Walter Mehring führt Bert Brecht bei Trude Hesterberg ein

Trude Hesterberg: Was ich noch sagen wollteEines Abends, nach der Vorstellung, rief mich Walter Mehring in den leeren Zuschauerraum. Er stellte mit einen jungen Mann vor. Es war ein stiller, blasser Mensch, mit tiefliegenden dunklen Augen, vonspringendem spitzern Nasengiebel und einem sanften Mund. Dünn und schmal waren auch die
Hände, die aus der zu kurzen Jacke hervorschauten. Alles an ihm sah ärmlich und mager aus, und wenn ihn nicht Mehring persönlich angebracht hätte, ich hätte ihn Wohl kaum beachtet. »Herr Brecht spielt und singt zur Laute und möchte gern bei dir auftreten«, äußerte Mehring schlicht.  »Ja?« fragte ich. Der junge Mann blieb weiter still, nur seine runden schwarzen Augen musterten mich abschätzend. »Wie wär’s also, wenn Sie mal an einem Donnerstag . . .«
››Nein«, unterbrach mich Mehring, »das geht nicht, wir werden zu dir in die Wohnung kommen.« – ››Na schön«, antwortete ich, »dann kommt mal an einem Sonntagvormittag, da habe ich mehr Zeit!«

Ich hatte das Gespräch längst vergessen, als eines trüben Sonntagvormittags meine Wirtin ihren Kopf mit den abstehenden Ohren zum Schlafzimmer hereinsteckte und lakonisch erklärte, draußen stünde der Mehring mit »noch so ’nem Kerl«. Aus war’s mit der ersehnten Sonntagsruhe. Meine Laune sank auf den Nullpunkt. Aber Mehring war unerbittlich, wenn er sich etwas vorgenommen hatte, und so schlüpfte ich in den Morgenrock und latschte ins »liebliche Eßzimmer« mit dem obligaten viereckigen Tisch und den hochlehnigen Stühlen, auf denen die zwei bereits hockten.

»Na«, fragte ich Herrn,Brecht ohne jede Stimmung, ››wo ist denn Ihre Laute?« Zum ersten Mal öffnete der junge Mann seinen Mund. ››Die habe ich nicht bei mirl« Ich schaute verblüfft auf Mehring. ››Na«, meinte der, »wir dachten, du könntest doch die von der Ackers holen lassen!« Maximiliane Ackers sang bei mir auf der Laute Lieder aus dem 17. Jahrhundert, und aus diesem Jahrhundert stammte auch, wie sie behauptete, ihre Laute. Resigniert gab‘ ich zu  bedenken, daß sie die uns nicht so ohne Weiteres überlassen würde. Nach
einigen telefonischen Beschwörungen wurde das Instrument dann doch herbeigeschafft, und als Bert Brecht die ersten Töne anschlug, wurde ich hellwach. Gleich das erste Lied, ››Die Ballade vom Jakob ApfeIböck«, ließ aufhorchen. Brechts Stimme war hart, hatte etwas Endgültiges, mit einem Schuß Dämonie, die. auch im Text zum Ausdruck kam. Er sang von einem Knaben, der seine Eltern umbrachte, sie in einen Schrank sperrte und dort verwesen ließ:

Und als sie einstens in den Schrank ihm sahn
Stand Jakob Apfelbôck in mildem Licht
Und als sie fragten, warum er’s getan
Sprach Jakob Apfelböck: Ich weiß es nicht.

Der Novembertag draußen wurde noch grauer, und kein »mildes Licht« erschien, als Brecht das zweite Lied begann, »Die Ballade vom toten Soldaten«. Als er endete, war es eine Zeitlang sehr still im Zimmer geworden. Wir schwiegen. Nach einer Weile sagte ich: »Na ja, dann werden wir das
morgen noch einmal nach der Vorstellung auf der Bühne probieren.« – »Warum?« fragte Brecht erstaunt. »Wegen der Beleuchtung«, beharrte ich. Darauf gingen wir auseinander.

Die Probe kam, und Brecht war pünktlich, diesmal mit Laute. »Sind Sie überhaupt schon mal auf so einer Bühne aufgetreten?« fragte ich ihn, »es gibt bei uns nämlich keinen Souffleurl Was machen Sie also, wenn Sie steckenbleiben?« In rauhem »Augsburgerisch« erklärte er mir, daß er sich hinten an den schwarzen Hintergrund der Bühne einen kleinen Zettel anpicken Würde. Im Notfall würde er von dort den Anschluß ablesen. Ich fand das recht originell.

»Und was für Licht wollen Sie?« – »Dunkel«, meinte er lakonisch. »Also, Schäfer«, rief ich dem »Mädchen für alles« zu, »dann ziehen Sie Grün ein, das ist das dunkelste, das wir haben. Brauchen Sie sonst noch was?« – »Vielleicht noch einen Stuhl!« war die Antwort.

Jetzt war somit alles in Ordnung. Der Abend seines Auftritts kam. Es wurde ein solider, handfester Skandal mit Pfiffen und allem Drum und Dran. Ausgelöst wurde er dadurch, daß Brecht im zweiten Song steckenblieb und rückwärts strebte, um sich seinen Zettel zu betrachten. Schon vorher, bei seiner ersten Ballade, kam nur zögernd Applaus. Aber dann, als er wieder nach vom kam, sich ruhig auf seinen Stuhl setzte und mit der Strophe begann:

Und als der Krieg im vierten Lenz
Keinen Ausblick auf Frieden bot
Da zog der Soldat die Konsequenz
Und starb den Heldentod.

ging der Tumult los. Ich mußte notgedrungen den Vorhang fallen lassen, um dem Radau ein Ende zu machen, und Walter Mehring ging vor den Vorhang und sagte jene bedeutsamen Worte: »Meine Damen, meine Herren, das war eine große Blamage, aber nicht für den Dichter, sondern für Sie! Und Sie werden sich noch eines Tages rührnen, daß Sie dabeigewesen sind!«

Ich glaube nicht, daß sich je einer gerühmt hat, denn es war zufällig, und das hatten wir damals alle vergessen, »Die grüne Woche« in Berlin. Also waren es weder Brecht noch seine Texte, noch seine Musik (››Misuk«, wie er immer sagte). Schuld an dem Skandal waren lediglich die Herren mit dem ach so beliebten Gamsbart am Hut.

Mit Ende des Monats venschwand der mönchsgesichtige Brecht eine Zeitlang aus meinem Blickfeld. Ab und zu trafen wir ihn jedoch bei Schwannecke in heftigen Disput mit seinem Antipoden Bronnen verstrickt.

Erst viel später sollte mich das Schicksal wieder mit Brecht zusammenführen.

(Trude Hesterberg: Was ich noch sagen wollte… ; Ost-Berlin: Henschelverlag 1971; S. 106ff.)

 

 

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