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1934 Biografisches

Johannes R. Becher berichtet von seinem Paris-Aufenthalt im Exil

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten flohen viele Politiker, Intelektuelle, Künstler ins Exil. Unter ihnen waren viele Kommunisten, Sozialdemokraten und viele politisch unabhängige, aber in klarer Opposition zu den Nazis befindliche Menschen wie Walter Mehring. Der Schriftsteller und Kommunist Johannes R. Becher will wie viele andere zunächsteine Einheitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten mitschmieden. Von der Komintern in Moskau erhält er den Auftrag, eine literarische Einheitsfront zu formen. Dafür reist er viel und hält sich sehr lange in Paris auf. Im folgenden Textauszug erinnert sich Johannes R. Becher daran. Der Text zeigt auch, was der Komintern und den Kommunisten 1935/1935 wichtig war. Unter anderem berichtet Becher auch, dass er sich mit Walter Mehring getroffen hat. Der Text zeigt exemplarisch wie eingeschränkt die Offenheit der Kommunisten für Andersdenkende war. (A.O.)

Besonders in Paris macht es sich bemerkbar, daß meine Reise gerade in die Monate fiel, wo besonders die prominenten Schriftsteller verreist waren. Auch von unseren Genossen waren im Anfang nur wenige in Paris anwesend, so daß ich längere Zeit mit Warten verbringen mußte.

Viele von den Genossen (Seghers, Schönstedt, Toni, Kantorowicz etc.) sind meistens mit einigen Funktionen belastet, so daß ihr Einsatz für den Bund und für den Schutzverband Deutscher Schriftsteller verhältnismäßig gering ist. Die meisten Genossen waren an der Herstellung des „Braunbuchs” beteiligt und somit die letzten Monate besonders stark in Anspruch genommen. Sowohl in der Arbeit des Bundes wie in der Arbeit des Schutzverbandes war während der Sommermonate eine vollkommene Pause eingetreten. Die Stärke der Mitglieder des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller betrug ca. 30 Genossen, die des Schutzverbancles ungefähr 150 Kollegen. Nach einer kurzen Vorbesprechung mit der Fraktionsleitung beschlossen wir, eine mehrtägige Konferenz über die wichtigsten Fragen abzuhalten. In dieser Konferenz wurden die wichtigsten praktischen, ideologischen und organisatorischen Fragen durchgesprochen. Es zeigte sich eine ziemlich bedeutende Ungleichheit in der Entwicklung der verschiedenen Genossen. Genossen, die in Deutschland keine Beziehung zum Bunde hatten, sind heute im Bunde und müssen innerhalb der kurzen Zeit und dazu in der Emigration, losgelöst von der direkten Beziehung zur Arbeiterbewegung, all die literarisch-theoretischen Erkenntnisse nachholen, die die Organisierten, das heißt andere Genossen, innerhalb von vielen Iahren sich errungen hatten. Wir beschlossen daher, sofort zwei Arbeitsgemeinschaften einzurichten, und zwar eine über literaturtheoretische Probleme, in der ganz besonders auch die Geschichte des Bundes und seiner literaturtheoretischen Entwicklung, insbesondere die Frage des Trotzkismus in der Literatur, systematisch behandelt werden soll. In der zweiten Arbeitsgemeinschaft, unter der Leitung des Genossen Weinert, sollen besonders die neuen Formen praktiziert Werden. In einer Besprechung ınit dem Vertreter der deutschen Partei äußerte auch dieser den Wunsch, daß die Ortsgruppe Paris gerade in dieser Richtung der deutschen Partei behilflich sein sollte.

(…)

Unsere Genossen belieferten in Paris insbesondere auch zwei Zeitschriften: „Die Aktion” und die „Blauen Hefte“. Die Mitarbeiten an der „Aktion“ werden in letzter Zeit eingestellt, nachdem sie ganz offen französisch-imperialistische Interessen vertritt, und die Mitarbeiten an den „Blauen Heften” erscheinen ebenfalls zweifelhaft, um so mehr, als ihr Redakteur ein gewisser Ullmann – Pseudonym für Lherman – ist, ein sowohl in Deutschland wie in Österreich wegen Betrugs vorbestraftes Subjekt, und da auch hier die Gefahr besteht, daß die Geldquellen aus der französischen Regierung nahestehenden Kreisen stammen. Im übrigen stellen die „Blauen Hefte” ein buntes Mischmasch klar von parteifeindlichen Beiträgen und Beiträgen unserer eigenen Schriftsteller, von zionistischen Apologien usw. usw. – Wie tief teilweise das theoretische Niveau unserer in Paris lebenden Schriftsteller steht, zeigt ein Beitrag von Kantorowicz in der früheren „Aktion”, wo er von dem „freien und glücklichen Land, das Frankreich ist“, spricht und vorschlägt, die deutschen Emigranten sollten von Französischen Familien eingeladen werden, um auf diese Weise die beiden besten Vertreter der deutschen und französischen Kultur miteinander zu verschmelzen. Die theoretische Unklarheit kommt ebenfalls in dem Kulturteil des „Braunbuchs” zum Ausdruck, wo ziemlich unterschiedslos alle verbrannten und verbannten Schriftsteller behandelt werden.

Durch meine vorzeitige Abreise von Paris konnte ich leider den Zeitschriftenplan nicht mehr verwirklichen. Zu gleicher Zeit besprachen die Parteivertreter mit mir den Plan einer großen repräsentativen Tageszeitung, an der die Schriftsteller mit größter Intensität mitarbeiten könnten. Ich wies ihnen gegenüber hin auf die Notwendigkeit eines Feuilletons, was prinzipiell zugesagt wurde. In den Gesprächen mit dem Genossen Biha entwickelte dieser den Plan einer besonders für Deutschland bestimmten Kulturzeitschrift, so daß auch hier eine Möglichkeit fiir das Eingreifen der Schriftsteller vorhanden ist. Ganz besonders wichtig war in der Konferenz die eingehende Aussprache darüber, wieweit die in der Emigration lebenden Schriftsteller der deutschen Arbeiterbewegung zu Hilfe kommen könnten. Es wurde von mehreren Seiten betont, daß in Deutschland eine starke Stimmung gegen die emigrierten Schriftsteller vorhanden sei und daß man diese Stimmung auch dadurch liquidieren müsse, daß man von außen her Arbeiten für Deutschland liefere. Eine Anzahl solcher Projekte, illegale Kleinbüchlein usw., in der Emigration herzustellen, wurde besprochen und sollte in der Arbeitsgemeinschaft des Genossen Weinert systematisch weitergeführt werden. (…)  Besonders Genosse Kantorowicz möchte diese Zeit benutzen, um seine mangelnden theoretischen Fähigkeiten aufzufüllen. Mit Plivier und Walter Mehring hatten Genosse Kisch und ich längere Aussprachen, deren Ergebnis befriedigend war. Beide erklärten, sowohl an den „Neuen Deutschen Blättern” wie auch an der IL mitarbeiten zu wollen und andere Schriftsteller in weitestem Maße dafür zu interessieren. Plivier gab mir für die IL einen größeren Beitrag mit (…).

Ich sprach ferner noch mit einigen linksbürgerlichen Schriftstellern. Bei ihnen allen fand ich zwar eine Bereitschaft, mit uns zu arbeiten, aber gleichzeitig auch eine gewisse Furcht, in der Emigration hervorzutreten, aus Angst, ausgewiesen zu werden, oder aber, weil sie noch bestimmte Verbindungen mit Deutschland nicht preisgeben möchten.

(…)

Was die Emigrationsstimmung der Pariser Gruppe betrifft, so muß zunächst festgestellt werden, daß die Leitung der Parteifraktion außerordentlich schwach ist, daß man, wie mir mitgeteilt wurde, in der Parteifraktion darüber diskutiert: war der Volksentscheid richtig oder nicht, und daß verschiedene Fragen unserer Genossen unbeantwortet blieben. Wenn man bedenkt, daß die einzige in breiter Öffentlichkeit geführte Polemik gegen den Trotzkismus im „Gegen-Angriff” vom Genossen Frei gegen Schlamm geführt wurde, so muß man feststellen, daß diese Arbeit der Polemik absolut ungenügend war. Überhaupt macht sich die Tendenz, wie ich auch später in Prag feststellte, bemerkbar, daß die große Emigrationspanik sich sublimiert und jetzt in der Form trotzkistischer Fragestellung usw. auftritt, so daß man zunächst, wenn man noch die grobe Emigrationspanik in Erinnerung hat, sehr leicht geneigt ist anzunehmen, die Emigrationsstimmung sei völlig überwunden.“

(Johannes R. Becher: Publizistik I – 1912 – 1938; Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1977 (i. e.: Johannes R. Becher: Gesammelte Werke, Bd. 15); s. 393 ff.

 

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1935 Lieder

Die Tarnschrift „Deutsch für Deutsche“

Deutsch für Deutsche
Deutsch für Deutsche

 

VORWORT

Viele deutsche Schriftsteller waren gezwungen, ihr Vaterland zu verlassen, als der Nationalsozialismus zur Macht kam. Sie trugen nichts mit sich hinaus, als die Stimme der Freiheit ıınd das Herz der Freiheit. Aber in diesem Herzen trugen sie die gesammelte Hassglut eines erniedrigten und geschandeten Volkes.

Und die heraufgekommenen Usurpatoren schrieen ihnen ihren lauten H0hn über die Grenzen nach: Eure schwachen Stimmen der Zersetzung werden nicht mehr aufkommen gegen die Trommeln des nationalen Aubruchs; ihr habt euch wurzellos gemacht und werdet unbeachtet draussen verwelken.

Ach, sie bedachten es nicht und sie wissen es nicht, die Entarteten, dass man das Vaterland an seinen Wurzeln mitnimmt, wenn man fest in seiner Erde gestanden hat. Denn für die Aufrechten und Gerechten ist ja Vaterland immer ein anderes gewesen als für solche, die
nur auf dem üppigen Mistbeet gedeihen können, das sie Blut ıınd Boden nennen. Für diese ist Vaterland der Aufmarschplatz schreiender Paraden und Kriegsprozessionen, für jene aber ist es die mächtige und glühende Gemeinschaft derer, die man an seinem Segen nicht teilhaben liess, die aber den heissen und langen Kampf führen, um es zu besitzen.

Und dieser Gemeinschaft allein sind sie verbunden, die in die Verbannungen gingen, dieses Vaterland nährt sie aus zahllosen Adern mit seiner Lebensfülle, diesem Vaterland leiten sie die gewonnenen Krafte zurück als Wort der Wahrheit, des Menschenrechts, als Waffe.

Die Usurpatoren höhnen noch; aber ihr Hohn ist Angst. Sie haben es gespürt, dass die Kraft der Exilierten zunimmt, anstatt dass sie verwelke. Sie haben es nicht überhören können, dass über ihren tobenden Rauschgeräuschen die hellen, klaren Sturmglocken immer vernehmbarer werden. In ihrem ohnmachtigen Hass gegen die Stimme der Freiheit, die sie nicht greifen können, lassen sie ihre niedrige Rache an denen aus, die ihnen in die Hände gefallen waren. Es ist ein Angsthass, der sie trieb, die Tapfersten in ihren Marterkammern zu quälen, wie Ossietzky, und das bis zum grausamen Tode, wie Mühsam.

Aber je mehr sie rasen, um so klarer und drohender schallt die Stimme der Freiheit. Sie hatten gehofft, dass die Not der Emigration, dass die friedlosen Tage der Heimatlosigkeit, dass die lange Dauer des Exils die Aufrechten erschöpfe, zermürbe und sie resignieren mache. Sie haben sich tief getäuscht. Denn sie hatten es nie begriffen, dass, wer um der Freiheit seines Volkes Willen seine Heimat verlässt, ein Vielfaches an Kräften gewinnt. Es war eine kleine Hundertschaft der Aufrechten; aber sie hat hunderte von Werken in die
Welt gechickt.

Sie wurden aus ihren deutschen Verbänden ausgestossen, aber umso fester haben sie in der Emigration sich zusammengeschlossen. Ihre Werke, die man in Deutschland im Mai 1933 verbrannt hatte, sind gesammelt worden in der „Deutschen Freiheitsbibliothek”.

Ihr Schriftsteller in Deutschland, abgeschlossen von den Disputen der Welt, angeödet vom ewigwiederkehrenden Refrain des Propagandaleierkastens, ihr dürft die Stimme der Freiheit nicht Vernehmen. Aus diesem Büchlein soll ein heisser Hauch der kämpferischen Leidenschııft euch anwehen. Es sind hunderte Fetzchen nur aus dem Ganzen, aber hundert Feuerfetzen aus dem grossen Feuer, das in unseren Herzen brennt.

Es ist ein Kampf der Vernunft gegen den Unsinn, der Wahrheit gegen den Betrug, der Gesittung gegen die Hoheit, des Rechts gegen die Unterdrückung. Aber der Kampf der Aufrechten ist nicht allein ein Kampf in den Wipfeln der Geistigkeit; es ist ein Stück des gewaltigen Kampfes der geknechteten deutschen Arbeiterschaft, für deren Befreiung Thälmann, Renn, Mierendorf und zehntausend der Unsern standhaft alle Leiden ertragen und zu sterben bereit sind.

Das Feuer, dass aus diesem Büchlein euch anstrahlt, ist wortgewordener Wille von Millionen. Gebt es weiter, dass es die heissen Seelen lodern mache, dass es die kaltgewordnen neu entzünde!

Juni 1935.
Schutzverband deutscher Schriftsteller
Deutsche Freiheitsbibliothek

Im Juni 1935 ist ein kleines Bändchen im Format acht mal zwölf Zentimeter im Exil erschienen. „Deutsch für Deutsche“ war eine Tarnschrift, die sich im Gewand der „Miniatur-Bibliothek“ des Leipziger Alber-Otto-Paul-Verlags für Kunst und Wissenschaft zeigte. Herausgegeben vom „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ und der „Deutschen Freiheitsbibliothek“ versammelte das Buch neben vielen anderen Texte von Johannes R. Becher, Bert Brecht, Oskar Maria Graf, Max Hermann-Neiße, Heinrich Mann, Rudolf Olden und F. C. Weißkopf. Walter Mehring war mit dem „Lied der Arbeitsdienstler“ vertreten. Es wurde illegal in Deutschland verbreitet, um zu zeigen, wer, was im Exil veröffentlicht. In der Quellenangabe wird das Buch „Chansons-Balladen-Legenden“ angegeben. Das stimmt so nicht. Das Gedicht ist erstmals in „Das Neue Tagebuch“ (1. Jg. Nr. 3 vom 15. Juli 1933, S. 69 erschienen. Dann wurde es in den Band „Und Euch zum Trotz – Chansons, Balladen und Legenden“, Paris: Europäischer Merkur, 1934, aufgenommen. In der Tarnschrift ist die Originalfassung des Textes abgedruckt. Walter Mehring veränderte diesen Text nach dem Krieg. im „Großen Ketzerbrevier“ ist die zweite Hälfte abgeändert. 

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1933 1939 Biografisches

Erika und Klaus Mann beschreiben Mehrings Flucht aus Berlin

Erika und Klaus Mann: Escape to life
Erika und Klaus Mann: Escape to life

Am 27. Februar 1933 hat Walter Mehring Berlin überstürzt verlassen. Im letzten Moment konnte er sich auf den Weg Nach Paris machen. Denn in dieser Nacht brannte der Reichstag. Die Nationalsozialisten verhafteten in der Folge hunderte Menschen. Auf den Listen stand auch Walter Mehring. Erika und Klaus Mann haben die Flucht in ihrem Buch „Escape to life. Deutsche Kultur im Exil“ beschrieben. Dieses erschien 1939 in Boston. Hier wird aus der zweiten Auflage der deutschen Ausgabe von 2001, Reinbek, zitiert (S. 41):

„Einer der letzten, der mit Ossietzky vor dessen Verhaftung zusammentraf und der ihm die eindringlichste Warnung zurief, war der satirische Schriftsteller und Lyriker Walter  Mehring. Übrigens entkam er selber dem Grässlichen nur mit knapper Not. In vielen  Artikeln und in vielen Liedern, die in den Berliner Kabaretts gesungen wurden, hatte er die  deutsche Reaktion, und die Nazis im Besonderen, geistvoll-grimmig verspottet und attackiert.

Er wurde furchtbar gehasst. Bis zum Schluß, so lange es irgend ging, exponierte er sich – denn der kleine, körperlich schwache und labile Mann mit dem spitzen, witzigen Gesichtehen ist mutig. Als er in der letzten Versammlung der Liga für Menschenrechte in einem großen Berliner Saal gesprochen hatte, kam als Antwort ein Artikel im Völkischen Beobachter: Walter Mehring spricht vor den geilen Jüdinnen … mit der Aufforderung,
endlich mit diesem ,Hetzer‘ abzurechnen. Man weiß, was ,abrechnen‘ im Jargon der Nazis bedeutet … Einige Tage später trat er noch einmal halböffentlich auf, bei einer  Zusammenkunft des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller, in einem Café des Berliner Westens. Als er nach dem Vortrag das Café verließ, war es von beinah fünfzig Mann ,Hilfspolizei‘ – Burschen mit Hakenkreuzbinden am Arm – umzingelt. Eine barsche Stimme
fuhr ihn an: „Kommen Sie vom Mehring- Vortrag?“ „Ich – von einem Vortrag?“ sagte der kleine Herr erstaunt. „Keine Spur! Ich habe in aller Stille dort drinnen meinen Kaffee getrunken.“ – „Kennen Sie diesen Mehring?“ fragte der Kerl mit der Hakenkreuzbinde. -“ Wen soll ich kennen … ?“ fragte der kleine Herr.

Sie ließen ihn laufen. Er nahm ein Taxi und fuhr zu Bekannten. Ein paar Kleider und Bücher ließ er sich noch aus der eigenen Wohnung schicken. Dann geschwind zum Bahnhof, quer durch die singende SA. Einer war gerettet …“