Walter Mehring: Tucholsky, der Vamp und die Canaille

René Droz (Hg.): Marlene Dietrich

René Droz (Hg.): Marlene Dietrich»Das Wort Vamp wurde erst Mode, als es die Frauen, die es bezeichnen
sollte, schon nicht mehr gab …«
Walter Mehring

Als ich Walter Mehring fragte,wie er den Vamp definierenwürde, lächelte er milde und sagte, daß selbiger nicht zu definieren sei. »Der Vamp, den Ihr Jungen von der Leinwand kennt, ist ja ohnehin nur ein Abklatsch. Damals in Berlin … da stand er vor uns, auch wenn wir dieses Schlagwort nicht dafür brauchten. Diese Künstlerinnen waren so einmalig, daß sich jeder Versuch, sie unter einen Sammelbegriff einzuordnen, von selbst verbot … Damals gab es auch noch Schriftsteller, welche diese Individualität zu schildern vermochten. Wenn ich nur an Valeska Gert denke und an die großartige Charakterisierung, welche Tucholsky von ihr gegeben hat …« Vielleicht besitze er das Heft der »Weltbühne« noch. Dann würde er es mitbringen. Tucholsky habe in wenigen Worten das Wesen des Vamps für immer festgehalten, und dies zu einer Zeit, wo der Vamp, ohne daß er diesen Namen trug, eine lebendige, künstlerische Realität war…

Die erwähnte Kritik hat Kurt Tucholsky 1921 geschrieben, und dort liest man folgende Sätze:

»In den Lichtbogen schlurft eine Schlampe in Schwarz, der rote Halsbesatz deckt den Kopf ab – einen verluderten, unfrisierten Kopf. Wer ist das? Was ist das für ein Gesicht? Die ,Vorstadtdirne‘ von Toulouse-Lautrec ist eine Gräfin dagegen – gegen diese Nutte. Gleichgültig schieben sich die Schulterblätter hoch – gleichgültig schiebt sich das gemietete Stück Fleisch aus der Auslage durch die Straße. Und wird von einem Kerl ergrifien – und produziert das Frechste, was wohl je auf einer Bühne gemacht worden ist. Die Beine öfinen und schließen sich. Und Gleichgültigkeit, Krampf – dennoch Krampf! – und Geldgier schütteln den ausgeschaukelten Körper: eine Lues und die Heilsarmee kämpfen mit gleicher Inbrunst um diese arme Seele. Wer sich je bei den ,berüchtigten Berliner Nackttänzen‘ nach dem Laster gesehnt hat: hier ist es. Und noch nie habe ich so verstanden, wie Lust und Qual auf demselben Loch gepfiffen werden. Und dann haucht sie die letzte Lust aus, spuckt aus, ohne es zu tun – und versinkt.

Diese ,Canaille‘ ist eine wahrhaft geniale Leistung …« [1921]

Aus: René Droz (Hg.): Marlene Dietrich; Zürich: Sanssouci Verlag 1961, S. 17 f. Das Zitat findet sich in: Kurt Tucholsky: Valeska Gert; in: Die Weltbühne, 17. Jahrgang, Nr. 7, S. 204.

Wolfgang Gurlitt stellt Bilder von Walter und Marie-Paule Mehring aus

Ausstellungs-Informationsblatt von 1961

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Ausstellungs-Informationsblatt von 1961

Der erstaunliche und mysteriöse Kunstfund von München macht in diesen Tagen Schlagzeilen. Bei Cornelius Gurlitt fanden Ermittler eine erstaunliche Fülle von Bildern, die von den Nazis als „entartete Kunst“ diffamiert worden waren. Cornelius Gurlitt entstammt einer Kunsthändlerfamilie, mit der auch Walter Mehring zu tun hatte. Wolfgang Gurlitt kannte Mehring schon in jungen Jahren, als sie sich beide in Berlin für all das interessierten, was die Nazis dann ab 1933 verboten. Er war der Cousin von Hildebrand Gurlitt, dem Vater von Cornelius Gurlitt.

Wolfgang Gurlitt erbte die Galerie seines Vaters Fritz in Berlin. Trotz mehrfacher Konkurse oder fast abgewendeter Konkurse behauptete er sich als Kunsthändler. Während des Dritten Reiches blieb er in Deutschland und versuchte einen großen Dieal mit dem Kunstmuseum in Basel zu organisieren. Nach dem Krieg wurde er sehr schnell Österreicher und baute das Kunstmusiem in Linz auf, dessen Leiter er wurde, bis er 1960 seinen Stuhl räumen musste, weil er private und dienstliche Aspekte zu sehr vermengte. Ein privates Engagement war seine eigene Galerie in München, in der er 1961 Bilder von Walter Mehring und dessen Frau Marie-Paule ausstellte.

Mehring war bis 1933 selbst Kunstsammler. Doch nach einer Hausdurchsuchung durch die SA 1933 sind seine Bilder von George Grosz, Feininger, Campendonk, Klee und vielen anderen verschollen. Die Nazis verkauften viel beschlagnahmte Kunst ins Ausland, um Devisen zu beschaffen. Das übernahmen dann Kunsthändler wie Hildebrand und Wolfgang Gurlitt.