Nina Omilian gilt als einer – oder gar die – aktuelle Stimme für Kurt-Weill-Songs. Mit ihrem musikalischen Partner Marian Lux und der Band Lux Musicale tritt sie untger anderem im Berliner Quasimodo auf.

Im Oktober 1915 stellte Paul Citroen (r.) das erste Mal seine Bilder aus. Seine Eltern ermöglichten ihm dies in der eigenen Wohnung in der Derfflinger Straße in Berlin-Tiergarten. Erwin Blumenfeld, der in den 40er- und 50er-Jahren einer der wichtigsten Modefotografen wurde und für Haparts’s Bazar und Vanity Fair arbeitete, hat die Aufnahme gemacht. Drei noch nicht einmal 20 Jahre alte Berliner, die sich alle auf ihrem Feld einen großen Namen erarbeiteten, sind an diesem Bild beteiligt.
Fundstelle des Bildes ist die Webseite www.luise-berlin.de

Der Bankier Manfred Schienbein bat Walter Mehring um eine Widmung in die Erstausgabe von „Der Kaufmann von Berlin“. Mehring schickte ihm dies am 6. Oktober zusammen mit einem Brief zurück. Zum Stück schreibt er, „…das ‚Kaufmann von Berlin‘ Exemplar ist das erste, das mir seit langen Jahren wieder zur Ansicht kam. Ich besitze keines mehr … Die Uraufführung war – ohne mich rühmen zu wollen – der sensationellste Misserfolg der 20.Jahre – in einer marxistisch umfunktionierten Inszenierung von Erwin Piscator … als Publikum Elite und S.A. …“
Dieser Brief stand am 12. April 2012 zur Auktion bei liveauctioneers.com.
Die Belohnung
Mit den Autoren hat mans nicht leicht.
Bespricht man sie gar nicht, sind sie böse; tadelt man sie, nehmen sie übel, und lobt man sie, zahlen sie nicht. S. J. hat mir erzählt, man habe nur ein einziges Mal in seinem Leben versucht, ihn zu bestechen, und da haben sie ihm fünfundsiebzig Mark geboten – darüber hat er sich oft beklagt … Immerhin gibt es zum Glück Ausnahmen, ich habe hundert Mark verdient, und der Name des Spenders – Walter Mehring – sei in die Nachttischschublade geritzt.
Chansonwerke Mehring A.- G. Groß-Stötteritz
Propaganda X. B. 12543
Vertraulich
Sehr geehrter Herr!
Im Besitz Ihrer werten Kritik erlauben wir uns, anliegend unsrer Anerkennung Ausdruck zu geben, welchselbe nach folgendem Staffelsystem errechnet wurde:
Epitheta ornantia:
37 mittlere 26 Mark
2 verdiente 0 Mark 35
115 überschwengliche 50 Mark 65
Vergleiche mit Theobald Tiger 68 Mark 20
dito George Grosz 35 Mark 00
dito Villjon 1 Mark 80
11 Seelenschreie à 0 Mark 50 0 Mark 22
_____________________
Summa 182 Mark 22
Da wir andrerseits das bedauerliche Fehlen von ›Zeitnahe‹ ›Ewigkeitswerte‹ ›Zentral‹ ›gekonnt‹ feststellen mußten, ermäßigt sich obige Anerkennung auf
100 Mark
Und bitten wir Sie, Ihre Zustimmung umgehendst mitzuteilen, um Weiterungen (Berlin Amtsgericht Mitte I) zu vermeiden!
Achtend
gez. Arnolt Lax
Generalsekretär
Und dazu ein funkelnagelalter Hundertmarkschein. Aus der Inflation. (bitter): Dank vom Hause Habsburg!
Peter Panter
Der Text ist am 10.09.1929 in der Weltbühne Nr. 37 auf S. 414 erschienen.
In den 1970er-Jahren wurde Zürich immer mehr zum festen Wohnort Walter Mehrings. Das Stadtarchiv Schaffhausen zeigt auf seiner Internetseite Kontaktabüge von Fotos von Bruno und Eric Bührer. Sie haben ihn im Zürcher Restaurant „Kronenhalle“ forografiert. Hier sind einige Ausschnitte aus den Kontaktabzügen zu sehen:
- Walter Mehring in der „Kronenhalle“ 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer
- Walter Mehring in der „Kronenhalle“ 1973. Fotos: Bruno und Eric Bührer



Walter Mehring, der Sohn von Siegmar Mehring, dem Redakteur des „Ulk“ und Übersetzer von Walt Whitman, hat von seinem Vater, einem heitern Atheisten mit einem blinden Glauben an die Aufklärung der Menschheit, viel geerbt: die Ironie, die kunstvolle Beschäftigung mit der Lyrik, das Handwerk des Übersetzers, die Verfolgung durch deutsche Staatsoberhäupter und ehrenvolle Gefängnisse oder Konzentrationslager, das parteiische Interesse für die Literatur des 19. Jahrhunderts, und insbesondere ihre skurrilen Sonderlinge, und eine Bibliothek, deren realen und symbolischen Verlust der katastrophentrunkene Walter Mehring in seinem von Rowohlt veröffentlichten Prosabuch „Die verlorene Bibliothek, Autobiographie einer Kultur“ halb beweint und halb begrüßt.
Fortsetzung der Rezension aus „Die Zeit“ vom 1. Januar 1953, Seite.
Joseline Gassen singt einen Chanson von Walter Mehring. Musik: Jürgen Knieper – Aufführung im Berliner Theater „TRIBÜNE“, das leider Anfang 2009 geschlossen wurde.

In diesem Gebäude hat Walter Mehring sein Abitur abgelegt. Später wurde aus dem Königlichen Wilhelms-Gymnasium der Volksgerichtshof, in dem die schrecklichen Juristen der Nazis das Recht missbrauchten. 1945 wurde es dann bei einem Bombenangriff zerstört. Da, wo es einst zwischen Viktoria- und Bellvuestraße in Berlin Tiergarten stand, ist inzwischen das Sony-Center am Potsdamer Platz erwachsen.

Mehr Orte einst und jetzt:
Café Herrenhof in Wien
Derfflingerstraße in Berlin Tiergarten
1953 hat der Berliner Fotograf Fritz Eschen eine ganze Serie von Proträts Walter Mehrings aufgenommen. Die Bilder liegen in der Deutschen Fotothek.
NICHTEUKLIDISCHE TIER-GEOMETRIE
Mein Freund Harburger sagte wieder einmal: „Für feinere Denkarbeit ist das Gehirn zu grob. Da muß der Bleistift sich selbständig machen und in more mathematico drauflos gehen. Sie glauben an das Endgültige des dreidimensionalen Raums, weil Ihre Vorstellung nichts anderes zulässt. Aber denken dürfen Sie doch einen mehrdimensionalen Raum, der zu ganz neuen mathematischen Axiomen führt. Schließlich kommen auch praktische Resultate heraus, wie bei Einstein.“
Harburger selbst hat einen sehr kühnen Vorstoß gemacht. Wie der euklidische Raum nur einen Spezialfall des allgemeinen Raums ist, versucht er es mit einer allgemeinen Logik, zu der sich unsere klassische Logik als ein sehr begrenzter Typus verhält. Es sind eminent interessante Sachen dabei herausgekommen, die Töne der Musik und die Einsteinschen Formeln.
Ist es nun nicht sehr verständlich, daß Walter Mehring der Lockung gefolgt ist, die landläufige Zoologie aus ihrem beengten Vorstellungskäfig zu befreien und ein „Neubestelltes Abenteuerliches Tierhaus“ zu eröffnen, das auch bei Gustav Kiepenheuer in Potsdam erschienen ist. Die zehn Bände Brehm stellen diesem spirituellen Baedeker gegenüber den Spezialfall einer antroomorphen Tierwelt dar, die ihre Wirklichkeit damit beweist, daß sie durch Gewehr, Angel oder Mikroskop an das menschliche Auge herangeholt werden kann. Aber wieviel „wirklicher“ ist jene bunte Fauna, die ihr Dasein nicht in zufälligen Weidegründen verankert, sondern in den erhabenen Formen der Denknotwendigkeit? Das ist die höchst fruchtbare Prärie, auf der Mehring, ein edler Trapper, seine Schlingen stellt, seine treuen Spürhunde losläßt und Schuß auf Schuß seinem nie versagendem rifle entlockt.
Mehring hat also mit Fleiß zusammengetragen, was sich an Zeugnissen klassischer Autoren vorfindet, er scheut auch nicht vor der Etablierung neuer Animalien zurück, falls ein Denkbedürfnis vorliegt; Mondkalb, Zeitungsente und Kilometerfresser kommen endlich zu ihrem Recht. Zwanglos stellt sich die neue Denkweise her, in der der Löwe ein Spezialfall des Drachen ist und die Seeschlange die allgemeine Form des Karpfens. Eine geistige Landschaft entsteht, in der jene komplexen Tiere mit vollendeter Selbstverständlichkeit auftreten und klar stellen sich die Methoden heraus, mit denen die Menschheit versucht hat, jene Tiergestalten höherer Mathematik in den euklidischen Lebensraum einzuordnen. Das Einhorn zum Beispiel wird ein wunderbar zahmes Haustier, wenn es sein Horn einer allerdings unbezweifelbaren Jungfrau in den Schoß legen darf. So günstig liegt gemeinhin der Fall nicht und man ist zu sehr groben Mitteln genötigt, wie etwa 1474 die Bürger der guten Stadt Basel, die einem eierlegenden Hahn den Prozeß machten und durch Henkershand verbrannten. Und dies mit Recht. Denn der eierlegende Hahn ist ein Denktier und hat in der dreidimensionalen Welt nichts zu suchen. Wird er dennoch bei einer Spritztour ertappt, ist es gutes menschliches Recht, ihn aus seiner angemaßten Erscheinung hinauszuwerfen und ihn in das absolute Reich seiner wahren Existenz zu befördern. Denn wo würde die wissenschaftliche Zoologie bleiben wenn sie einen eierlegenden Hahn in ihr System einordnen müßte — auf dem Scheiterhaufen mit dem Hahn!
Man spürt, daß diese Tierwelt noch aus der großen Tradition des Aristoteles lebt. Ihr philosophischer Gehalt wirkt rasch. Mehring läßt sich hierdurch leider zu Seitenblicken verlocken: er kümmert sich zu viel um die Moral seiner Leser, obschon er, und sogar besonders reizvoll, die chronique scandaleuse der Tierwelt höherer Ordnung schreibt. Aber Sie werden natürlich wissen wollen, was es mit dem nichteuklidischen Hahn überhaupt auf sich hat. Lesen Sie bitte Walter Harburgers „Metalogik“ und versuchen Sie Ihr Heil auf jenem höchst abstrakten Ozean, an dessen jenseitigem Ufer, sehen Sie, die Welt der Dimensionen sich phantastisch ausbreitet.
Rudolf Kurtz (Direktor des Schall und Rauch): Nichteuklidische Tier-Geometrie; in: Die Literarische Welt, 1. Jg, Nr. 7 vom 20. November 1925, S. 5.





