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1934

Kurt Tucholsky schreibt seinen letzten Brief an Mehring

An Walter Mehring. Lysekil, nach dem 28.7.1934

Lieber Mehring,

Kurt Tucholsky: Texte und Briefe, Bd. 20

vielen schönen Dank für Ihren werten Schrieb! Ich bin schrecklich neugierig: Haben Sie ein Heim? Wo wohnt das? Sieht man von da den sacré Kör? Haben Sie eine puanderie? Wie ist es überhaupt? Hei!

Des weiteren, lieber W. M. — ein chronischer Katarrh, wie er auf mir sitzt, mag ja das Weltbild stören. Aber jedennoch: so wenig wir von dem, was sich da ereignet, überrascht worden sind, je destoweniger kann ich noch mitmachen. Was die Nichtüberraschung angeht, so sehe ich uns noch beide schweren Schrittes auf der Gare St. Lazare herumstolpern, wir beredeten es alles, und es hatte etwas leicht Komisches: um uns brausten die Leute, und wir hattenes mit dem kl. Weltuntergang. Und wir haben doch recht behalten, ein größerer steht bevor, und so sehr ich gegen die Leute bin, die, wie der gute O. gesagt hat, „eine Villa mit prachtvollem Weltuntergang besitzen“, so klar sehen wir ja wohl, was nun kommen wird, von Rechts und Links. Ich meine, was wir uns da zu erwarten haben. Ich nichts …

Denken Sie sich bitte, wir gingen noch einmal an unserer alten Penne vorbei, also jetzt, heute — und da seien durch ein Wunder noch dieselben Pauker am Werk. Wir kommen gerade in die Pause. Und wir hören die Gespräche: „Au — Mensch — heute gibt er die Hefte zurück! Ob er sie zurückgibt? Ich habe sicher eine IV!“ usw.! Also gut, wir grinsen ein bißchen wehmütig oder amüsiert — aber es ist doch ganz und gar ausgeschlossen, daß Sie oder ich mehr als eine kleine Anregung für ein paar Verse mit nach Hause nehmen. Es ist doch ganz und gar ausgeschlossen, daß wir das nochmal ernst nehmen konnten. Konnten wir? Sicherlich nicht …

Und nun soll ich das immer weitermachen? Immer wieder diesen albernen Jargon bewitzeln, über den ich auch in der Karikatur nicht mehr lachen kann, in der „bitteren Satire“ der Gegenseite, die genau so humorlos ist? Mein Herz schlägt nicht mehr schneller. Ich lese nicht mehr die deutschen Zeitungen, seit Monaten habe ich keine mehr in der Hand gehabt. Es reizt mich garnicht mehr. Ich weiß kaum mehr, wie die maßgebenden Schießbudenfiguren von Potsdam bis zum Kreml heißen. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Aber ich kann sie garnicht mehr von einander unterscheiden.

(Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe Texte und Briefe, Bd. 20: Briefe 1933 – 1934; Hg.v.: Antje Bonitz und Gustav Huonker; S. 381 f.)

 

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