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1935 1936 Biografisches Prosa Zeitschriften

Walter Mehring verabschiedet sich von Kurt Tucholsky

Abschiedsbrief an Kurt Tucholsky

Lieber Peter Panter,

Kurt Tucholsky in Paris 1928. Quelle: Wikipedia
Kurt Tucholsky in Paris 1928. Quelle: Wikipedia

nun schreibe ich Ihnen da zum letzten Male; und so sinnlos ist mir das Schreiben noch nie vorgekommen. Früher, wenn ich einen Brief an Sie in den Kasten warf – und als Sie in Ihrem Pariser Faubourg le Vésinet wohnten, ich in der Rue de Vaugirard, geschah das drei- bis viermal die Woche -, lächelte ich selig wie ein preußischer Säugling, dem man die erste Spielzeug-Handgranate ins Händchen gibt, im Vorgeschmack Ihrer Antwort. In deutscher Sprache hat keiner Briefe geschrieben wie Sie. Die an mich gerichteten hatte ich sorgfältig gesammelt, jedes Stück, jeden Zettel; auch jenes Couvert mit dem großen Tintenklecks drauf; Sie hatten ihn blau umrandet und dazu geschrieben: „Das hat die Post gemacht!“ Sie sind alle verloren! Es wäre einer der herrlichsten Tucholsky-Bände geworden.

Jede Zeile, jede Polemik von Ihrer Hand war ein Brief, gerichtet an die heroischen Dummköpfe, die Gangster mit Gymnasialbildung und die Sonnewendpriester in Gesundheits-Wollersatz-Wäsche. Die Adressaten konnten nicht einmal mogeln, sie hätten das Schreiben nicht erhalten. Es traf sie mit tödlicher Sicherheit. Man hat Ihnen den Empfang allseitig durch Ausbrüche zügellosen Hasses bestätigt.

Seit drei Jahren sind diese Briefe an die uns aufgezwungenen Zeitgenossen ausgeblieben; und vor einem Jahr kam der letzte private an mich. Hätten Sie gewußt, wie wir alle darauf gewartet haben; wie wir uns gesehnt haben, zu wissen: Was sagt Peter Panter dazu? Es hätte nichts mehr an dieser zum Zeitgeist beförderten dementia geändert. Aber wir wären jedesmal für ein paar Stunden den Albdruck losgeworden: Nein, wir träumen nicht! Es gibt noch ein gesundes Hirn, eine unbestechliche Vernunft!

Dank Ihnen waren wir ja nicht überrascht! Wer je Sie gelesen hatte, mußte wissen, daß es so und nicht anders kommen würde. Darf ich Sie zitieren?

„Lieber Mehring,
vielen schönen Dank für Ihren werten Schrieb! Ich bin schrecklich neugierig: haben Sie ein Heim? Wo wohnt das? Sieht man von da den sacré Kör? Haben Sie eine puanderie? Wie ist es überhaupt? Hei!

Des weiteren, lieber W. M. – ein chronischer Katarrh, wie er auf mir sitzt, mag ja das Weltbild stören. Aber jedennoch: so wenig wir von dem, was sich da ereignet, überrascht worden sind, je desto weniger kann ich noch mitmachen. Was die Nichtüberraschung angeht, so sehe ich uns noch beide schweren Schrittes auf der Gare St. Lazare herumstolpern, wir beredeten es alles, und es hatte etwas leicht Komisches: um uns brausten die Leute, und wir hatten es mit dem kl. Weltuntergang. Und wir haben doch Recht behalten, ein größerer steht bevor, und so sehr ich gegen die Leute bin, die, wie der gute O. gesagt hat, „eine Villa mit prachtvollem Weltuntergang“ besitzen, so klar sehen wir ja wohl, was nun kommen wird …“

Nein, ich zitiere nicht weiter. Es hören Leute zu, die darauf lauern, Ihre sublimsten Worte kotig zu interpretieren. Für solche Umwelt, mit der man sich erst wieder über das ABC
verständigen muß, war Ihre Schreibweise – zum höchsten Ruhme sei es Ihnen gesagt – nicht bestimmt. Und darum schwiegen Sie. Es sind Ihre Einwände:

„Denken Sie sich bitte, wir gingen noch einmal an unserer alten Penne vorbei, also jetzt, heute – und da seien durch ein Wunder noch dieselben Pauker am Werk. Wir kommen gerade in die Pause. Und wir hören die Gespräche: ,Au – Mensch – heute gibt er die Hefte zurück? Ob er sie zurückgibt? Ich habe sicher eine IVI“ usw. Also gut, wir grinsen ein bißchen wehmütig oder amüsiert- aber es ist doch ganz und gar ausgeschlossen, daß Sie oder ich mehr als eine kleine Anregung für ein paar Verse mit nach Hause nehmen. Es ist doch ganz und gar ausgeschlossen, daß wir das nochmal ernst nehmen könnten! Könnten wir? Sicher nicht…

Und nun soll ich das immer weitermachen? Immer wieder diesen albernen Jargon bewitzeln, über den ich auch in der Karikatur nicht mehr lachen kann  Mein Herz schlägt nicht mehr schneller. Ich lese nicht mehr die deutschen Zeitungen, seit Monaten habe ich keine mehr in der Hand gehabt. Es reizt mich gar nicht mehr. Ich weiß kaum mehr, wie die maßgebenden Schießbudenfiguren heißen …“

Sie würden sich eins lachen über die Punkte, durch die ich schamhaft einige Ihrer Sätze ersetze. Ich möchte nicht an Ihrem Grabe das Gemurmel mancher Leidtragender hören: also doch ein Drückeberger! Aus der Reihe getanzt! Haben Sie das gehört: Wir gingen ihn nichts mehr an! Die ganze Terminologie des Kasernenhofes, die so Viele mit auf die große Reise genommen haben.

Sie haben es mir immer und immer wieder bestätigt, daß das neue falsche Pathos Sie ebenso angeekelt hat wie das alte. Es ist, um einem noch die ganze Emigration zu verleiden! (Das sage ich nur hier, an Ihrem Grabe, Peter Panter! Es spitzen schon wieder die Unberufenen die Ohrenl) Sie haben es hinter sich! Und wir wissen nicht, was wir vor uns haben! Aber eins weiß ich, daß noch einmal – in zehn, in zwanzig Jahren – dieselben Leute, die Ihnen diese Konsequenz Ihres unbeirrbaren Verstandes heute ankreiden möchten, entdecken werden: Wie prophetisch recht hat Peter Panter damals gehabt, als er schrieb: „Und dann wieder alles, wie wenn nichts gewesen Wäre? Und so: ,Ach, wissen Sie, ich war ja im Herzen immer gegen Hitler – aber sehnsemah, die Umstände – – -.““

Und trotzdem: „Rheinsberg“ und das „Pyrenäenbuch“, „Mit 5 PS“ und „Lerne lachen ohne zu weinen“. – Das soll es nicht mehr geben? Lächelt die Mona Lisa nicht mehr? Verstummt Wendriner, unser Berliner Don Quixote? An den Sie mehr Herz verschwendet haben, als die meisten ahnten? …Kein Satz mehr des Wrobel, kein Vers mehr des Tigers, der uns verblüffend das Wort von der Zunge nahm? Andere betätigen sich als Gedankenleser ~ das ist ein einträgliches, weil unkontrollierbares Gewerbe. Sie lasen die Hintergedanken! Da gab es keine Ausflucht.

Dem kleinen Mann, dem Wedding-Knoten, dem Wendriner und dem General haben Sie aufs Maul gesehen! Und haben das Gröbste durch Ihren Geist geadelt! Berlin war nur einmal Weltstadt! Als Sie es schrieben!

Lieber Peter Panter!
Es ist plötzlich ganz dunkel um uns geworden, hier
draußen!
Ich schließe, wie Sie Ihren letzten Brief schlossen:

„Als Ihr guter, getreuer und herzlichst grüßender“
Walter Mehring

(Dieser Text ist im Neuen Tage-Buch am 6. Januar 1936 erschienen. In einem Radioessay aus den 1960er-Jahren erinnerte sich Mehring, wie er vom Tod Kurt Tucholskys erfahren hat: „In Wien, Dezember 1935, traf mich die telegraphische Nachricht des Pariser Neuen Tage-Buchs: ‚Tucholsky verstorben – Erwarten Nachruf‘. Die Wiener Weltpresse meldete sesantioneller: ‚Selbstmord eines bekannten Exilautors in Schweden…‘ (…) Der Selbstmord ist eine schleichende Gemütskrankheit, scheint mir, die letzte Ausflucht aus dem Ich-Selbst, und ein exitus letalis des Exils, den dreißig namhafte deutsche Schriftsteller nachher gewählt haben.‘ (Walter Mehring: Kurt Tucholsky; Berlin: Friedenauer Presse 1985, S. 13))

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1965 Kabarett

Leipziger Pfeffermühle präsentiert Kabarett der 20er-Jahre

Heute geschlossene Gesellschaft

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Heute geschlossene Gesellschaft

Neben Programmen mit eigenen Texten spielte die „Leipziger Pfeffermühle“ auch solche mit Kabarett-Texten und -Songs aus der Vergangenheit. „Heute geschlossene Gesellschaft“ ließ die große Zeit des Kabaretts vor allem in den 1920er-Jahren aufleben. Dabei durfte auch Walter Mehring nicht fehlen.

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1965 Kabarett Zeichnungen

Rolf Herschel zeichnet Walter Mehring für die Leipziger Pfeffermühle

Zeichnung von Rolf Herschel für ein Programmheft der Leipziger Pfeffermühle
Rolf Herschel hat das Programmheft zum 2. Programm der Leipziger Pfeffermühle gestaltet. „Heute geschlossene Gesellschaft“ war ein Nummerprogramm mit Texten aus den 1920er-Jahren. Darunter „Der Angeklagte hat das letzte Wort“ und „Zum blauen Affen“ von Walter Mehring.

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1975 Brief

Mehring bittet Hans Bender um Antwort

München, den 7.4.75

Verehrter Hans Bender,

Volker Neuhaus (Hg.): Briefe an Hans Bender»Sie wissen«, schrieben Sie mir – am 1. Februar – »daß ich demnächst in »Akzente« einen Aufsatz von Dr. Dencker veröffentliche …« = Wissen möchte ich doch gern, was daraus – ob etwas daraus geworden ist-?- Denn Dr. Dencker, der in vielen anderen Aufsätzen mich betreut hat, hat diesmal nichts von sich hören lassen =

Sie wünschten, daß – – – »als neuer Text … am besten etwas Autobiographisches hinzukäme …« Ich sandte Ihnen Dokumentarisches, das zuverlässiger ist, als jede Selbstdarstellung = zu Ihrer Auswahl … Doch bestätigt haben Sie es mir nicht … es auch nicht abgelehnt – – – Ein paar Zeilen wäre es wohl wert gewesen – – –

Mit besten Grüßen
Ihr
Walter Mehring

P. S. zu Ihrem Brief: »… vor 3 Jahren nach meiner Müller-Rezension in der WELTWOCHE …«
= eben erhielt ich die Abrechnung des Fackelträger-Verlages: = »seit 1974 … kein Absatz…«

Volker Neuhaus (Hg.): Briefe an Hans Bender; Köln: Kulturkreis der Deutschen Industrie e.V. 1984; S. 167

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1930 Prosa Zeitschriften

Mehring schreibt über den „Krach“ im „Uhu“

"Krach" im Uhu

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"Krach" im Uhu

Krach; in: Der Uhu H. 6 vom März 1930; 6. Jg. 1929/30; S. 49 ff.

 

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1937 1958 Biografisches Brief

Erich Kästner erinnert sich an ein Treffen mit Mehring 1937

AN TRAUGOTT KRISCHKE

München, den 1. 2. 58

Sehr geehrter Herr Krischke,
besten Dank für Ihren Brief vom 24. 1.

Daß Sie so vielseitig über Horváth arbeiten, ist zweifellos sehr verdienstlich und auch nach meiner Meinung durchaus angebracht. In den zwanziger Jahren, als er in Berlin war und als dort seine Stücke »Geschichten aus dem Wiener Wald« und »Kasimir und Karoline« gespielt wurden, trafen wir einander, wenn auch nicht regelmässig, so doch gar nicht so selten. Das war weiter kein Wunder, denn beispielsweise in dem Künstlerlokal Schwannecke traf »man« sich sowieso. Er war nicht nur ein hochbegabter, sondern auch ein geselliger und ungewöhnlich sympathischer Kollege, der auf dem besten Wege war, etwa in Zuckmayers Richtung Ruhm zu ernten. Von Zuckmayer unterschied ihn – ob das mit seiner ungarischen Herkunft zusammenhängt oder nicht, weiß ich nicht – eine spürbare Hintergründigkeit, die er doch, ohne Geheimnistuerei, in scheinbar nur vordergründigem Dialog zu plazieren wußte. Ausserdem war er, wohl auch, wieder Verglichen mit Zuckmayer, weniger optimistisch als dieser. Gerade die Geschichten aus dem Wiener Wald sind ja ein hervorragendes Beispiel für seine durch Humor gemilderte Menschenverachtung.
Als ich ihn 1937 traf – und ich traf ja damals ausser ihm auch Walter Mehring, Walter Trier und andere Emigranten – waren wir wiederum des öfteren zusammen. Ich erinnere mich noch gut, wie erschrocken er war, als er hörte, daß ich wieder ins Dritte Reich zurückführe, und er hielt diesen Plan für lebensgefährlich. Als ich dann von seinem merkwürdigen Ende erfuhr, erinnerte ich mich begreiflicherweise dieses Gesprächs sehr deutlich. Über die Datierung seiner Arbeiten und ähnliches kann ich Ihnen kaum Auskunft geben. Das dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, daß wir (…) zwar fleissig über Literatur sprachen, aber eigentlich nicht so sehr über unsere eigenen Pläne. Ich weiß, daß ich Ihnen mit diesen wenigen Zeilen keine sonderlich zweckdienlichen Angaben machen kann, wollte aber doch, so gut ich es eben kann, Ihrer Bitte entsprechen.
Mit den besten Grüssen und Wünschen für Ihre Arbeit
Ihr
Erich Kästner: Dieses Na ja!, wenn man das nicht hätte! – Ausgewähle Briefe von 1909 bis 1972 (Hg. v. Sven Hanuschek) Zürich: Atrium Verlag 2003, S. 168)

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Brief Prosa

Mehring bedankt sich bei Hans Bender für eine Rezension von „Müller“

Zürich, 9. 8. 72

Verehrter Herr Hans Bender,

besten Dank für Ihre Besprechung [laudatio] der MÜLLER-Chronik – eine der wenigen, die erschienen sind – im Gegensatz zu denen anläßlich der Wiener Erstausgabe [1934] – e.g. »Völkischer Beobacher« – »Der Angriff« ganzseitig; Dr.J.Goebbels; »An den Galgen« – »DER STÜRMER« – Steckbrief mit Photo = etc…

Die »MÜLLER-Chronik« war eigentlich ein Nebenwerk – ein »Pamphlet« – eine Sprachstudie = Der zweite Teil: »DIE ITZIGS« [von den, aus dem Maria-Theresia-Österreich nach Preußen exilierten,Juden bis zu dem letzten ,A.A. Hitler-Diplomaten‘ – ,von Hitzig‘] ging nach dem »Anschluß der Ostmark an’s Groß-Deutsche Reich« – samt anderen Manuscripten … und mir … verschollen = u.a. =

Es würde mich freuen, Sie einmal zu treffen [in der »Kronenhalle« – nachmittags – an meinem solitären Stammtisch] =

Ihr
ergebener
Walter Mehring

N. B. »Die Aufmerksamkeit nimmt zu, je mehr die Beschreibung unserem jahrhundert sich nähert = Mehring [muß … dann nicht gelesene Historie rapportieren … die altertümelnd sein will…« Aber alle Zitate – vom Mittelalter bis in die Fridericus-REX-epoche – bis 1848 – sind original…

Volker Neuhaus (Hg.): Briefe an Hans Bender; Köln: Kulturkreis der Deutschen Industrie e.V. 1984; S. 139

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1931 Lyrik Zeichnungen Zeitschriften

Vier Künstler verfolgen zwei Damen im Bois de Boulogne – im „Uhu“

Uhu: Vier Künstler verfolgen zwei Damen im Bois de Boulogne

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Uhu: Vier Künstler verfolgen zwei Damen im Bois de Boulogne

Im Jahr 1931 hatte die Redaktion des „Uhu“ eine schöne Idee. Lyriker sollten nach Bildern dichten und Karikaturisten nach Gedichten zeichnen. Heraus kam eine Stafette über eine Foto aus dem Bois de Boulogne von 1912.

„Dieses Foto gaben wir den dem Satirker Walter Melıring mit der Bitte, uns ein recht hübsclıes Gedicht dazu zu machen. Walter Mehrings Verse gaben wir dann an unsern Zeiclıner Horst v. Moellendorff mit der Bitte, uns eine recht hübsche Zeichnung dazu zu machen. Die Zeichnung von Horst v. Moellendorff gaben wir dann an den Lyriker Max Hermann-Neiße mit der Bitte, uns ein recht hübsches Gedicht dazu zu machen. Das
Gedicht von Max Hermann-Neiße gaben wir dann an unsern Mitarbeiter Otto Schmalhausen mit der Bitte, uns eine recht hübsche Zeichnung dazu zu machen. Jeder hat also nur die Arbeit seines Vorgängers als Anregung gehabt. Diese bunte Kette zeigt, wie – gleich einer Anekdote, die von Mund zu Mund  wandert – ein so eiııfacher Vorgang bei der Weitergabe durch Auffassung, Temperament und Ausdrucksmittel verändert wird.“

Uhu Nr. 7, 1930/31, H. 6; S. 31 ff.

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1984 Wissenschaft

Michael Bauer zweifelt an Mehrings Erinnerungen an Oskar Panizza

Michael Bauer: Oskar Panizza
Sechs Jahre nach Kriegsende erschien in den USA Walter Mehrings »The Lost Library«. Ein Kapitel darin war dem »Liebeskonzil« und seinem Verfasser gewidmet. Neben einigen lesenswerten Betrachtungen zur »Himmels-Tragödie« wurde Oskar Panizza durch Mehrings 1952 auch in Deutschland erschienene »Verlorene Bibliothek« endgültig zu einer legendären Gestalt erhoben. Wie bereits 1927 der »Völkische Beobachter« ließ Walter Mehring Panizza direkt nach dessen Prozeß in die Schweiz fliehen. Er ergänzte Panizzas Urteil um »Verbreitung unzüchtiger Schriften« und verschärfte dessen Strafe auf »Zuchthaus«. (46) Um den »Fall Panizza« skandalträchtig in die deutschen Nachkriegsjahre zu retten, ließ Mehring auch den von Hanns Heinz Ewers überarbeiteten Erzählungsband »Visionen der Dämmerung« nachträglich konfiszieren. Postum machte er Oskar Panizza mit Heinrich Lautensack bekannt und erschuf Panizza unter Berufung auf dessen Vilshofener »Caféhauskollegen« und Frank Wedekind einen »Jesuitenonkel«. Als »Sadistisch-Hoffmannischer Horrornovellist« und als Verfasser des »Liebeskonzils« konnte Panizza der Sympathie Walter Mehrings gewiß sein. Bis heute gerne zitiert blieb die »story« von Mehrings gescheitertem Besuch in der Bayreuther Irrenanstalt«: »(Niemand durfte ihn [Panizza] besuchen; ich habe es vergeblich auch versucht …)« Angesichts der Vorliebe des alternden Mehring für Anekdoten und phantasievolle Ausschmückungen dürfte die Geschichte vom gescheiterten Besuch in Bayreuth ebenso frei erfunden sein wie der von Mehring genannte Essay Panizzas »Transvestitentum und Effeminismus im Messiaskult«.

Aufgrund der Tatsache, daß in Mehrings ››Verlorener Bibliothek« Titel Panizzas umformuliert bzw. ergänzt wiedergegeben werden und selbst dessen Todesjahr falsch angegeben ist, sollte diese »Quelle« künftig nicht mehr kritiklos zitiert werden. Weniger die Person und das Werk als »Der Fall Panizza« interessierten Walter Mehring angesichts einer sich Anfang der fünfziger Jahre neuerlich abzeichnenden restriktiven deutschen Kulturpolitik. Mit Mehrings Kapitel aus der »Autobiographie einer Kultur«, so der Untertitel seines Buches »Die verlorene Bibliothek«, überdauerte die Legende vom syphilisinfizierten Dichter, der als ehemaliger Psychiater schizophren in einer »Irrenanstalt« endete (48), den zweiten Weltkrieg.

Michael Bauer: Oskar Panizza – Ein literarisches Porträt; München: Hanser Verlag 1984; S. 24 ff.

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1946 Lieder Lyrik

Erich Grisar hält Walter Mehring 1946 für tot

Erich Grisar (Hg.): Denk ich an Deutschland in der Nacht - Eine Anthologie deutscher Emigrantenlyrik Aber auch jene Dichter, die die Tiefe ihrer Gefühle hinter der strengen Sachlichkeit ihres Stils zu verbergen trachten, haben schwer an der Verlassenheit getragen, in die das Schicksal sie gestoßen. So bekennt Walter Mehring – der doch vor 1933 schon lange Jahre in Paris lebte und mit dieser Stadt so verwachsen war, daß er ihr einen Roman widmete -, daß er manchmal im Schlaf berlinert, und als man Alfred Kerr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, dichtete er:

Deutschland, kein winselndes Abschiedsweh!
Liebe dich doch wie eh und jeh.
Bin aus dir (nicht von dir) verbannt,
Wende den Fuß nun anderwärts,
Bist du dereinst nicht Hitlerland,
Drück ich dich wieder ans Herz.

Es mußten viele Jahre voll schmerzlichen Geschehens vergehen, ehe diese Hoffnung sich erfüllen durfte. Mancher hat die Spannung der langen Trennung nicht ausgehalten und seinem Leben ein vorzeitiges Ende bereitet, wie Kurt Tucholski (sic!), Ernst Toller, Walter Mehring, Stefan Zweig und Ernst Weiß. Andere wie Max Hermann Neiße, Joseph Roth und Robert Musil sind gestorben, ohne die Heimat wiederzusehen, ein Schicksal, das ebenso Georg Kaiser und Franz Werfel widerfahren ist, wenn sie auch das Ende des Regimes, das sie aus dem Lande trieb, noch erleben konnten.

Wenn zu der hier getroffenen Auswahl noch einige Worte gesagt werden dürfen, so ist zu betonen, daß alle vorgelegten Gedichte aus der ersten Zeit des Hitlerreiches stammen. Das bedingt, daß manches von ihnen stofflich überholt ist. Doch eben das war der Grund, die
Gedichte, die bisher nur in Abschriften in Umlauf waren, neu vorzulegen; denn sie sind unverwischbare Zeugen einer Zeit, die uns damals unerträgliche Barbarei zu sein dünkte und die, wie wir zu unserem Leid erfahren mußten, doch nur das uns heute fast harmlos scheinende Vorspiel einer Epoche war, die Schuld und Verbrechen ins Maßlose häufte.

Die Art des Entstehens dieser Sammlung führte dazu, daß mancher bekannte Name fehlt, aber neben den Lücken wird der Leser auch auf manches Wertvolle Gedicht stoßen, das heute an keiner anderen Stelle mehr auffindbar sein dürfte; denn obwohl mehr als ein Jahr vergangen ist, seit der furchtbare Alp von uns gewichen ist, der länger als ein Dutzend Jahre auf uns allen lastete, ist doch (von Glaesers Roman „Der letzte Zivilist“ und Langhoffs Moorsoldaten“ abgesehen) noch so gut wie keins der Bücher, die in der Emigration geschrieben Wurden, in Deutschland neu herausgegeben worden. Dieser Tatsache entnehmen Verlag und Herausgeber die Berechtigung, diese kleine Sammlung vorzulegen, um dem deutschen Leser einen Hauch von jenem Geiste zu vermitteln, der jenseits der deutschen Grenzen lebendige Wirklichkeit gewesen ist und den die Menschen innerhalb der Grenzen so lange nicht mehr haben spüren können.
Dortmund, im Juli 1946.
ERICH GRISAR.

(Dieser Text von Erich Grisar ist ein Auszug aus dem Vorwort für die Anthologie „Denk ich an Deutschland in der Nacht, in der Lyrik aus dem Exil 1946 in Deutschland vorgestellt wurde. Erich Grisar zählt Mehring in dem Text zu denen, die sch im Exil das Leben nahmen. Dass ihm die Flucht über Frankreich in die USA geglückt war, war dem dem Dortmunder Autor, der während des Dritten Reichs ebenfalls mit Publikationsverbot belegt war, nicht bekannt. Etwas mehr als ein Jahr nach der Kapitulation ist der schmale Band erschienen und war einer der ersten, der sich mit dem Schaffen der Eimgranten beschäftigte.

Erich Grisar (Hg.): Denk ich an Deutschland in der Nacht – Eine Anthologie deutscher Emigrantenlyrik; Karlsruhe: Verlag Volk und Zeit 1946; hier: Nazi-Zoo, S.44 f; Das Tränenfass, S. 46 f., Ode an Berlin, S. 48 f., Erich Mühsam, S. 50.)