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Walter Mehring bekennt sich zum Buch „Timoshenko“

Im Roten Antiquariat in Berlin ist derzeit eine Ausgabe des Buches „Timoshenko – The Story of the Russian Marshal“ erhältlich. Das Buch ist 1942 bei Albert Unger in New York erschienen. Als Autor ist Walter Mehring angegeben.

Er selbst hat sich von diesem Buch distanziert. Gegenüber Frank Hellberg hat er angegeben, dass „Timoshenko“ nicht von ihm sei. Der Verfasser der einzigen Biografie Walter Mehrings, Georg-Michael Schulz, zeigte sich auch skeptisch, ob das Buch von Mehring sei. Schulz: „1942 erscheint eine prosowjetisch orientierte Lebensbeschreibung mit dem Titel Timoshenko. Marshal of the Red Army. Am Ende des Vorworts findet sich zwar Mehrings Name mit dem Vermerk: 2 New York City, September 8, 1942″. Aber das Buch stammt nicht von Mehring, wie er in Gesprächen am 25. und 26. September 1980 versichert hat (vgl. Hellberg 1983, 14 f.. Anm 26), sondern von einem unbekannten Verfasser. Dass das Buch keinesfalls der antisowjetischen Einstellung Mehrings entspricht, legt schon das oben zitierte Gedicht Finnland nahe. Warum das Buch freilich unter seinem Namen erscheint, ist rätselhaft. Dass es „im Oktober 1942 von sowjetischer Seite […] lanciert wird, um „für das baldige Eingreifen der USA auf dem europäischen Kontinent“ zu werben (Hellberg 1983, 14, A. 26) kann allerdings kaum die Absicht sein, denn die USA befinden sich bereits seit dem 11. Dezember 1941 im Krieg mit Deutschland und treten am 11. Januar 1942 in die Anti-Hitler-Koalition der Allierten ein.“

So weit Georg-Michael Schulz. Und doch ist das Buch, das es nur in der englischen Originalfassung gibt, offenbar aus der Feder Walter Mehrings. Das Rote Antiquariat hat das obige Foto auf die Angebotsseite im ZVAB gestellt. Es dokumentiert, dass Mehring dieses Exemplar von Timoshenko als Autor dem Journalisten Curt L. Heymann. Über die Gründe für die Autorenschaft lässt sich nur spekulieren. Ein wichtiger könnte sein, dass am 4. April 1942 seine Beschäftigung bei Metro Goldwyn Meyer endete und er in der Folge von Hollywood nach New York umzog. Seine Geldnot im Exil ist bekannt. Ob sie ihn in diesem Fall zu einem Lohnschreiber werden ließ, oder ob sich angesichts der ersten Informationen über den Massenmord an den Juden seine Haltung gegenüber der Sowjetunion änderte, ist nicht klar. Sicher ist, dass im Sommer 1942 die ersten Informationen darüber von der BBC und von amerikanischen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Die zweite Frage – warum distanzierte er sich überhaupt von dem Text – ist damit natürlich nicht beantwortet. Die Suche nach Quellen aus dieser Zeit wäre sicherlich hilfreich. Das gilt auch für die Frage, welcher Curt L. Heymann diese Widmung erhielt. Ein Curt L. Heymann war Berliner Journalist, der in den frühen 1920er-Jahren unter anderem für das Berliner Tagblatt schrieb und im Rundfunk als Sprecher geführt wurde. Außerdem gibt es einen amerikanischen Journalisten, der vor allem für die New York Times tätig war, aber auch für die Los Angeles Times. Ob es sich um dieselbe Person handelt, konnte im Moment nicht geklärt werden.

1 Anwort auf „Walter Mehring bekennt sich zum Buch „Timoshenko““

Sehr interessant. Ich habe dieses Buch letztes Jahr gekauft (weil es auf Mehrings englischer Wikipedia-Seite gelistet war und es als eines der wenigen Bücher von ihm auf Englisch galt), nur um es später (auf diesem Blog und an anderen Orten) zu lesen, dass er sagte, er sei nicht der Autor. Ich muss sagen, nachdem ich es gelesen habe, bin ich ziemlich überzeugt, dass er es nicht geschrieben hat. Es hat nichts mit dem Stil seines Schreibens zu tun, den ich anderswo gesehen habe, noch mit seiner Politik oder mit seinen Interessen (wie ich sie verstehe). Außerdem frage ich mich, wie gut er 1942 tatsächlich auf Englisch kommunizieren konnte. Er war erst im Jahr zuvor in den USA angekommen. Und einige Jahre später musste er ganz eng mit seinen Freunden und Übersetzern, den Winstons, zusammenarbeiten, um die englische Version von „The Lost Library“ zu produzieren. Ich hatte angenommen, dass das Timoschenko-Buch von einem anderen Walter Mehring geschrieben worden sein könnte. Die Inschrift, die Sie hier zeigen, ist jedoch sicherlich in Mehrings Handschrift. Sehr mysteriös. Vielleicht ließ er zu, dass sein Name für schnelles Geld verwendet wurde, oder vielleicht dachte der Verleger, dass der Ruf von Mehring dem Buch mehr Aufmerksamkeit und Respekt verschaffen könnte.

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