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1934 Brief

Max Herrmann-Neiße besucht mit Mehring 1934 Alfred Kerr

An Leni Herrmann

Zürich, Mittwoch, 19. September 1934

Max Herrmann-Neiße: Briefe 2
Max Herrmann-Neiße: Briefe 2

(…) Vor 4 kam Mehring, wir gingen erst noch ins Café Terrasse, wo er eine kurze Verabredung mit dem Regisseur Lindtberg hatte, dann fuhren wir trotz Regens mit der Bahn zach Küsnacht. Da saßen wir mit dem wirklich sehr, sehr »umgänglichen« Kerr (die Frau zeigte sich, gottlob, überhaupt nicht) erst bei einem Clävener im gemütlichen Schänkstübchen und besprachen die Dinge dieser Welt, sehr, sehr pessimistisch, und dann, da es etwas nachließ im Regen, gingen wir durch hübsche Gäßchen, die ich noch nicht kannte, mit schönen alten Häusern, zu einer Art Mole, wo der See nun in der Abendstimmung dieses grauen, bis tief herab mit Wolken verhangenen Zustandes etwas wie auf manchen holländischen Bildern hatte. Gegen 7 brachte Kerr uns noch zur Bahn, ja, bis an die Coupétür, und ich will bestimmt noch mal zu ihm, so lange er noch in Küsnacht ist; in 8 Tagen fährt er ab; denn wer weiß, ob und wann man sich wiedersieht. Mehring kam dann mit zu mir, wartete, bis ich gegessen hatte, dann begleitete ich ihn ins Kabarett Cornichon, dort saßen wir erst draußen im zugehörigen Gasthof Zum Hirschen und er aß seinerseits zu Abend, ich unterhielt mich mit dem Dr. Weissert und dem Kabarettdirektor Lesch, und sah mir dann noch mal den zweiten Teil des Programms an, was mir wieder viel Spaß machte, und es ist erfreulich, daß es wieder ausverkauft war und das Publikum auch die scharfen Sachen weidlich belachte und guthieß. Und um 11 ging ich natürlich in die Kronenhalle und las meine Basler Nationalzeitung. Und nun: ein recht herzliches »Gute Nacht!« —
(…)
— Um 1/2 4 kam Mehring, ich zog mich an, wir gingen hinunter an den See und saßen da in der Sonne, gegen 5 ins Café Terrasse, wo Mehring wieder mit dem Regisseur Lindtberg verabredet war, da kam noch Ginsberg dazu, und wir redeten mal wieder sehr vernünftig zusammen. Dem Mehring geht es auch so, obwohl er doch glänzend Französisch kann, er hielt es nicht mehr aus, abgeschlossen zu sein vom geistigen, befruchtenden Zusammenhang mit dem deutschen Kulturkreis, mußte vor allem wieder mal deutsches Theater und Kabarett hören, um selbst was schreiben zu können, sagte auch mit Recht: »Unsere Heimat ist eben die deutsche Sprache«, und auch sonst sieht er die Dinge so schwarz wie ich, gibt dem Hitler noch viele Jahre und erwartet auch, beziehungsweise fürchtet, als seine unvermeidliche letzte Karte den Krieg (und das auch nicht so sehr fern, wie die meisten glauben). Im übrigen hat er, als Jude, auch die Nase voll grade von manchen seiner Stammesgenossen, deren zähes Speichelleckertum am Hitlerschen Arsch er in besonders krassen Fällen erlebt hat. Es ist ganz seltsam zu sehen, wie grade kluge Juden wie Bois und Mehring jetzt fast zu Antisemiten wurden. Leider fährt er morgen früh wieder ab.

(Herrmann-Neiße, Max: Briefe, Bd. 2 – 1929 – 1940; Hg. v.: Klaus Völker und Michael Prinz; Berlin: Verbrecher Verlag 2012; S. 527 ff.)

Lindtberg: Leopold Lindtberg kannte Walter Mehring aus der gemeinsamen Zeit an der Piscator-Bühne
Kerr: Alfred Kerr und Walter Mehring kannten sich aus Berlin. Kerrs Bücher wurden von den Nazis verbrannt. In Küsnacht/Zürich war Kerr für einige Wochen, als er von Wien in Richtung England ins Exil ging.

Dr. Weichert: Otto Weichert, Mitgründer des Exil-Kabaretts Cornichon
Ginsberg: Ernst Ginsberg war Theaterregisseur und musste ebenfalls ins Exil. Zuvor war er am Landestheater Darmstadt, dem damals modernsten Opernhaus Deutschlands

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