Servio Tulio singt Dressur von Walter Mehring

Servio Tulio singt „Dressur“; Text von Walter Mehring, Musik von Friedrich Hollaender.

Die Neglected Books page erinnert an Mehring

Im Juli 2012 ist auf einem spannenden Literatur-Blog ein kleiner Text über Mehring erschienen:

At the moment, Walter Mehring’s poems, essays and novels are out of print in both German and English. Mehring’s The Lost Library:The Autobiography of a Culture is, like Stefan Zweig’s The World of Yesterday, a paean to the humanist culture of Central Europe before the rise of Hitler.

Der ganze Text auf Neglected Books page

Die Süddeutsche berichtet über Gedenken in Les Milles

Wie viele deutsche Intellektuelle wurde auch Walter Mehring in Frankreich nach Beginn des 2. Weltkrieges interniert. Zwar war er nicht in Les Milles wie viele andere deutsche Emigranten Er war in Camp de Falaise (Herbst 1939 bis Februar 1940) und St. Cyprien (September bis November 1940), so wie es Michael unten in seinem Kommentar richtig angemerkt hat. Joseph Hanimann hat in der Süddeutschen Zeitung am 10. September 2012 in einem großen Artikel am Les Milles erinnert. Auch wenn Walter Mehring nicht dort war, ist der Text dennoch lesenswert, weil er einen guten Einblick in die Zustände gibt:

Mahnmal Les Milles in Frankreich
Wo der Widerstand geholfen hat

„Zwischen Wissenschaft und politischem Engagement: An diesem Montag wird in Frankreich das ehemalige Internierungslager Les Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Doch die Aktualisierung von Geschichte stößt hier an ihre Grenzen.

Im Brennspiegel des Internierungslagers Les Milles frisst die Geschichte ein Loch ins Bild der République. Wahrscheinlich war deshalb die Herrichtung dieses Orts zur Gedenkstätte so langwierig. Als Jacques Chirac 1995 als erster französischer Präsident die Politik des État français unter Pétain in die Kontinuität der Dritten Republik stellte, war die Bemühung um dieses einzige noch erhaltene unter Frankreichs großen Internierungslagern schon seit zwölf Jahren im Gang. Es sollte dann weitere 17 Jahre dauern. Nun ist es so weit. An diesem Montag wird im Beisein des Premierministers Jean-Marc Ayrault das Camp des Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Die Aufarbeitung von Vichy geht weiter voran. In zwei Wochen soll auch im Pariser Vorort Drancy, wo einst die Züge nach Auschwitz abfuhren, ein vom Schweizer Architekturbüro Diener & Diener entworfenes Mahnmal als Außenstelle des Pariser Mémorial de la Shoah eröffnet werden.“

Der ganze Text bei sueddeutsche.de

Ulrich Tietze würdigt Mehring im Deutschen Pfarrerblatt

Im „Deutschen Pfarrerblatt“ (Nr. 5, 2012) hat Ulrich Tietze einen längeren Text über „Kriegstheologie und ihre Satiriker“ veröffentlicht. In ihm gibt es auch eine Passage über Walte Mehring, die hier zitiert wird. Der gesamte Text findet sich hier…

3.3. »Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister« – Walter Mehring

Zweifellos war Walter Mehring einer der interessantesten und auch begabtesten der Satiriker in dieser Zeit; der Kabarett-Chronist Klaus Budzinski schreibt über ihn: »Mehrings Sprachgewalt und lyrische Potenz hob das Chanson im Kabarett auf ein Niveau, das vor ihm nur Frank Wedekind und nach ihm niemand mehr erreicht hat.«34 Mehring hat, vielleicht mehr als andere Autoren der »Neuen Sachlichkeit«, religiöse Formen und Überschriften benutzt: eines seiner Bücher (eine Zusammenstellung von 1966, die Formen stammen aus der Weimarer Zeit), noch heute erhältlich und in vielfacher Hinsicht unvermindert lesenswert, trägt den bezeichnenden Titel »Neues Ketzerbrevier«35 mit dem Untertitel »eine Seelenmesse für Agnostiker, Wortgläubige und unbekehrbare Freigeister« und beinhaltet tatsächlich eine Vielzahl von religiösen Anspielungen und – natürlich satirisch verfremdeten – Formen. Beispiele: »Litanei« mit den Versen »Kyrie eleison – / alle Stätten / die dich loben / die uns ketten / an das Droben / mit Gelübden / und Geboten / in den Krypten / der Zeloten / von der Qual / und allem Jammer / in Spital / und Folterkammer / Alle die dich loben, Gott, / blutverwoben und bigott, / Herr, befreie uns davon – / Kyrie eleison!«36 Wird hier auf das Auseinanderklaffen der Lehre Jesu und der kirchlichen Praxis angespielt, so lässt sich diese Kritik auch in anderen Versen Mehrings entdecken.

Verdienstvoll bleibt aus meiner Sicht bei diesem Schriftsteller insbesondere eines: er stellte einen schlüssigen Zusammenhang zwischen dem »Hexenhammer« und Hitlers »Mein Kampf« her. In der Bibliothek seines Vaters, genauer in der Abteilung »Giftschrank«, fand Mehring den »Hexenhammer«. Er las ihn »wollüstig angeekelt«, verspürte allerdings »eine unvergessliche Schockwirkung«37 und unterzog ihn später einer gründlichen Analyse, bei der er weitgehende Parallelen zum Hitler-Buch fand: »Den Hexenwahn hat der Rassemythos ersetzt«; der Jude sei »in seiner Gemeinheit so riesengroß, dass sich niemand zu wundern braucht, wenn in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibliche Gestalt des Juden annimmt.«38 Mehring sah viel früher als viele andere, dass sowohl durch die Hexenjagden als auch durch die NS-Verbrechen »das Martern von Menschen in ein geregeltes System gebracht« wurde – und er sah vor allem: »… all diese Henkersknechte waren ja nicht verhungerter, rachesüchtiger Pöbel. Ehrsame Bürger waren sie; pflichttreue Schinder, gewissenhafte Akademiker der Bestialität.«

Im Grund stellt sich auch bei Mehring die Frage nach dem Verhältnis von Gehorsamsforderung durch Staat, Kirche, Militär – und dem Recht auf eine eigene Meinung. Dass Mehring Deutschland nach Hitlers Machtantritt unter Lebensgefahr verlassen musste, gehört, wie bei vielen der besten Schriftsteller damals, zu den tragischen Aspekten des Lebens dieses Autors. Er selbst hätte diese Zeit in Deutschland kaum überlebt. Seine Schriften bleiben aktueller, als er selbst es wohl für möglich gehalten hat.

Der Blogger Jay macht eine erstaunliche Entdeckung bei Mehring

Pünktlich zum Geburtstag von Walter Mehring hat der Blogger Jay eine persönlicher Erinnerung an einen Text von ihm aufgeschrieben. Sie ist nicht nur interessant, sie ist verblüffend:

Am 29. April 1896 wurde Walter Mehring in Berlin geboren. Er ist schon einmal in diesem Blog vorgekommen, weil ich am 3. Oktober 2011 ➱hier seine Ode an Berlin zitiert habe. Er hat wunderbare Chansons geschrieben, was auch der immer kritische Kurt Tucholsky zugestehen musste. Das erste, was ich von Mehring gelesen habe, war Die verlorene Bibliothek: Autobiographie einer Kultur, ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Wenn man bedenkt, dass es 1952 bei Rowohlt erschienen war – warum wusste ich bis 1972, als die Paperbackausgabe erschien, nichts von diesem Buch? Warum stand dieses Buch nicht auf der Leseliste der Schulen? Immerhin sendete Radio Bremen 1955 ein Interview mit dem Autor, das hätte ja mal ein Lehrer in Bremen hören können. Aber vielleicht wollte man diese Dinge, die mit dem Verlust unserer Kultur zu tun hatten, damals nicht hören.

Als ich die Verlorene Bibliothek las, wusste ich nicht, dass ich einen Text von Walter Mehring auswendig kannte, ein Chanson aus dem Jahre 1920. Ich kannte ihn nur als das Unteroffizierslied. Ich hatte es auswendig gelernt, als ich Fahnenjunker wurde und eins dieser seltsamen Aufnahmerituale bestehen musste. Zu dem auch das Austrinken eines großen Bierglases gehörte. Darin war nicht nur der durch das Reinheitsgebot geschützte Hopfensaft, das Bier war verfeinert durch einen Schuss Motoröl vom französischen Hotchkiss Getriebe unserer HS-30 Panzer. Und verschiedene andere Ingredienzien, die besser unerwähnt bleiben. Am Ende der Zeremonie wurde mit Inbrunst das Unteroffizierslied gesungen:

Hier steht nun der Text und noch mehr von Jay auf seinem Blog Silvae… 

„Mit der Güte des Menschen warʼs mal wieder nichts“

In der kommenden Woche wird im Zürcher Sogar-Theater eine neue Walter-Mehring-Revue aufgeführt. In der Folge ist der Pressetext zu lesen:

Das Leben Walter Mehrings (1896-1981) wird als exemplarische Biographie des 20. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht: er war Künstler, Faschismuskritiker und Exilant. Seine Werke, inzwischen selten gelesen, sollen wieder ins Licht gerückt werden, den sie haben nichts von ihrer poetischen Virtuosität und intellektueller Schärfe verloren. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Mehring in Zürich, wo er zum Beispiel im Theater Stok auftrat oder im Café Odeon „studierte“, wie er selber notierte.

Seit 1915 gehört Walter Mehring zum Kreis der Expressionisten um Herwarth Walden herum und später zu den Berliner und Pariser Dadaisten. Mit Künstlerkollegen wie Kurt Tucholsky ist er auf den Berliner Bühnen Max Reinhardts, Rosa Valettis und Trude Hesterbergs zu Hause. In den 1920er Jahren feiert er als Autor und Journalist grosse Erfolge. 1929 wird sein Theaterstück „Der Kaufmann von Berlin“ uraufgeführt: Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten wird es für den bekennenden Pazifisten immer schwieriger, in Deutschland zu publizieren.

Er hat die Katastrophe schon lange heraufziehen sehen, ist dennoch nach Jahren in Paris, 1928 nach Berlin zurückgekehrt, wo er 1933 im letzten Moment den nationalsozialistischen Häschern entkommen kann. Danach beginnt seine Odyssee, die ihn über Wien, Internierungslager in Südfrankreich, Marseille, La Martinique und die USA führt. Dem letzten Kapitel seines Lebens, Zürich, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, denn hier leben noch viele Menschen, die ihn persönlich gekannt haben. Hier wo er nochmals seine ihm teuren kleinen Hotels und Cafés gefunden hat, aber auch hier, wo der durch die Emigration gebrochene Mehring nicht mehr heimisch geworden ist. Bis zu seinem Tod vor 30 Jahren fühlte er sich „staatenlos im Nirgendwo“.

Mit Graziella Rossi und Helmut Vogel stehen zwei ausgezeichnete Schauspieler auf der Bühne, die sich in ihren Produktionen wiederholt um vergessene Autoren bemühen. Der Komponist und Pianist Daniel Fueter wird das Projekt musikalisch begleiten und eigene Kompositionen beisteuern, denn Musik hat in Mehrings Leben eine wichtige Rolle gespielt. Die Mutter, Hedwig Mehring-Stein, war Opernsängerin und das Motto „De la musique avant tout“ zierte Mehrings Manuskripthefte. Friedrich Holländer und Kurt Weill haben mit Mehring zusammengearbeitet.

Walter Mehring war ein Individualist, er schloss sich keiner Partei oder ideologischen
Gruppierung an. Er erkannte die Zeichen der Zeit früher als andere und hat mit seiner
Feder darauf reagiert: Mit Sprachwitz, mit Satire, mit lustvoller Provokation und viel
Einfühlungsvermögen für Aussenseiter und Deklassierte. Seine Biographie und sein
Werk sind nicht nur Zeugnis für die Umbrüche des letzten Jahrhunderts, sondern
auch Wegweiser für unsere Zeit.

Mit der Güte des Menschen warʼs mal wieder nichts
Eine Walte Mehring-Revue
Spiel: Graziella Rossi und Helmut Vogel
Piano: Daniel Fueter
Buch und Konzept: Karen Roth-Krauthammer
Vorstellungen: Donnerstag, 26. April, 20.30 h – Premiere
Freitag, 27. April, 20.30 h
Samstag, 28. April, 20.30 h
Sonntag, 29. April, 17.00 h
Web: http://www.sogar.ch