Walter Mehring antwortet Erika Mann im Januar 1933

Berlin, 7.1.1933

Liebwerte Künstlerin,

Verzeihen Sie mir, daß ich nicht von mir hören ließ, aber die Arbeit an „Weltbühne“ und „Völkischem“ – denn so einfach, wie Sie sich das vorstellen, ist es nicht, zweimal pro Woche die Gesinnung zu wechseln – der Satz geht weiter ließ mich nicht zum Schangsonmachen kommen. Weißdergoebbels: es fällt mir in letzter Zeit nichts Chansonartiges ein; was ich anpacke, wird Prosa. Aber vielleicht wissen Sie ein Sujetchen -und dann will ich versuchen, die Reime hinten heranzumachen. Schade, daß Ihre Schenke so weit liegt; wäre sonst schon längst ein mal auf einen Sprung vorbeigekommen. Werden Sie nicht – wie es doch Großunternehmer zu tun pflegen – wieder in der Landeshauptstadt auftauchen, um einigen Zuwachs für Ihr p.p. Etablissement zu erwerben? Es ist schön und edel auf jeden Fall, daß Sie meiner noch gedenken.

Mit pruzzischem: Hie Zollern allewege Ihr W. Mehring

Heute ist ich glaube der siebente Januar 33

Dieser Brief Walter Mehrings ist erschienen in: Mann, Erika: Briefe und Antworten; Hg. v.: Prestel, Anna Zanco; Bd. 1, S. 32.
Offensichtlich hatte Erika Mann angefragt, ob Walter Mehring für ihr Kabarett „Pfeffermühle“ schreiben könne. Mehring entschuldigt sich humorvoll und voller Sarkasmus wegen der Zeitumsdtände. Selbstverständlich hat er nie für den „Völkischen Beobachter“ geschrieben, wohl aber für die „Weltbühne“. Allerdings waren die Umstände kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten so angespannt, dass er selbst mit seinen Mitteln, dem Schreiben, in Berlin wirken wollte und nicht in Zürich.

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