Zwei wunderbare Illustrationen von Günther Stiller

"Mord und Totschlag, Gift und Galle" ausgewählt und vorgestellt von Frederik Hetmann mit gar schauerlichen Bildern versehen von Günther Stiller
„Mord und Totschlag, Gift und Galle“ ausgewählt und vorgestellt von Frederik Hetmann mit gar schauerlichen Bildern versehen von Günther Stiller

Wie Flugblätter sind alle Gedichte, Moritaten und Bänkelgesänge des Buches „Mord und Todschlag, Gift und Galle“ gestaltet. Ob Moritaten über Verbrechen aus dem 19. Jahrhundert oder von Aufständen, ob Lieder über historische Ereignisse wie den Frankfreichfeldzug Napoleons oder über Kasper Hauser, Günther Stiller formt treffliche Bilder zu den Texten.

Die Anthologie der Büchergilde Gutenberg wurde von Frederik Hetmann zusammengestellt und herausgegeben. Im sechsten Kapitel versammelte er unter der Überschrift „Dichter spielen Bänkelsänger“ Texte von Theodor Fontane bis Walter Mehring. Natürlich fehlen auch Frank Wedekind, Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky nicht. „Zwei wunderbare Illustrationen von Günther Stiller“ weiterlesen

Hans Bauer erinnert sich nur vage an seinen Autor Mehring in „Der Drache“

Damals in den zwanziger JahrenAuch andere renommierte Schriftsteller der zwanziger Jahre bekundeten gelegentlich, auch wenn sie nicht gleichzeitig Mitarbeiter des Drachen waren, ihr lnteresse an der Existenz der Zeitschrift. So erkundigte sich Tucholsky einmal bei Reimann, „ob er in Leipzig wohl sehr beliebt sei“, und Roda Rocla wollte wissen, ob er verrückt wöre: „So viel Verstand und Witz in der Provinz zu verpuffen! Sie vergeuden lhre Jahre! Nehmen Sie sofort auf meine Kosten ein Billett nach
Berlin uncl geben Sie dort den Drachen heraus!“

Zweimal tauchte auch der Name Wieland Herzfelde im Drachen auf, des sozialistischen Publizisten und Schriftstellers, der damals den von ihm gegründeten hochverdienstvollen Malik-Verlag leitete. ln einer Zuschrift geht Herzfelde auf einen Artikel Kurt Hillers ein, in dem Klage darüber geführt worden war, daß sich der Buchautor keine Gewißheit
darüber verschaffen könne, wie viele Bücher sein Verlag nun wirklich verkauft habe. Und Walter Mehring berichtet über einen Prozeß, der gegen die Verantwortlichen einer Dada-Ausstellung geführt worclen war, zu denen neben dem Maler George Grosz auch Herzfelde gehört hatte.

Dann müssen ja wohl auch einige Zeitgenossen den Drachen gelesen haben, die gewiß nicht zur geistigen Repräsentanz ihrer Tage zählten, aber auf  ihre Weise einige Tupfen für das Zeitkolorit lieferten. Die Romantante Courths-Mahler, die mehrfach von der Zeitschrift schlecht behandelt worden war, schrieb einen Brief an Reimann, der dartun sollte, daß sie auch überlegene lronie auf ihrer Klaviatur habe. Dem „großen Meister“ und „edlen Mann“ wurde in „gebührender Demut und Verehrung“ nahegebracht, daß sie noch gar nicht so zerschmettert sei, wie er es sich wohl einbilde, und daß sie fortzufahren gedenke, „ihrem Publikum mit harmlosen Märchen einige sorglose Stunden zu schaffen“.

Kräftiger ging es bei Louis Häußer zu, dem „Propheten“ der zwanzigerlahre. „Du bist Scheiße“, schrieb er dem Herausgeber, „ich aber bin das Perpetuum mobile. Ich bin der Untergang des Abendlandes. lch bin Christus, ja. ich bin Gott! Falle auf die Knie vor mir und bete mich an – du Langohr!“ Bestand mit der Mehrzahl der Drachenmitarbeiter reger Umgang und enger persönlicher Kontakt, so gab es auch andere, die ich nur selten oder gar nicht zu Gesicht bekam. So habe ich nur verschwommene Erinnerungen an den satirischen Chansondichter Walter Mehring, den Essayisten Ossip Kalenter und an Heinrich Wiegand. Der Name des letzten ist wohl kaum noch jemandem aus derjüngeren Generation bekannt. Aber er genoß damals großes Ansehen als Musikkritiker, Kunstbetrachter, Feuilletonist. Hauptsächlich schrieb er für die „Leipziger Volkszeitung“ und den „Kulturwillen“, das Mitteilungsblatt des sehr aktiven Leipziger Arbeiterbildungsinstituts. 1933 flüchtete er nach der Schweiz, starb aber dort bald. Nach der einen Version endete er durch Selbstmord, nach der anderen wurde er von einer Katze gebissen und erlag einer Blutvergiftung. Niemals hat sich Wabo vorgestellt, der Woche für Woche aus Berlin vortreffliche politische Zeitgedichte sandte. Er scheint übrigens nirgendwo anders als im Drachen geschrieben zu haben.

(Hans Bauer: Damals in den zwanziger Jahren; in: Wolfgang U. Schütte (Hg.): Damals in den zwanziger Jahren – Ein Streifzug durch die satirische Wochenschrift „Der Drache“, mit Erinnerungen von Hans Bauer, dem ehemaligen Herausgeber des „Drachen“, einer Textauswahl und biographischen Notizen von Wolfgang U. Schütte, original für den „Drachen“ geschaffenen Zeichnungen von Max Schwimmer und zahlreichen Autorenporträts; (Ost-) Berlin: Buchverlag der Morgen 1968, S. 39 f.)