Erich Kästner hilft Walter Mehring bei der Verleger-Suche

München, den 4. 8. 1950

Lieber Mehring,

besten Dank für Ihren Brief, woran mich besonders die aufsteigenden Schriftstellen erfreut haben, da dies ja unter Graphologen für ein Zeichen von unerschöpflichem Optimismus gilt. Davon befeuert habe ich mich sofort mit dem in München stationierten Piper-Verlag in Verbindung gesetzt, und der Cheflektor dieses angesehenen Unternehmens, ein Dr. Albrecht Knaus (München 13, Georgenstr. 4), zeigte sich, soweit sich das am Telefon erspähen lässt, recht interessiert. Er hätte, sagte er, gern einmal ein paar Ihrer lyrischen Bände studiert, und ich sagte ihm, er könne sich bei mir zu diesem Behufe das „Ketzerbrevier“ und den bei S. Fischer erschienenen Band „Chansons, Lieder“ abholen lassen. Von „lassen“ wollte er nichts hören, sondern höchst selbst vorbeikommen.

Da er weder gestern noch heute höchst selbst vorbeikam, werde ich morgen oder übermorgen das Telefon erneut bemühen. Im Piper-Verlage sind ja Morgenstern und Owlglass erschienen, womit also eine gewisse Kontinuität gegeben ist.

Der Endesunterfertigte hofft, Ihnen bald Weitere Nachricht zu geben, hoffentlich eine solche, die die Aufwärtsrichtung Ihrer Schriftlinien ins Ungewisse steigert.

Mit den herzlichsten Grüssen, unbekannterweise auch an Ihre Frau, immer

Ihr

Erich Kästner

1950 weilte Walter Mehring für einige Tag ein Deutschland. Dabei begegnete er auch Erich Kästner. Dieser hat ihm versprochen, bei der Suche nach einem Verlag zu helfen. Wie dieser Brief Erich Kästners an Walter Mehring zeigt, hat er sein Versprechen auch sofort umgesetzt. (aus: Erich Kästner: Dieses Na ja!, wenn man das nicht hätte! – Ausgewähle Briefe von 1909 bis 1972 (Hg. v. Sven Hanuschek) Zürich: Atrium Verlag 2003, S. 168)  A.O.

2 Antworten auf „Erich Kästner hilft Walter Mehring bei der Verleger-Suche“

  1. Sehr schön! Zumal einem sonst die Verbindung der Namen Kästner und Mehring (sowie Tucholsky) in der Regel im Zusammenhang mit dem ärgerlichen Benjamin-Verriss begegnet.

    Nachträglich hat mich ein Detail etwas irritiert: Ich habe natürlich begriffen, dass Kästner sich um eine lockere, muntere Wortwahl bemüht (etwas „am Telefon erspähen“). Dass aber ausgerechnet etwas so Friedliches wie ein Verlag in München „stationiert“ ist, eine solche Wendung sollte ein Pazifist nicht einmal im Scherz gebrauchen.

    Im Übrigen weiß ich nicht, wie glücklich Mehring darüber gewesen ist, noch im Jahr 1950 in eine Vebindung mit Christian Morgenstern gebracht zu werden.

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