Erwin Sternitzke untersucht 1932 den Bänkelsang

2. Die  Kabaretts der Nachkriegszeit

Nach dem Kriege nahm die Brettlbewegung einen neuen Anlauf. Die Zerfahrenheit und innere Haltlosigkeit einer Zeit, der es in einem Rausch unersättlicher Vergnügungssucht an Selbstbesinnung fehlte, zeigte sich besonders charakteristisch in den Darbietungen der Kabaretts. Ungestört konnten sich revolutionärste anarchistische Ideen breit machen; die Sittenverwilderung fand hier ihr deutlichstes Sprachrohr.

Ein charakteristischer Vertreter dieser Zeit ist Walter Mehring , der den Dadaismus in das Bänkelsängercouplet hineinträgt. Bei ihm herrscht wie bei den Dadaisten ein beziehungsloses Nach- und Durcheinander von schreienden, grell hingeklecksten Bildern. Statt einer Satzfolge bietet er ein aus allen Sprachen zusammengewürfeltes Wortgewühl („Sprachenragtime“). Der Lärm der Großstadt tost in einem gehetzten Rhythmus durch seine Chansons. Die Bänkelgesänge bringen ein Hoch auf das Verbrechertum aus. Als Beispiel möge eine Strophe aus „Brecheisen und Co.“ hier Platz finden:

„Ab nach Kassel! Obers Dach,
Sherlock Holmes hinten nach!
Kopp zum Deiwel! Seele – Jott!
Der Henker reist im Frack wattiert!
Der Morgen stiert!
Schaffot!
Au vaflucht,
In Sack jespuckt!
Das Messer zuckt!
Ssssssit
…………….. und plauz
……………………… ritsch ratsch!
Kladderadatsch pardauz.“

Die Unterschiede zwischen Ballade und Bänkelsang schwinden. Alles Balladenhafte wird als Bänkelsang gebracht. Die Form der Wedekindschen Bänkelsängerlieder wahrt noch „Die Kartenhexe“ 44):

„Sie sagte wahr aus Kaffeesatz
Und nannt den Mädchen ihren Schatz.
Sie wohnte Mulackstraße sechse
Die Kartenhexe!“

Von feinerem Empfinden und Klangcharakter sind die Bänkelsängerlieder Klabunds („Er hat als Jöhr“, „Meier“, „Oberammergau in Amerika“, „Die Wirtschafterin“), wenn sie auch hinter seiner übrigen Dichtung zurückbleiben.

Unter den augenblicklichen Sängern des Varieté hat sich Ringelnatz den größten Namen gemacht. Vieles von dem, was er geschrieben hat, gehört in den Papierkorb, anderes verrät zum mindesten einen ausgeprägten Formsinn. Durch seinen Vortrag gelangt manches zu einer überraschenden Wirkung, über das man beim Lesen kopfschüttelnd hinweggeht. Von Morgenstern beeinflußt, hat er mit diesem die scharfe Beobachtungsgabe gemeinsam, die den kleinen, vom gewöhnlichen Auge unbeachteten Dingen größere Aufmerksamkeit schenkt und sie in ein groteskes Verhältnis zu ihrer Umwelt setzt. Von ihm seien genannt: „Der wilde Mann von Feldafing“, „Ballade“, „Meditation“).

 (Erwin Sternitzke: Der stilisierte Bänkelsang; Phillips-Unibversität Marburg: 1933; S. 76ff. Als pdf hier…)

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