Hans Reimann parodiert Walter Mehring

Hans Reimann: Von Karl Marx bis Max Pallenberg in 60 Minuten
LATERNA TRAGICA
Nach Walter Mehring

Blandine saß auf einem Stein!
Jerum 0 Jerum!
Blañdine saß auf einem Stein!
Im pikfein blanken Mondenschein!
Links unten war ganz nackt sie
Sie hatte weder Striimpf noch Schuh
Wild tanzt im Ragtime -Takt sie!
Dann machten die Kaschemmen zu
Ju Ju
Länge den Kapell’n
Hört sie die Engel vom Dache bell’n:
Müde bin ich geh‘ zu Ruh!

Blandine saß auf einem Stein
Mit sieben Siegeln!
Blandine saß auf einem Stein
Und putzt ihr Hakenkreuzlein rein!
Am Untergrund der Panke
Die Schmiere kreist mit Satyrin.
Sie sticht dich in die Flanke!
Odol, Pebeco, Burgeff Grün!
Muh Muh
Länge den Kapell’n
Hörst du die Spatzen vom Dache gell’n
Müde bin ich, geh zu Ruh!

Blandinchen saß auf einem Stein
Ohropax vobiscum!
Blandinchen kreuzte Bein mit Bein
Und schmetterte die Wacht am Rhein!
Als ob sie gänzlich toll wär!
Nick Carter springt herbei und
Zerkracht mit dem Revolver
Nen stummen Polizeihund
Huh Huh!
Längs den Destill’n
Hört man die Engel vom Daches brüll’n:
„Müde bin ich, geh zu Ruhnke!“

(aus: Hans Reimann: Von Karl May bis Max Pallenberg in 60 Minuten; München: Kurt Wolff Verlag  1923; S. 32 f.)

2 Antworten auf „Hans Reimann parodiert Walter Mehring“

  1. Sehr schön! Die Parodie zeigt, dass Mehring mit seinem „Ketzerbrevier“ (1921) sich schon so viel an Anerkennung verschafft hat, dass jemand eine Parodie auf ihn schreibt. Wenn man jemanden uninteressant findet, schreibt man keine Parodie auf ihn.
    Auf das „Ketzerbrevier“ (und darin die Abteilung „Laterna magica“) geht im Übrigen die Überschrift der Parodie zurück und Vers 10 („Länge den Kapell’n“) auf das Gedicht „An den Kanälen“ (in „Laterna magica“). Und da ich (auch) ein Christian-Morgenstern-Fan bin, kann ich die Information nicht unterdrücken, dass Morgensterns Gedicht „Igel und Agel“ („Galgenlieder“) mit dem Vers beginnt: „Ein Igel saß auf einem Stein“.

    1. Danke Michael für die schöne Einordnung. Ich finde auch am erstaunlichsten, dass Mehring bereits 1923 parodiert wurde, was ja auch bedeutet, dass Reimann ihn nicht nur interessant fand, sondern auch, dass die Leser mit ihm etwas anfangen konnten. Die Gesamtauflage des 1923 erst 27 Jahre alten Mehrings war ja sicherlich auch noch nicht exorbitant hoch, auch wenn viele seiner Gedichte auch in Zeitschriften und Zeitungen abgedruckt wurden.

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