Trude Hesterberg: Die „Wilde Bühne“ formiert sich

Trude Hesterberg„Wie es zu den geteilten Meinungen über das Eröffnungsprogramm unseres literarischen Kabaretts kam, will ich jetzt noch zu erklären versuchen. Nach meinem Wiener Gastspiel im Kabarett von Direktor Farkas fuhr ich nach Paris. Dort traf ich Dichters- und Malersleute, die mir das »richtige Paris« zeigten, das Paris der Midinetten, Chansonetten und Clochards und den Montmartre mit seinem berühmten Quartier Latin. Mein Freund, der Maler Kohlhoff, der Paris so gut einfing, kannte sich hier, an der »Wiege des Cabarets«, aus, und so zogen wir von einem Keller zum anderen. Es war vor allem das »Lapin agile«, das mich immer wieder anzog. Alle, die dort auftraten, richteten eine Front auf gegen das Spießertum.

Nichts war sicher vor den spitzen Pfeilen ihrer kritischen Couplets und dem klingenden Schellenbaum ihrer Verse und Travestien. Namen sind Schall und Rauch für mich geblieben, aber aus der Erinnerung – ich erzählte Walter Mehring von meinen Eindrücken – entstand später das großartige Chanson ››Die kleine Stadt«.

Aber nun zurück nach Berlin. Diese großartig aufgeschlossene Stadt witterte von jeher Morgenluft. Der außergewöhnliche Erfolg Salis‘ und seiner Leute drang laut genug von der Seine herüber. Ich hatte das im schönen Spreeathen feststellen können und wollte zur Eröffnung das Programm ganz auf mein geliebtes Berlin und sein unvergleichliches Lokalkolorit stellen. Und das war nun eben – wie die Kritiken bewiesen – doch nicht so ganz geglückt. So setzten wir uns denn wieder mal an den Konferenztisch bei Schwannecke zur Beratung. Moritz Seeler, Direktor der »Jungen Bühne«, kam hinzu und meinte: ››Kinder, glaubt mir, so geht das nicht! Ihr könnt nicht den ganzen Abend  ‚berlinern‘.« Leo Heller wetterte dagegen. Ich schlug einen Kompromiß vor. Drei Sketche ohne ››Jargon« und alles andere wie besprochen. Janowitz war einverstanden, und auch Heller gab klein bei, nur, meinte er, müßte man unbedingt ››Milieustudien« machen.

Heller schrieb jedenfalls begeistert an seinem ››Mörder-Chanson« für Kurt Gerron. Der Komponist aller meiner Chansontitel war mein alter Freund Werner Richard Heymann, der im ersten Programm noch freier Mitarbeiter war. Und so begannen die Proben. Sie dauerten bis tief in die Nacht.

Anschließend wurde meistens noch zu Schwannecke gehastet auf ein Paar Würstchen und ››ne Molle mit ‚m Pfiff«. Am Vormittag, wenn ich ausschlief, war Koppel bereits im Büro und sorgte für die Drucklegung der Programme und Eintrittskarten, Eugen Szatmary machte die Presse mobil. Es wurde langsam Ernst. Ich hatte einen jungen Bühnenbildner, Marcel Slotki, eingestellt, dessen expressionistische Begabung mir aufgefallen war. Aus dem Nichts, ein bißchen Holz, Pappe und Leinwand, schuf er bezaubernde kleine Dekorationen. Das war neu für ein Kabarett und neu für Berlin. Auch daß ich drei oder vier Chansons auf einen gemeinsamen Nenner brachte, wie beispielsweise: ››Bänkellieder« für die Hase, ››Balladen« für die Herma, ››Nachtspaziergänge« für Gerron und ››Asphalt« für mich, hatte noch niemand bisher versucht.

Trude Hesterberg: Was ich noch sagen wollteWenn man an die Zeit der Inflation nach dem ersten Weltkrieg zurückdenkt, so kann man sie nur mit einem höllischen Spuk vergleichen. Alles fiel auseinander, was früher Gültigkeit besaß. An jeder Ecke standen die Opfer des verlorenen Krieges. Zerlumpt und auf Krücken oder ohne Beine auf der Erde hockend, hielten sie ihre alten, zerschlissenen Soldatenmützen auf. Was sollte man hineintun? Fünfhundert, tausend, eine Million? Am Tag darauf war das  so viel wert wie ein Pfennig! Bettelnd standen diese Menschen mit ihren ausgehungerten Kindern an den Ausgängen der Bars und der Tanzdielen, die wie giftige Pilze aus dem Boden schossen. Alles wurde kürzer, die Haare, die Kleider, die Liebe, der Schlaf!

Das Leben spielte sich ab, wenn es dunkel wurde. Der bunte Flittermantel der Nacht deckte die grausamen Blößen des Tages zu. Aus den Hausfluren krochen dunkle Gestalten mit noch dunkleren Vorschlägen. ››Z’jarrn, Z’jaretten. . . Kokain, det is Berlin .  .  .«, schrieb Megerle von Mühlfeld und sang Kurt Gerron abends auf der Bühne.

Es liegt eene Leiche im Landwehrkanal,
lang se mir mal her, aber knautsch se nich so sehr . . .

Das war der bittere Spott der Berliner. Es lagen viele Leichen im Landwehrkanal, fast jeden Tag eine.  Junge und alte Menschen, Menschen, die keinen Ausweg mehr aus der Not fanden, suchten in den schmutzigen kalten Wassern, die sich durch Berlin zogen, nach Erlösung.

Ein Fischer, der stromabwärts stakt,
zieht in der Früh‘ mit blut’gen Krälen
ein Menschenbündel festgehakt
aus den Kanälen . . .

schrieb Walter Mehring in seinem Chanson »An den Kanälen«. Es ist heute üblich und oft leicht zu sagen, der oder die waren in ihrer Art der Ausdruck jener »goldenen Zeit der zwanziger Jahre«. Mir graust vor diesem Wort genauso wie meinem Freund Walter Mehring, der ››ihr ins Antlitz gedichtet hatte« und zu diesem Behuf keine bessere Tribüne als das deutsche Kabarett gefunden hatte. Die »Wilde Bühne« war einesteils das Podium, auf dem wir alles, was un-s an der aufgedonnerten Raffkezeit nicht paßte, zur Sprache brachten, und gleichzeitig war sie auch die frechste Plattform für scharfe Zeitkritik, für die Auseinandersetzung mit allen politischen und sozialen Problemen jener Zeit.

Die ››Wilde Bühne« trug damals ihren Namen zu Recht. Bisher hatte außer Rosa Valetti niemand so etwas gewagt. Dies Wagnis wurde durch die von mir gewonnenen und inspirierten Mitglieder mein ganz persönlicher Triumph. Diese Mitglieder zu finden, sie vor allem an mich zu binden, ihnen meine Ideen einzugeben, ob es sich um Text, Musik oder um die Einstudierung der Chansons handelte, das alles war mein wirkliches Verdienst. Statt einzelner ››Nummern«, wie bisher üblich, schuf ich ein eigenes, festes Ensemble. Ich kannte die besondere Stärke und die Eigenart jedes einzelnen Künstlers, und danach richteten sich meine späteren so erfolgreichen Programme; ich rutschte sozusagen von selber in die Regie hinein. ‚

Die Premiere am 15. September 1921 war der bedeutungsvolle Tag, der über das weitere Schicksal der »kleinen Bretter, die die Welt für uns bedeuten«, entscheiden sollte.

Die Generalprobe am Tag vorher brachte noch eine lustige Panne, die von uns nicht als böse Vorahnung registriert wurde, aber unvorhergesehen den Ausgabe-Etat belastete. Im Hof des »Theaters des Westens«, der ziemlich groß war, wurde für diesen Tag ausgerechnet eine Boxveranstaltung angekündigt.

Tribünen waren aufgeschlágen, und meine Mitglieder, die zu mir wollten, mußten sich einen Stehplatz kaufen, sonst hätte man sie nicht durchgelassen. Auf diese Weise kamen alle an, wenn auch mit Verspätung. Drinnen wurden wir allerdings durch den Krawall im Hofe arg gestört. Gott sei Dank blieb’s bei dem einen Mal. Gar nicht auszudenken, wenn das am Tag der Premiere passiert wäre!

(Trude Hesterberg: Was ich noch sagen wollte… ; Ost-Berlin: Henschelverlag 1971)

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