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1933 1934 1935 Biografisches

Die geplatzte Hochzeit von Walter Mehring und Ilse Winter in Paris

Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will raus„Schon im Sommer 1933 sind alle Berliner Theater unter neuer Leitung und viele jüdische Schauspieler und Regisseure arbeitslos. Ilse hört Schlimmes, fürchtet sich und beschließt, nach Paris zu fahren, wo sich schon viele Freunde aufhalten, auch Walter Mehríng, der seit Jahren zwischen Berlin und Paris hin und her lebt. Die beiden gefallen einander und ziehen zusammen, in kleine Hotels. llse liebt Abenteuer und ist womöglich auch froh, ihre Mutter auf Distanz zu haben.

Sie macht Gelegenheitsjobs und genießt, zweiundzwanzigjahre jung, das freie Leben. Sie verdient kleines Geld in den Synchronstudios von Joinville, Walter schreibt in den Boulevards. llse verkehrt in der Russischen Kolonie, lernt Ilja Ehrenburg kennen und übernimmt Gelegenheitsarbeiten im kommunistischen Verlag von Willi Münzenberg. (Münzenberg, der Medienzar der KPD, produziert im Pariser Exil die rote Agitationspresse; den Gegen-Angrıff und die Braunbücher, in denen die Verbrechen der Nazis denunziert werden.) Münzenberg ist ein bisschen in Ilse verknallt und geht gern mit ihr Russisches Billard spielen. Er füttert sie vormittags mit Croissants und beschwipst sie nachmittags mit Suze und Pastis. Bei guter Laune führt er Ilschen auch gemeinsam mit Walter zum  »Sattessen« aus.

Ilse verbringt aufregende Tage auf dem legendären Schriftstellerkongress in den überfüllten Hallen der Mutualité, lässt sich noch ein Kind  » wegmachen«, diesmal von einer Engelmacherin in der Banlieue Marnes la Coquette, und kümmert sich um den »verbrannten Dichter« Arthur Holitscher in seinem Elendsquartier in der Rue de Rennes. (Holitscher stirbt 1941 einsam in einem Männerheim der Heilsarmee in Genf. Die Totenrede hält Franz Musil.)

Noch ein letztes Mal reist Ilse nach Berlin: im Sommer 1934. (…)

In ihrem zweiten Jahr hausen Ilse und Walter in einem kleinen Zimmer unter dem Dach des Hotels Trianon in der Rue de la Harpe, wo auch Jean Genet zeitweise wohnt. Sie beschließen zu heiraten. Im Frühjahr 1935 erscheinen Ilse Winter und Walter Mehring vor dem Standesbeamten des VI. Arrondissements. Marie (Ilse Winters Mutter; A.O.) wird benachrichtigt und erhält eine Reisegenehmigung aus »besonderem Anlass«, um für drei Tage dabei zu sein, wenn ihr einziges Kind das Ja-Wort sprechen wird. Sie kennt Mehring aus Berlin und hat sich »weiß Gott« einen anderen zum Schwiegersohn gewünscht, einen, der Ilse die Flausen aus dem Kopf treiben kann und ein Ziel im Leben hat. Mehring ist für Marie ein brotloser Literat und Hungerkünstler aus dem »verdammten« Theatermilieu, das ihre Tochter auf dem Gewissen hat. Mehrings Mutter, die Sängerin Hedwig Löwenstein, eine strenge alte Dame wilhelminischer Prägung, die ihren Sohn vergöttert und der jede Frau in seiner Nähe suspekt ist, reist gar nicht erst an. In letzter Minute fürchtet sich Ilse vor einem Leben in den kleinen Hotels und einer prekären Zukunft an der Seite von Mehring. Die Boheme am Rand der Armut macht ihr Angst. So sagt sie denn vor dem Standesbeamten auf die Frage, ob sie Monsieur Walter Mehring zum Gatten nehmen möchte, spitz »Non!«, was Walter und Ilse nicht im Geringsten daran hindert, wieder in ihr kleines Hotel zurückzukehren. Das Leben hat ihr die Männer immer vorgesetzt.

ln solcher Ménage lebt Mademoiselle Winter noch ein halbes Jahr, bis sie sich entschließt, im Spätsommer 1935 nach Wien zu Tante Annie, der jüngeren Schwester ihrer Mutter, zu reisen, um wieder am Theater zu arbeiten. Sie nimmt den Nachtzug, den zur selben Zeit auch Ilja Ehrenburg auf dem Weg nach Moskau besteigt.“

(zitiert aus: Gabriel Heim: Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus – Eine Mutterliebe in Briefen; Berlin: Quadriga Verlag 2013, S. 57 – 62)

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1929 Dramatisches

Verlagsankündigung für „Der Kaufmann von Berlin“

WALTER MEHRINGFischer Almanach 1930
Der Kaufmann von Berlin
Ein historisches Schauspiel aus der deutschen Inflation

Unser aller Erleben im Naclıkriegsberlin – das tragische Schicksal „Kaftans“, einer shakespearischeıı Gestalt von heute – blutvolle Gestalten und schaurige Schatten des
Pandämoniums der Inflation; dies alles beschwört Mehring in der Buchfassuııg seines neuen Stückes herauf, die halb Roman und halb Schauspiel ist – eine der originellsten
Schöpfungen unserer zeitgenössischen Literatur.

( S. Fischer Verlag (Hg.): Almanach 1930; Berlin: S. Fischer Verlag; S. 157 f.)

Der Kaufmann von Berlin (1929)

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2015 Prosa

„Die verlorene Bibliothek“ – ein aktuelles Buch?

Aus dem Arbeitsjournal von Sven j. Olsson:

Immer wieder gibt es Sätze in Mehrings „verlorener Bibliothek“, die, wie ein Stein im Bach, den Lesefluß bremsen, einen stocken lassen und bewegen innezuhalten. Sätze, die ob ihrer Formulierung oder ihrer Aussage ein zweites, drittes Lesen erfordern. Sätze, die in ihrer Schärfe weh tun und das Denken herausfordern. Sätze, die über den Zeitpunkt des Schreibens und Erscheinens von bedrückender Aktualität sind.

Zu diesen gehört: „Die Schwurformel, die ich aus dem Schlafe konnte, lautete: Bildung! – das »Sesam, öffne Dich!« zu der Schatzhöhle, wo der Stein der Weisen oder die »Leuchtende Materie«, das kosmische Strahlendiadem der Trinität, das pure Mehrwertsgold des Sozialismus sich befand und Macht über alle Naturkräfte und Gewalt über alle Menschennatur verlieh; und die Aladin-Wunderlampe der Wissenschaft, die ich nur blankzuputzen brauchte, und der Geist eines Buches würde mir mit Rat und Trost zur Seite stehen.
Doch im Todesjahr meines Vaters waren die Geister alle mobilisiert; …
 Zur Bibliothek kehrte ich nicht mehr zurück …“(Die verlorene Bibliothek, S. 194 f.)

 Bildung. Wissen. Die Kraft der Erkenntnis. Der Glaube an die Lernfähigkeit des Menschen, an die Vernunft im Sinne der Aufklärung. Und am Ende: der Autor entsagt der Bibliothek, dem Hort von Wissen und Erkenntnis. Ernüchtert stellt er fest, daß entgegen des Versprechens der humanistischen Bildung das große Schlachten des I._Weltkrieges stattgefunden hat. 

…Und hier geht es zum ganzen Text auf www.merin.de/…

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1969 Biografisches Kabarett Wissenschaft

Biografischer Abriss Walter Mehrings von Rudolf Hösch

Kabarett von gesternIn Berlin, der deutschen Hauptstadt, trafen die Klassengegensätze besonders hart aufeinander. Die Regierung Scheidemann-Noske blieb hier nicht bei der platonischen Verkündung der Parole „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“, sondern ging brutal mit Waffengewalt gegen das revolutionäre Proletariat vor, und von dem „Bluthund“ Noske gedeckt, ermordete die reaktionäre Soldateska die Führer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Diese Ereignisse fanden ihre vielfältige Widerspieglung in der Literatur und im politischen Kabarett.

Walter Mehring, der in späteren Jahren, insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg, von seiner damaligen fortschrittlichen Haltung abrückte, dichtete zornerfüllt den „Deutschen Liebesfrühling 1919“:

Herr Noske übt jetzt Volksversöhnung.
Mit Hülsenfreikorps, 5 Mark Löhnung.
Der letzte Mann, der Freiheit grölt,
Wird janz im stillen abgekehlt
Mit Eichenlaub und blut’ger Wade,
Begeistert brüllt die Wachtparade:
___Ach, Noske jib mir `n Frühlingsschmatz,
___Die deutsche Eiche jrünt.
___In Potsdam uff”n Rummelplatz
___Wird klotzig Geld vadient.

Wie genau Mehring die Bourgeoisie durchschaute, zeigt noch heute sein Pamphlet „Mit Samthandschuhen“:
„Seit mein Kaiser in Amerongen sitzt, kräht kein Bourgeois nach ihm, der ihn nicht täglich absetzte. Der Königsstürzer im Klubsessel und Heil-dir-im-Siegerkranz auf der Grammophonwalze, weil die Platte nu mal jekooft is. – Wir haben schließlich doch auch zugesehen, wie das Blut floß – aber man ist aufgeklärt – laßt sie doch die Kokarden tragen – das ist äußerlich. Und außerdem macht sichis sehr schön. – Und innerlich sind wir gut deutsch – schwarz-weiß-rot. Und gute Christen: Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein, hat (zwar nicht Christus) gesagt (aber) Unser Kaiser. Nur ein guter Christ kann ein Demokrat sein, hat Scheidemann noch nicht gesagt. – Gelten lassen und Frieden! Wenn man uns nur das Geld läßt. Achtung! Die Bolschewisten kommen. Jetzt heißt`s zusammenkriechen. Kriechen! Ohne Rangunterschied: Um Gottes willen, Intellektuelle und Proletarier, vereinigt Euch, sonst geht die Kultur des Geldsackes flöten! Das wird Gott nicht wollen!“

Mehrings dichterisches Schaffen dieser Zeit fand seine Grenzen in der individuellen Sicht, aus der er die politisch-aktuellen Ereignisse betrachtete. Der 1896 geborene Dichter leistete aber trotzdem Entscheidendes zur Weiterentwicklung des literarischen Kabaretts in Deutschland. Dazu gehören vor allem seine Gedichte, die die „Weltbühne“ in der Zeit der Weimarer Republik veröffentlichte. Meisterhaft traf Mehring den Nerv der Zeit:

Oben woll’n se grad beraten –
Schnuppern am sozialen Braten,
Unten auf dem Königsplatze –
20 Mann im Heldensatze
Hat sich ’n Leutnant aufgepflanzt.
___Mitten in der Republike –
___Fesch und schnieke
___Geht’s: Heil dir im Siegerkranz!
___Vorne stehn se Kopp an Kopp,
___Hinten drängelt sich der Mob.
___Und die Claque brüllt sich heiser:
___Gebt uns wieder unsern Kaiser!

Mit 23 Jahren wurde Walter Mehring Hausdichter beim zweiten „Schall und Rauch“, dem ersten literarischen Kabarett der Nachkriegszeit. Hier fand er seinen Chansonstil: „Aus Unkenntnis dieser Kunstgattung, dessen spätere Popularität mich die Aufnahme in fast jede seriöse Literaturgeschichte kostete.“

Als Autor formvollendeter, großartiger Songs, Balladen und Chansons gehört Mehring zu den bedeutendsten Autoren des literarisch-politischen Kabaretts in Deutschland. Ausdruck, Rhythmik und die Suggestivkraft seiner Verse sind unverwechselbar. Eisiger  Hohn und schneidende Schärfe wehen aus diesen Strophengebilden entgegen, „aber wie wenige hören es zwischen den Zeilen Walter Mehrings schluchzen“, bemerkt Tucholsky. Mehrings damalige Haltung, seine kompromißlosen Attacken gegen die Bourgeoisie, machten ihn in jenen Jahren zum Mitkämpfer gegen Krieg, Reaktion und Militarismus, wenn es ihm auch nicht gelang, seine Protesthaltung mit der organisierten Kraft der revolutionären Arbeiterbewegung zu vereinen.

(Rudolf Hösch: Kabarett von gestern – nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken und Erinnerungen, Bd. 1, 1900 – 1933; Berlin (Ost): Henschelverlag 1969; S. 164 ff.
Dieser Beitrag aus den späten 1960er-Jahren ist ein gutes Beispiel für die Bewertung des Werkes von Walter Mehring vor dem Hintergrund der Ideologien. Mehring, der sich selbst nie als Kommunisten begriffen hat und auch nie Mitglied einer Partei wurde, wurde genau dies schon seit den 1920er-Jahren immer wieder zum Vorwurf gemacht. Auch im Exil spielte die Frage, ob man für oder gegen die KP war, eine wichtige Rolle. Und nach dem Ende des Dritten Reiches mit der Gründung der beiden deutschen Teilstaaten ebenso. Umso bemerkenswerter ist es, dass Hösch hier auch und vor allem auf die literarische Qualität der texte Merhings abhebt. A.O.)

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1934 Zeitschriften

Österreich debattiert 1934 über „richtige“ Literatur

GEGEN DEN LITERARISCHEN AUSTROMARXISMUS.

Nach der sieghaften Niederkämpfung des militärischen und politischen, muß nunmehr auch die Ueberwindung des intellektuellen Austromarxismus erfolgen, der, zwar nicht aus eigenem, nicht kraft seiner selbst, sondern ausschließlich vermöge der ihn tragenden politischen Macht eine ihm nie gebührende Geistesherrschaft erlangt hat, die, da sie nicht aus dem Geiste, sondern aus der Macht geboren war, inquisitorisch jede Geistesfreiheit bekämpfte. So hat die austromarxistisch-intellektuelle Despotie als nahezu omnipotente Beherrscherin von Rundfunk, Theater und Buchhandel über der östereichisch-schöngeistigen Literatur eine Cliquenherrschaft aufgerichtet, deren fabelhaft funktionierender Vergötterungs-, Auszisch- und Totschweigeapparat fünfzehn Jahre hindurch zwar nicht über Wert und Wesen, jedoch über Wohl und Wehe von österreichischer Dichtung und österreichischem Dichter entschieden hat. Und wie sie entschied: das Urteil dieser Snobschreiberlinge, Hornbrillengiganten und Goldfüllfederbolschewiken galt dem vom austromarxistischen Kulturorganisationsapparat erfaßten Großteil des literarisch aufgeschlossenen österreichischen Publikums als autoritär.

Zwar müssen wir loyalerweise zugestehen, daß der literarische Austromarxismus immerhin ein höheres Niveau pflegte, als etwa der Marxismus anderer Länder. Das jedoch ist keineswegs sein, des österreichischen Marxismus, Verdienst, sondern es dürfte mit der wesenhaft antinaturalistischen Anlage des österreichischen Menschen zusammenhängen, der, soferne er der Kunst zuneigt, einem plumpen Naturalismus – zum Klassenkampfe reizender Elendsschilderer oder sich als „Dichter“ gebenden Pansexualisten – keinerlei literarischen Geschmack abzugewinnen vermag. Hingegen ist seiner unmaterialistischen, leichten, sensiblen Art leider sehr der grazile, spielerische „wertfreie“ Aesthetizismus zugängig, der ja auch außer in dem Paris des l’art pour l’art, noch in dem Wien der Beer-Hofmann und Schnitzler seine Triumphe feiern konnte. Dieser Eigenheit der österreichischen Volkspsyche war sich der literarische Austromarxismus sehr bewußt und hat die ausgesprochen proletarische Literatur eigentlich weniger gepflegt, und wo er sie gepflegt hat, dort minder als Kunst, denn als platte Tendenzangelegenheit, als Agitation. So galten dem österreichischen Schöngeist marxistischer Provenienz auch die Becher, Barthel, Toller, Hasenclever, die Ehrenstein, Brecht, Kästner und Mehring keineswegs als Dichter, sondern als das, was sie waren, als marxistische Agitatoren; Dichter hingegen schienen ihnen, die den ästhetizistischen, dekadenten Wiener Impressionismus repräsentierenden Stefan Zweig, Felix Saltem und Ernst Lothar zu sein. Das zu betonen, ist sehr wichtig, denn der literarische Austromarxismus scheint, zumal er nie im tiefsten Schmutz der ausgesprochen proletarischen Kunst gewühlt hat, sich auch in einem neuen Oesterreich noch für existenzberechtigt halten. Doch: hätte es Oesterreich, die neben dem Flandern der Felix Timmermanns, Antoon Tlhiery, Stijn Sreuvels, Gert Walschap und Ernest Claas literarisch fruchtbarste Landschaft des Nachkriegseuropa, nötig, Macher und Routiniers zu fördern, wo es eine stattliche Zahl wesenhafter Dichter besitzt: Karl Kraus, Richard Schaukal, August Leifhelm, Heinrich Waggerl, Guido Zernatto, Max Mel, Julius Zerzer, J. G. Oberkofler, Georg Rendl und Rudolf List, Enrika v. Handel-Mazetti, Paula Grogger, Dolores Vieser, Erna Blaas und Veronika Rubatscher. Wie es auch sei: in einem christlichen Ständestaat Oesterreich darf für den ästhetizistischen Relativismus kein Raum sein.

Doch denken wir, die wir den Geistesterror der Gleichschaltung ablehnen, keineswegs daran, Bücher, die dem Großteil des literarischen Oesterreich noch für wertvoll gelten, zu verbrennen, wir wollen vielmehr dem Guten oder zumindest für gut Geltenden das Bessere gegenüberstellen: der Formalschönheit des ästhetizistischen Wiener  Impressionismus die Wesensschönheit gott- und volkverbundener Dichtung. Diese muß mehr und mehr durch Radio, Theater und Buchhandel gepflegt und verbreitet werden, und sie wird kraft ihrer selbst, vermöge ihrer Wesenheit über den Asphalt siegen. Indes genügte es keineswegs, nur die gesunde volkhafte österreichische Dichtung zu fördern, nein, wir müssen vielmehr unserer Verpflichtung für die gesamte Nationalliteratur, die heute größer ist denn je, Ausdruck verleihen und aus dieser Pflicht jene reichsdeutsche Literatur vornehmlich pflegen, die, da sie im Dienste der rechten Rangordnung der Werte steht, in einem Deutschland des Blutmythos nicht die ihr eigentlich zukommende Stellung einnimmt. Wir denken hier besonders an die Werke der Theodor Häcker, Ernst Thrasolt, Leo Weismantel, Franz Johannes Weinrich und Gottfried Hasenkamp.

W. Faber.

(Faber, N.: Gegen den literarischen Austromarxismus; in: Der Christliche Ständestaat nr. 13/1. Jg. vom Februar 1934; S. 23)

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1944 Brief

Walter Mehring unterstützt Erika Mann mit Sarkasmus

New York, 20.4.1944
Hotel Park Plaza

Verehrte Erika Mann:

Erika Mann: Briefe und Antwortengestatten Sie mir, Ihnen auf Ihre „Ablehnung“ – folgende Entgegnungen zu senden:
1) Sie sind nicht objektiv genug …
2) Haben Sie vergessen, daß auch Hans Sachs, die Marlitt und
der Struwelpeter Deutsche waren?
3) Die Deutschen sind im Grunde nie Nazis geworden, ihre Zahl ist sehr gering und arbeitet in der überwiegenden Majorität heimlich für die Untergrundbahnbewegung…
4) Das Volk ist irrtümlich verführt worden und hat die Polen, Tschechoslowaken und Juden bloß deswegen ausgerottet, weil es sich so sehr über den Versailjer Schandfrieden und den Oberbürgermeister Böss gekränkt hat.
5) Man muß das deutsche Volk, das im Gegensatz zu andern Völkern unter Hitler so gelitten hat, durch Güte erziehen, damit es wieder ein gleichberechtigtes Mitglied der Aufrüstung wird. Dann können die andern noch was von ihm lernen.
6) Es gibt nicht nur Hitler-Deutschland – es gibt auch ein „anderes Deutschland“. Für uns kann es garnicht genug Deutschlands geben…
7) Sie sind nicht objektiv …

Dies wünscht Ihnen
Ihr herzlichst ergebener Walter Mehring

(Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 189 ff.

"Eine Ablehnung", Artikel von EM in: Aufbau, Jg. 10, H. 16, New 
York 21.4.1944, S. 7:
"Sie bitten mich, im »Aufbau« zum Problem des »anderen«, des 
»gute« Deutschland Stellung zu nehmen und meine - ablehnende - 
Haltung seinen Aposteln gegenüber für Ihre Leser zu begründen.

Gut denn: das Gebaren der »Freien Deutschen« in diesem Lande miß-
billige ich zutiefst, weil dem A und O ihrer Umtriebe, - ihrer
These von der Verschiedenartigkeit der Nazis und der Deutschen - 
täglich von den Tatsachen aufs blutigste widersprochen wird. Bis 
zum Tage des Kriegsausbruches mochte man an ein »anderes« 
Deutschland glauben, mochte sich einreden, daß eine Majorität »gu-
ter«, wenngleich verblüffend inaktiver Deutscher von den Nazis 
niedergehalten sei. Mir selbst waren derlei Vorstellungen nicht 
fremd, wiewohl an ihnen festzuhalten von Jahr zu Jahr schwieriger
wurde. Als aber ein bis zu den Zähnen bewaffnetes Reich, weit da-
von entfernt, seine Waffen gegen seine »Versklaver« zu erheben,
über Europa hergefallen war, zerstob der Wunschtraum. In der Ge-
genwart, soviel war deutlich geworden, zählte dies »andere« 
Deutschland nicht. Deutlich geworden, wem? Nicht den exilierten 
deutschen Politikern, die selbst heute noch der von Deutschland 
zerrütteten Welt von der Unschuld des deutschen Volkes schwätzen. 
Schuld ist Hitler! Die Gestapo ist schuld! Was, angesichts dieser
Deutschen, sollten die Deutschen tun? Nur, was, trotz der Gestapo,
die Völker Europas - machtlose, entwaffnete, hungernde, unterwor-
fene Völker - seit langem tun: ihr Äußerstes und Bestes, um dem 
Unsäglichen ein Ende zu machen. Stattdessen tun sie ¬ noch immer 
und bis zum Ende - ihr Äußerstes und Bestes für Hitler und seinen 
Krieg. Wie die Löwen kämpfen sie an allen Fronten. In grauenvoller
Einhelligkeit betreuen sie daheim die Kriegsmaschine des »Führers«
und, während in den besetzten Gebieten die Sabotage-Akte der Pa-
trioten sich häufen, wissen selbst unsere exilierten Politiker von
den Taten der deutschen Antifaschisten kein Lied zu singen. Ihr 
Lied beschimpft die Welt, die es schließlich müde geworden ist, 
dem feinen Unterschied zwischen Nazis und Deutschen nachzuträumen,
- müde, im Kampf gegen Deutschland.

Die deutsche Niederlage, der sie gespalteten Gefühls entgegense-
hen, trachten sie schon heute in eine reinigende, alles sühnende 
Revolution umzufälschen, - als ob der totale Zusammenbruch eines 
fürchterlich geschlagenen Volkes mit Revolution auch nur etwas 
zu tun hätte. Und schon heute vertreten sie, die Bankrotteure der 
deutschen Republik, die Machtinteressen des »geläuterten« Reiches.
Mitten im Kriege und in Ländern, die ihnen Gastfreundschaft gewäh-
ren, gründen sie ihre Vereine, verfassen sie ihre Proklamationen 
und scheuen sich nicht, die Menschheit mit dem dritten deutschen 
Weltkrieg zu bedrohen, für den Fall nämlich, daß ihre Ratschläge 
refusiert werden sollten. Das deutsche Verbrechen, das sie ein 
Nazi-Verbrechen nennen, hätte die Welt verhüten können und müssen.
Sie aber tun, als tilge das Versagen der Polizei die Schuld des 
Verbrechers, gegen den sich in Zukunft zu sichern, ja, dem auch 
nur eine Bewährungsfrist zu setzen, sie verbrecherisch schelten. 
Der Krieg, den sie so hitzig führen, ist nicht unser Krieg.

Es ist, ich muß es aussprechen, ein Jammer und eine Schande und 
denkbar ungeeignet, Zeugnis abzulegen für ein besseres Deutsch-
land. Die Welt wäre glücklich, es geboren und sich bewährenzu 
sehn. Die Welt kämpft und wartet." )
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2015 Lyrik

Walter Mehring ganz neu in der Reihe Poesiealbum

Poesiealbum (2015)Nur fünf Euro für einige Gedichte Walter Mehrings. Das ist das Angebot der Reihe „Poesiealbum“ an Leser, die sich für Lyrik interessieren. Den Umschlag schmückt eine Farblithografie von Conrad Felixmüller mit dem Titel „Kohlenbergarbeiter“ (1920). In der Mitte wird der 36 Seiten dünne Band mit einem Holzschnitt („Holzlesen – Berlin“ von 1948) ergänzt.

Alex Dreppec hat 27 Gedichte Mehrings ausgewählt, die einen guten einstieg in das lyrische Werk Mehrings bieten. Dabei konzentriert er sich glücklicherweise nicht auf die bekannten Kabarett-Chansons, wobei die wichtigsten berücksichtigt sind. Die Auswahl ist vielmehr darauf ausgerichtet die lyrische Vielfalt von Mehrings Ausdruckskraft aufzeigen. Vor allem die beiden kleinen Texte „Die Deutsche Dichterakademie“ und „Die Psychoanalytiker“ macht das deutlich. Die Gesamtauswahl zeigt aber auch ganz klar, wie sich Mehrings Schaffen immer mit der äußeren Welt beschäftigt und nicht wie bei vielen anderen Lyrikern mit dem eigenen Inneren. Das wird allenfalls in der politischen Realität gespiegelt.

Das „Poesiealbum“ ist eine schöne Reihe, die immer Grafik mit dem Lyrik kombiniert. In diesem Fall allerdings ist dies nicht so geglückt. Kohlearbeiter sind keine Bezugsgröße für Mehring. Gerade in den 1920er-Jahren war dies vielmehr die Großstadt mit ihren Bürgern und Fabrikarbeitern. Und die Grafik von den Holzsammlern im zerstörten Nachkriegs-Berlin haben auch keinen direkten Bezug zu Leben und Texten. Aber vielleicht ist dies ein zu strenger Blick. Immerhin stehen die Arbeiten Felixmüllers in einem zeitlichen Verhältnis zu Walter Mehring.

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1934 Brief Kabarett

Walter Mehring stellt Erika Mann eine Rechnung

25.8.1934

Teuerste E.M. Ausrufungszeichen

Aus Ihren werten Mustern hab ich mir das tapfere Schneiderlein ausgesucht und sende ich Ihnen selbes gleich zur Anprobe.
Mit dem Schneiderlein ist natürlich ….. gemeint, was ich energisch ableugne, weil es ganz unpolitisch ist.
Ich habs meiner (sehr häßlichen) Nervenverfassung direkt abgeboxt. Würden Sie mir das Eintreffen des tapferen, leicht monomanen Schneiderleins melden?
Und herrlich wärs, Sie dächten mal an mich aus den Geleisen Geratenen. Hier ist nämlich natürlich garnichts mehr zu wollen.
Wissen Sie nicht was in Zürich?
Und schönste Grüße an Ihren ganzen Thespiskarren
von Ihrem WM.

Und nun gehen Sie bitte mal raus und schicken Sie mir die Frau Derektern rein!

 Geehrte Dame,
 erlaube mir anbei eine Figur nach Maß nebst quittierter
 Rechnung zu senden:
 Eine Figur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  0,75 Rappen
 19 Reime à 50 Francs . . . . . . . . . . . . . . . . . 950 Francs
 Stundenlohn (Stunde 1 Franc)                   7 Francs 80 Rappen
 Zugaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Franc 15 Rappen
 _________________________________________________________________
                                              959 Francs 70 Rappen
Selbige Summe (Ausnahmepreis) bitte ich, mir höflichst anläßlich 
meiner baldigen Geschäftsreise nach der Schweiz auf mein Schweizer
Bankkonto überweisen zu wollen!
Hochachtungsvoll                                     Mehring & Co.

So Sie dürfen wieder eintreten! Ich hab bloß Ihrer Prinzipalin die Rechnung präsentiert; ne, ganz bescheiden, weils doch für Sie ist! Sind doch ’ne alte Kundin von mir! Schärfen Sie ihr doch bitte noch mal ein, daß sie mir die paar Pfennige in der Schweiz auszahle, wohinnen ich komme!                Derselbigte

Kleine Gebrauchsanweisung: man kann selbiges Chanson leicht und einfach szenisch gestalten, indem daß man die übliche Schneiderpuppe aufstellt, sich außerdem einer großen Schere und einer Nadel bedient, auch eines Lappens, um nach den Fliegen zu schlagen.
Man trage das Chanson unpathetisch vor und etwas keifend, dergestalt, daß der Diktatorfimmel des Schneiderleins lächerlich wirke.
In der ersten Strophe wird genäht – Refrain Anfang parlando; der Schluß wieder gesungen.
Zweite Strophe wird anprobiert – Spiel mit der Schneiderbüste und dem daran hängenden Rock – bei: Oh es kneift Sie im Schritt wird das Schneiderlein wieder ängstlich und devot…
(Sieben Fliegen) wütend gesummt…
Es waren ihrer sieben – das war nicht übertrieben: zum Publikum als Einwand auf jeglichen Protest…
In der dritten Strophe hantiert das Schneiderlein zuschneidend wild mit der Schere Refrain: erste beide Zeilen ganz parlando, sehr einfach konstatierend gesprochen (bloß nich pathetisch!).
Zu den letzten zwei Zeilen: die Schere mit der Rechten aus der linken Hand ziehen wie ein Schwert aus der Scheide und die Schere dann zum Schluß hochhalten wie ein Schwert!

Erika Mann: Briefe und Antworten(Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; München: Edition Spangenberg 1984; Bd. 1, S. 52 ff. 
Das Chanson, um das es in dem Brief geht ist „Die Vogelscheuche“.)

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1936 Zeitschriften

Verbotene und geförderte Literatur der Nazis 1936

IN DEUTSCHLAND VERBOTEN
Wir legen wieder einmal eine Liste der im Dritten Reich verbotenen ausländischen Druckschriften vor. Sie umfaßt diesmal die Zeit vom 8. Jänner bis 29. Februar. Die 30 Verbotsnummern verteilen sich auf 12 Länder, und zwar entfallen auf die Schweiz 7, auf Frankreich 6, auf Oesterreich 5, auf die Tschechoslowakei, Danzig und Litauen je 2, auf England, Belgien, Luxemburg, Polen, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion je 1. Von den verbotenen Zeitungen und Zeitschriften ist die Hälfte katholisch.

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1929 Lieder Lyrik Rezensionen Zeitschriften

Otto Zarek lobt „Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“

Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring

Die Gedichte Lieder und Chansons des Walter Mehring (1929)Wir nehmen jeden der spärlich gebenen Bände Lyrik zögernd und zitternd zur Hand; zögernd, weil wir der Gegenwart nicht zutrauen, daß sie Lyrik zu gestalten erlaube; zitternd, weil wir, nach allzuvielen Enttäuschungen, auf den Klang der Poesie, auf strömenden Melos, auf reiche und reine Gestaltung warten. Uns interessiert nicht „Zeitlyrik“, wenn sie nichts ist, als der krampfhafte Versuch, mit aktuellen Requisiten die überlebten Formen und die vergangene Mentalität und Sentimentalität aufzufrischen. Das Kriterium der „Zeit-Nähe“, allzu sehr mißbraucht für die Beurteilung dramatischer und epischer Dichtung, besagt nichts für den Wert lyrischer Poesie. Etwas anderes aber – wir verwechseln es gern ¬ ist geeignet, schöpferische Dichtung zu indizieren: nicht Organ haben für die Zufälligkeiten aktueller Erscheinungen, sondern: einen Standpunkt haben . ..  der Zeit, der Welt, dem eigenen Ich gegenüber. Der lyrische Dichter ist der isolierteste,  der einsamste Mensch. Er reproduziert nicht die Objektwelt und legitimiert sich nicht durch adäquates Dokumentieren. Er saugt alles, Gefühle und Dinge, nach innen und faßt tausend Wirklichkeiten der Seele und der Sinne in einen Vers …

Dieses filtrierende, Verdichtende Gestalten kann sehr Wohl die aktuellste Gegenwart einbeziehen – ohne daß deshalb der Gestalter verdächtigt werden dürfe, „zeitnah“ zu sein. Das lehrte das Werk Gottfried Benns. Das beweist erneut die Poesie des Walter Mehring. Denn, was er unter dem Warenzeichen „Chansons“ ediert, ist echte reine Lyrik. –

Dieses ,,Einen-Standpunkt-haben“ definiert am klarsten seine Poesie, wenn sie von Gegenständen des Tages ausgeht, das Zeitgeschehen, das Geschichtliche, das Politische erfassend. Mehring scheut sich nicht, in den „Streitliedern“ die unmittelbarste Wirklichkeit anzupacken – aber er prägt sie um, mißt sie an seinen Maßen, entlarvt sie, indem er das bessere, edlere Gesicht, das wahre Menschenantlitz aufweist. Im „Börsenlied“, in „Hoppla, wir leben“ faßt er das anarchisch Grauenhafte des Stoflfs in die gebändigte Melodie seiner bezwingenden Strophe – und schon ist das Gegenständliche geadelt, zur Dichtung erhöht.

Der wahre Gehalt seiner Poesie offenbart sich aber, wenn er über die Wirklichkeitsgrenzen hinaustritt, gleichsam ins All, Wenn er seine persönliche Weltsicht auszudeuten wagt. Dann schwingen die Melancholien dieser zartesten, ernpfindsamsten Seele sich aus; dann wird seine tiefmenschliche Vereinsamung – Welche die Einsamkeit jedes Dichters ist ~ der Seelengrund, auf dem allein das wahrhaft Schöpferische keimt. Wir erleben es in den „Romanzen“ ~ in dieser wundersamen Poesie der „kleinen Stadt“, die zu den schönsten Gedichten gehört, die seit Heine geschrieben wurden.

Otto Zarek

(Zarek, Otto: Die Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring; in: Die neue Rundschau, Nr. 9, 1929; S. 432)