John Russell Taylor beschreibt Mehrings Situation in Hollywood

John Russell Taylor: Fremde im ParadiesIn jenen Tagen waren 100 Dollar in der Woche ausreichend für den Lebensunterhalt, ja geradezu ein Geschenk des Himmels für Fremde in einem Land, die sonst über keinerlei ersichtliche Mittel verfügten, aber sie waren nichts im Vergleich zu dem, was die meisten Vertragsautoren verdienten. In seiner leicht verfremdeten Autobiographie „Links wo das Herz ist“ erinnert sich Leonhard Frank, daß ihn am Pier des New Yorker Hafens ein Angestellter von Warner Brothers erwartete, der ihm zweihundert Dollar Vorschuß überreichte und ihm mitteilte, er solle sich in einer Woche im Warner Brothers Studio in Hollywood melden. Dort stellte er fest, daß der amerikanische Filmautor im Büro nebenan 3500 Dollar die Woche verdiente. Von ihm erfuhr Frank auch, daß die Filmbosse den Wert von allem danach beurteilen, was sie dafür bezahlten. Es war also klar, daß jemand, dem man nur hundert Dollar die Woche bezahlte, für die Studios überhaupt keinen Nutzen hatte. Tatsächlich gab man Frank in den ersten drei Monaten nicht das geringste zu tun, ja nicht einmal zum Schein. Nach weiteren fünf Wochen bekam er schließlich den Auftrag, nach dem amerikanischen Roman Danger Signal ein Drehbuch zu schreiben. Doch da schon sämtliche hochbezahlten Filmautoren sich vergeblich damit abgemüht hatten, lag es auf der Hand, daß das kein ernstgemeinter Auftrag war.

Heinrich Manns Studiodasein – sein Büro lag gegenüber – verlief nach dem Holywoodgleichen Schema. Er ging schon auf die Siebzig zu, und obwohl er sich eine erstaunliche Fähigkeit angeeignet hatte, englisch zu schreiben, beharrte er trotz häufiger Überredungsversuche meistens darauf, deutsch zu sprechen. Daher war seine Anwesenheit bei Wamers erst recht als eine Art einträglicher Ruheposten anzusehen.

Keiner der Einjahresverträge wurde erneuert. Im Oktober 1941 waren Leonhard Frank und Heinrich Mann ohne Stellung und buchstäblich mittellos – wie auch Alfred Döblin, der vom 8. Oktober 1940 bis zum 7. Oktober l941 für  MGM gearbeitet hatte.

Zwei später eintreffende Emigranten, Wflhelm Speyer und Walter Mehring, wurden im März bzw. April 1941 von MGM zwar noch eingestellt, aber als Mehrings Vertrag am 4. April 1942 auslief, war damit auch das Projekt, geflüchtete Schriftsteller – wenn auch für einen Minimallohn – zu beschäftigen, beendet. Anderen Emigranten wurde von den Filmateliers nicht eimnal mehr eine Scheintätigkeit angeboten; einige von ihnen, wie Ludwig Marcuse, erhielten allerdings geringe Zuwendungen aus dem European Film Fund (bei Marcuse waren es 40 Dollar im Monat). Und dann gab es noch jene, die, wie Feuchtwanger und Werfel, aus ihren amerikanischen Tantiemen ein hinlängliches Einkommen bezogen, so daß sie auf Arbeit oder finanzielle Zuschüsse nicht angewiesen waren.

(…)

Heinrich Manns Lage hatte sich rapide verschlechtert seit seinem siebzigsten Geburtstag, den man erst spät – am 2. Mai 1941 – feierte, nachdem Heinrich und Nelly aus Mexiko und Thomas Mann aus Berkeley zurückgekehrt waren, wo er gerade am Geburtstag seines Bruders Heimich, dem 27. März, eine weitere Ehrendoktorwürde entgegengenommen hatte. Diese nachträgliche Geburtstagsfeier – im Hause Salka Viertels – war vielleicht das größte gesellige Beisammensein in der ganzen Geschichte des »Neuen Weimar«. Außer Heinrich und Thomas Mann waren anwesend Feuchtwanger, Werfel (nur äußerst widerstrebend, da Nelly Mann gerade eine ihrer schlimmsten Fehden mit Alma Werfel ausfocht und es der ganzen Diplomatie Feuchtwangers bedurfte, den Streit rechtzeitig beizulegen), Döblin, Ludwig Marcuse, Bruno Frank, Alfred Neumann, Alfred Polgar und Walter Mehring – also alle Schriftsteller von Rang, mit Ausnahme von Leonhard Frank (aus unbekannten Gründen) und Bertolt Brecht, der erst im Juli 1941 in Los Angeles eintreffen sollte. Der Abend gipfelte in einem Austausch von Lobreden zwischen Thomas und Heinrich – anscheinend ein alle zehn Jahre vollzogenes Ritual – und in der freudigen Hoffnung auf eine glänzende Zukunft für die beiden dichtenden Brüder und die deutsche Kolonie im allgemeinen.

(aus: John Russell Taylor: Fremde im Paradies – Emigration in Hollywood 1933 – 1950; München: Siedler Verlag 1983; S. 196 ff.)

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