Marthe Kauer erinnert an eine Lesung Mehrings in der Katakombe

Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973Walter Mehring

Wir freuten uns, den Dichter Walter Mehring 1956 in der Katakombe begrüssen zu dürfen.

Er verdiente es, ein echter Poet genannt zu werden.

Er sagte uns, dass er «nie mit schiefem Seitenblick auf Glanz und Ruhm der Literaturgeschichte» geschrieben habe, aber «mit um so wacherem Herzen über die Tiefen des menschlichen Leides» und «mit dem Blick in die Gesichter der Verfolgten und Gequälten».

Nicht die bürgerliche Gesellschaft kritisiere er, sondern das üble Geschwisterpaar Tyrannei und ignorante Dummheit bedenke er überall mit den Trauergesängen seines ironisierenden Hasses.
Sein Bänkelsang und seine Lieder, seine angriffsheissen Stücke und Songs wurden vor dem Herabsinken der braunen Nacht von den berühmtesten Chansonetten Deutschlands als eindringliche Warn-Rufe in ein Land hinausgetragen, das gleich darauf seinen Dichtern den Scheiterhaufen zu den Bücherverbrennungen schichtete.

Walter Mehring ass, wie manche seiner Kollegen, das graue Lagerbrot und führte später das harte Leben der Emigration, die das Gradzeichen nicht allein einer tagespolitisch bedingten, sondern seiner poetischen Haltung bis zu dieser Stunde geblieben ist.

Gerade jetzt tat es gut, einen standhaft gebliebenen Soldaten der Freiheit und einen unbestechlichen Wortführer der Menschenwürde begrüssen zu dürfen.

Des Dichters Antwort auf die selbst gestellte Frage, weshalb er sich ins Gebiet der Lyrik begeben habe, lautet: «Zu keinem Zweck und völlig ziellos.»

«Ziellos», «Zwecklos», so lauten die Aufschriften, die uns Walter Mehring auf die Eintrittskarten ins Reich der poetischen Phantasie schrieb, als eine Präzisierung von Wirklichkeiten von der Eindringlichkeit etwa jener, die uns der Dichter in seinem zehnten BRIEF AUS DER MITTERNACHT zu bedenken gibt, wo die erlauchten Namen des «besten Jahrgangs deutscher Reben» eingemeisselt stehen: Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Ernst Toller und noch vieler mehr, die ihr Leben lassen mussten, damit unsere Freiheit nicht zugrundegehe.

Da sassen wir vor einem Mann, wir seine Zeitgenossen, um ihm zuzuhören, wenn er uns mit den Verszeilen anredete:

Hier steht ein Mann und singt ein Lied
Am Rand der Zeit
Die ausser Rand und Band geriet —
Macht Rast! Ihr habt’s noch weit . . .

Wir hörten einem Dichter zu, der uns Mut geben will, Mut, den Mächtigen der Welt zu widerstehen, den sie uns gerne abhandeln möchten.

Walter Mehring starb in Zürich, sein Grabmal steht vis-à-vis von dem Gottfried Kellers auf dem Friedhof Sihlfeld.

(Marthe Kauer: Die Katakombe – Zürichs Literatenkeller 1940 – 1973; Zürich: Pendo-Verlag 1991; S. 105 f.)

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