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1946 2018 Biografisches

Erinnerungen von Ré Soupault an Treffen mit Mehring 1946 in New York

 

Ré Soupault: Vom Bauhaus in die Welt – Erinnerunge

Diese kurzen Notizen im Rückblick spiegeln nichts wider von den oft übermenschlichen Mühen, die mir Arbeit, Geldverdienenmüssen, Umzug, neu Einrichten usw. gemacht haben. In meinem Tagebuch aus jenen Tagen ist natürlich viel mehr enthalten, aber selbst diese ausführlicheren Notizen geben mir beim Wiederlesen nur so etwas wie einen Schatten des Erlebten. Das Leben in meiner eigenen Behausung brachte mir so manche Bereicherung, nicht etwa in materieller, sondern in seelisch-moralischer Beziehung: ich konnte Freunde bei mir sehen oder, wenn dieses Wort vielleicht zu hoch gegriffen ist, Menschen, an denen mir lag, die Freunde werden konnten. Lotte Weidler kam, Richard Wright mit Ellen, seiner Frau, Claire und Yvan Goll, Lotte Lenya und Kurt Weill, Miriam, Marion, Bill und seine Frau. Zu meinen häufigen Besuchern gehörte Walter Mehring, und in der Erinnerung bin ich immer noch gerührt, wenn ich ihn sagen höre: Unter uns können wir ja eigentlich »boche« sprechen. Ich glaube, seine Sprache fehlte ihm sehr. Schriftsteller und Schauspieler hatten es besonders schwer als Flüchtlinge.

Da war früher ein ganzer Kreis in Berlin, der große Hoffnungen auf Moskau setzte. Walter Mehring hatte sich übrigens nie überzeugen lassen, in die Partei einzutreten, und hielt dem Drängen von Wieland Herzfelde stand. George Grosz war gleich nach Beginn der Revolution einer Einladung nach Moskau gefolgt (1920). Als er zurückkam, waren alle Freunde versammelt und warteten ungeduldig auf seinen Bericht. Er blieb aber stumm. Wieland Herzfelde war am ungeduldigsten. Er sollte doch endlich erzählen. Da sagte Grosz: »Ich kann keine Zwiebeltürme mehr sehen.«

Walter hat ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis. »Das romanische Café«, gegenüber von der Gedächtnis Kirche, war der Treffpunkt der Berliner Intelligenz. Mehring erzählte von Höchster (i.e. John Höxter; A.O.), dem Morphinisten, an den ich mich gut erinnerte, von Peter Hille, der buchstäblich verhungert ist, von Else Lasker-Schüler, der großen Dichterin, die den Kleist-Preis erhielt, aber den gesamten Betrag gleich für schuldige Miete hergeben mußte. Einmal, als sie ihre Gedichte vortragen sollte, brach sie ohnmächtig zusammen. Walter erzählt auch die traurige Geschichte seines Vaters, der zu Anfang des Ersten Weltkriegs mit einem französischen Freund korrespondierte und deshalb wegen Spionageverdacht verhaftet wurde. Dies hatte ihm einen solchen Schock versetzt, daß er drei Wochen später starb. Mehring hatte einen Abend veranstaltet, um die Frau von Gorki bei den Berliner Freunden einzuführen. Frau Gorki lag besonders daran, George Grosz kennen zu lernen. Mehring hatte Grosz das Versprechen abgerungen, nicht zu reden. Grosz war der erste am Platz. Er trug einen Frack und war sternhagelbetrunken. Er sprach nicht. Aber er wurde so bestürmt, seine Meinung über Lenin zu sagen, daß er aus seiner Reserve heraustrat und sagte: »Lenin? Kleine Apotheke.«

Gaylordsville, Dienstag, 2. April 1946

Bei Hannah und Matthew Josephson. Das Wetter war zu Anfang wunderschön. Ich habe meinen liebsten Platz am »brook« wiedergefunden. Das Geräusch des fließenden Wassers wirkt beruhigend. Hier waren viele Gäste. Seit gestern ist es wieder ruhig. Es bleiben mir zwei Monate, um meine Rückkehr nach Paris vorzubereiten. Für Hannah habe ich die größte Bewunderung. Sie führt ihr Haus ganz vorbildlich, erhält die Beziehungen mit den Freunden aufrecht, meistert das schwierige Leben mit Matthew, der völlig taub ist. Ihr Sohn Eric hat Urlaub. Er war als Soldat in Süddeutschland und hat sich viele Gedanken über die Behandlung der Besiegten gemacht. Mit Recht sagt er sich, daß der Ruf der Amerikaner darunter leiden müsse, wenn hungernde Kinder zusehen beim Verbrennen von übrig gebliebenem Brot. Es gab vielleicht manchen Amerikaner, der ein solches Vorgehen mißbilligte, aber nichts zu sagen wagte.

An meinem Arbeitsleben änderte sich nichts. Ich arbeitete von morgens bis abends, auch las ich viel, um so manche Lücken auszufüllen und dann, vor allem, mein Englisch zu verbessern. Die Public Library in der 42. Straße war mir eine große Hilfe. Je älter man wird, desto schwieriger wird es, sich neue Freunde zu machen. Am Ende des Weges wartet sicher die Einsamkeit.

Am folgenden Tag bin ich bei Lotte Weidler in Rye. Ihre Unterhaltung ist, wie immer, anregend und interessant. Sie erzählte mir viel von dem Künstler-Leben in Nazi-Deutschland. Wir sprachen auch über Nordafrika und in dem Zusammenhang über den »bösen Blick«. Darüber sprachen wir auch schon gestern Abend mit Mehring. Der »böse Blick« ist ein von gewissen Ärzten anerkanntes Phänomen. Angeblich hat dies zu einem medizinischen Experiment geführt, aus dem sich ergeben soll, daß die Augen gewisser Personen zellentötende Ausstrahlungen haben, die in manchen Fällen Krankheitserscheinungen geheimnisvoller Art hervorrufen. Auf seiner letzten Überfahrt nach Nordafrika war Mehring von seinem Arzt gewarnt worden und hatte sogar Gelegenheit, von einem solchen Fall zu hören. In Biskra hielt sich damals gerade eine Gruppe von Touristen auf, die einer Derwisch-Vorstellung beiwohnte. Mehring war auch dort. Eine junge Amerikanerin mußte am folgenden Morgen ins Krankenhaus gebracht werden. Nach gründlicher Untersuchung, aus der sich nichts ergab, fragte der Chefarzt, ob sie gestern bei den Derwischen gewesen wäre. Als sie dies bejahte, behauptete der Arzt, es könne sich bei ihrer Erkrankung nur um den »bösen Blick« handeln. Später, 1954, nach meiner Lautréamont-Übersetzung, hat Walter mir in einer großen deutschen Tageszeitung einen rührenden Artikel gewidmet (oder vielmehr meiner Übersetzung großes Lob gezollt).

(Ré Soupault: Nur das Geistige zählt – Vom Bauhaus in die Welt. Erinnerungen; Heidelberg: Wunderhorn 2018; S. 168 ff.
Zu Ré Soupault vergleiche den Eintrag auf Wikipedia.)

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