Essad Bey feiert Algier oder die 13 Oasenwunder

WALTER MEHRING
ALGIER ODER DIE 13 OASENWUNDER
(Verlag „Die Sclımiede“, Berlin)

Algier oder Die 13 Oasenwunder (1925)Es gibt Bücher, die man in einer Nacht, ohne sie aus der Hand zu legen, ausliest und dann irgendeiner Freundin schenkt. Es gibt auch solche, deren Weisheit man in langen Wochen in sich einsaugt, und die man dann im Bücherschrank versteckt , damit sie kein fremdes Auge sieht. Es gibt aber auch Bücher, die man in einer Nacht auslesen möchte,  und die man doch nicht ausliest, weil man sie auch morgen und übermorgen und noch nach drei Tagen lesen will, und die man nie einer Freundin schenken würde.

Ein solches Buch ist „Algier“ von Walter Mehring.

Heutzutage ist es Sitte, daß jeder Europäer, der an einer Cook-Rundreise nach dem Orient
teilnahm und kein literarischer Analphabet ist, ein Buch (und zwar ein schlechtes Buch) über den Orient schreibt. So steht man jeder Neuerscheinung auf diesem Gebiete etwas skeptisch gegenüber: Denn es gibt keinen Orient mehr, oder es ist sehr wenig von ihm übriggeblieben, oder er hat sich verborgen und wird nur den Augen eines Dichters sichtbar; und ein solcher Dichter ist Walter Mehring. Das, was der Reisende in Algier sieht, sind schmutzige Straßen, verlauste Kinder, zerstörte Moscheen, neuerbaute Hotels und kommunistische Flugblätter, die jemand als „Teppich des erwachenden Asiens“ bezeichnete. Das, was Walter Mehring in Algier sah (oder nur fühlte), war nicht nur der Staub von heute, sondern es war auch der Orient, der letzte Fetzen jenes Orients, der einst die Moscheen von Buchara erbaute, auf den Teppichen der Alhambra Verse rezitierte an Lepra erkrankt, und zuletzt das schöne Wort „Backschisch“ erfand. Dabei bleibt Walter Mehring ein moderner Dichter des 20. Jahrhunderts, der seine romantische Pietät gut unter den Schleier des ironischen Lächelns zu verbergen weiß. Er macht das wie Ehrenburg, sein großer russischer Kollege, dem man auch nie die Gedanken ablesen kann.

Wer nie im Orient war, wer von dem Lande des Halbmonds nur träumen kann, der lese
keine Reisebeschreibungen, der lese nicht die Mitteilungen der zahlreichen königlichen und nichtköniglichen Akademien der Wissenschaften, der lese die 13 Oasenwunder von Walter Mehring, denn das, was darin steht, ist nicht nur Algier, sondern das ganze Araberland, von den Bergen des Atlas bis zu den Schneegipfeln des Libanon.

(Essad Bey: Walter Mehring: Algier oder Die 13 Oasenwunder; in: Die literarische Welt, Nr. 22, 1927.)

Max Herrmann-Neiße bespricht „Arche Noah SOS“

Walter Mehring: Arche Noah SOS

Arche Noah SOS (1931)
Arche Noah SOS (1931)

Das ist mehr als das brauchbarste Arsenal für ein radikal kämpferisches, überlegen geistiges Kabarett, das ist ein lyrischer Zeitspiegel von gewíssenhafter Schärfe und unerbittlichem Wahrheitsmut. Einem sintflutwürdigen Weltzustand sagen diese saftigen Gesänge die bittere Meinung. Mehring hat hier zwei herrliche Eigenschaften, die bei der heute üblichen Art der Künstler, sich vor eindeutiger Stellungnahme zu drücken, dumm zu stellen, in neutrale Spielplätze zu retten, ebenso selten wie aller Ehren wert sind. Er bekennt sich zu seinen menschlichen, freiheitlichen Prinzipien nicht Weniger mannhaft, als das die Anhänger barbarischer Ansichten zu tun pflegen. Und er kann seine Überzeugung auf eine Art ausdrücken, die jedem Menschen leicht eingeht und auch dem Einfachsten sich mit ihrer volkstümlichen Musik einprägt. Es ist stilistisch interessant, die Entwicklung seiner Form zu beobachten. Da wurde aus der Tradition von Pottier bis Bruant und einem Schuß Spreewasser mit Zielsicherheit diese jetzt ganz gefestigte, unverwechselbare Walter-Mehring-Weis, eine Diktion, die den einfachsten Ausdruck, Vertrautheit mit allerlei Mundartlichkeit, ein drängendes Vorwärts im Rhythmus, echte Keßheit und ebenso echte Herzlichkeit niet- und nagelfest eint und in sicherlich strenger Arbeit zum straffpointierten Schlager stählt. Ein Bänkelsang-Swift, möcht man sprechen, wobei das Wort Bänkelsang keine Herabsetzung sein soll, im Gegenteil, die Anerkennung, wie nah Mehring dem heut möglichen Begriff Volkslied kommt. Wer Ohren hatte zu hören, konnte es schon aus Mehrings früheren Werken heraushören; in diesem neuen Bande dürfte es wohl auch für Begriffsstutzigere spürbar sein, daß Mehring auf seine Fasson ein ernst zu nehmender, echter Lyriker ist. Das ist keine journalistische Fixigkeit, die aus der Zeit gereimte Zeilen schindet, sondern liebebedürftiges, liebewilliges Poetentum, das an der Tücke des gegenwärtigen Tatbestandes leidet. Die Provokation kommt aus der eigenen Todesverzweiflung, das Segenswort für alle Art Kummer ist so drastisch, wie es sein muß. Die „Kantate von Krieg, Frieden und Inflation“ enthält akkurat die krasse Wahrheit über ein Stück Historie, aus dem sinnlosen Wüsten unserer sogenannten Rechtspflege werden drei besonders arge Fälle konserviert, „Gebet über Beuthen“ ist hochaktuell als massive Absage an allen nationalen Beneblungsdreh. Schließlich gibt es die phantastischen, überlebensgroßen Gebilde „Mond und Liebe über großen Städten“, „Singweise vom Paradies“ (in wundervoller Leichtigkeit und Grazie), zuletzt nimmt Mehrings Ton etwas von Benn an („Das Lied vom Schlaf der Tier- und Menschenjungen“ und „Die betrübte Ballade vom Menschen und den Tieren“) und mündet damit in den richtigen, für ihn zuständigen Himmel.

„Arche Noah SOS“ ist ein gewichtiger, mit eigener Geistigkeit bewehrter, mit unwiderstehlicher Musik werbender Dichterangriff auf
die deutsche Kulturreaktion.

Max Herrmann-Neiße: Walter Mehring: Arche Noah SOS; erschienen in: Die literarische Welt, 7. Jg. Nr. 19, Berlin 1931.

Tom Reiss berichtet über die Freunde Essad Bey und Walter Mehring

Tom Reiss hat 2006 eine wunderbare Biografie über Essad Bey veröffentlicht. „Der Orientalist – Auf den Spuren von Essad Bey“ ist ein Buch voller Überraschungen und Verblüffungen, wie sie wahrscheinlich nur ein Leben im 20. Jahrhundert hervorrufen kann. Essad Bey war auch mit Walter Mehring gut bekannt, ja vielleicht sogar befreundet. Tom Reiss beschreibt in dem zitierten Stück unten das Leben in den Berliner Caféhauszirkeln:

„In diese verqualmten Räume, in denen verrückte Gedanken erblühten und man sich noch verrückter gebärdete, passte ein turbantragender aserbaidschanischer Literato mit Dolch namens Essad Bey gut hinein, obwohl den jeder irgendwie auch als Lev Nussimbaum kannte. Diese Welt der Kaffeehausreisenden war die ideale Bühne für Lev, auf der er seinen Auftritt als Orientale perfektionieren konnte, wobei aber dieser Auftritt niemandem etwas nützte außer ihm selber. Denn genau das war das Charakteristikum des Kaffeehauslebens: die Auftritte richteten sich im Wesentlichen immer nur an das eigene, verletzliche Ego. Hilfreich war dabei auch, dass hier niemand nach Geld oder Universitätsdiplomen fragte.

Der zehn Jahre ältere Walter Mehring war damals schon ein bekannter Mann, und wahrscheinlich hat Lev durch ihn den Zugang zur Kaffeehausszene gefunden. Aber auch Lev wirkte anregend auf seinen häufig depressiven Freund. Mehring war der wichtigste Verfasser der Couplets und frechen Sprüche jenes politischen Kabaretts gewesen, das Joel Grey später versuchte, in seinem Broadway-Musical und in dem Film Cabaret wieder aufleben zu lassen (die Darstellung im Film war allerdings ein Anachronismus, denn dieses bissig satirische Kabarett war schon Ende der zwanziger Jahre praktisch tot, als der Nationalsozialismus sich erst in den Anfängen befand). Seinen Höhepunkt hatte das politische Theater, so unwahrscheinlich es auch klingen mag, wohl im Berlin der Kaiserzeit erlebt; die Zensur machte die Witze lustiger. Mehring war der Star gewesen, als das Kabarett seine unbestrittene Blütezeit feierte, d.h. in den Jahren der Revolution von 1919 bis zum Ende des Inflationsjahres 1923. Danach glitten die Berliner Kabarettnummern auf ganz eigene Weise ins Varietehafte und Burleske ab, und das Revuetheater, in dem Mädchen als Soldaten, Ärzte, Sträflinge oder Eskimos auf der Bühne tanzten, trat an die Stelle der anspruchsvolleren, zum Nachdenken anregenden Unterhaltung der Jahre zuvor. Die Hauptkonkurrenz für das Revuetheater mit seinen Tanzgirltruppen stellte nicht das Kabarett dar, sondern eine Unterhaltungsform auf noch niedrigerer Stufe: Revuen, in denen die Tänzerinnen sich nackt präsentierten. 1927 warben in Levs Berlin bunte Neonreklamen ganz unverblümt: »Nackte Tatsachen, die Welt unverschleiert« oder »Potzblitz! 1ooo nackte Frauen!« Levs Schriftstellerkollegen Walter Benjamin und Siegfried Kracauer verbrachten viele vergnügliche Stunden damit, die verschiedenen Aspekte der sich in solchen menschlichen Darbietungen offenbarenden mechanischen Reproduzierbarkeit zu analysieren – kritisch, wie sich versteht.

Mitte der zwanziger Jahre war aus dem echten Berliner Kabarett eine durch und durch politische Veranstaltung geworden. Auf der einen Seite gab es die Darbietungen kommunistischer Agitpropgruppen, auf der anderen die pronationalsozialistischer, völkischer Unterhaltungskünstler. Die ursprünglichen Dadaisten wie Walter Mehring hatten genug davon, sie hatten die Schnauze voll. Vielleicht war es ja Lev, der Mehring vorschlug, Berlin zu verlassen und eine Reise durch Algerien anzutreten. Ganz gleich, wie er auf den Gedanken kam, die Reise wirkte sich belebend aus und führte zu Mehrings erstem Prosawerk: Algier oder die 13 Oasenwunder. Das Buch Exodus habe ihn auf seinem Weg in die Pyramidenstadt Ghardaja in der Sahara, im algerischen M’zab begleitet, wo die Abaditen mit ihren islamischen golus leben, erinnerte sich Mehring. Bei ihnen hätten die letzten authentischen Israeliten gewohnt, die sich selber Ishuruni, die Aufrechten, nannten. (Auffallend ist, dass der Kaffeehausorientalist, wohin er seine Schritte auch lenkte, immer wieder auf eigenartige Juden stieß. Ganz besonders dann, wenn er selber ein Jude war, und so wie Lev oder auch Walter Mehring, versuchte, seine Identität zu verbergen.)

Lev schrieb eine begeisterte Kritik über das Buch seines Freundes in der Literarischen Welt. Darin sagte er, die meisten Reisebeschreibungen seien für Europäer so enttäuschend, weil sie dem Orient seine Seele nähmen, in diesem Buch jedoch, dessen Verfasser es besser wusste, obwohl er sich bis zu dem Zeitpunkt nie weiter nach Osten vorgewagt hatte als bis nach Budapest, könne der Leser den wahren Orient entdecken. Der Grund dafür sei, dass Walter Mehring überall Poesie sah und hörte, und »dass es keinen Orient mehr (gibt), oder sehr wenig von ihm übrig geblieben (ist) oder er sich verborgen (hat) und nur den Augen des Dichters sichtbar (wird) … Wer nie im Orient war, wer von dem Lande des Halbmondes nur träumen kann, der lese keine Reisebeschreibungen, der lese nicht die Mitteilungen der zahlreichen königlichen und nichtköniglichen Akademien der Wissenschaften, der lese die 13 Oasemvunder von Walter Mehring …«

Aber man las nicht Mehring, man las Essad Bey.

Bis Lev im Alter von achtundzwanzig Jahren die Literarische Welt verließ, hatte er 144 Artikel für die Zeitung geschrieben, mehr sogar als Walter Benjamin, der ebenfalls zu Willy Haas’ Lieblingen zählte. Außerdem hatte er noch ein gutes Dutzend sehr erfolgreicher Bücher publiziert. Sein Freund und späterer Mitarbeiter George Sylvester Viereck schrieb einmal, Essad Bey könne ein Zimmer betreten und käme schon nach wenigen Stunden mit einem fast fertigen neuen Manuskript wieder heraus. Das mag zwar etwas übertrieben sein, aber Lev produzierte so viel und so flüssig, dass es schon beinahe nicht mehr anständig war. 1934 schrieb Werner Schendell, sein Verleger und Agent, ihm einem Brief, in dem er ihn um etwas bat, was ein Autor sicherlich nicht oft zu hören bekommt, und schon gar nicht, wenn es sich bei dem Autor um den Verfasser von äußerst erfolgreichen Büchern handelt, der stolz darauf sein durfte, dass siebzehn seiner Werke auch im Ausland verlegt wurden. Schendell bat seinen Autor, »nicht mehr so viel Bücher herauszubringen … Man darf nicht als Vielschreiber gelten … besser immer mal wieder ein Jahr dazwischen eine Pause machen«.

(…)

Haas und Mehring sowie Levs andere Kollegen wussten wahrscheinlich über seine wahre Herkunft Bescheid, d.h. bis 1930 wussten sie es ganz sicher, doch in der Öffentlichkeit sprachen sie nie darüber. Als sein erstes »autobiographisches« Werk, Öl und Blut im Orient, erschien, begann der nicht genannte Verfasser seine Besprechung des Buchs in der Literarischen Welt folgendermaßen: »Man kennt Essad Bey aus der >L.W.<, aber man kannte ihn bis heute noch nicht, man dachte bisher bei seinem Namen an ein Pseudonym, und steht staunend vor diesen seltsamen Lebensaufzeichnungen eines in Baku in Aserbeidjan geborenen Asiaten, Sohn eines mohammedanischen Feudalen und einer russischen, revolutionären Intellektuellen.« Ob nun Haas nur so tat, als ob der Herausgeber tatsächlich im Unklaren war über die Herkunft seines aus Russland geflohenen Kollegen im kaukasischen Kostüm, lässt sich unmöglich sagen. Die meiste Zeit seines Lebens redete Lev mit seinen Autorenkollegen stets in einem witzelnden Ton über seine »Verwandlung« von Lev in Essad, bis ihn das Schicksal schließlich an einen Ort verschlug, an dem er über solche Dinge nicht mehr scherzen konnte. “

Tom Reiss: Der Orientalist – Auf den Spuren von Essad Bey; Berlin: Osburg Verlag 2008, S. 256 ff. 

Rudolf Kurtz freut sich über Mehrings erstes Bestiarium

NICHTEUKLIDISCHE TIER-GEOMETRIE

Mein Freund Harburger sagte wieder einmal: „Für feinere Denkarbeit ist das Gehirn zu grob. Da muß der Bleistift sich selbständig machen und in more mathematico drauflos gehen. Sie glauben an das Endgültige des dreidimensionalen Raums, weil Ihre Vorstellung nichts anderes zulässt. Aber denken dürfen Sie doch einen mehrdimensionalen Raum, der zu ganz neuen mathematischen Axiomen führt. Schließlich kommen auch praktische Resultate heraus, wie bei Einstein.“

Harburger selbst hat einen sehr kühnen Vorstoß gemacht. Wie der euklidische Raum nur einen Spezialfall des allgemeinen Raums ist, versucht er es mit einer allgemeinen Logik, zu der sich unsere klassische Logik als ein sehr begrenzter Typus verhält. Es sind eminent interessante Sachen dabei herausgekommen, die Töne der Musik und die Einsteinschen Formeln.

Ist es nun nicht sehr verständlich, daß Walter Mehring der Lockung gefolgt ist, die landläufige Zoologie aus ihrem beengten Vorstellungskäfig zu befreien und ein „Neubestelltes Abenteuerliches Tierhaus“ zu eröffnen, das auch bei Gustav Kiepenheuer in Potsdam erschienen ist. Die zehn Bände Brehm stellen diesem spirituellen Baedeker gegenüber den Spezialfall einer antroomorphen Tierwelt dar, die ihre Wirklichkeit damit beweist, daß sie durch Gewehr, Angel oder Mikroskop an das menschliche Auge herangeholt werden kann. Aber wieviel „wirklicher“ ist jene bunte Fauna, die ihr Dasein nicht in zufälligen Weidegründen verankert, sondern in den erhabenen Formen der Denknotwendigkeit? Das ist die höchst fruchtbare Prärie, auf der Mehring, ein edler Trapper, seine Schlingen stellt, seine treuen Spürhunde losläßt und Schuß auf Schuß seinem nie versagendem rifle entlockt.

Mehring hat also mit Fleiß zusammengetragen, was sich an Zeugnissen klassischer Autoren vorfindet, er scheut auch nicht vor der Etablierung neuer Animalien zurück, falls ein Denkbedürfnis vorliegt; Mondkalb, Zeitungsente und Kilometerfresser kommen endlich zu ihrem Recht. Zwanglos stellt sich die neue Denkweise her, in der der Löwe ein Spezialfall des Drachen ist und die Seeschlange die allgemeine Form des Karpfens. Eine geistige Landschaft entsteht, in der jene komplexen Tiere mit vollendeter Selbstverständlichkeit auftreten und klar stellen sich die Methoden heraus, mit denen die Menschheit versucht hat, jene Tiergestalten höherer Mathematik in den euklidischen Lebensraum einzuordnen. Das Einhorn zum Beispiel wird ein wunderbar zahmes Haustier, wenn es sein Horn einer allerdings unbezweifelbaren Jungfrau in den Schoß legen darf. So günstig liegt gemeinhin der Fall nicht und man ist zu sehr groben Mitteln genötigt, wie etwa 1474 die Bürger der guten Stadt Basel, die einem eierlegenden Hahn den Prozeß machten und durch Henkershand verbrannten. Und dies mit Recht. Denn der eierlegende Hahn ist ein Denktier und hat in der dreidimensionalen Welt nichts zu suchen. Wird er dennoch bei einer Spritztour ertappt, ist es gutes menschliches Recht, ihn aus seiner angemaßten Erscheinung hinauszuwerfen und ihn in das absolute Reich seiner wahren Existenz zu befördern. Denn wo würde die wissenschaftliche Zoologie bleiben wenn sie einen eierlegenden Hahn in ihr System einordnen müßte — auf dem Scheiterhaufen mit dem Hahn!

Man spürt, daß diese Tierwelt noch aus der großen Tradition des Aristoteles lebt. Ihr philosophischer Gehalt wirkt rasch. Mehring läßt sich hierdurch leider zu Seitenblicken verlocken: er kümmert sich zu viel um die Moral seiner Leser, obschon er, und sogar besonders reizvoll, die chronique scandaleuse der Tierwelt höherer Ordnung schreibt. Aber Sie werden natürlich wissen wollen, was es mit dem nichteuklidischen Hahn überhaupt auf sich hat. Lesen Sie bitte Walter Harburgers „Metalogik“ und versuchen Sie Ihr Heil auf jenem höchst abstrakten Ozean, an dessen jenseitigem Ufer, sehen Sie, die Welt der Dimensionen sich phantastisch ausbreitet.

Rudolf Kurtz (Direktor des Schall und Rauch): Nichteuklidische Tier-Geometrie; in: Die Literarische Welt, 1. Jg, Nr. 7 vom 20. November 1925, S. 5.

Wolf Zucker sieht Mehrings Lyrik ganz anders als Walter Benjamin

In der „Literarischen Welt“ entdeckt Wolf Zucker in „Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring“ das wirklich Besondere. Anders als Walter Benjamin, konzentriert sich Zucker auf die Wirkung und die große Bandbreite der Tonalität in Mehrings Lyrik. Dieser unideologische Blick ist denn auch mehr als 80 Jahre nach entstehen des Textes erhellend:

Walter Mehring gehört zu jenen Autoren, deren Wirkung viel weiter geht, als sie selber ahnen. Ohne daß sein Name genannt wird, sind seine Chansons weit über den engen Kreis der Literaturfreunde hinaus bekannt. Es gibt kein schöneres Lob für seine Gassenhauer, als daß sie wirklich in Kneipen bruchstückhaft gesungen werden. Dabei sind die Chansons, Legenden und Balladen mit einer so raffinierten Klugheit und Beherrschung aller sprachlichen Register geschrieben, daß sie oft naturgewachsene Wunderwerke an Ausdrucksfähigkeit zu sein scheinen. Mehring, dessen Wortschatz von der Grenadierstraße bis zum Boulevard de Clichy, von Oberammergau bis hinter die Reeperbahn reicht, hat etwas fertig gebracht, was es in deutscher Sprache sehr selten gibt:
Gedichte im „Volkston“. Gewöhnlich verstand man ja darunter eine gewisse künstliche Naivität, die auf ihre abgebrauchten Phrasen stolz war, die „Maienblüte“ und .‚Lerchensang“ als volkstümlich ausgab. Mehring ist auch nicht der Versuchung des neuromantischen Maschinenkjtschs erlegen, ist weder Naturalist noch Symbolist, sondern etwas ganz und gar Eigenes.
Was Paul Whitman für die Musik, das hat Mehring für das moderne Chanson geleistet: Die Verjazzung von Rhythmus und Melos. Jener synkopische Versstil, den schon Liliencron gelegentlich hatte, wird bei Mehring zur letzten Konsequenz ausgebaut. Aber eine solche Verwendung technischen Raffinements bleibt bei ihm nicht mechanisch. Gerade die völlige Durchdachtheit seiner Strophen gibt den Gedichten ihren besonderen Charakter. Bei allem Temperament hat Mehring jene sprachliche Disziplin, die für das Chanson Vorbedingung ist. Sein „‘ck bin jefiehllos, ’ck bin Poet!“ könnte als Motto über einer Theorie der Mehringschen Lyrik stehen. Und man würde damit sagen, daß hier ein Dichter mit Gefühl aber nicht „jefiehlvoll“ geschrieben hat.

Wolf Zucker: Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring; in: Die Literarische Welt Nr. 30, 5. Jg. vom 26. Juli 1929, S. 9.

Mehring mitten in einem Blumenstrauß aus Dichtern

Karikaturen von Schriftstellern in der Liuterarischen Welt
Karikaturen von Schriftstellern in der Literarischen Welt

Heilig Abend 1926 überreichte die Literarische Welt einen Blumenstrauß aus Dichter-Zeichnungen an die Leser. In der zweiten Reihe von oben ist Walter Mehring ziemlich in der Mitte zu sehen.