Mehring bedankt sich für Geburtstagswünsche bei Willi Schaeffers

Zürich, 4. Mai 1956

Zur Erinnerung an Willi Sschaeffers

Lieber Willi,

heißen Dank für Ihren Händedruck zu meinem 60. Wiegenfest, dem alten Veteran, der sich, wie Sie, dunnemals tapfer geschlagen hat: im Café Größenwahn und bei Schwannecke ~ unter unserm dicken, prächtigen Brigadegeneral, Exz.
Tucho, der längst nun ins Walhalla a. d. Panke versetzt wurde und eine nachlebenslängliche Pension bezieht ~ wie sich das gehört. Und gedenken wir auch ernsthaft der gefallenen Kameraden Paule Grätz und Morgan und Grünbaum . . .
Es grüßt Sie mit Ihrem »Es lebe die (je nach Wunsch auszufüllende) Republik!«

Ihr old man Walter Mehring

(Traute Schaeffers und Peter Schaeffers (Hg.): „Wer darf sagen: ich liebe Dich-?“ – Zur Erinnerung an Willi Schaeffers; Berlin: Privatdruck 1964, S. 9.)

Leipziger Pfeffermühle präsentiert Kabarett der 20er-Jahre

Heute geschlossene Gesellschaft

Bild 1 von 20

Heute geschlossene Gesellschaft

Neben Programmen mit eigenen Texten spielte die „Leipziger Pfeffermühle“ auch solche mit Kabarett-Texten und -Songs aus der Vergangenheit. „Heute geschlossene Gesellschaft“ ließ die große Zeit des Kabaretts vor allem in den 1920er-Jahren aufleben. Dabei durfte auch Walter Mehring nicht fehlen.

Rolf Herschel zeichnet Walter Mehring für die Leipziger Pfeffermühle

Zeichnung von Rolf Herschel für ein Programmheft der Leipziger Pfeffermühle

Zeichnung von Rolf Herschel für ein Programmheft der Leipziger Pfeffermühle
Rolf Herschel hat das Programmheft zum 2. Programm der Leipziger Pfeffermühle gestaltet. „Heute geschlossene Gesellschaft“ war ein Nummerprogramm mit Texten aus den 1920er-Jahren. Darunter „Der Angeklagte hat das letzte Wort“ und „Zum blauen Affen“ von Walter Mehring.

Elisabeth Pablé über Mehrings Rolle als Chansondichter

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer Humor

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer HumorNach dem Krieg setzte eine Kabarett-Renaissance sondergleichen ein. Die Aufhebung der Zensur ermöglichte Walter Mehring im erneuerten „Schall und Rauch“ Zeitsatire großen Stils. „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“ hieß sein Auftakt zu cler „goldbesch … Zeit der Zwanziger Jahre“. Klabund, Seemann Kuttel Daddeldu-Ringelnatz, Theobald Tiger alias Tucholsky und Marschall Böff alias „Ecce Homo“-Zeichner George Grosz assistierten. Mit seinem expressionistischen Sprachen-Ragtime schuf Mehring, Jahre vor Brecht, den Song. 1921 setzte Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“ die Tradition des zugrundegegangenen „Schall und Rauch“ fort.

Im März 1918 War Wedekind gestorben. In einer Augsburger Kneipe sang ein junger Mann die halbe Nacht zur Guitarre die Lieder des großen Ahnherrn. Der junge Unbekannte hieß Bertolt Brecht. In der „Wilden Bühne“ schockierte er dann erstmals die Berliner mit seinem Elternmörder „Jakob Apfelböck“; der Durchbruch gelang ihm 1928 gemeinsam mit Kurt Weill in der „Dreigroschenoper“; beider überragende Interpretin war Lotte Lenya.

In dieser Zeit und im intimen Rahmen der „Wilden Bühne“ wurde geprägt, was Deutschlands Chansontradition genannt werden darf. Trude Hesterberg, Rosa Valetti, die später ihr eigenes „Größenwahn“ eröffnete, Kate Kühl hießen die neuen Chansonetten, die auch vor politischen Texten nicht zurückschraken. Man gab sich revolutionär, politisch-pamphletisch, links.

Die eigentliche Entdeckung der zwanziger Jahre war die emanzipierte Frau. Sie zog als Herrscherin ins Kabarett, wie der Chronist Berlins Walter Kiaulehn feststellt: „Die neuen Lieder waren (den Frauen) von den Dichtern auf den Leib geschrieben worden, und darum ließen sie auch die Kniekehlen mitsingen. Es klang sehr gut.“ Hatte man zuvor nur Sinn für die Beine der Tillergirls, so interessierte man sich nun für Persönlichkeiten, die außer ihren Beinen auch noch Witz zu verkaufen hatten. Die Troubadoure der neuen Berlinerin waren die Chansondichter. Mehring, Tucholsky schrieben für die Valetti in den Dissonanzen von Rot und Schwarz, Klabund hatte der kindhaften Blandine Ebinger „Ich baumle mit de Beene“ geschrieben, Friedrich Hollaender widmete ihr die „Lieder eines armen Mädchens“. Ein neues Gespann hieß Marcellus Schiffer-Margo Lion. Schiffer schuf das weibliche parodistische Typenchanson.

Nach 1925 war der politische Elan der Anfangsjahre im Rückzug. Die große Zeit der kleinen Revue brach an. Intim, elegant, voller Pikanterie, verdankt sie ihre Qualität weitgehend dem Geist ihrer Autoren und Komponisten. Über Nacht schlug Schiffers Revue mit der Musik von Mischa Spoliansky „Es liegt in der Luft“ ein, über Nacht hatte Berlin seinen neuen Schlager; Margo Lion und Marlene Dietrich – bis zu diesem Zeitpunkt 1928 eine kleine Kabarettstatistin – ersangen ihn mit ihrem Duett von der „Besten Freundin“.

Elisabeth Pablé (Hg.): Rote Laterne Schwarzer Humor – Chansons des Jahrhunderts; München: Residenz Verlag 1964, S. 10 f.

Hans Reimann parodiert Walter Mehring

Hans Reimann: Von Karl Marx bis Max Pallenberg in 60 Minuten

Hans Reimann: Von Karl Marx bis Max Pallenberg in 60 Minuten
LATERNA TRAGICA
Nach Walter Mehring

Blandine saß auf einem Stein!
Jerum 0 Jerum!
Blañdine saß auf einem Stein!
Im pikfein blanken Mondenschein!
Links unten war ganz nackt sie
Sie hatte weder Striimpf noch Schuh
Wild tanzt im Ragtime -Takt sie!
Dann machten die Kaschemmen zu
Ju Ju
Länge den Kapell’n
Hört sie die Engel vom Dache bell’n:
Müde bin ich geh‘ zu Ruh!

Blandine saß auf einem Stein
Mit sieben Siegeln!
Blandine saß auf einem Stein
Und putzt ihr Hakenkreuzlein rein!
Am Untergrund der Panke
Die Schmiere kreist mit Satyrin.
Sie sticht dich in die Flanke!
Odol, Pebeco, Burgeff Grün!
Muh Muh
Länge den Kapell’n
Hörst du die Spatzen vom Dache gell’n
Müde bin ich, geh zu Ruh!

Blandinchen saß auf einem Stein
Ohropax vobiscum!
Blandinchen kreuzte Bein mit Bein
Und schmetterte die Wacht am Rhein!
Als ob sie gänzlich toll wär!
Nick Carter springt herbei und
Zerkracht mit dem Revolver
Nen stummen Polizeihund
Huh Huh!
Längs den Destill’n
Hört man die Engel vom Daches brüll’n:
„Müde bin ich, geh zu Ruhnke!“

(aus: Hans Reimann: Von Karl May bis Max Pallenberg in 60 Minuten; München: Kurt Wolff Verlag  1923; S. 32 f.)

Programmheft eines Mehring-Programms von Sven J. Olsson und Julia Kock

Max Herrmann-Neiße rezensiert das Ketzerbrevier

Walter Mehring: Das Ketzerbrevier

Das Ketzerbrevier (1921)
Das Ketzerbrevier (1921)

Walter Mehrings neueste Coupletsamınlung gibt das Muster eines richtigen Kabarettabends mit Conference und vier Hauptabteilungen. Dieses Muster hat Vielfalt, geistigen wie artistischen Gehalt. Form, Gliederung, Originalität und Anarchie des Gedankens. Was Mehring vor allem zu seinem Metier befähigt, ist eine rhythmische Feinfühligkeit, eine Treffsicherheit, den richtigen Vortragsschwung jedem einzelnen Couplet gleich mitzugeben, daß schon im Takt die Situation sich ausdrückt und Melodik und Stimmung sich vollkommen decken. Seine Verse hämmern sich beim bloßen Lesen ein, sind auch fürs Auge allein schon komponierte Texte. Dabei ergibt sich die verschiedenen Gelegenheiten eine dementsprechende Abwechslung: eine Ahnung vom Tonfall Bruantscher Schreckenslieder „Die Kartenhexe“, „Zum Blauen Affen“, „Cabaret Schwalbennest“), die Kehrreimweise („Moralisches Glockengeläute,“ „Kinderlied“), eine Simultaneität, die von der »Fortgeschrittenen Lyrik« manches nutzte „Graduale“), und schließlich das originalste Produkt eines freien Rhythmusses der Couplet-Teclmik, wie es beispiellos leuchtet in „Die Reklame bemächtigt sich des Lebens“. Es muß einmal konstatiert werden, daß der nun so oft dünner nachgemachte Vortragselan, der die rasende Mechanik des Großstadtgetriebes exakt ausdrückt, und so etwas wie einen ››EXpressionismus« der Brettldichtung, eine im Automobiltempo losgelassene, gebremste und Kurven nehmende Momentaufnahme, zuerst und am intensivsten moussierte in solchen Mehringoriginalen wie „Achtung Gleisdreieck“, „Sensation“, „Salto mortale!“ Er erwischt alte und neue Medien gerade im rechten Moment, ladet sie mit seiner Elektrizität, und eine eigene tadellos funktionierende Walze ist perfekt. Er würfelt die ulkigsten Reime erster und zweiter Ordnung durcheinander, macht aus überstürzendem Radebrechen eines liebestollen Fremdlings die Note des „Kaukasierliedes“, mit aus Niggersong, Ragtime und Operettenrefrain einen „Jazzband“, eine mit Sätzen verübte Tanzorgie, und kurbelt die gute alte Populariät des Berliner Gassenhauers in eine ganz gegenwärtige Vehemenz.

Diejenigen, die zu Unrecht den Mehring nur als den poetischen Lokalreporter gelten lassen möchten, werden durch die Vielseitigkeit dieser Sammlung eines Besseren belehrt; aber das eine stimmt, daß Mehring, unter anderem, den Jargon des »Berliner Schlagers«
wie kein zweiter meistert, ihn für modernste Force gebrauchsfertig machte mit all seinem Mutterwitz, seinen pfiffigen Worteinfällen, dem derben Rotwelsch seiner Respektlosigkeit. Sein Bezirk ist nicht bloß ein Rummelplatz, nicht nur der größre Rummelplatz Berlin,
sondern die heutige Erdoberfläche schlechthin. Dies Buch zeigt die Internationalität seiner Sujets und beweist auch, daß Mehring sich nicht einmal auf ein einziges Temperament, auf eine einzige Gefülsnuance festlegen läßt. Mokante Kaltschnäuzigkeit, absolute Gemüstlosigkeit war die Signatur, mit der man ihn abstempelte, und nun beunruhigen hier in diesem Bändchen auf einmal so gar nicht ins Schema passende Sachen wie z. B. „Die Kälte“, wo ein schnoddriger Spötter – poetisch kommt! Ein Grundzug Mehrings ist schon die blutige Skepsis, die sich von keiner Illusion mehr zu Ehrerhietung anführen läßt und auf die Kaffrigkeit der lieben Umwelt spuckt, aber schonungslosen Zynismus und krasse Verachtung bringt erst der auf, der im Tiefsten einer zarteren Besaitung tödlich enttäuscht wurde. Solches Getroffensein wächst zum diabolischen Aufschrei des Puppenspiels „Die schwarze Messe“. Ein so scharfer Revoltedrang in diesem Schlußstück rumort oder in den Geißelliedern „Litanei“ und „Schwarze Ostern“ – es scheint mir eine Gefahr des Menschenmißtrauens, daß es in der Wirkung das Aufrührerische verliert und dem Publikum als eine bequeme Weltanschauung, die jedes Passivbleiben deckt, wohl eingeht. Alles gleichermaßen zum Speien finden, heißt: sichs allzu leicht machen. Mehring sollte, diesem Verdacht zu entgehn, nicht ganz ohne Route sein. Sonst sieht, was als Gegenteil geplant war, wie Kompromiß aus, der Durchschnitt hört sich doch bloß heraus, was ihm paßt, aus dem „Nekrolog“: „Hetzern . . . uns uffzuwiegeln“ und aus dem Berliner Tempo eine lokalpatriotische Bestätigung.

Max Herrmann-Neiße: Walter Mehring: Das Ketzerbrevier; erschienen in: Berliner Börsen-Courier, Nr. 213 vom 7. Mai 1922.

Max Herrmann-Neiße bespricht „Arche Noah SOS“

Walter Mehring: Arche Noah SOS

Arche Noah SOS (1931)
Arche Noah SOS (1931)

Das ist mehr als das brauchbarste Arsenal für ein radikal kämpferisches, überlegen geistiges Kabarett, das ist ein lyrischer Zeitspiegel von gewíssenhafter Schärfe und unerbittlichem Wahrheitsmut. Einem sintflutwürdigen Weltzustand sagen diese saftigen Gesänge die bittere Meinung. Mehring hat hier zwei herrliche Eigenschaften, die bei der heute üblichen Art der Künstler, sich vor eindeutiger Stellungnahme zu drücken, dumm zu stellen, in neutrale Spielplätze zu retten, ebenso selten wie aller Ehren wert sind. Er bekennt sich zu seinen menschlichen, freiheitlichen Prinzipien nicht Weniger mannhaft, als das die Anhänger barbarischer Ansichten zu tun pflegen. Und er kann seine Überzeugung auf eine Art ausdrücken, die jedem Menschen leicht eingeht und auch dem Einfachsten sich mit ihrer volkstümlichen Musik einprägt. Es ist stilistisch interessant, die Entwicklung seiner Form zu beobachten. Da wurde aus der Tradition von Pottier bis Bruant und einem Schuß Spreewasser mit Zielsicherheit diese jetzt ganz gefestigte, unverwechselbare Walter-Mehring-Weis, eine Diktion, die den einfachsten Ausdruck, Vertrautheit mit allerlei Mundartlichkeit, ein drängendes Vorwärts im Rhythmus, echte Keßheit und ebenso echte Herzlichkeit niet- und nagelfest eint und in sicherlich strenger Arbeit zum straffpointierten Schlager stählt. Ein Bänkelsang-Swift, möcht man sprechen, wobei das Wort Bänkelsang keine Herabsetzung sein soll, im Gegenteil, die Anerkennung, wie nah Mehring dem heut möglichen Begriff Volkslied kommt. Wer Ohren hatte zu hören, konnte es schon aus Mehrings früheren Werken heraushören; in diesem neuen Bande dürfte es wohl auch für Begriffsstutzigere spürbar sein, daß Mehring auf seine Fasson ein ernst zu nehmender, echter Lyriker ist. Das ist keine journalistische Fixigkeit, die aus der Zeit gereimte Zeilen schindet, sondern liebebedürftiges, liebewilliges Poetentum, das an der Tücke des gegenwärtigen Tatbestandes leidet. Die Provokation kommt aus der eigenen Todesverzweiflung, das Segenswort für alle Art Kummer ist so drastisch, wie es sein muß. Die „Kantate von Krieg, Frieden und Inflation“ enthält akkurat die krasse Wahrheit über ein Stück Historie, aus dem sinnlosen Wüsten unserer sogenannten Rechtspflege werden drei besonders arge Fälle konserviert, „Gebet über Beuthen“ ist hochaktuell als massive Absage an allen nationalen Beneblungsdreh. Schließlich gibt es die phantastischen, überlebensgroßen Gebilde „Mond und Liebe über großen Städten“, „Singweise vom Paradies“ (in wundervoller Leichtigkeit und Grazie), zuletzt nimmt Mehrings Ton etwas von Benn an („Das Lied vom Schlaf der Tier- und Menschenjungen“ und „Die betrübte Ballade vom Menschen und den Tieren“) und mündet damit in den richtigen, für ihn zuständigen Himmel.

„Arche Noah SOS“ ist ein gewichtiger, mit eigener Geistigkeit bewehrter, mit unwiderstehlicher Musik werbender Dichterangriff auf
die deutsche Kulturreaktion.

Max Herrmann-Neiße: Walter Mehring: Arche Noah SOS; erschienen in: Die literarische Welt, 7. Jg. Nr. 19, Berlin 1931.

Joseph Roth besucht die Wilde Bühne

Am 6. November 1921 ist ein Text von Joseph Roth mit dem einfachen Titel „Wilde Bühne“ im Berliner Börsen-Courier erschienen. In ihm beschreibt er einen Abend in dem Kabraett von Trude Hesterberg, das erst zwei Monate zuvor, am 5. September 1921, im Keller des Theaters des Westens eröffnet worden war. Trude Hesterberg selbst sang das „Börsenlied“ Walter Mehrings. 

WILDE BÜHNE

Joseph Roth (1926)
Joseph Roth (1926) – Quelle: wikipeddia.de

Das literarische Kabarett Berlins fängt hier an, sich eine eigene Physiognomie zu schaffen. Noch ist jede einzelne Nummer ein Versuh. Noch schwankt man zwischen Wedding und Montmartre und schlägt zwischendurch einen harmloseren Ton an, den das Publikum auch gerne hört. Aber aus all den gepfeffert-erotischen, sozial-revolutionären und anspruchslos-heiteren Elementen entwickelt sich deutlich ein eigener deutscher Kabarettstil, weniger akademisch als der Morntmartre und dennoch literarisch wertvoll. Er bleibt der Wedekind-Tradition treu, ohne in ihr zu erstarren. Das deutsche Kabarett muß sich nun endlich entschließen, den didaktischen Ton abzulegen. Das Kabarett ist pointierte öffentliche Kritik, wie ein literarisches Witzblatt, und keine Besserungsanstalt.

Dem Novemberprogramm der „Wilden Bühne“ verleiht Leo Heller mit einigen Liedern aus der Welt des Nordens einen chrakteristischen Zug. Die „Berliner Moritat“ zum Beispiel, die Annemarie Hase zu einem scheußlich mißtönigen Leierkasten mit ironischer Realistik singt, hat alle Kennzeichen eines guten „Weddingliedes“. Es ist nicht stilisiert, sondern wahr. Es ist ohne Tendenz. Es trifft, ohne zu zielen. Trude Hesterberg singt das „Börsenlied“ von Walter Mehring. In diesem Lied ist schon der Krampf des Autors zu sehn: Er will unbedingt „der Zeit ihren Spiegel vorhalten“. Er übertreibt also – nicht künstlerisch, was selbstverständlich geboten wäre – , sondern sachlich. Trude Hesterberg schmettert (in einem ulkigen Börsenkostüm) diesen
Kampfgesang gegen die Börse mit erfrischender Sieghaftigkeit hinaus. Sie sieht dann in zwei andern Liedern („Die Knöpfelschuh“ von Heller und „Bein ist Trumpf“ von Radetzki-Janowitz) entzückend aus. Das ist gute, durch Literatur gemilderte und vertiefte Operettenkunst. Eine neue Nuance bringt Berthold Reißig mit „Liedern zur Laute“. Er hat noch etwas Provinz abzulegen. Maximiliane Ackers und Lotte Velden sangen und spielten (ein Ständchen aus dem 16.]ahrhundert, den Deutschen Tanz von Mozart). Maximiliane Ackers ist ein schelmisches Mädchen mit einer nicht immer ausreichenden Stimme, aber sehr viel Musikalität im Leibe. Ein „Racker“, der, ohne zu wissen, wie er ins Kabarett kam, nichts von Montmartre- und Weddingatmosphäre annimmt, sich selbst treu bleibt, mit frommer Fröhlichkeit zwitschert, wie’s kommt. Oh, Abwechslung und Labsal!

Kurt Gerron erzielt mit seiner pointiert-intellektuellen Art, großstädtische Chansons vorzutragen, und mit seiner reichen, rein mimischen Begabung große Wirkung. Alfred Beierle spricht  Wedekinds Ballade „Die Keuschheit“ mit großer Meisterschaft. Es gelingt ihm, den ganzen grausigen Weclekindhumor in einer einzigen Geste zu komprimieren, wenn er zum Beispiel eine Faust drohend emporstreckt, ehe er selbst hinter einer Stuhllehne zum Vorschein kommt. Sozusagen eine schauspielerische Pars pro toto. Ein fürchterliches Gelächter lebt in diesen Versen Wedekinds.

Wilhelm Bendow, der eine Dame von der Münchener Oktoberwiese darstellt, entfesselt mit treffenden satirischen Pointen Stürme der Heiterkeit. Er hat sich in seiner sachlich-ironischen Art zu einem Humoristen individueller Prägung entwickelt.

Marcel Glodki hat einige gute Bühnenbilder gezeichnet.

Pressetext zur Werkausgabe – Chronik der Lustbarkeiten / Staatenlos im Nirgendwo

Walter Mehring
CHRONIK  DER LUSTBARKEITEN
Die Gedichte, Lieder und Chansons 1918-1933
536 Seiten, Pappband, claassen Verlag GmbH, Düsseldorf, DM 38,–

STAATENLOS IM NIRGENDWO
Die Gedichte, Lieder und Chansons 1933-1974
276 Seiten, Pappband, claassen Verlag GmbH, Düsseldorf, DM 28,–

Beide Bände zusammen in Kassette: DM 58,–

Walter Mehrings Hauptwerk, die Gedichte, Lieder und Chansons aus über 50 Jahren, verstreut publiziert in 15 Gedicht- und Auswahlbänden sowie in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften, erscheinen nun zum ersten Mal gesammelt.

Chronik der Lustbarkeiten (1981)
Chronik der Lustbarkeiten (1981)

Der erste Band, die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN, enthält die Gedichte von 1918 bis 1933: von den ersten, in Herwarth Waldens „Sturm veröffentlichten expressionistischen „Verben-Kaskaden“ bis zu der berühmt gewordenen „Sage vom großen Krebs“, die in der „Weltbühne“ erschien, als Mehring bereits im Zug nach Paris saß und einem mehr als 20jährigen Exil entgegenfuhr. Viele dieser Gedichte, insbesondere die skandalträchtigen Dada-Verse und die politischen Satiren, sind später nie wieder gedruckt worden. Der Leser wird also Entdeckungen machen können und neben den „Schlagern“ aus Mehrings ( beraus erflolgreicher) Kabarettzeit unbekannte (zum Teil in Buchform noch nie publizierte) Gedichte und Songs finden. Er wird feststellen, daß Mehring sehr viel mehr ist als der Kabarettdichter aus Max Reinhards (sic!) „Schall und Rauch“ oder Trude Hesterbergs „Wilder Bühne“. Er wird einen Lyriker entdecken, der in seiner Poesie neue und auf verblüffende Weise moderne Ausdrucksformen gefunden hat. Mit welcher intuitiven Sicherheit er Litanei, Bänkelsang, Gassenhauer, Chanson, Couplet und Ballade auf ganz eigene, bisher nie dagewesene Weise verwendete, macht die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN schlagend deutlich.

Mehrings Balladen und Chansons über die großen und kleinen Leute, über Polizeipräsidenten, Kaiser, Seeleute, Fememörder, Spießer und politische Rattenfänger enthalten „akkurat die krasse Wahrheit“ (Max Herrmann-Neiße), und fast visionär nehmen viele vorweg, was 1933 politische Wirklichkeit werden sollte. Provozierend und sensibel trafen sie die Zeitstimmung, spiegeln eine ganze Epoche, und sind doch – heute wieder gelesen – viel mehr als Zeitgedichte: die „herrlich gereimten Lieder von einem in Deutschland fast nie gesehenen Wortreichtrum“ (Tucholsky) gehören zum festen Bestand der Poesie dieses Jahrhunderts. Nicht nur Brecht hat von Mehring gelernt; Tucholsky schrieb in einer begeisterten Rezension: „unfaßbar die Technik, wie der Refrain an die Vorstrophe herangeflogen kommt – vom Himmel hoch, da kommt er her. (…) Grund genug, diese Chansons doppelt zu lieben.“

Staatenlos im Nirgendwo (1981)
Staatenlos im Nirgendwo (1981)

Die Gedichte des zweiten Versbandes, STAATENLOS IM NIRGENDWO, sind fast ausschließlich im Exil entstanden. Mit trotziger Melancholie und tönender Verzweiflung über „das bißchen Vaterland“ und das, was im Reich passierte, schrieb Mehring Verse, die das Lebensgefühl der Exilierten paradigmatisch zum Ausdruck brachten. Die „Ode an Berlin“, „Die kleinen Hotels“ oder der „Emigrantenchoral“ gehören neben den schon im amerikanischen Exil berühmt gewordenen 12 „Briefen aus der Mitternacht“ sicher zum besten, was zwischen 1933 und 1945 zu diesem Thema geschrieben wurde.

Auch im zweiten Band sind zahlreiche Gedichte, nach Hitlers Machtantritt in verschiedenen antifaschistischen Zeitschriften in Prag, Paris, Zürich, New York, Buenos Aires u.a. erschienen, zum ersten Mal in Buchform veröffentlicht. Zwei Gedichte, eines aus dem amerikanischen Exil und ein weiteres aus dem Jahre 1966, sind Erstveröffentlichungen.

Die CHRONIK DER LUSTBARKEITEN ebenso wie STAATENLOS IM NIRGENDWO enthalten Gedichtfassungen in endgültiger Textgestalt. Die Anmerkungen geben zu den einzelnen Gedichten bibliographische und inhaltliche Hinweise (Erstdruck, Überarbeitungen, zeitgeschichtliche Erläuterungen). Ein ausführliches Nachwort des Herausgebers zu jedem Band führt den Leser in Biographie und Werk Mehrings ein. Im Anhang sind jeweils zeitgenössische Kritiken zu den einzelnen Versbänden abgedruckt, u.a. von Kurt Tucholsky, Max Herrmann-Neiße, Joseph Roth, Hans Sahl, George Grosz u.v.a.

Grosz hat Mehring den „Villon von der Spree“ genannt, andere haben ihn mit Heinrich Heine verglichen, und doch ist die vielschichtige, frappierend „heutige“ Poesie Mehrings mit solchen Kategorisierungen kaum zu fassen. Der Leser hat nun zum ersten Mal die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen von diesem großen Dichter Walter Mehring, der sich als Satiriker radikal mit seiner Zeit auseinandergesetzt hat und mit seinem Werk doch weit über sie hinausweist – wie alle große Dichtung.

Walter Mehring
wurde am 29. April 1896 in Berlin geboren. Die ersten Gedichte veröffentlichte er 1918 in Herwarth Waldens „Sturm“ und in verschiedenen Dada-
Zeitschriften. Seine Gedichte, Lieder und Chansons machten ihn früh berühmt und bald bei den Nationalsozialisten verhaßt. 1933 entging Mehring nur knapp seiner Verhaftung durch die SA, er emigrierte, wurde 1939 und 1940 in Frankreich interniert und entkam 1941 in die USA. Nach dem Kriege kehrte er nach Europa zurück. Heute lebt er in einem Pflegeheim in Zürich.

In der Walter-Mehring-Werkausgabe bei claassen sind erschienen: „Müller. Chronik einer deutschen Sippe“. Roman; „Die verlorene Bibliothek“. Autobiographie einer Kultur; „Wir müssen weiter“. Fragmente aus dem Exil; „Die höllische Komödie“, Drei Dramen; „Paris in Brand“. Roman; „Algier oder Die 13 Oasenwunder/Westnordwestviertelwest“. Zwei Novellen; Die Walter-Mehring-Werkausgabe wird herausgegeben
von Christoph Buchwald.

Die Pressesstelle des Claassen-Verlags hat diesen Pressetext als “Besprechungsunterlage” mit dem Band für die Rezension verschickt. Zwei Belege der Rezension hat sich der Verlag von den Rezensenten erbeten. (A.O.)

Mehr Pressetexte zur Werkausgabe:
Die Höllische Komödie
Paris in Brand
Müller / Die verlorene Bibliothek
Algier oder die 13 Oasenwunder – Westnordwestviertelwest
Verrufene Malerei – Berlin DADA
Die Nacht des Tyrannen