Annette Hug findet Walter Mehrings Grabstein

In diesem Quartier, dem Stadtkreis 3 von Zürich, gibt es keine Parke und schon gar keine Promenaden, deshalb spazieren Familien, Rentnerinnen und Unausgeschlafene durch den Friedhof Sihlfeld. Da kann es passieren, dass eine Trauer, die noch keine Worte gefunden hat, einen Namen aus den Gräberreihen herausgreift und sich an einen fremden Stein heftet. Dazu eignen sich besonders die Gräber im Abschnitt A, von der Ämtlerstrasse aus gesehen vorne links. Hier sind die Verstorbenen versammelt, denen eine unbekannte Macht, wahrscheinlich eine Kommission, zugestanden hat, dass ihr Lebenswerk oder die künstlerische Gestaltung ihres Grabsteins einen Verbleib auf dem Friedhof über die 25 Jahre hinaus rechtfertigt, die Normalverstorbenen gewährt werden. Sie eignen sich deshalb, weil sich über die Namen auf diesen Steinen einfach Recherchen anstellen lassen, die der kaum wahrgenommenen Trauer zwar nicht die Worte verschaffen, die sie verständlich machen würden, aber doch eine Anwesenheit.

So ist es mir mit dem Grabstein des Schriftstellers Walter Mehring ergangen. 1981 ist er in Zürich gestorben, wo er im Zimmer 505 des Zürcher Hotels Opera gewohnt hatte. (Der vollständige Text findet sich hier…)

(Annette Hug: Der gefundene Grabstein von Walter Mehring; in: Neue Wege, Heft 2, 2003; S. 60 ff.)

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