Robert Neumann parodiert den Seemanns-Choral

Choral für Sehleute
Nach
WALTE R M E H RI NG

Robert Neumann: Unter falscher Flagge
Wir haben die ganze Welt bereist
Von Ullstein bis Reichskanzlerplatz.
Wir haben mit Schmeling und Einstein gespeist,
Mit Alsberg und sogar mit Rudolf Stratz.
Uns trieb man nicht aus mit Schwert und Gas,
Vor uns stand man immer noch stramm.
Wir tranken Sekt aus dem Mundwasserglas
Und pumpten das Geld für die Tram.
Wir waren niemals allein,
Wir schlafen mit mindestens drein
Gespenstern aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen.

Wir haben den obersten Richtersitz
Und halten fest zusamm.
Wir fielen von Breslau und Czernowitz
Direkt auf den Kurfürstendamm.
Wir machen die deutsche Literatur,
Schweigen tot, polieren auf Glanz.
Gleich den Kaulquappen bestehen wir nur
Rumpf los aus Kopf und Schwanz.
Ob Jude oder Christ –
Es stäubt derselbe Mist
Gespenstísch aus dem Romanischen
Romanischen
Romanischen!

(Robert Neumann: Unter falscher Flagge – Parodien; Berlin – Wien – Leipzig: Paul Zsolnay Berlag 1932; S. 161.)

Eine Antwort auf „Robert Neumann parodiert den Seemanns-Choral“

  1. Eigentlich mag ich die Parodien von Neumann sehr. Aber ich empfinde diese Parodie als gehässig. Und wenn sie dies ist, dann frage ich mich, warum.

    Ich gehe von den letzten Versen aus. Die Literaten aus dem »Romanischen Café«, ehemals »Café Größenwahn«, sind Gespenster. Nun gut, das sagt schon der Schluss der ersten Strophe. Warum aber bringt Neumann mit der Formulierung »Ob Jude oder Christ« einen Aspekt ins Spiel, der doch mit dem »Seemanns-Choral« absolut nichts zu tun hat? Zielt er auf die jüdischen Literaten? In »Breslau und Czernowitz« gab es bedeutende jüdische Gemeinden. Aus Breslau stammt Mehrings Familie, in Czernowitz wurde (erst 1920) Paul Celan geboren. »Wir machen die deutsche Literatur« – wir (ich verstehe dies als »wir Juden«) sind tonangebend, wir »Schweigen tot« oder »polieren auf Glanz«. Kann es sein, dass die Parodie von einem stammt, der totgeschwiegen wird, der von den (jüdischen) Literaten im »Romanischen Café« nicht ernstgenommen wird? Von den vier Personen, die in der ersten Strophe genannt werden, sind zwei (Einstein und der Jurist Alsberg) Juden.

    Ich weiß, dass Neumann selbst Jude war. Trotzdem frage ich mich: Warum muss in einer Parodie auf den »Seemanns-Choral« das Stichwort »Jude« überhaupt vorkommen?

    Davon ganz abgesehen, schon die ersten beiden Verse parodieren doch eigentlich nicht den »Seemannschoral«, sondern wollen Mehring lächerlich machen, der von der ganzen Welt spricht, aber nur Berlin kennt. Die großspurige Geste, hinter der keine Substanz steckt, das ist meines Erachtens der Kern der Parodie. Es mag sein, dass die Parodie eigentlich auf die Literaten im »Romanischen Café« zielt. Dann aber muss einem Mehring Leid tun.

    Trotzdem: Vielen Dank für die Bereitstellung des Textes! Ich kannte ihn vorher nicht.

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