George Grosz lobt Walter Mehring als Grafiker

Das Stachelschwein

WALTER MEHRING ALS GRAPHIKER

War Walters Produktion als Schriftsteller kennt, weiß, daß er auch ein sehr guter Zeichner ist. Die meisten seiner dichterischen Werke sind von ihm selbst illustriert, und ich denke, dies ist wohl die ideale Illustration. Walter hat eigentlich immer gezeichnet, von Kindesbeinen an. Eine sogenannte Fachausbildung hat er nicht gehabt. Weder Aktzeichen mit Korrektur, noch Perspektive und Anatomie. Er ist Autodidakt. Mit der  schützenswerten Unbekümmertheit des passionierten Amateurs zeichnet er. Es in ein wenig Sonntagszeichnerei, aber sehr sympathische. Seine Zeichnungen haben den schwerbeschreibbaren Reiz, der oft den Zeichnungen Ungeübter so eine Art kindlichen Charme gibt. Auch das ungehemmt Erzählende, daß sich über Form- und Raum(Kompositions-) problem kühn hinwgesetzt, ist dem naiven Zeichnen des Kindes   verwandt. Auch ein klein wenig von den Zeichnungen Schizophrener ist mit dabei — ohne etwas hineingeheimnissen zu wollen. etwas von der reizvollen Fähigkeit einzelner Blätter Ensors oder des späten Ernest Josephson.

Norwegisches Fischerboot
Norwegisches Fischerboot, wie es schon zu der Nibelungen Zeiten in Gebrauch war. Heute baut man Motoren ein, die Anthrazit-Öfen gleichen.
Melika
Melika, eine der fünf Mozambiten-Siedlungen in der Sahara. Ganz im Vordergrunde: typischer Brunnen mit dem von ihm bewässerten winzigen Grasfleck.
Sogne-Fjord
Landschaft im Sogne-Fjord. Zur Rechten die Stelle, wo Ibsen am ,,Peer Gynt“ dichtete.

Nach der längst erfolgten Heiligsprechung des malenden Kleinbürgers Rousseau hat ja auch heute die offizielle Kritik einen Blick für diese merkwürdigen graphischen Feinheiten, die oft hart an der Grenze des Diletantischen liegen. Walter zeichnet auf, notiert aus der Erinnerung und dem Wissen — manchmal berichterstattet er sozusagen. Ein gewaltiger Felsenkegel, ein norwegisches Tal mit schwarzen Straßen, Beduinen, ein Tisch mit Frohkosten in Schweden, alles wird mit spitzer, ein bißchen verstimmter Börsenfeder  eingeritzt und hingekritzelt. Von links wird begonnen, rechts wird aufgehört. Oder er  zeichnet eine Kette untergehakter Matrosen, die, nach langer Abwesenheit vom  Heimatlandd — voll Freude und ein wenig bezecht nach einem Haus mit übergroßer Nummer Ausschau halten. Mit großer zeichnerischer Begabung ist hier das schwankende Gehen ausgedrückt  — graphisch gut übersetzt. Darauf kommt es an. Mehring zeichnet ja nicht einfach ab, er hebt alle seine Augeneindrücke in eine für ihn sehr charakterisische ironisch-hypochondrische Ebene. Spielt das, was er widergibt, leicht verzaubert ein Tönchen höher oder tiefer, aber niemuals in banalen Klavierschul-Akkorden.

George Grosz

Freudengasse der Oase Biskra
Die Freudengasse der fashionablen Oase Biskra, frequentiert von Soldaten und Cookforschern. (Bei jedem Cooktransport werden die Mädchen zwangskommandiert.)

(Das StachelschweinGrosz, George: Walter Mehring als Graphiker; in: Das Stachelschwein Heft 1, Oktober 1927; S. 12 ff.)

Die Süddeutsche berichtet über Gedenken in Les Milles

Wie viele deutsche Intellektuelle wurde auch Walter Mehring in Frankreich nach Beginn des 2. Weltkrieges interniert. Zwar war er nicht in Les Milles wie viele andere deutsche Emigranten Er war in Camp de Falaise (Herbst 1939 bis Februar 1940) und St. Cyprien (September bis November 1940), so wie es Michael unten in seinem Kommentar richtig angemerkt hat. Joseph Hanimann hat in der Süddeutschen Zeitung am 10. September 2012 in einem großen Artikel am Les Milles erinnert. Auch wenn Walter Mehring nicht dort war, ist der Text dennoch lesenswert, weil er einen guten Einblick in die Zustände gibt:

Mahnmal Les Milles in Frankreich
Wo der Widerstand geholfen hat

„Zwischen Wissenschaft und politischem Engagement: An diesem Montag wird in Frankreich das ehemalige Internierungslager Les Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Doch die Aktualisierung von Geschichte stößt hier an ihre Grenzen.

Im Brennspiegel des Internierungslagers Les Milles frisst die Geschichte ein Loch ins Bild der République. Wahrscheinlich war deshalb die Herrichtung dieses Orts zur Gedenkstätte so langwierig. Als Jacques Chirac 1995 als erster französischer Präsident die Politik des État français unter Pétain in die Kontinuität der Dritten Republik stellte, war die Bemühung um dieses einzige noch erhaltene unter Frankreichs großen Internierungslagern schon seit zwölf Jahren im Gang. Es sollte dann weitere 17 Jahre dauern. Nun ist es so weit. An diesem Montag wird im Beisein des Premierministers Jean-Marc Ayrault das Camp des Milles als Mahnmal gegen Diskriminierung und Menschenverfolgung eröffnet. Die Aufarbeitung von Vichy geht weiter voran. In zwei Wochen soll auch im Pariser Vorort Drancy, wo einst die Züge nach Auschwitz abfuhren, ein vom Schweizer Architekturbüro Diener & Diener entworfenes Mahnmal als Außenstelle des Pariser Mémorial de la Shoah eröffnet werden.“

Der ganze Text bei sueddeutsche.de