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1930 Biografisches Brief Zeitleiste

Peter Panter schreibt Mehring in der Weltbühne einen Brief

„Das war, als Walter Mehring zum fünfundzwanzigstenmal nach Paris kam, und der dortige Herr Polizeipräsident sann grade nach, ob man den Mann zur Ehrenlegion oder zur Fremdenlegion vorschlagen sollte … da schrieben wir uns ›kleine Blaue‹ (sprich: ptieh blöhs). Das sind diese winzigen Rohrpostbriefe, die sich die Pariser deshalb schreiben, weil sie ein Telefon haben, aber sonst vernünftige Leute sind, es also nicht benutzen. Denn das pariser Telefon … (bricht in Schluchzen aus; wird mit Brom gelabt, will kein Brom, bekommt Whisky, atmet auf und fährt fort):

Wir schrieben uns also kleine blaue Briefe, in denen wir uns die bessern Sachen mitteilten, und schon nach dem dritten oder vierten fing diese Korrespondenz an, leicht auszurutschen. Die Anreden stimmten nicht so recht … »Sehr geehrter Herr Oberforstrat« und »Lieber Amtsbruder«, und die Unterschriften waren auch nicht in Ordnung … »Ihr sehr ergebener Peter Panter, unmittelbares Mitglied des Reichsverbandes« oder »Walter Mehring, Festdichtungen für alle Bekenntnisse« – kurz, es war ein rechter Unfug.

Bis dahin war der Inhalt meist noch einigermaßen vernünftig. Dann aber begann Mehring, auch diesen Inhalt umzudichten; bald stand in den Briefen nun überhaupt nicht mehr das drin, weshalb er sie eigentlich geschrieben hatte, sondern es wurden Briefe an und für sich. Ich eiferte ihm, so gut ich konnte, nach, und wenn wir mal tot sein werden, werden sich die Herausgeber unsrer gesammelten Werke beim achtzehnten Band sehr wundern … Und einen der schönsten Briefe Mehrings habe ich aufbewahrt, weil er mir immer als ein Typus seiner Gattung erschienen ist. Hier ist er:

»Lieber Kurt!

Die Familie ist sehr betrübt, dass Du Onkels Privatbrief veröffentlicht hast! Wenn Du in den Kreisen nicht so verhärtest wärst, wo Du Dich nun mal wohlfühlst, so müßte es Dir zu denken geben, dass Tante Hannchen vor Schreck Durchfall bekommen hat, als sie das gelesen hat, aber da heißt es immer Humanetät, mit jedem dreckigen Arbeiter habt ihr Mitleid, und die Familie kann sehn, wo sie bleibt! Dein Vater war ja wohl auch ein geistiger Mann und so und hat er nie was in die Zeitung geschrieben und möchten wir wissen, von wem Du das eigentlich hast, von unserer Seite bestimmt nicht, eher von Deiner lieben Mutter, die war auch so ein bißchen – (seinerzeit in Posen mit dem verrückten Redakteur! Aber wir wollen das nicht wieder aufrühren).

Mariechen hat die Masern und Erich ist mit einem Mahnzettel nach Haus gekommen, dass er in Römische Geschichte nicht vorwärts kommt!

Ich habe ihn aber ins Gebet genommen und bist Du ihm ein warnendes Beispiel! etcetera!
Schreib doch mal! Vielleicht fahren Mosers zu Ostern rüber, dann wirst Du ihnen Paris zeigen. Du weißt ja, was wir ihnen wegen Großvati schuldig sind! Also tu das nicht wieder und bleib gesund!

Dein Vetter Mehring
Zerreiß den Brief gefälligst!«

Wahrlich, das hat einer geschrieben, der kein Familiengefühl hat, »In meinem Wörterbuch steht das Wort Familie nicht!« sagt er. Ich sage: Da sehen sie mal unter M nach! sage ich. Und er sah nach. Und schrieb den obigen Brief.

Peter Panter“ (i.e.: Kurt Tucholsky)
In: Die Weltbühne, 11.11.1930, Nr. 46, S. 736

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1968 Biografisches Brief Zeitschriften

Walter Mehring an Arnold Kübler

Walter Mehrings Brief an Arnold Kübler vom 8. Mai 1968
Walter Mehrings Brief an Arnold Kübler vom 8. Mai 1968

Die Zentralbibliothek Zürich hat einige ihrer Bestände online gestellt. Unter anderem diesen Brieg Walter Mehrings Brief an Arnold Kübler vom 8. Mai 1968. Kübler war Chefredakteur der Zeitschrift „Du“. Und Mehring war imemr auf der Suche nach der Möglichkeit veröffentlichen zu können. Zum einen, weil er kaum Geld hatte, zum anderen, weil das Publizieren das Lebenselexier schlechthin für ihn war. Hier geht es zum Original der Bibliothek…

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1934 Brief Lyrik Rezensionen Zeitschriften

Joseph Roth schreibt Mehring einen Brief im Neuen Tage-Buch

Joseph Roth im Jahr 1918. Quelle: wikipedia.de
Joseph Roth im Jahr 1918. Quelle: wikipedia.de

Schon 1934 ist Walter Mehrings Band „Und Euch zum Trotz“ erschienen. In ihm sind Gedichte, die zu den wichtigsten des deutschen Exils gehören, etwa der „Emigranten Choral“. Joseph Roth hat das Buch im Neuen Tage-Buch besprochen. Dazu wählte er die Form eines Briefes an seinen Freund, mit dem er schon in Berlin viele Stunden am Caféhaustisch verbrachte – und bis zu seinem Tod im Pariser Exil noch viele weitere verbringen sollte. Erschienen ist der Text am 17. Juli 1934 in Heft 28 des 2. Jahrgangs:

 

Lieber Walter Mehring,

ich danke Ihnen für Ihr Buch und ich beglückwünsche Sie dazu. Sie hätten es nicht: ,,Euch zum Trotznennen sollen, sondern: „Uns zum Trost“. Denn es ist ein Trost, zu sehen, wie reif und stark Sie geworden sind, seitdem Ihr Vaterland unreif, ohnmächtig, lächerlich und bestialisch erscheint. Ihre neuen Gedichte haben die Kraft, die dem Dichter das unverschuldete Unglück verleiht, die Gnade des ironisierenden Hasses, den weiten klingenden Atem der grossen echten Trauer, in der die Welt lebt, seit Deutschland sich selbst geschändet hat. Das schönste Gedicht in Ihrem Buch: Brief im Exil“ erreicht die schmerzliche Vollkomrnenheit, die sich in manchen Gedichten Heines findet. (Man schämt sich zu Unrecht und aus einer Art snobistischer Furchtsamkeit, lebende Dichter, mit denen man sich im Kaffeehaus trifft, mit grossen Toten zu vergleichen.). Also setzten Sie in würdiger Schönheit die unsterbliche Reihe jener Männer fort die das deutsche Vaterland verlassen müssen und die es nicht vergessen können, die seinen Glanz noch dann verbreiten, wenn es selbst in Finsternis und Nacht versinkt, und den grossartigen Duft der deutschen Sprache durch die Welt strömen lassen, in den trostlosen Jahren, in denen es in Deutschland stinkt. Klage, Anklage, Heimweh, Liebe, Trostlosigkeit, Musik: Sie haben alle Elemente des Dichters und der Dichtkunst in Ihrem Buch. Befreit von der Notwendigkeit, jenes armselige deutsche ,.Kabarett“ mit „Chansons“ zu versorgen, das Kabarett, das niemals in Deutschland den Mut hatte, scharf und kritisch zu sein, die Feigheit der „Revolution“ und die Bestialität der „Reaktion“ anzukündigen, sind Sie, lieber Mehring, heimgekehrt in Ihre wirkliche Heimat: in die Einsamkeit, die dem Dichter ziemt – und in das Exil, das jedem anständigen Deutschen ziemt, der nicht im Konzentrationslager gefangen ist. In Ihrem Gedicht „Mirakel
des heiligen Bürokratius“ haben Sie ein grossartiges Wort geschaffen, um das ich  Sie beneide:

„Die Wache gab ihm einen Stoss –
Da stand der Mann im Staatenlos“

Das Land „Staatenlos“ : dort sind. wir zu Hause. Dort und in der deutschen Sprache, unserer einzigen Heimat, seitdem sie heimatlos in Deutschland geworden ist, von arischen Mauschlern geschändet, von „jüdischen“ Dichtern allein noch verteidigt, von toll gewordenen 60 Millionen gelallt, von Brandbuben als Zunder missbraucht.

Ihr selbst, der Sprache, meine ich, verhelfen Sie in der Welt zu ihrem alten Klang und Glanz. Ich weiss nicht, wie lange diese törichte europäische und amerikanische Welt noch das wahnsinnige Heulen zu begreifen sich bemühen wird, das innerhalb der Grenzen Deutschlands tobt und stürmt. Aber ich wünsche, dass jener Teil der Welt, der noch die alte deutsche Sprache kennt, Ihre Gedichte mit der Genugtuung liest, die sie mir bereiten.

Ihr ganz ergebener

Joseph Roth

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1973 Brief Zeitschriften

Mehring ist mit der Zürcher Weltwoche unzufrieden

Brief Walter Mehring vom 31. Mail 1973 an François Bondy (1915–2003).
Brief Walter Mehring vom 31. Mail 1973 an François Bondy (1915–2003).

In seinem letzten Lebensjahrzehnt lebte Mehring vor allem in Zürich. Am 31. Mail 1973 schreibt er einen Brief an François Bondy (1915–2003). In ihm beklagt er sich, dass die Weltwoche ihn kaum noch berücksichtigt. Den Brief hat die Zentralblbliothek Zürich online gestellt. Hier ist der Link zum Original.

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1937 Biografisches Brief

Aus einem Brief Walter Mehrings an Rudolf Olden

Brief Walter Mehring an Rudolf Olden, Wien 30. 5. 1937

[…]

Nun bin ich, soviel ich weiß, noch immer Mitglied des Pen-Clubs, dem ich vor neun Jahren Beitrat. Doch im Exil – mittellos und ohne die Möglichkeit, die Reisespesen zu tragen – hatte ich keine Gelegenheit mehr, seinen Sitzungen beizuwohnen.

Ich hätte trotzdem, weil ich schon ganz außer Kontakt geraten bin, keiner der sich befehdenden Exilgruppen zugehörig, wohnhaft in einer Stadt, wo ich abseits und nicht bodenständig herumschriftstellere, gern diesen nächsten Kongreß genutzt, um wieder einige Beziehungen zu knüpfen, um mich in notwendige Erinnerung zu bringen.

Das Programm freilich zeigt mir, daß die Erörterungen über die „Possibilites et modes d’expression du collectif dans la litterature“ nur für Auserwählte bestimmt sind. Eine „tenue de soiree“ und „cravate blanche“ gehört nicht mehr zum Handwerkszeug eines exilierten Literaten.

Könnten Sie mir dennoch einen Rat geben, wie ich ohne allzu große Kosten zu einer Beratung über das mir am Herzen liegende „Schicksal der Poesie in der modernen Welt“ Zutritt fände?

[…]

In: Werner Berthold und Britta Eckert: Der deutsche PEN-Club im Exil 1933 – 1948, Katalog zur Ausstellung in der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main; Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung 1980 (= Sonderveröffentlichungen der Deutschen Bibliothek; Nr. 10)