du?‘ fragte er mich. ‚Bei uns ist es -doch etwas anderes‘, erwiderte ich, und  Carli setzte hinzu: ‚Wir müssen am Sonntag wählen.'“ (HP)

Carl Frucht und Hertha Pauli glaubten zu diesem Zeitpunkt noch, dass der Einmarsch der Deutschen und damit der Anschluss Östrerreichs durch den für den zwei Tage später angesetzten Wahltermin verhindert werden könnte. In Walter Mehrings Erinnerung liest sich das so: „Am Freitag morgen, einem anachronistisch strahlenden Vorfrühling, marschierte noch unentwegt weiter das alte Wien. Aber schon nahte der Termitenfraß der Nazifizierung dem Abschluß. Schon waren bis auf eine hauchdünne Zelluloseschicht die Mauern achthundertjähriger Kultur zerfressen. Die VF, die ‚Vaterländische Front‘, schien mit Fahnen, Abzeichen und Enthusiasmus die Stadt zu beherrschen. Doch nicht die Straße ist das Barometer, sondern das Caféhaus, das Wien dem vorletzten Barbarenansturm, der Türkenbelagerung, verdankt. Der größte Cafépalast der Innenstadt, Treffpunkt der Literaten, liegt zur Mittagsstunde wie verödet. Zwei Stammgäste nehmen am Nebentisch Platz. Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau, der gerade aus Deutschland eintrifft. Der Ober, dessen Wohlwollen alle Gäste besonnt, Legitimisten und Illegale, Nazis und Juden, flüstert: ‚Der Seyß hat nur a Suppen bestellt. Jetzt, da wird’s ernst.'“ (WM)  Und an einer anderen Stelle noch die Ergänzung: „Und Göring hat aus Berlin angerufen!“ (WM)

Hertha Pauli hat noch eine weitere Erinnerung an diesen Mittag im Café Herrenhof: „Unser Gespräch wurde plötzlich unterbrochen. ‚Herr Dr. Seyß-Inquart, bitte‘, rief der Ober. ‚Berlin am Apparat!‘ Am Nebentisch erhob sich ein Herr und ging dicht an uns vorbei zum Telephon in die Garderobe. In diesem Augenblick wurde mir plötzlich bewußt: diesem Mann untersteht jetzt unsere Polizei! Auf dem Sims hinter unserm Ecktisch standen liebliche Barockengelein aus Bronze. Auf einen davon zeigend, flüsterte ich Mehring ins Ohr: ‚Soll ich ihn damit erschlagen?‘ Walter schüttelte den Kopf. ‚Hilft nichts – es sind zu viele.‘ Der Innenminister kam an seinen Tisch zurück, zahlte und eilte hinaus. Besorgt blickte der Ober ihm nach. ‚Sehr nervös, der Herr Doktor‘, bemerkte er vertraulich zu uns. ‚Dem schmeckt heut‘ net amal sei‘ Apfelstrudel.’“ (HP)

Die Passagen von Hertha Pauli sind in „Ein Riss der Zeit geht durch mein Herz“ von Hertha Pauli erschienen. Die von Walter Mehring in „Wir müssen weiter“.

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Walter Mehrings Bibliothek im Wiener Hotel Fürstenhof

Hotel Fürstenhof in Wien
Hotel Fürstenhof in Wien

Vom Westbahnhof sind es nur einige Meter bis zum Hotel Fürstenhof. Es liegt am Neubaugürtel 4. Als Walter Mehring im September 1934 aus Paris kommend mit dem Zug in die österreichische Hauptstadt einfuhr, hat er als erste Unterkunft eine naheliegende Adresse gewählt. Aber offenbar hat es ihm in dem von Inhaber Julo Formanek in einem schönen Jugendstilhaus geführtem Hotel so gut gefallen, dass er dort blieb. Und das für immerhin dreineinhalb Jahre.

Vielleicht waren es anfangs auch ganz praktische Überlegungen, die ihn in den Fürstenhof führten. Dank der Nähe zum Bahnhof war der Weg für den Transport seiner Bibliothek nicht weit. Denn nach Wien wurde ihm die Bibliothek seines Vaters, die „Verlorene Bibliothek“, aus Berlin nachgeschickt – „ins Exil gerettet dank der Komplizität der Berliner Tschechoslowakischen Gesandtschaft, dank der Kollegialität ihres Attachés, des Lvrikers Camill Hoffmann (aus der Prager Dichterrunde der Werfel, Mevrink, Kafka, Capek, die alle etwas kabbalistisch angehaucht waren), – ihn aber hat man später in einem Brandofen vernichtet.“ (Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek, Düsseldorf: Claassen Verlag, S. 17)

Nachdem Mehring in der Nacht des Reichstagsbrandes von Berlin nach Paris floh, war die Ankunft in Wien mehr als eineinhalb Jahre später wieder eine Rückkehr in den deutschen Sprachraum. Das Hotel Fürstenhof war auch deshalb mehr als ein Aufenthaltsort: „Gewohnt habe ich zum letzten Male wohl in Wien, bevor es stürzte. Denn dort hatte ich noch alle Bücher um mich, aus meines Vaters Bibliothek, und konnte mich zu Hause fühlen.“ (ebda.) Einen gewissen Anteil hat wohl auch der Fürstenhof daran gehabt. Das Leben im Hotel war für Mehring nichts ungewöhnliches, den größten Teil seines Lebens hat er so gelebt. Im Fürstenhof hat er nicht nur in einem Zimmer gehaust. Er hatte quasi Familienanschluss, denn es war damals üblicher, in Hotels zu leben. Pensionen und Hotels, in denen die Gäste richtig lebten, beschreibt zum Beispiel auch Joseph Roth in seinem Roman „Kapuzinergruft“.

Das Einwohnermeldeamt der Stadt Wien (Auskunft vom 23. Januar 2013) vermerkt fünf Meldeperioden Walter Mehrings im Fürstenhof. Vom 26. September 1934 bis zum 3. Januar 1935 währte der erste Aufenthalt. Vom 21. Februar bis zum 26. Mai 1936 war er wieder im Fürstenhof gemeldet. Ab dem 26. August desselben Jahres folgte bis zum 13. August 1937 , die nur vom 14. Januar bis zum 15. Februar 1937 unterbrochen wurde, die dritte Periode. Ein viertel Jahr später war er in Wien zurück. Vom 19.November 1937 bis zur Flucht aus dem nun nationalsozialistischen Wien am 11. März 1938 folgte der letzte Aufenthalt in dem Hotel gegenüber vom Westbahnhof. Die Zwischenzeiträume hat Walter Mehring in Paris verbracht. Das zumindest hat er bei den Wiener Meldebehörden angegeben.

Wien aber blieb der Ort, indem er Hertha Pauli kennen- und lieben lernte. Und die Stadt, in der Walter Mehring in der Bibliothek seines Vaters lebte. Drei der vier Wände seines Zimmers im Hotel Fürstenhof waren nach eigener Darstellung voller Bücherregale. Die Bücher gaben ihm Zuflucht. Und die Erinnerung an das Auspacken uns Lesen der Bücher in Wien ist der Ausgangspunkt für seinen autobiografischen Band „Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur“: „Ausgeleert, Kiste um Kiste – Pandorabüchse des NachDenkers Epimetheus (mit einem trüben Bodensatz Hoffnung) – spukte ihr Inhalt auf den abgeschrubbten Dielen, dem ungemachten Hotelbett, dem rußigen Fensterbrett in der Lesegruft meines Wiener Voruntersuchungsexils.“ (ebda, S. 189)

Und der Moment der Wiederbegegnung mit diesen Büchern bleibt ihm so in Erinnerung: „Den ganzen ersten Tag über, vom Morgengrauen an, seit ein paar verdrossene Transportarbeiter Kiste auf Kiste abgeladen hatten, die sie wahrscheinlich in ihrer Wiener notleidenden Einbildung mit materiellen Genuß- und Luxusartikeln angefüllt glaubten, las ich mich sinnlos voll . . . Man kann dem Lesen so gesundheitsschädlich verfallen wie jedem anderen Rauschmittel, besonders als Europäer, der ja durch lange erbliche Belastung im gleichen Prozentsatz alkohol- wie büchersüchtig ist. Man greift zum Buche wie zum Glase, um sich über die deprimierende Nüchternheit der Zeitungssensationen – hinwegzutrinken, um den widerlichen Nachgeschmack der Medizinen, die man uns in den Spitälern der Zwangs-Heil- versuche eingibt, herunter zu spülen. Und nichts hilft so wie ein süffiges Getränk -, wie Genuß von abgelagertem Pathos, vorzüglich in Versen konzentriert, um sich gleich edler und erhabener zu fühlen. Doch hält man sich nicht lange an die guten, erlesenen Jahrgänge. Und beim Lesen wie beim Trinken steigert man allzu rasch den Spiritusgehalt, man  sucht nach Selbstbekräftigung und zugleich nach genereller Absolution. Abnorme Gelüste, deren man sich wie eines versteckten Geburtsfehlers, wie einer krankhaften Veranlagung geschämt hatte, findet man bei erhabensten Genies im Schaffensrausche ausgeplaudert.“ (ebda. 24)