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1933 Brief

Georgs Grosz schreibt Mehring ins Pariser Exil

18.5.1933

Lieber Walt!

Danke Dir für Deinen Brief aus dem Café d’Harcourt . . . Hitlermann ist inzwischen weltberühmt geworden und hat großen Erfolg als Diktator. Hier ist man allgemein sehr gut auf ihn zu sprechen. Eine Zeitung verglich ihn sogar mit Napoleon — insofern, als der auch nichts von Frauenpolitik hielt und so weiter. Napoleonverehrer wird das ja sehr ärgern. Aber unsere «großen» Männer heutzutage erscheinen uns (Dir und mir natürlich nur) mehr oder weniger kläglich von links bis rechts (von Lenin bis Hitler!).

Die Judenaustreibung hat dem Hitlermann ziemlich geschadet. Hätte er, vernünftig, nur die Roten vertrieben, hätte sich Jude und Christ zusammengefunden in seiner Lobpreisung. Trotz aller schönen Gesten hat dieser Boykott keinen richtigen Erfolg — er kommt natürlich der hiesigen Proaganda: buy American sehr gelegen; aber auf der anderen Seite ist auch sentimentalste Jude zu guter Geschäftsmann — nämlich wenn so ein feiner Verdienst winkt von einigen zichtausend Dollaren, siehste Walt, da wird auch der härteste Hitlerhasser weich. Man kann ja hinterher etwas von dem Verdienten nach Palästina abführen oder etwas beistiften für die armen Vertriebenen. So ist das hier — gesund. Übrigens hat er sich neue große Sympathien hier erworben durch seinen «vernünftigen» gemäßigten speech als Antwort auf Roosevelts Abrüstungsvorschlag. Übermorgen schon steht er im deutschen Lesebuch neben Bismarck und Friedrich Großen.

Mit der Bücherverbrennung bin ich im Prinzip einverstanden. Keine Frage, moderne Nationen können mit Militärgesangbuch und Armeeverordnung und ein paar Klassikern auskommen — siehe Rußland! Schade zur, daß nun der ganze «rechte» Hugenbergkitsch anstelle des rosigen roten verlegt wird. Na schön. Daß sie meine Hetzbücher als Symbol mitverbrannten, nehme ich ihnen nicht übel; ein paar Blätter sind ja doch unverbrennbar und werden weiterleben. Wir haben vorerst das game verloren — ist alles. Hitlermann hat alle Trümpfe in der Hand . . .

Man hört hier nur wenig (gar nichts) Persönliches, und die paar Deutschen schreiben zu vorsichtig. Wieso ist Hülsenbeck abgeschwenkt? Verhungert Kerr wirklich? Ich dachte immer, es bieten sich sofort vornehme Stellungen — siehe den Stehaufmann Bernhardgeorg. Sehr gut, Deine Bemerkung über die Prominenten der Emigration: widerlich das, genau so widerlich, wie sie sich jetzt alle in Deutschland an Hitler anbiedern und nichts mehr mit Juden zu tun haben wollen — dabei kaufte doch der Jude ihren expressionistischen Scheißdreck. Schreib mir bitte, auch so die Nebengeräusche, weißt schon. Sahst Du den alten Borchardthans? Weißt Du, wo Muti steckt? Von Wiz habe ich noch immer keine Nachricht — Du meinst, er ist in Prag? Gut. Was macht Tucholsky? Walt, laßt Euch nicht blöde wieder für die französischen Kleinrentnerinterressen gebrauchen. Seid vorsichtig. Bleibe jeder Hetze fern. Sonst geht’s Dir wie Masereel. Na, Du weißt ja, was gespielt wird. Versuche doch irgendeine Korrespondentenstellung für ein französisches Blatt zu bekommen und komme hierher und werde Amerikaner. Solltest das versuchen. Grüße Tucho schön — soll endlich mal schreiben. Und nicht so viel Kuchen essen, wird ja zu dick, der Mann. Müßte hierher: three minutes a meal, purely American! Da würde er abnehmen. Boy, ich habe immer das Gefühl, als ob man da drüben in Paris so langsam idyllisch einschläft. Also Walt, schreibe, und bitte ausführlich, nicht allzu ironisch. Du weißt, wenn man so 3tausend Seemeilen getrennt ist, wird man neugierig . . .

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