Zum 120. Geburtstag Walter Mehrings

 

Walter Mehring unter Freunden und Kindern, rechts: Paul Citroen (Aufnahme: Martin Wasserzug, 1913) | Quelle: www.luise-berlin.de

In der Derfflingerstraße in Tiergarten gibt es einige Gedenktafeln, die an berühmte oder wichtige Menschen erinnern, die einst hier lebten. An Carl Scheibler, einen wichtigen Chemiker, der sich mit Zucker beschäftigte, wird gedacht. An Ernst Unger, den Leiter einer einst berühmten chirurgischen Privatklinik, wird ebenfalls erinnert. An Herrmann Müller, den Sozialdemokraten und Außenminister der Weimarer Republik, der den Versailler Vertrag unterschrieb, wird erinnert. Das Französische Gymnasium hat hier seinen Sitz und gedenkt mit Tafeln an wichtige Lehrer aus seiner langen Geschichte. Aber in der Derfflingerstraße 3, wo bis zu einem Bombentreffer das Haus stand, in dem Walter Mehring heute vor 120 Jahren geboren wurde, gibt es keine Gedenktafel.

Anders als in Zürich, wo die Stadt das Ehrengrab für den Schriftsteller, Dichter, Kabarettautor und Journalisten bezahlt. In Zürich ist Walter Mehring gestorben. Wesentliche Werke hat er hier nicht mehr geschrieben. Aber die Stadt weiß um seine Bedeutung. Berlin aber, die Stadt, in der Mehring bei DADA mitbegündete und in den Kabaretts der 20er-Jahre zu den bedeutendsten Autoren zählte, hat ihn vergessen. Berlin weiß nicht mehr – oder will nicht mehr wissen – dass Mehring einer der ersten Hörspiel-Autoren im neuen Rundfunk überhaupt war. Berlin will auch nicht daran erinnern, dass mit Walter Mehring einer Kind der Stadt (und nicht ein Zugezogener) zu den großen literarischen und kulturellen Impulsgebern der 1920er-Jahre gehörte. Lediglich die Volksbühne hat vor einigen Jahren mit einer Neuinszenierung des „Kaufmanns von Berlin“ an ihn und den größten Theaterskandal der Weimarer Republik erinnert.

 

Zwar gibt es den Mehringplatz und den Mehringdamm. Aber die erinnern nicht an Walter Mehring, sondern an Franz Mehring, der nicht mit ihm verwandt war. Der marxistische Historiker, Publizist und frühe Karl-Marx-Biograph ist zwar vielen auch nicht mehr bekannt. Und immer wieder denken Berliner und Zugezogene, dass Platz oder Damm Walter Mehring gewidmet sind, aber sie liegen falsch. Angesichts der großen Bautätigkeit der Stadt wäre es aber durchaus denkbar, eine neue Straße nach Walter Mehring zu benennen. Vielleicht ja zum 125. Geburtstag in fünf Jahren. Es kann doch nicht angehen, dass sämtliche Erinnerungsleistung in Zürich liegt, wo nicht nur die Rechte an seinem Werk verwaltet werden, sondern auch im Elster-Verlag seine Texte neu erscheinen. Nach der „Die verlorene Bibliothek“ der Lyrik-Band „Dass diese Zeit und wieder singen lehre“ und ganz aktuell „Sturm und Dada“.

19 Verlage gratulieren Mehring zum 70. Geburtstag

Die Neunzehn \'66

Walter Mehring zum Gruß

Die Neunzehn '66 Er ist klein und zart und zäh. In ihm personifizieren sich die zwanziger Jahre Berlins, wie in nur wenigen anderen. Er ist ein Satiriker und ein Polemiker. Ein Chanson-Dichter und ein Essayist. Er hat Dramen geschrieben (»Der Kaufmann von Berlin«) und kesse Lieder-Texte; Er War Autor der »Weltbühne« und vorher noch beim »Sturm« und bei Hardens »Zukunft«. Er ist ein Literat, wie ihn nur die vehemente, aufbrechende, revoltierende Zeit des Umbruchs vom Kaiserreich zur Republik hervorbringen konnte. Er war der »Bänkelsänger von Berlin«, nicht minder aggressiv, als seine heutigen Nachfahren, doch von kultivierterem Geschmack. Er rezitierte seine Gedichte dort, wo Berlin am Berlinischsten war, am Wedding und er gehörte in den Kreis der Tucholsky, Brecht, Klabund, Piscator, Kästner und Walden. Berlin war ihm die Heimat, die er liebte und deren Gesellschaft er attackierte: »… Mach Kasse! Mensch! Die Großstadt schreit! Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit…« Und der Wedding war sein Montmartre. Ein »Asphalt-Literat« – welch ein Ehrentitel. Und jetzt wird er 70 Jahre alt, am 29. April 1966. Doch ist dies nur die eine Seite dieses Mannes, dessen Büchern die Ehre widerfuhr, 1933 auf den Scheiterhaufen zu Wandern: Noch 193 3 hatte er mit seiner »Sage vom großen Krebs« warnend seine Stimme erhoben. Mehring ist überdies ein Kunstkenner von Graden. Er hat Kunstgeschichte studiert und in den letzten Jahren hat er seine Aufmerksamkeit mehr und mehr der bildenden Kunst zugewandt. Nach dem Kriege trat er in Deutschland zum ersten Mal wieder mit seiner »Verlorenen Bibliothek« in Erscheinung, die er die  »Autobiographie einer Kultur« nennt – Rekonstruktion der väterlichen, verlorenen Bibliothek, die ihn nach den Werten suchen ließ, welche »weiter für uns gültig sind«. Seine Bücher sind verstreut erschienen, bei Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch und im Diogenes Verlag und anderswo. So hat auch sein Werk kein rechtes, festes Haus gefunden. Zwar sind für ihn die langen Jahre des Exils, die ihn über Frankreich in die Vereinigten Staaten führten, zu Ende. Er lebt jetzt in der Schweiz und fühlt sich dort zu Hause, wie überall, wo er an einem »Schreibtisch sitzen darf – gedankenfrei, träumend und hoffend auf ein Diesseits und Jenseits der alten und neuen Welt; in einer American Democracy; in der Deutschen Bundesrepublik; grenzenlos; außerhalb jeder Diktatur – als ein freier Schriftsteller«. Aber sein Berlin wird er, vermutlich, doch noch gelegentlich vermissen.

S .-F .

( S.-F.: Walter Mehring zum Gruß; in: Die Bücher der Neunzehn (hg.): Die Neunzehn ’66 – Texte und Information, München 1966, S. 22.)