Lisa Fittko schildert, wie Mehring Hilferdings Martinique-Passage bekam

Lisa Fittko war in Marseille eine wichtige Fluchthleferin, da sie mit ihrem Mann etliche Verfolgte über die Pyrenän führte. Sie arbeitete mit Varian Fry zusammen – genauso wie Walter Mehring.

Sommer 1940

Rudolf Breitscheid, Mitglied des Reichstags und SPD-Fraktionsvorsitzender bis zur Machtübernahme Hitlers, und Rudolf Hilferding, Mitglied des Reichstags und Reichsfinanzminister, halten sich in Marseille auf. Beide haben „Visitor-Visen“ für die USA. Man beschafft ihnen tschechische Pässe auf falsche Namen sowie spanische und portugiesische Transitvisen. Da sie keine französischen Ausreisevisen haben, müssten sie die französisch-spanische Grenze illegal überqueren. Sie weigern sich.

Gründe:
1. Sie betrachten sich als Personen von internationalem Ruf, die man in Spanien erkennen würde. (Selbst wenn das so wäre – Brille, Schnurrbart und etwas Haarfarbe haben schon manchen von uns gerettet.)
2. Als Staatsmänner finden sie es mit ihrer Stellung unvereinbar, illegale Wege zu gehen. (Haben sie noch nicht begriffen, dass wir uns die „illegalen Wege“ nicht ausgesucht haben, sie sind uns aufgezwungen durch die Gesetzlosigkeit der Nationalsozialisten!) Fry zitiert Breitscheid: „Hitler würde es nicht wagen, unsere Auslieferung zu verlangen!“ (Kann er das wirklich meinen, nach acht Jahren Nazi-Terror?)

Breitscheid beharrt auf seiner Weigerung; Hilferding fügt sich der Meinung seines Genossen, dessen praktischem Sinn er zu trauen scheint. So sitzen die bei den weiter täglich in demselben Cafe in Marseille, wo jeder bald weiß, wer sie sind.

Anfang September 1940

Frank Bohn, der Vertreter der amerikanischen A.F.L., kauft ein Schiff, mit dem er Breitscheid, Hilferding und andere illegal aus Frankreich herausbringen will. Damit erklären die bei den sich einverstanden. In kurzer Zeit ist der Plan ein offenes Geheimnis; das Boot wird beschlagnahmt.

Darauf verschafft man ihnen polnische Pässe auf falsche Namen, mit allen Visen; sogar das französische Ausreisevisum, so dass sie nicht schwarz über die Grenze müssen. Im letzten Moment weigern sie sich.

Später im Herbst 1940

Breitscheid, Hilferding, der Anwalt Arthur Wolff und der Dichter Walter Mehring werden von der französischen Polizei nach Arles in rtsidence forcee (erzwungener Aufenthalt) geschickt.

Ende 1940

Fry und Heine finden eine Möglichkeit, Breitscheid und Hilferding auf ein Frachtschiff nach Nordafrika schmuggeln zu lassen. Die beiden sagen zu. Als das Auto, das sie nach Marseille holen soll, in Arles ankommt, weigern sie sich zu gehen.

Grund: Sie hoffen – durch Regierungsverbindungen in die USA (mithilfe von Brüning) und zu Frankreich (sie appellieren selbst an Laval und Flandin) – auf ein Ausreisevisum.

Ende Januar 1941

Auf ein Telegramm aus Amerika hin fragen Breitscheid und Hilferding beim Polizeipräfekten von Arles an und erhalten die Versicherung, dass sie die Beantragung des Ausreisevisums in keinerlei Gefahr bringen werde. Vichy genehmigt die Ausreisevisen innerhalb einiger Tage, und sie werden ihnen mit dem Vermerk ausgehändigt, die Reiseroute über Martinique zu nehmen.

Breitscheid, seine Frau und Hilferding wollen mit der „SS Wyoming“ fahren, die am 4. Februar von Marseille nach Fort-de-France geht. Die Kabinen sind ausverkauft. Herr und Frau Breitscheid weigern sich, die Fahrt im Schlafsaal des Zwischendecks zu machen, da sie es angesichts ihres Gesundheitszustandes für zu anstrengend halten; sie wollen ein späteres Schiff nehmen (18. Februar), falls der Schiffsverkehr nach Martinique inzwischen nicht eingestellt wird. Hilferding hingegen reserviert für sich einen Platz im Schlafsaal auf der „SS Wyoming“ für den 4. Februar.

30. Januar 1941

Vichy zieht die visa de sortie zurück.

8. Februar 1941

Breitscheid und Hilferding werden von der französischen Polizei in Arles abgeholt, angeblich, um sie vor der Auslieferung an die Deutschen zu schützen.

10. Februar 1941

Transport nach Paris zwecks Auslieferung an Deutschland.

(Martinique war französisches Departement, man brauchte daher für die Reise kein Ausreisevisum. Da Deutschland keine Kontrolle über die Insel hatte, konnte man mit einem amerikanischen Visum von dort ohne weiteres in die USA kommen. – Und doch war es dieser letzte absurde Schritt, die Beantragung des Ausreisevisums, der zur Auslieferung führte. Hilferding, der einen Platz auf der „SS Wyoming“ hatte, nahm das Schiff nicht, weil ihm das Ausreisevisum, das er nicht brauchte, entzogen wurde. Statt seiner fuhr Walter Mehring.)

Zitiert aus: Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen – Erinnerungen 1940/41; München: dtf 2004; S. 197 ff.

Lisa Fittko (geb. Elizabeth Ekstein; * 23. August 1909 in Uschhorod (ungarisch: Ungvár), Ukraine (damals Österreich-Ungarn); † 12. März 2005 in Chicago, USA) war eine österreichische Widerstandskämpferin gegen die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland und im Zweiten Weltkrieg Fluchthelferin über die Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien. Bekannt wurde sie ab 1985 als Schriftstellerin durch ihre autobiografischen Veröffentlichungen über diese Zeit. (zitiert aus Wikipedia)

Eine Antwort auf „Lisa Fittko schildert, wie Mehring Hilferdings Martinique-Passage bekam“

  1. Wieso steht in der Überschrift „wie Mehring Breitscheids Martinique-Passage bekam“, während es hernach heißt: „Statt seiner [= Hilferdings] fuhr Walter Mehring.“

    Michael

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