Kurt Tucholsky schreibt Mehring über Brecht, Bronnen und Kerr

An Walter Mehring. Läggesta, 25.5.1929

Post: Weltbühne

25-5-29

Lieber Walt Merin,

ich bin zwar schon ganz rammdösig vom Tippen – aber das wollen wir doch noch mal. Item:

Schönen Dank für Ihren Brief. Um Gussys Anblick habe ich Sie sehr beneidet – ich hoffe immer noch im stillen, daß die heilige Familie hier raufmacht, wo ER ungeheuer pompulehr ist – dann führe ich sofort nach Stockholm.

Ja, Bronnen. Also Sie sollten, wenn man überhaupt soll – daran knabbere ich noch. Nicht etwa wegen Rowohlts; der ist darin sehr anständig, er weiß, daß ich das Buch ablehne. Nein – wegen des Helden selbst. Ist das eine Reklame für ihn? Im Waschzettel «Ein umstrittenes Buch»  Andererseits: mich juckt es furchtbar. Meine Notizen sind in Ordnung, aber ich weiß noch nicht. Daher kann ich nicht so ohne weiteres Ihnen zuraten – obgleich Sie das besser machen als ich: Sie haben für diese Fälle eine pfeifende, tödliche Ironie, die in meinem Fett nicht wohnt ~ da bleibt dann aber wirklich kein Auge trocken. Wenn Sie es tun, dann schlagen Sie zu, daß die Fetzen fliegen. Sie brauchen nicht lange zu suchen – das Buch besteht nur aus „Stellen“ – es ist beispiellos: an innerer Verlogenheit; an Gemeinheit; an sexueller Schweinerei – das ist wirklich eine, wo man sich die Nase zuhält – von mir aus kann in jeder viel gevögelt werden … aber das ist nur zum Speien. Eine tolle Nummer.

Ich fand Kerrs Angriff gegen diese ganze Gesellschaft prachtvoll bei allen Einwänden – er ist ja doch einer. Was ist das für eine Umfrage, bei der Sie auch geantwortet haben? Kann ich die mal haben – ich schicke sie sofort zurück.

Daß Brecht Sie vernichten will, ist in Ordnung. Ich hoffe, in Ihrem Sinne gehandelt zu haben – ich habe mal meinen ganzen Kummer herauslaufen lassen. Sie kommen natürlich auch drin vor.

Was ist das nun -: mir hat nie einer was getan; der Doktor Klein hat mich geschäftlich äußerst korrekt behandelt, sogar mehr als das; von Piscator und Gasbarra bekomme ich nur diskutierbare und anständig gemeinte Vorschläge … und ich kann nicht. Ich danke immer dem lieben Gott, daß ich kein Talent fürs Theater habe – es wäre mir unmöglich, auch nur zwei Stunden mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten. Nicht nur wegen der pekuniären Unzuverlässigkeit – aber diese Atmosphäre von Betrug, Hysterie, Wahnwitz, Weiberkram – also ich nicht. Mein Leben verläuft anders. Jeder seins.

Und Ihr -? Kaufmann von Berlin? Geht das Buch bei Fischer gut? Was tut sach sonst?

Das teile mal an einem schönen Sommerabend mit

Ihrem ergebenen

Mitglied des Reichs-Wildschützen-Vereins
Kassenführer im Verband Deutscher
päpstlich geweihter Präservativfabriken

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